Radlands

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Künstler: Mystery Jets
Label: Rough Trade Records
Erschienen: 2012
Laufzeit: 52:00
Wertung: 3.5/5

Die englischen Indie-Rocker und Exzentriker Mystery Jets kommen aus dem Südwesten Londons, genauer gesagt aus dem Bohème-Viertel Eel Pie Island (ein kleines Eiland mitten in der Themse). Es ist vor allem bekannt für die einst größte Hippie-Kommune Englands und als Standort des berühmten Eel Pie hotel, wo in den Sechzigern Bands und Musiker wie The Beatles, The Rolling Stones,  The Who, Pink Floyd, The Yardbirds, Davie Bowie… ihre ersten Konzerte spielten. Mystery Jets wurden offiziell um das Jahr 2004 gegründet, obwohl die Verbindung zwischen den beiden Hauptprotagonisten der Band, Sänger Blaine Harrison und Gitarrist William Rees, schon bis in die Grundschule zurückreicht. Die Band erregte zu Beginn ihrer Tätigkeit aus drei Gründen Aufmerksamkeit. Erstens war Sänger Blaine körperbehindert (er hat eine Krankheit namens Spina Bifida, was in seinem Fall eine teilweise Lähmung der Beinmuskeln bedeutet), zweitens spielte (und spielt) auch sein Vater Henry Harrison in der Band. Beides hängt zusammen, denn der Vater fungierte stets als eine Art Beschützer von Blaine, was angesichts seiner Erkrankung verständlich ist. Nach dem ersten Album zog sich Henry in den Hintergrund zurück und ließ den Jungs (neben Sänger Harrison und Gitarrist Rees bestanden die Band noch aus Schlagzeuger Kapil Trivedi und Bassist Kai Fish) völlig freie Hand bei der Gestaltung der Band und ihrer Musik. Das dritte Ding waren Guerilla-Konzerte (nach dem Vorbild der The Libertines), die sie unangekündigt überall in London spielten, meistens auf ihrer Heimatinsel Eel Pie Island.

»Radlands« ist das vierte Langspielalbum der Band. Das wilde, verspielte, progressive Debüt »Making Dens« ließe sich auch als eine eigenwillige Ode an ihre größte Inspiration, Syd Barrett, beschreiben (der neben den späteren Pink Floyd, Hendrix, Bowie und Fripp auch den größten Einfluss auf die Band hatte). Das zweite Album »Twenty One« katapultierte sie in die »Mainstream«-Umlaufbahn. Die Mischung aus süßen Melodien und eingängigen Texten brachte weithin anerkannte und kritisch gelobte Songs wie Two Doors Down, Young Love, Flakes und Half In Love With Elizabeth hervor. In dieser Zeit etablierten sie sich auch als exzellente Live-Musiker, die ihre Auftritte stets mit einer extravaganten Bühnenpräsenz würzten. Das dritte Album, das sinnliche »Serotonin«, ist ihr von der Kritik am besten bewertetes Album, während es beim breiten Publikum nicht an den Erfolg des Vorgängers anknüpfen konnte. Musikalisch lässt es sich am besten als verträumter Elektro-Art-Pop-Rock beschreiben.
Den Klang der Band lässt sich als Fusion aus vier Eigenschaften zusammenfassen: Melancholie, Psychedelik, eingängiger Melodiosität und der zerbrechlichen, aber engelhaften Stimme von Frontmann Harrison.

“Das vierte Album wird weit weg von zuhause entstehen…“ wiederholte Blaine Harrison nach dem Ende der Serotonin-Tour. Gitarrist William enthüllte im ersten und bislang einzigen Interview nach der Veröffentlichung von »Radlands«, dass die Entscheidung, das Album außerhalb Londons zu machen und aufzunehmen, mit dem Mangel an Inspiration zusammenhängt, den ihnen die Stadt bot. Mystery Jets waren schon immer eine Londoner Band, alle drei ihrer früheren Alben haben sie zu Hause gemacht und aufgenommen, daher ist diese Übersättigung mit London nichts Besonderes. Die Inspiration fanden sie mithilfe von Malicks Film Badlands auf der anderen Seite des Teiches, am Colorado River in Texas. Sie ließen sich in einem Holzhaus am Fluss nieder, schrieben tagsüber Songs und nahmen nachts auf oder amüsierten sich. Der Name des Albums entstand als Kofferwort aus Badlands (Malicks Film) und Redlands (das englische Anwesen von Keith Richards, auf dem die Rolling Stones eine berühmte Razzia wegen Drogenbesitzes erlebten), was man als verbindendes Brückenglied zwischen einer englischen Gitarrenband und der Landschaft am Colorado River interpretieren kann. Auch ihr texanisches Studio nannten sie Radlands. Harrison sagt, sie wollten ein Album aufnehmen, das klingt wie Malicks Film Badlands aussieht.

Während sich die gesamte englische »Mainstream«-Musikszene von Dubstep-Rhythmen und sonstiger Elektronik nährt, beschließen Mystery Jets, “ihre Version“ eines Country-Albums zu machen. Das Album ist zwar von Country, Americana, Folk, Blues und Western geprägt, bewahrt aber trotzdem eine gewisse authentische “Mystery-Jets-mäßige“ Substanz und nähert sich in großem Maße den neuesten Werken der “befreundeten“ Bands aus England: The Maccabees und Foals sowie sogar Bombay Bicycle Club. Radlands ist zweifellos ihr reifster Beitrag und zugleich ihr dunkelster. Es ist weitaus introspektiver und persönlicher als Serotonin und stellt eine echte Abkehr von den anderen Alben dar. Vor allem der existenzielle und religiöse Aspekt sind dabei präsent. Genremäßig lässt sich das Album kaum eindeutig einordnen; es hat sowohl Elemente des Desert Rock und trägt das Erbe autochthoner amerikanischer Musikgenres in sich als auch einen englischen, melancholischen Kern. Es ist das erste Konzeptalbum der Band, das die Geschichte eines durch Amerika ziehenden Musikers namens Emmerson Lonestar erzählt, der sich nach Liebe sehnt und über gescheiterte frühere Beziehungen klagt. Diese fiktive Figur, Emmerson Lonestar, ist jemand, in den die Mitglieder von Mystery Jets ihre eigenen Erfahrungen projizieren konnten. Das gesamte Album basiert auf echten persönlichen Geschichten.

Nach einem halbwegs erfolgreichen Debütalbum erweist sich für gewöhnlich das zweite Album als das sprichwörtlich entscheidende (sowohl in Bezug auf die Existenz der Band als auch auf personeller und musikalischer Ebene), das die Behauptung von den Eintagsfliegen bestätigt oder widerlegt. Das haben Mystery Jets bereits hinter sich und ihre Qualität unter Beweis gestellt, doch dafür brachte ihnen das vierte Album neben der experimentelleren musikalischen Wendung auch eine Besetzungsänderung. Einen echten kleinen Schock erlebten die Bandmitglieder, als ihnen der charismatische Bassist Kai Fish einen Monat vor der Veröffentlichung des Albums mitteilte, dass er die Band verlässt. Fish hatte bereits im Herbst des vergangenen Jahres mit der Veröffentlichung seines Soloalbums Life In Monochrome angedeutet, dass er in Bezug auf die Stammband nicht mehr ganz dabei ist. Für die Tour erweiterten sie die Band daher um zwei neue Mitglieder, Bassist Peter Cochran und Pedal-Steel-Gitarrist Kieran Morrison.

Das Album eröffnet der Titeltrack ‚Radlands‘, in den uns eine sanfte, staubige, melancholische Bass- und Gitarrenlinie einführt, die mit ihren hohen, repetitiven Tönen ein ähnliches Gefühl der Entrückung weckt wie der Beginn von Spanish Sahara von den Foals.  Schon die anfänglich einprägsamen und geistreichen Verse stellen dies bedeutsam auf den Kopf: “I’ve heard there’s a place where we go to die / It’s a terribly overrated horse-shit shaped hole in the sky“. Der Song steigert mit jeder Sekunde die Spannung, die noch durch explodierende emotionale Akkorde befeuert wird. Im Refrain beschleunigt der Song dank der unvergesslichen Pedal-Steel-Gitarre sein Tempo noch weiter und reißt uns in eine wahre Ekstase der Begeisterung. Wunderbare Verse reihen sich aneinander (z.B.: We both know nothing is quite as it seems…/The future gets shorter the longer we wait). Das Ende ist kathartisch und befreiend. Der Song ist in Wirklichkeit eine perfekte Abbildung bzw. vollständige Assoziation zu Malicks Film Badlands. Es geht um eine Fantasiegeschichte über ein Paar auf der Flucht vor der Polizei. Er handelt von Himmel, Hölle und Sterblichkeit. Er trägt ein vitalistisches Erbe in sich: Lebe, solange du kannst. Lebe, damit dein Leben nicht zu früh endet. Der Song ist sehr springsteenesk – und auch ein Tom Petty würde sich nicht dafür schämen. Der zweite Song des Albums heißt ‚You Had Me At Hello‘. Ihn prägen der ausgeprägte Basssound, der sich wunderbar im Dialog mit der Akustikgitarre etabliert, und die warme Gitarren-Verzerrung im Refrain. Ein herzzerreißender und spirituell aufgeladener Song, in dem folgender wunderschöner Vers am stärksten heraussticht: “I want you to love me as if you’ve got no principles“. Der Song wirkt wie ein Hommage an The Eagles, steht musikalisch aber auch Fleetwood Mac und Neil Young sehr nahe. Der nächste Song, ‚Someone Purer‘, ist derzeit die einzige Single aus dem Album. Interessant ist auch, dass sie zwei Musikvideos gedreht haben – eines für den englisch-europäischen Markt und eines für den amerikanischen. Er ist definitiv einer der besten Mystery Jets-Songs. Harrison sagt, der Song handelt davon, das Schöne in den Dingen zu sehen, und davon, dass wir den Mut aufbringen müssen. Der Beginn ist langsam und deprimierend, öffnet sich aber genau wie bei Radlands immer weiter und weiter. Gitarrist Rees gelingt es, den Song mit einem magischen Tremolo-Riff zu steigern, dessen sich auch U2s berühmter The Edge nicht schämen würde. Der Song beschäftigt sich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und unserem inneren Kampf. Die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit der eigenen Reinheit, mit dem anderen in einem. Die grausame Konfrontation mit uns selbst. Als Kind ist man noch frei von Sünden; deshalb kehren wir durch Erinnerungen immer wieder dorthin zurück. Die Lösung liegt in der Hoffnung, im Positiven – trotz Fehlern und Sünden muss man weitermachen; der Refrain wirkt wie ein neuer Anfang, wie ein Impuls zur Veränderung: “So deliver me from sin / give me rock and roll“. Er erinnert an einige Songs von Arcade Fire. Die ersten drei Songs bilden ein ausgezeichnetes Trio. Von hier an sind die Songs nicht mehr so überzeugend, öffnen uns aber auf jeden Fall eine neue “Americana“-Dimension der Mystery Jets, die wir bisher nicht gewohnt waren.

Der vierte Song heißt ‚The Ballad Of Emmerson Lonestar‘. Er beschreibt uns den Hauptprotagonisten des Albums. Ihn zieren eine hervorragende Fingerpicking-Technik, Slide-Gitarre und wunderbare Harmonien. Folk- und Country-Einflüsse sind hier sehr deutlich. Von neueren Musikern ist ein Bon Iver-artiger Beigeschmack zu spüren, während er von älteren an einige Werke von John Mellencamp erinnert. Unter diesem Song könnten sich problemlos auch die Mitglieder von Mumford & Sons unterschreiben. ‚Greatest Hits‘ wird ganz gewiss der größte Hit über die größten Hits. Solcher meta-musikalischen Hits gibt es wenige. Mit diesem Song beweisen Mystery Jets, dass sie immer noch einen Pop-Hit schreiben können. Definitiv das Two Doors Down dieses Albums. Es ist ein geistreicher, leichter, sommerlicher “sha-la-la“-Hit, der aber einige faszinierende Verse hat, wie zum Beispiel: “No way your having ‚This Nation’s Saving Grace‘ you only listen to it when / Your pissed / But when you sober up it’s always „Why the fuck are you still listening to / Mark E. Smith?“ Der Song handelt von einem Paar, das am Ende der Liebesbeziehung auch seine Sammlung an Lieblingsalben aufteilt: “You can keep ‚No Need to Argue‘ and I’ll keep ‚The Aeroplane Over the Sea“. Der Song ist sehr referenzreich – man findet darin Alben oder Songs folgender Bands: ABC, Talking Heads, Lemonheads, Roxy Music, Show Of Hands, The Cranberries, Neutral Milk Hotel, Belle & Sebastian, The Kinks, The Minutemen, Paul McCartney & Wings und The Fall. Er hat aber einen (Schönheits-)Fehler. Manchmal wirkt er wie eine D-Version von Stuck In The Middle With You von Stealers Wheel, die Mitte der Siebziger aktiv war. Der sechste Song, ‚The Hale Bop‘, wirkt wie eine Art Hybrid zwischen der Musik der Bee Gees, Scissor Sisters und der kanadischen Exzentriker Of Montreal: heller Country-Funk, gemischt mit Disco-Elementen. Eine so seltsame Kombination, dass ich mich auch nach dem fünfzehnten Durchhören nicht entscheiden kann, ob sie gut ist oder nicht. Interessant ist sie auf jeden Fall. Besonders hervorzuheben ist Harrisons faszinierendes »Falsett«. ‚The Nothing‘ begibt sich auf die Erforschung des Unbekannten und stellt sich Fragen über uns selbst sowie darüber, ob es überhaupt Antworten darauf geben kann, da wir uns selbst ein Geheimnis sind. Der Beginn setzt in einer elektro-artigen Gorillaz-Manier ein, geht aber nach gut zehn Sekunden in eine verträumte (wirkt wie ein Schlaflied) und ätherische Ballade über. Ein emotionaler, starker Falsett-Refrain (“bring me back as something beautiful“) kann einen zum Weinen bringen.

Den Hauch der Sechziger bringt auf dem Album der achte Song, ‚Take Me Where The Roses Grow‘ . Dem Duett zwischen Gitarrist Rees und dem einzigen Gast auf dem Album, Sophie-Rose Harper, fehlt noch etwas mehr, ein bisschen emotionaler Schmackes, damit der Song wirklich überragend wäre. Auch eine wunderschöne Slide-Gitarren-Linie, süße Stimmen und ein Liebestext (“Take me where the roses grow  / To the place where no one knows.“) reichen manchmal nicht aus. ‚Sister Everett‘ ist eine Ode an eine Evangelistin, die Rees im Flugzeug traf (und die ihn eigentlich zum Glauben bekehren wollte). Hammond-Orgel und Pedal-Steel-Gitarre sorgen für einen traditionellen Country-Folk-Vibe, während das markante Schlagzeug den Song ständig steigert und es scheint, als würde der Song jeden Moment explodieren – doch was folgt, ist noch besser: ein hymnischer Ausklang mit Gospel-Sängerinnen. Der Song erinnert ein wenig an Honky Tonk Women von den Rolling Stones. Das hymnische Ende geht unmerklich in den nächsten, vorletzten Song des Albums über, das urbane ‚Lost in Austin‘. Meiner persönlichen Meinung nach ist das das beste Stück des Albums und übertrifft deutlich sogar die ausgezeichneten ersten drei Songs. Brillant. Er ist ganze sechs Minuten und dreißig Sekunden lang. Er handelt von einem Drogenabsturz mitten in Texas. Er ist episch strukturiert – er enthält sowohl schwere Hard-Rock-Riffs als auch ruhigere, aber hypnotische Abschnitte. Es ist eine echte Power-Ballade. Harrisons Stimme variiert vom gewohnt zerbrechlichen, verletzlichen bis zum geradezu rauen und göttlich mächtigen Ton. Das Ende dieses Songs ist ähnlich wie bei ‚Radlands‘ – es reißt einen in eine wahre Ekstase aus Hüpfen und Tanzen. Das Album beschließt die akustische, klagende ‚Luminescence‘ (“You still swim around the canals of my head like cocaine / and yes, it feels good, but not half as it would if you’d stayed.”). Man kann sie sich gut als Lagerfeuer-Song vorstellen. Sie wirkt beruhigend und zieht uns wieder zurück an den Beginn des Albums.

Mit dem Album »Radlands« öffnen sich Mystery Jets höchstwahrscheinlich endlich auch die Türen nach Amerika. Ihre Klanglandschaft haben sie weiter ausgedehnt; das ‚Americana‘-Experiment ist größtenteils geglückt. Dennoch fehlt diesem Album die Kompaktheit und Geschlossenheit, die wir beim Vorgänger, „Serotonin“, gefunden haben, obwohl es sich um ihr erstes Konzeptalbum handelt. Das Werk ist kein Selbstläufer wie das mittlerweile fast schon legendäre Twenty One. Was die Progressivität angeht, steht es am ehesten ihrem chaotischen Debüt „Making Dens“ nahe. Wer Malicks Film Badlands gesehen hat, wird die gemeinsamen Verbindungen sicher heraushören. Die gesamte Ästhetik, die Typografie des Covers – alles stützt sich sehr offensichtlich auf diesen Kultfilm aus den Siebzigern, und nicht nur das: Das gesamte Album sprüht geradezu vor Assoziationen zur amerikanischen (Pop-)Kultur der Sechziger und Siebziger; manchmal hat man sogar das Gefühl, als hätte der Punk nie stattgefunden. Aber das macht nichts. Das Album steht und funktioniert. Einen Auftritt von ihnen diesen Sommer auf einem der nahegelegenen Festivals solltest du dir nicht entgehen lassen. 

Besetzung

Blaine Harrison – Gesang, Akustikgitarre, E-Gitarre
William Rees – E-Gitarren, Keyboards
Kai Fish – Bass, Keyboards
Kapil Trivedi – Schlagzeug, Perkussion

Produktion

Dan Carey & Mystery Jets

Trackliste

1. Radlands
2. You Had Me at Hello
3. Someone Purer
4. The Ballad of Emmerson Lonestar
5. Greatest Hits
6. The Hale Bop
7. The Nothing
8. Take Me Where the Roses Grow
9. Sister Everett
10. Lost in Austin
11. Luminescense

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