Ra
Autor: Peter Podbrežnik
Band: Eloy
Label: SPV Records
Erschienen: 1988
Wertung: 3/5
Die legendären deutschen Space-Rocker Eloy waren um die Wende zu den Achtzigern in einer vorübergehenden kreativen Auszeit. Nach vier Jahren Pause entschied sich ihr Boss, Gitarrist und Sänger Frank Bornemann, seine Band wiederzubeleben, mit der er in der zweiten Hälfte der 70er seine größten kreativen und kommerziellen Erfolge gefeiert hatte. Dass Bornemann praktisch von Anfang an der Kopf dieser legendären deutschen Progressive-Rock-Truppe war, daran gab es nie einen Zweifel. Als Frank vier Jahre vor Erscheinen dieses Albums alle seine bisherigen Mitmusiker aus der Band geworfen hatte, „rächten“ die sich auf ihre Weise: Unter dem Namen Eloy nahmen sie den Soundtrack „Codename Wildgeese“ (1985) für einen Action-B-Movie mit Klaus Kinski in der Hauptrolle auf. Das Projekt war ein ziemlicher Reinfall, aber Frank ließ sich von der „Schändung“ des Namens seiner Band nicht groß aus der Ruhe bringen und dachte auch nicht daran, seine ehemaligen Mitstreiter wegen der Urheberrechte zu verklagen. Mit dem langjährigen Bassisten Klaus-Peter Matziol blieb er gut befreundet, und in den 90ern arbeiteten die beiden sogar wieder zusammen.
Frank hatte damals vor, Eloy mit einem (für die damalige Zeit) modernen Sound wiederzubeleben und trotzdem ihre unverwechselbare Space-Rock-Essenz zu behalten, die immer eine ganz eigene Mischung aus Heavy-Rock-Wucht und hypnotischen Ambient-Teppichen war. Wenn es um Space Rock auf Heavy-Rock-Art und um allerlei Science-Fiction-Lyrikkonzepte ging, waren Eloy meist die Besten, die einzige ernstzunehmende Konkurrenz waren vielleicht Nektar, die dabei aber deutlich weniger konsistent waren (ähnliches galt auch für Hawkwind, die sich damals immer mehr für Elektronik begeisterten).
„Ra“, ein Konzeptalbum über die Geburt des ägyptischen Sonnengottes (das Album wurde lange vor dem Film und der TV-Serie Stargate aufgenommen), entstand aus Franks Zusammenarbeit mit dem Keyboarder Michael Gerlach. Den hatte er zufällig beim Bummeln durch Berlin kennengelernt. Gerlach kannte sich ziemlich gut mit der damals noch relativ neuen Technologie der digitalen Samples aus, mit der sich ordentlich Geld sparen ließ und die in Franks Fall mögliche kreative Konflikte mit den übrigen Musikern aus dem Weg räumte. Leider verlor der Sound der Band auf diese Weise spürbar an Organik, vor allem in der Rhythmusfraktion. Die Drums wurden fast komplett durch eine Drummaschine ersetzt. Die übrigen Instrumentalisten ersetzte Frank durch eine Schar von Gelegenheitsmusikern (darunter der Gitarrist Tommy Newton, Mitglied der deutschen Metaller Victory und heute vor allem als Produzent von Helloween, UFO, Kamelot, Elegy, Ark usw. bekannt). Auch diesmal fehlten die sexy Begleitsängerinnen nicht, die mit ihren „engelsgleichen“ Stimmen die langjährige Tradition weiblicher Backing Vocals fortführten (darunter die deutsche Kult-Sängerin im Bereich Melodic Rock, Joal, die in ihrer Karriere neben Eloy auch mit Glenn Hughes, Roger Daltrey, Letter X und Victory zusammenarbeitete, auf ihrem Soloalbum außerdem mit dem bereits erwähnten Newton und dem Gamma-Ray-Chef Kai Hansen).
Alle Begleitmusiker haben ihre Aufgaben auf „Ra“ qualitativ hochwertig erledigt. Das größte Manko war allein die programmierte Rhythmusfraktion, vor allem der unnatürliche Drumsound, der dem Album ein gutes Stück Organik und Heavy-Rock-Wucht abgezwackt hat. Trotzdem geizte das Album nicht mit traditionellen Eloy-Elementen, die mit Franks moderner Produktion mit der Zeit gingen. Auch diesmal war das in erster Linie Franks markanter, von deutschem Akzent durchzogener Gesang, der sicher nie nach jedermanns Geschmack war, mit seiner Eigenart aber für diese Band immer unverzichtbar. Dazu hat sich seine Stimme bis zu diesem Zeitpunkt sowohl im Ausdruck als auch technisch spürbar weiterentwickelt, vor allem in Richtung Falsett, was seinen Gesang so weit auffrischte, dass er stellenweise fast wie ein deutscher Jon Anderson (Yes) klang. Dasselbe lässt sich über die männlichen Backing-Harmonien sagen, die klanglich oft Richtung Yes gehen. Vor allem aber sind es Franks ausgezeichnete, feinfühlige Soli auf der E-Gitarre und die knackigen Riffs, die zusammen mit den vielseitigen Keyboards das Album aus dem grauen Mittelmaß retten. Bei den Texten hat Frank diesmal Diana Badley zur Seite gestanden, die bei einem der Songs auch mit gesprochenem Wort mitgewirkt hat.
Auf „Ra“ gibt es kein richtig langes Prog-Rock-Epos, also keines, das länger als zehn Minuten wäre. Bei manchem Song hat man am Anfang öfter das Gefühl, daraus werde nichts Vernünftiges oder Atmosphärisches, aber am Ende laufen fast alle schön rund und überraschen. Schon das Eröffnungsepos „Voyager Of The Future Race“, das mit ambienten Naturgeräuschen und einer dramatischen weiblichen Ansprache beginnt, bestätigt, dass Eloy die Tradition bewahrt haben, komplexe, aber melodische Space-Rock-Epen zu schreiben, die das Bewusstsein der Hörer auf eine längere Reise durchs All schicken können. Dass der Sound mit der Zeit ging (Ende der 80er), zeigt Gerlachs dicke Synthesizer-Schicht mit unzähligen digital bearbeiteten Samples (die oft auch die traditionellen Basslinien übernimmt). Die satten Keyboard-Teppiche verweben sich bald mit Franks traditionell knackigen Gitarrenriffs und steigern so die episch-dramatische Stimmung. Nach einem kurzen Gesangsmoment folgt ein längerer Ambient-Abschnitt mit einem hervorragenden Slide-Gitarrensolo. Die Synthesizer-Flächen zaubern derweil eine Atmosphäre, die einen auf eine Reise in die Tiefen des Weltalls mitnimmt.
Beim soliden „Sensations“, das im Kern ein Hard-Rock-Stück ist, da es ein knackiges Gitarrenriff hat, treten die digitalen Samples und die programmierten Drums noch stärker hervor, und die klingen hier ziemlich monoton und unnatürlich. Trotzdem rettet eine gute Melodie den Song, dazu hochwertige, ambiente Keyboard-Teppiche und ein epischer Refrain. Hier muss man vor allem Franks Gesang loben, der sogar zu den besseren seiner Karriere zählt, genauso wie sein exzellentes Gitarrensolo in der zweiten Hälfte des Songs. „Dreams“ beginnt mit einem sanften Gitarrenintro und geht dann in eine sägende Steigerung auf der E-Gitarre über. Plötzlich setzt ein Ambient-Abschnitt ein, in dem sich im Hintergrund digitale Samples mischen, die dem Song einen leicht futuristischen Touch geben. Dazwischen kommt noch gesprochenes weibliches Wort von Diana Badley und „engelsgleiche“ Backing Vocals, die eine ätherische Stimmung erzeugen. Das sägende Riffing wiederholt sich mehrmals, aber die zentrale Melodie ist die ganze Zeit außergewöhnlich zart und ergänzt sich schön mit den ausgezeichneten Gesangsharmonien im Yes-Stil. Zum Schluss klingt alles sehr schön mit einem herrlichen Slide-Gitarrensolo und ambienten Synthesizer-Klängen aus.
Das mystische Epos „Invasion Of a Megaforce“, das mit Leichtigkeit das beste Stück des Albums ist, ist eine weitere spannende Weltraumreise mit zahlreichen digitalen Samples und üppigen Keyboard-Schichten. Besonders begeistert der energische, außerordentlich spannende erste Übergang, der den Song auf eine ganz andere Ebene hebt. Die mystische Stimmung steigern zahlreiche Samples, satte Keyboard-Teppiche und Gesangsharmonien sowie feinfühlige Passagen auf der E-Gitarre. Seinen Teil trägt sicher auch der deutlich organischere Sound der Rhythmusfraktion bei, die diesmal echte Drums von Udo Dahmey und Basslinien von Stefan Höls enthält. Franks Gesang wird auch diesmal von wunderbaren „Yes-artigen“ Backing Vocals bereichert. Die weiblichen Vocals von Joal schieben sich zwischendurch in den Vordergrund und verleihen dem Song noch eine ganz andere, subtile Energie. Und Frank vergisst auch diesmal nicht, ein kurzes Gitarrensolo einzubauen. Das melancholisch-mystische „Rainbow“ ist eines der raffiniertesten Stücke, die Eloy in den 80ern aufgenommen haben, und hat sogar eine leichte Pop-Note. Hier kommen besonders die vielen ambienten, digitalen Samples auf den Keyboards zur Geltung und Franks Falsettgesang, der hier und da schon fast frech Richtung Jon Anderson geht (auch der Backing-Gesang von Bassist Höls trägt dazu bei, der oft nach Chris Squire klingt, gelegentlich sogar nach Trevor Horn). Der Song hat einen sehr schönen, melodischen und melancholischen Refrain. Diese Wirkung wird noch verstärkt, wenn Joals weibliche Backing Vocals einsetzen. Das abschließende Epos „Hero“ ist durchtränkt von digitalen Samples, satten Synthesizer-Flächen und einer pulsierenden Rhythmusfraktion, und auch ein epischer Refrain fehlt nicht. Ungewöhnlich, aber in diesem Song ist sogar ein leichter New-Wave-Touch zu spüren, der zusammen mit dem Power-Metal-Text und den mächtigen Gitarrenriffs eine interessante Stimmung erzeugt. Alles endet so, wie das Album begonnen hat: mit gesprochenem weiblichem Wort und ambienten Naturklängen.
Kapitän Bornemann und sein Erster Offizier Gerlach waren nie gerade ein Traumduo im Stil von Captain Picard und Data aus Star Trek, aber mit diesem Album haben sie die Band, ehrlich gesagt, aus dem völligen kreativen Abgrund und vor dem Zerfall gerettet. „Ra“ hätte mühelos auch als Bornemanns Soloalbum erscheinen können, aber zum Glück entschied er sich, den Namen Eloy zu behalten, die Band, die ihm die größte musikalische Anerkennung eingebracht und ihn über die Jahre nicht nur als großartigen Gitarristen, sondern auch als einen der besten deutschen Produzenten etabliert hat (kurz nach Erscheinen von „Ra“ wurde er Produzent der deutschen Kult-Heavy-Metaller Heavens Gate, die wiederum die erste Band auf seinem neu gegründeten unabhängigen Label waren). Obwohl „Ra“ weit von ihren besten Leistungen entfernt war, vor allem wegen des ziemlich kalten, unnatürlichen Sounds der dominierenden künstlichen Drum-Rhythmik, war es trotzdem ein durchaus anständiges, wenn auch nicht gerade sehr solides Werk, vergleichbar mit den besseren Prog-Rock-Veröffentlichungen jener Zeit. Für eine Band, die die 80er kaum überlebt hatte, war das definitiv keine unerhebliche Leistung. Als die 90er anbrachen, sah die Zukunft von Eloy wieder hell aus.
Besetzung
Frank Bornemann – Gesang, Gitarre
Michael Gerlach – Keyboards, Drums, Bass-Synthesizer
Diana Badey – gesprochenes Wort (3)
Udo Dahmey – Drums (4)
Achim Gieseler – Keyboards (4-5)
Paul Harriman – Bass (2)
Stefan Höls – Bass (4), Backing Vocals (3-5)
Tommy Newton – Gitarre (2)
Joal (Annette Strangenberg)- Backing Vocals (3-4-5)
Darryl Van Raalte – Fretless-Bass (3)
Sue Wist – gesprochenes Intro (1)
Produktion
Frank Bornemann
Tracklist
1. Voyager Of The Future Race (8:51)
2. Sensations (4:46)
3. Dreams (8:05)
4. Invasion Of A Megaforce (7:42)
5. Rainbow (5:21)
6. Hero (6:51)
Spielzeit: 41:36