Push And Shove

0 8

Künstler: No Doubt
Label: Interscope Records
Veröffentlichung: 2012
Laufzeit: 51:50
Bewertung: 4.5/5

Selten erweist sich das Comeback einer kommerziell erfolgreichen Band der Neunziger, nach einer tiefen und langen Dormanzphase, als gelungen. Ich spreche vom neuen No Doubt-Album. Es ist das sechste Studiowerk der Band, das endlich den Vorgänger »Rock Steady« aus dem Jahr 2001 ablöst – jener war bis dato in drei Millionen Exemplaren verkauft worden und hatte in den USA zweifache Platin-Zertifizierung erreicht.

In diesem Zeitraum, dem ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends, war in den Medien nur von der erfolgreichen Solokarriere von Sängerin Gwen Stefani die Rede.  Die Vorarbeiten für das Album »Push And Shove« reichen bis ins Jahr 2008 zurück; auf eine Reaktivierung der gemeinsamen Arbeitsprozesse deutete auch eine kleinere USA-Tournee im Jahr 2009 hin. Den Großteil der Arbeit am Material für das neue Album leistete die Band im Jahr 2010, verfeinerte und detaillierte es bis zur Veröffentlichung im September dieses Jahres in einem vergleichsweise langwierigen Aufnahmeprozess.

»Push And Shove« trägt die volle Energie seines Titels in sich. Die Band hat ihre Ambitionen auf kommerziellen Erfolg und die Gunst der Massen nie verheimlicht. Zu diesem Zweck hat sie auch auf dem neuen Album zwei Singles ausgekoppelt, und zwar zu den Songs Settle Down und Push And Shove. Beide sind eine Mischung aus Reggae, Funk, Dub, Hip-Hop und eingängiger Pop-Melodik, die ihren expressiven Höhepunkt in der aggressiven Eingängigkeit der Refrains erreicht. Beide gehen sofort ins Ohr, sind leicht zu erfassen, positiv gestimmt und definitiv so durchdacht ausgerichtet, dass sie die Massen gewinnen. In den Arrangements sind sie meisterhaft miteinander verwoben, mit allerlei Programmmustern als Verzierung und Synthesizer-Einwürfen im New-Wave-Stil der Achtziger. Man kann ihnen nichts vorwerfen. Sie erfüllen ihre Mission erfolgreich und helfen dabei, diesem Album die Tore weit aufzustoßen für den Durchbruch unter den erfolgreichsten Veröffentlichungen des Jahres 2012. Das Album verkaufte sich in der Woche nach Veröffentlichung über 115.000-mal und erreichte Platz drei der Billboard-Albumcharts. Ob die Band auch für Sparkle eine Single auskoppeln wird, ist kaum vorstellbar – auch wenn es sich um eine weitere Geschichte von der kühnen Verbindung von Dub und Reggae handelt, verfeinert in Pop-Gefälligkeit getaucht, die im emotionalen Refrain aber nicht diese Unmittelbarkeit besitzt wie die genannten Singles, die das Ohr des Hörers deutlich aggressiver ansprechen.

Dennoch bietet für alle, die mehr suchen – also für anspruchsvollere Hörer oder, sagen wir, für jene, die mehr klangliche Raffinesse und zugleich klassischer geschnittene Songs suchen – der Rest des Albums deutlich mehr interessante Momente von No Doubts kreativem Können. In den verbleibenden neun Songs  findet sich nämlich eine verfeinerte Verbindung  aus markanten Gitarrenphrasen in der Begleitung, in die Synthesizer-Dialoge hervorragend eingewoben sind – letztere verleihen dem Sound die Vibration der goldenen New-Wave-Bewegung der Achtziger; die sonst durchgehend pop-parfümierte Anmutung des Materials beugt sich dabei oft auch dem alternativen Rock-Charakter, aus dem No Doubt ursprünglich kommen.

One More Summer hätte im Glanz der retro-neuen Romantik der Achtziger eine echte Hit-Erfahrung für die Band sein können, wäre der Song zu Zeiten des damals aktuellen Trends entstanden. Die Gitarrenphrase im Vorrefrain und im mittleren Instrumentalteil verbirgt den Post-Punk-Geist der zweiten Hälfte der Achtziger nicht, und die einprägsame Pop-Gefälligkeit von Gwen Stefanis süßem Gesang lässt sogar Parallelen zu ihrer Solo-Single One ziehen. Das Kokettieren zwischen Pop und Rock nutzen No Doubt in Hot Looking geschickt durch die Linse zeitgemäßer Klangarrangements aus und legen dort einen neuen, sofort einprägsamen Refrain hin. Die neue Romantik der Achtziger klingt im stimmungsvollen Easy erneut kräftiger durch. In Gravity löst die Band die meisten Arrangementkniffe mit einer Fülle von Synthesizer-Texturen auf, gekreuzt mit einer kühnen Integration von Programm-Loops, die im Refrain an eine Mischung aus dem Retro-Sentiment von Phil Oakeys Electric Dreams erinnern – nur dass das alles verfeinert in die angesagte Produktion der Gegenwart eingebettet ist, worauf auch das klischeehafte, aber präzise platzierte »Coldplay-Übergangsmuster« auf den Tasten aufmerksam macht (eine ähnliche Trend-Kulisse trägt auch das spätere Intro von Undone). Ähnliche Erfahrungen liefern auch Undercover und Heaven, wo wieder die hervorragende Kombination aus Gwen Stefanis vokalem Dialog und den markanten New-Wave-Synthesizern der Achtziger an die Oberfläche tritt.

Das abschließende Dreaming The Same Dream ist der Moment des Albums, in dem die Band ihre Retro-Nostalgie für den Sound der Achtziger auf siegreich-glückliche Weise zusammengefasst und in eine eingängige Melodie eingewoben hat, die sich in ein großartiges finales Crescendo entfaltet. Dieser Song erschafft eine perfekte Mischung aus Post-Punk und dem intelligenten Einsatz von New-Wave-Synthesizern der Achtziger, was den Hörer bis zu einem Moment der Hypnose am Ausgang trägt. Eigentlich ist der Stimmungswandel im Song ein grandioser Instrumentalteil, ein geschickter Dialog zwischen Gitarre und Orchestrierungen, der den Song von diesem Punkt an in eine stufenweise Steigerung hochvibrantiger Atmosphäre  bis zum Höhepunkt mit dem Outro treibt, dem die Simple Minds der Achtziger nur allzu gerne gelauscht hätten. Die Kontraste zwischen den Elementen des Klangbildes sind außergewöhnlich, und die betonte Tiefe des Abschlusses verleiht dem Klangbild das kräftige Stampfen der Bassdrum. 

Die Refrains wetteifern geradezu darum, welcher dem anderen den Vorrang abnimmt – und in den Achtzigern oder frühen Neunzigern hätte »Push And Shove« noch weit, weit größeren kommerziellen Erfolg eingefahren. Diese Erkenntnis beantwortet also die Frage, ob No Doubt ihre Glaubwürdigkeit bewahrt haben oder ob sie in neuen Zeiten die Orientierung verloren haben. In vollen Zügen haben sie ein Album abgeliefert, dem du nichts wegnehmen und nichts hinzufügen kannst, denn sie haben die Sache an jenem Ende der musikalischen Geschichte angepackt, die sie im kleinen Finger ihrer linken Hand tragen und beherrschen. Zehn Jahre Studiopause sind zweifellos mehr als nur eine nützliche Zeit, um unter einem Haufen Ideen auch jene anzuhäufen, die qualitativ klar herausragen. Die Chemie, auf die richtige kreative Arbeitstemperatur eingestimmt zu sein, hat im Quartett also nicht nachgelassen und erlischt auch für neue Zeiten nicht.

No Doubt haben nicht einen Funken ihres kreativen Potenzials verloren. Ihr angeborenes Gespür für die intelligente Verbindung  aus melodischer Eingängigkeit ausgefeilter Pop-Rhetorik, erfahren dosiert mit vielen Genre-Einflüssen, vom aggressiveren Umgang mit Dub und Hip-Hop bis zum verfeinerten Servieren von Retro-Einflüssen aus Funk, alternativem Rock, New Wave und Post-Punk, haben sie auf »Push And Shove« meisterhaft optimiert. Diese hoch  kompatible musikalische Mischung, die das Album »Push And Show« zusammenfasst, ist ein Spiegelbild der hohen künstlerischen Reife dieser Band, die die meisten Kniffe auch auf Basis außergewöhnlicher Studiokilometer und Routine löst. »Push And Shove« ist das Album, mit dem No Doubt bewiesen haben, dass sie einerseits die volle Aktualität neuzeitlicher Musiktrends in kommerziell erfolgreicher Musik bewahren und andererseits die potente Energie künstlerischer Eigenständigkeit, die ihre früheren Werke auf bestmögliche Weise in neue Zeiten trägt. Mit »Push And Shove« haben No Doubt nach langem Schlaf also ihre Reifeprüfung mit Auszeichnung bestanden.

Besetzung

Gwen Stefani – Gesang
Tom Dumont – Gitarre, Synthesizer
Tony Kanal – Bassgitarre
Adrian Young – Schlagzeug, Perkussion

GASTMUSIKER:
Busy Signal – Gesang auf Track Nr. 4
Major Lazer – Gesang auf Track Nr. 4
Stephen Bradley – Trompete, Hintergrundgesang, Kastagnette
David Emery – Keyboards, Programmierung
Anthony Gorry – Keyboards, Programmierung
Stephen Hilton – Streicharrangements, Keyboards, Programmierung
Neil Kanal – Programmierung
Gabrial McNair – Melodica, Posaune, Piano, Streicher, Hintergrundgesang
David Moyer – Baritonsaxofon
Jonas Quant – Keyboards, Programmierung
Fabien Waltmann – Programmierung
Wayne Wilkins – Keyboards, Programmierung

Produktion

Anthony Gorry, Major Lazer, Ariel Rechtshaid, Mark „Spike“ Stent & No Doubt

Trackliste

1. Settle Down
2. Looking Hot
3. One More Summer
4. Push And Shove
5. Easy
6. Gravity
7. Undercover
8. Undone
9. Sparkle
10. Heaven
11. Dreaming The Same Dream

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies