Purpurne Blüte in Stuttgart! (2008)

0 10

Ort: Hanns Martin Schleyer Halle / Stuttgart / Deutschland
Konzertdatum: 08.11.2008
Besucherzahl: 12000
Kartenpreis: 48,40€ (Stehplatz)

Nachdem wir uns endlich zusammengerauft hatten – nach einer wilden Nacht voller geselliger Umtriebe und Streifzüge mit Uriah Heep in Burghausen an der deutsch-österreichischen Grenze, nach einem stärkenden Frühstück und dem Genuss der urwüchsigen ländlichen Umgebung im äußersten Süden Bayerns – war es Zeit, die Glieder zu strecken und uns Richtung Nordwesten Deutschlands zu begeben, ins Land Baden-Württemberg und seine Hauptstadt Stuttgart, die Mercedesstadt also. Auf dem Programm stand der Besuch des Konzerts der legendären Pioniere des Rock-Reichs, Deep Purple. Vor dem gigantischen Stadion-Museum-Hallen-Komplex, bestehend aus dem Stadion des Fußballvereins VfB Stuttgart namens Gottlieb-Daimler Stadion, dem Mercedes-Benz Museum, dem Carl Benz Center, der Hanns Martin Schleyer Halle und der Porsche Arena, parkten wir gegen 15.00 Uhr. Den Nachmittag verbrachten wir bei vollen Tellern und vollen Gläsern Weizenbier vor Fernsehbildschirmen, wo wir die Liveübertragungen von den Spielstätten der deutschen Bundesliga verfolgten. Der ideale spätnachmittägliche Entspannungsambient für den reifen Mann also.

Es ist 19.00 Uhr. Vor der Martin Schleyer Halle brodelt es buchstäblich. Die disziplinierten Bürger Deutschlands füllten brav die wirklich riesige Halle mit einer Gesamtkapazität von 15.500 Steh- und Sitzplätzen.

GOTTHARD: 20.00 – 21.00
Punkt 20.00 Uhr hüllen Dunkelheit und eine Eröffnungsmelodie die Halle ein und kündigen das Konzert der Vorband an, die Deep Purple auf der diesjährigen Herbsttournee begleitet. Das sind die Schweizer Hard-Rocker Gotthard – eine ausgezeichnete Wahl und eine erstklassige Hard-Rock-Attraktion! Vor allem im mitteleuropäischen Raum heute eine außerordentlich angesehene Band, die sich zweifellos auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft befindet. Das beweisen die Jungs vor allem mit den regelmäßigen Veröffentlichungen ihrer hervorragend ausgearbeiteten Hard-Rock-Alben, die Gotthard jedes Jahr auch sorgfältig auf ihren ausgedehnten Europatouren vorstellen. Die Mannen, die ihre Headliner-Touren zur Unterstützung des aktuellen Studioalbums „Domino Effect“ (2007) bereits hinter sich haben, bekamen diesmal die außergewöhnliche Gelegenheit, sich vor ausverkauftem Publikum in deutschen Großhallen zu präsentieren. Hätte man ihnen noch vor einigen Jahren angedeutet, dass sie eines Tages Konzertabende vor Deep Purple selbst eröffnen würden, hätte man mich zweifellos für völlig verrückt erklärt.

Gotthard sind bekannt für ihre unglaublich energiegeladenen Auftritte voller Hochspannung, die auf der Bühne vor allem Sänger Steve Lee und Gitarrist Leo Leoni anfachen. Ersterer ist ein außergewöhnlicher Bühnendarsteller mit der farbenfrohen Charisma koketter Blicke und Posen sowie einer umwerfenden Hard-Rock-Stimme, letzterer ein ungezähmter Gitarrenschlächter, der seine Soli in den unmöglichsten Posen raushauen kann, ohne dabei eine einzige Note zu verfehlen. Jahre des harten Arbeitens, um auf sich aufmerksam zu machen, zahlen sich offenbar hoch aus, und Gotthard wurden vor allem in den vorderen Reihen mit lautem Applaus und donnernder Publikumsbeteiligung empfangen, unter der auch viele eingefleischte Gotthard-Fans nicht fehlten. Ihr Hard Rock ist hochgradig ansteckend, und wenn du als völliger Laie auf ihrem Konzert landest, ist es kaum vorstellbar, dass du die Show nicht als neuer Fan der Band verlässt. Die Mannen sind unermüdliche Schwerarbeiter und promoten bereits seit dem vergangenen Sommer durchgehend ihr neues Album „Domino Effect“ (2007). Die Setlist haben sie kaum verändert, verglichen z. B. mit der, die sie letzten Oktober im nahe gelegenen Graz präsentierten. Eigentlich haben sie sie nur auf eine Stunde gekürzt und die neueren Stücke Said & Done („Lipservice“, 2005) und The Oscar Goes To… („Domino Effect“, 2007) wieder aufgenommen.

Wie zu erwarten diktierten Gotthard von der ersten Sekunde an ein unerbittliches Tempo, das wie ein Feuer den Hallenraum erfasste. Die Mannen, die alle Cover-Versionen, die sie normalerweise spielen, aus der Setlist gestrichen hatten, mischten unter die neueren Stücke der letzten beiden Alben, die den Großteil des Auftritts ausmachten, auch die Standardklassiker, die auf ihren Konzerten nicht fehlen dürfen – wie den Rocker mit dem ansteckenden Hauch von Erotik Sister Moon (Album „G“), das verschmitzte Mountain Mama mit dem bombastischen Riff (Album „Dial Hard“), das Leo mit dem Schweineröchel-Effekt ankündigte: „Are you ready for the Mountain Mama?“, weiter Let It Be (Album „G“), The Top Of The World (Album „Human Zoo“). Bei The Call benutzte Leo eine Gibson-Gitarre mit zwei Hälsen. Leo und Steve gönnten sich während des Konzerts einen kurzen Sketch, was bei Gotthard-Konzerten nichts Neues ist. Die Sache drehte sich wieder um eine aufblasbare Gitarre, auf der Leo Steve das Gitarrespielen beibrachte. Falling, eine großartige Studio-Halbballade vom neuen Album, wird bei Konzerten in eine echte Ballade verwandelt, bei der nur Steve auf der Bühne bleibt, und Gesellschaft leistet ihm Keyboarder Nicolo Fragile, der auch Backing-Vocals beisteuert – was interessanterweise in diesem Fall sogar leicht störend wirkt, denn Steves kräftige, hochmelodische und an den Versenden rau werdende Stimme ist alles, was ein solches Stück, und erst recht eine Ballade, braucht. Steve ist in Topform, sein Gesang ist überzeugend, explosiv und voller autoritativer Diktion, die der Mann mit außerordentlicher Selbstsicherheit in Bühnenbewegung und Theatralik krönt.

Gotthard krönten ihre Klasse mit einem brillanten Abschluss aus Stücken mit hochgradig mitsingfähigen Refrains – The Oscar Goes To…, Lift U Up, bei dem sie die Menge mühelos zum Mitsingen brachten, die auch beim abschließenden hymnenartigen Anytime Anywhere auf den Beinen blieb. In gut einer Stunde zeigten sie ihre gesamte Klasse. Sie servierten erstklassigen Hard-Rock-Stoff, den das dankbare deutsche Publikum mit donnernden Ovationen belohnte. Die Mannen absolvierten ihren Auftritt fehlerlos und boten einen makellosen Sound, was bei Vorbands wirklich eine Seltenheit ist. Gotthard verkörpern den Begriff großer Qualität, den man unbedingt bei ihrer nächsten Headliner-Tour erleben muss, und bleiben damit auch heute ein wichtiger Akteur bei der Bewahrung des Erbes der altehrwürdigen Hard-Rock-Schule.

GOTTHARD – Setlist:
1. Master Of Illusion
2. Gone To Far
3. Top Of The World
4. The Call
5. Mountain Mama
6. All We Are
7. Sister Moon
8. Falling
9. Let It Be
10. Said & Done
11. The Oscar Goes To…
12. Lift U Up
13. Anytime Anywhere

DEEP PURPLE: 21.30 – 23.30
Was lässt sich überhaupt über die legendären Deep Purple sagen? Vielleicht das, dass diese diesjährige Herbst-Deutschlandtournee das 40-jährige Bestehen der Band feiert. Schon während des Gotthard-Konzerts war es in der Halle ziemlich laut, aber als die Roadies über die Bühne flitzten und das Terrain für den Stapellauf des Schiffs der Rock-Giganten vorbereiteten, füllte sich die Halle vor allem im Parkett derart, dass sich unter dem Beobachter, der in jenen Momenten auf der Tribüne stand, ein wahres Meer aus Köpfen bis ans Ende des Parketts erstreckte.

Punkt halb zehn erscheinen auf der halbverdunkelten Bühne die wohlbekannten Silhouetten. Die Stroboskope richten sich auf das Schlagzeug, Ian Paice lässt die Eingangs-Rolls für Pictures Of Home los, und die Halle ist bereit zum Feiern.

Eine geräumige Bühne, exzellentes Bühnenlicht mit farbenfrohem Scheinwerferspiel und der stürmische Empfang des Publikums sind für Deep Purple auch im Jahr 2008 sicher nichts Neues. Die Mannen sind auf der Bühne ihr gewohntes Bild. Roger Glover mit dem Piratentuch auf dem Kopf, das er wahrscheinlich nicht mal beim Schlafen abnimmt, schreitet mit langen, abgemessenen Schritten über die Bühne und schwingt seinen Vigier-Bass, Gitarrist Steve Morse mit Armbändern und Ketten indianischer „Embleme“ im fransigen Lila-Shirt – wie es sich für einen „Purple“ gehört –, in seiner typischen zusammengekniffenen Pose beim Rausfeuern der Gitarrensoli, im Hintergrund rechts hinter einem brandneuen Hammond „versteckt“ Don Airey, links von ihm der „kleine“ Ian (Paice) mit zum Zopf gebundenen Haaren, und natürlich die unvergleichliche Ikone, der „große“ Ian (Gillan), wie in den letzten Jahren stets in seiner „Guten Morgen, bringst du mir bitte einen Kaffee“-Uniform, bestehend aus einem schlichten weißen T-Shirt kombiniert mit abgewetzten Jeans und nackten Füßen.

Die Mannen haben die Setlist wieder leicht verändert, die ansonsten das bewährt-reife Repertoire beibehält, aufgebaut aus dem Großteil ihrer zeitlosen Klassiker. Wieder aufgenommen haben sie die großartigen Post-Seventies-Bonbons Knockin‘ At Your Back Door („Perfect Strangers“, 1983) und das besonders melodiereiche, melancholisch dahinfließende Sometimes I Feel Like Screaming („Purpendicular“, 1996), bei dem Roger und Steve im Refrain mit zusätzlichen Vocals zu Gillans Gesangsdarbietung hinzustoßen. Das eigentliche Sahnestück der Überraschungen war das Instrumental Wring That Neck („The Book Of Taliesyn“, 1968), natürlich in der Kurzfassung – gemessen an der goldenen Ära der unvergesslichen Kreuzfeuer-Duelle auf der Achse Lord – Blackmore, die wir leider nie mehr erleben werden –, gefolgt von The Battle Rages On in seiner „schicksalhaft verderblichen“ Atmosphäre, gestützt auf ein kompaktes Riff und unterlegt mit dem stoßweisen und besonders hervorgehobenen Hämmern Ian Paices. „Paicey“ war an diesem Abend auf der Bühne besonders in Hochstimmung, das Schlagzeug klang im Sound beweglich, dynamisch und explosiv – er ist jedoch nicht mehr gewillt, längere Schlagzeugsolo-Einlagen ins Repertoire aufzunehmen. Für diese Einlagen sorgten standardmäßig Morse und Airey. Vor allem Aireys Einlage hinterlässt mit ihrer intelligent eingesetzten Virtuosität beim Zuhörer stets einen einzigartigen Stempel. Der hypnotische Effekt trägt dich weit fort, und man bemerkt kaum, dass die Einlage unvermittelt in das feierliche Hammond-Orgel-Intro von Perfect Strangers übergegangen ist. Von hier an stieg das Konzert atmosphärisch auf ein höheres Niveau, denn Purple reihten von hier an nur noch Klassiker aneinander. Einen nach dem anderen, mit dem Schwerpunkt auf dem Material von „Machine Head“ (1972). So gönnten sich die Jungs eine witzige Übergangs-„Brücke“ aus rhythmischer Improvisation und dem Aufbau einer neuen Stimmung zwischen Space Truckin‘ und Highway Star, die die ganze Halle auf die Beine brachten. Der Höhepunkt ist natürlich das abschließende Smoke On The Water. Vor dem Beginn verdunkelt sich die Bühne für einen kurzen Augenblick. Morse feuert das monströse Blackmore-Riff direkt in der Dunkelheit los, wenn die Scheinwerfer sich endlich einschalten, taucht Glover auf der Bühne nur für dieses Stück mit dem legendären Rickenbacker-Bass auf, den er nur für dieses Lied benutzt und mit dem er es auf den legendären Konzerten der Machine Head-Tournee in der ersten Hälfte der Siebziger spielte und dessen Sound auch auf dem legendären Konzertklassiker „Made in Japan“ (1972) festgehalten ist.

Die Eröffnungsmelodie der Zugabe gehört dem „Schelmerei“-Dialog zwischen Airey und Morse – als Airey an einem Punkt plötzlich das Grundmotiv umkehrt, das das Publikum am charakteristischen Rhythmus als Lazy erkennt. Über Hush gelangen Purple zur abschließenden Nummer, deren Intro Glover gehört, und die gesamte Halle explodiert noch einmal als eine Einheit, als Purple sich an Black Night machen.

Gillan ist sein gewohntes Selbst in der Bühnenkommunikation. Auf der Bühne macht er sich ständig über sich selbst lustig, taumelt absichtlich und rempelt seine Kollegen auf der Bühne an, tut so, als könne er das Mikrofon nicht auf den Ständer zurücksetzen, weil er ihn nicht findet – oder sucht danach, nachdem er es sich in die Tasche gesteckt hat. Oft fixiert er als Teil seines obligatorischen Bühnenhumors mit seinem charakteristischen hervorquellenden Blick absichtlich das Publikum in den Vorderreihen, usw. Ich wiederhole: Gillans Stimme ist nicht mehr so frisch wie einst, aber der Mann arbeitet sich durch das Repertoire völlig souverän und auf einem Niveau, das dem großen Prestige der Deep Purple-Klassiker vollkommen gerecht wird. Einige Male hat er sich zwar punktuell (mit Improvisationen in den Vor-Refrain-Versen) das „Verschlucken“ von Melodien gegönnt, was man als bewusstes Sparen mit der verfügbaren Energie und Lungenkapazität werten kann – das wirkte aber keineswegs lästig oder störend. Gillan ist für sein Alter ein außerordentlich schlanker Mann – er wirkt eigentlich dürr wie eine Spinne.

Deep Purple bleiben aufrecht. Zwei Stunden Repertoire, das nahezu vollständig zum Allgemeingut geworden ist, einzigartige Akustikbedingungen, ein einzigartiges Publikum, riesige Bühne und Halle haben definitiv zum hervorragenden Wohlbefinden von Deep Purple beigetragen. Man spürte tatsächlich eine gewisse Magie, die den Raum vor allem erfüllte, wenn die Mannen ihre größten Klassiker im zweiten Konzertteil und in der Zugabe angingen. Das traditionell treue und hingebungsvolle Publikum, das den Besuch dieses Ereignisses als eine Art Pflicht und Ehre betrachtete, mit den Legenden zusammen zu sein und die einzigartige Purple-Energie zu genießen, war definitiv das Zünglein an der Waage, das dieses Konzert auf einen besonderen Platz hebt. Ein Konzert, das deine Erwartungen erfüllt und mehr. Es erfüllt dich absolut mit einer positiven Energie, die als Brücke zwischen Band und Publikum gewoben ist und unsichtbar zwischen beiden fließt. Und das passiert nicht immer. Offensichtlich hat sich in Stuttgart alles zum richtigen Bild zusammengefügt. Zeit, Ort, Menschen, Stimmung der Band. In solcher Form, wie die Jungs sie bei diesem Konzert zeigten, werden wir die Deep Purple-Klassiker noch eine ganze Reihe von Jahren genießen können.

Dieser Auftritt hat gezeigt, dass Deep Purple-Konzerte, ungeachtet der Virtuosität und Spielereien, die sie sich bei der Darbietung ihres zeitlosen Repertoires heute schon völlig routiniert gönnen, am stärksten in Indoor-Hallen sind – und dass es sich absolut über alles lohnt, die Band bei Konzertauftritten in solchen Hallen in Deutschland zu besuchen. Die zweistellige Zahl auf der Karte neben dem „€“-Zeichen liest sich auf den ersten Blick nicht gerade geldbeutelfreundlich, aber wenn der letzte Takt von Black Night verhallt, weißt du, dass dich absolut niemand an der Nase herumgeführt hat. Wir sehen uns wieder in München, 15.11.2008!

DEEP PURPLE – Setlist:
1. Pictures Of Home
2. Things I Never Said
3. Into The Fire
4. Strange Kind Of Woman
5. Rapture Of The Deep
6. Wrong Man
7. Contact Lost
8. Well Dressed Guitar
9. Knockin‘ At Your Back Door
10. Sometimes I Feel Like Screaming
11. Wring That Neck
12. Battle Rages On
13. Solo Airey
14. Perfect Strangers
15. Space Truckin‘
16. Highway Star
17. Smoke On The Water
—Zugabe—
18. Lazy
19. Hush
20. Black Night

Bildergalerie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies