Poligraf

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Künstler: Moskva
Label: Dallas Records
VÖ: 2012
Laufzeit: 44:09
Wertung: 4/5

Rijeka war schon immer die Stadt in Kroatien, in der der beste Rock gemacht wird. In jeder Hinsicht. Am abenteuerlichsten, provokativsten, ohne jeden Kompromiss, wenn es darum geht, sich nach aktuellen Trends zu richten, wie sie von korporativer Rücksichtslosigkeit diktiert werden.  Einfach so. Über all die Jahre, seit dem Boom der Rijeka New Wave Ende der Siebziger, kommen aus dem Raum der Kvarner-Bucht durch die Jahrzehnte viele Bands, die einen streng definierten musikalischen Charakter einzigartiger musikalischer Charisma haben.

Moskva ist eine Band, die erst seit kaum zwei Jahren existiert, hat aber bereits ihr Studiodebüt herausgebracht! Dieses wurde Mitte des Jahres durch die exzellente Single »U tvojim rukama«, unterstützt von einem Musikvideo, angekündigt, und die junge Band festigte ihre Glaubwürdigkeit mit einer zweiten Vorstellungssingle samt Musikvideo, nämlich für den Song »Paragraf«. »U tvojim rukama« ist ein so starker Song, dass er auch nach dem kompletten Durchlauf des Albums »Poligraf« von Anfang bis Ende als einer der Höhepunkte des Albums gilt.

Moskva sind das Kontinuum der Rijeka New Wave für neue Zeiten. Spätestens dann wird einem das klar, wenn man erfährt, dass neben der Band im Studio die erfahrene Produzenten-Hand von Matej Zec am Werk ist, der mit Let 3 die unvergessliche Ära der Rijeka New Wave miterlebt hat. Schon bei den ersten Takten  »Ne boli me« ist die klangliche Verbindung zu einer Band vom Typ Morso sofort spürbar, auch wenn Moskva und Morso im Ausdruck meilenweit voneinander entfernt sind. Nur die Vibration, die Stimmung, die Melodik selbst,… irgendeine, grob gesagt, gemeinsame Wesensart verbindet offenbar die Rijeka-Bands wie ein unsichtbarer dünner Faden miteinander, sodass sie eine Vibration tragen, die ihnen gemein ist und an der sie fast sofort erkannt werden. Die Tradition der Rijeka-Schule ist stark, und das versteckt auch das Album »Poligraf« nicht.

Moskva erfinden das Rad nicht neu mit ihrer musikalischen Botschaft, sind aber eine besondere charakterliche Mischung. Als legitime Nachfolger der Rijeka New Wave schöpfen sie aus dem Vokabular der Kvarner-Tradition der Punk-Wahrnehmung und dosieren das mit Pop-Melodiösität, die vor allem durch den süß verführerischen Gesang der Vokalistin Tamara Dorčić (ex-Putokazi) eingebracht wird. Das Gerüst des klaren Kontrastierens der Klangbausteine wird durch eine hochintelligente, melodische, voluminöse und warme Basslinie aufgewertet; das Hauptelement der Art-Charisma-Einbringung, das auf der Verflechtung von Noise-Impulsen und Psychedelia basiert, ist die absichtlich dissonant heulende Gitarre, die beim Gefühl der Verstimmtheit (letztere ist bewusst platziert – denn die Band bildet auf diese Weise den Großteil der spezifisch eigenen Atmosphäre auf dem Album) den Großteil der Kontraste auf das Album bringt. Erst recht, wenn man sie auf die andere Seite der Waagschale gegenüber der Melodiösität von Tamaras Leadgesang legt. Ein außergewöhnlicher, aber kompatibler Kontrast, der der Ausgangspunkt des Art-Elements von starker Prägung ist, das die Musik von Moskva charakterisiert.  Einen solch intensivierten Kontrast beider Elemente bietet der Song Uhoda.

Mehrere Gitarren sind übereinandergeschichtet aufgenommen. Diese bilden einen voluminösen Begleitklang. Das bedeutet, dass eine Linie kompatible Akkorde zum Gesang hält, während die darüber aufgenommene nächste Linie knarzende dissonante Töne erzeugt, die die Trivialität der Phrasen der Grundbegleitung entblößen. Das so exponierte dissonante Kratzen überflutet mehrfach Teile der Songs, vor allem die instrumentalen, und das ist der Faktor, der entscheidend dazu beiträgt, den Stimmungszustand in den Songs herauszuarbeiten. Banal, aber ungemein effektiv.  Die Gitarren bringen das Element der Psychedelik und das Element des Noise ein. »Lopov«, mit der führenden, geradezu doom-haften Phrase des aufgerollten Riffs, klingt im abschließenden instrumentalen Teil, bereichert mit dissonanten Linien, bereits richtig psychedelisch und subversiv.

Man kann sagen, dass Moskva heute die leere Lücke in der Rijeka-Szene füllen, die entstand, nachdem Morso (die angeblich mit einem neuen Album zurückkehren) nach ihrem Studiodebüt »Izlog« (2008) kreativ vollständig zum Stillstand kamen. Obwohl sie in künstlerischer Hinsicht klar definiert verschieden sind, verbindet sie genau diese starke einzigartige Art-Definition energetisch miteinander.

Moskva sind ein erfahrenes Quartett, das Songs zu einem Geflecht aus hochansteckender Melodiösität, Rock-Krach, der Provokation des Klangexperiments  und eigenwilliger Art-Charisma zu arrangieren versteht, was ihnen die Türen öffnet, auf der Szene den Status einer der angesehensten Art-Pop-Rock-Bands zu erreichen

Die Rhythmen sind direkt dem reichen Fundus der Rijeka New Wave entlehnt! Die Einfälle prasseln nur so nieder von den rhythmischen Lösungen, die Ogledala, Mrtvi kanal und Grad verwendeten,.. und die Geschichte setzt sich mit Moskva fort.

Die Detailarbeit an den einzelnen Tracks wurde auch dank der Mitarbeit besonderer Gastmusiker auf dem Album optimiert, wie dem alten Fuchs und Keyboarder Vedran Križan (Fiumens, Manofoni), weiters Vlado Simchich-Vava, der die Lap-Steel-Gitarre beisteuerte (Song Lopov), und Matej Zec mit rustikalen Mellotron-Impulsen (Lomim valove, Poligraf). Gerade der abschließende Track Otok macht auf die kreative Kraft des Teams im Studio aufmerksam, denn der Minimalismus des vorhersehbaren Punk-Pop-Arrangements mit der typischen Art-Charisma der Band wird durch die Fortsetzung in einem verlängerten instrumentalen Ausklang des Albums aufgewertet, was dem Album eine veritabel zehnminütige Mini-Epos-Suite einbringt, mit der Finesse progressiver Art-Freigeisterei. Gerade diese Erfahrung zeigt, dass Moskva vielschichtig geformte Musiker sind, die sich keine kreativen Grenzen setzen wollen, sondern in ihrem Artismus unbelastet trotzen und ideell strikt nur aus dem schöpfen wollen, was ihnen das künstlerische Herz diktiert. »Poligraf« ist ein außerordentlich schönes Werk voller schöpferischer Brillanz und ausgearbeiteter Art-Charisma, von der wir hoffen, dass die Band sie auch in Zukunft pflegen und vertiefen wird.

Besetzung

Tamara Dorčić – Gesang
Vladimir Tomić – Gitarre, Effekte
Goran Grgurev „Grga“ – Bassgitarre
Ivan Ujević – Schlagzeug

GASTMUSIKER:
Vedran Križan – Keyboards
Matej Zec – Mellotron (Tracks Nr. 2 und 4.), Programmierung, Perkussion
Vlado Simcich „Vava“ – Gitarre, Lap-Steel-Gitarre auf Track Nr. 8, Produktion auf Track Nr. 9, Programmierung auf Track Nr. 9

Produktion

Matej Zec

Trackliste

1. Ne boli me
2. Poligraf
3. Bumerang
4. Lomim valove
5. Uhoda
6. Spavam sama
7. U tvojim rukama
8. Lopov
9. Otok

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