XXX
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Asia
Label: Frontiers Records
Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 49:23
Wertung: 3/5
John Wetton, Geoff Downes, Carl Palmer und Steve Howe – dem Namen nach das wohl berühmteste Quartett in der Geschichte des Progressive und Melodic Rock hat mit seinem neuesten Studiowerk sein dreißigjähriges Jubiläum eingeläutet (die Band entstand zwar Anfang 1981, das Debüt erschien jedoch erst ein Jahr später), was für alle, die sich an die Entstehung dieser Superstar-Formation erinnern können, schlicht unglaublich klingt – niemand hätte erwartet, dass Asia so lange auf der Bildfläche bleiben würde, wenngleich oft in völlig unterschiedlichen Besetzungen (ein Grund dafür, dass parallel zur ‚echten‘ Asia heute noch die ‚abtrünnige‘ John Payne’s Asia operiert). Daher auch der etwas anstößige Albumtitel, der bei unbedarften Bösewichten, die keine echten Fans der Band sind, gewiss einige geschmacklose Witze über ‚perverse alte Knacker mitten in der dritten Pubertät‘ auslösen wird.
Den ‚kontroversen‘ Albumtitel mal beiseitegelassen: Man muss festhalten, dass die Originalbesetzung von Asia nach der Reunion im Jahr 2006 bereits dreimal so lange aktiv ist wie in der Zeit von ihrer Gründung bis zur Auflösung Mitte der Achtziger – und das trotz der alten Knochen ihrer Mitglieder, denn sie haben immer noch genug Feuer, um es mit weitaus jüngeren Melodic-Rock-Handwerkern aufzunehmen. Die alten Haudegen sind dabei echte Workaholics, denn neben ihrer Arbeit für Asia finden sie noch genug Zeit für ihre eigenen Projekte: Wetton ist seit Kurzem Mitglied der wiederbelebten UK, Downes und Howe sind bei Yes, während Palmer seine eigene Begleitband leitet.
Alle Songs auf »XXX« – mit Ausnahme von »Judas«, an dem auch Howe mitgewirkt hat – wurden von den alten Icon-Kumpanen Wetton und Downes geschrieben, die auch hauptsächlich dafür verantwortlich sind, dass Asia nach der Reunion noch zusammen sind und sich langsam, aber merklich von Album zu Album weiterentwickeln, obwohl alle Bandmitglieder schon auf die siebzig zugehen. Während das Reunion-Album »Phoenix« (2008) mehr oder weniger eine hastig zusammengezimmerte Enttäuschung war, markierte »Omega« (2010) bereits eine spürbare Wende zum Besseren und bewies, dass das legendäre Quartett auch im neuen Jahrhundert erfolgreich funktionieren und dabei etwas von der AOR-Magie der Achtziger zurückbringen kann, die ihnen den Weltruhm gebracht hat – nachdem die meisten Fans schon zu fragen begonnen hatten, ob die Reunion der berühmten Truppe überhaupt sinnvoll war. »XXX« ist die logische Fortsetzung der klanglichen Maßstäbe von »Omega« und gleichzeitig eine leichte Weiterentwicklung gegenüber dem Vorgänger, mit gelegentlichen Ausflügen in den Retro-Sound der Achtziger – vor allem dank der üppigen Vielfalt von Downes‘ Keyboard-Texturen.
»Tomorrow the World« eröffnet das Album auf großartige, energiegeladene Weise – und ist dabei überraschenderweise, entgegen der üblichen Praxis, auch der längste Track des Albums. Das zentrale Synthesizer-Motiv sorgt für einen angenehmen Achtziger-Flair, während der mit dramatischer Mehrstimmigkeit gekrönte Refrain den Eindruck noch vertieft, dass die klassischen Asia wieder unter uns sind. Wetton hält seine Stimme trotz aller Höhen und Tiefen in Topform – das gilt auch für sein Bassspiel. Downes beweist mit subtil geschichteten Keyboard-Texturen eindrucksvoll, warum er das einzige Asia-Mitglied ist, das die ganze Zeit dabei geblieben ist. Howe begeistert mit seinen unverkennbaren Gitarrentricks, ist dabei aber klug genug, sich keinen zu großen Anteil am Klangkuchen zu sichern, während Palmer gewohnt brilliant mit seinen halsbrecherischen Schlagzeug-Arabesken überzeugt. Das rhythmisch vielschichtige »Bury Me In Willow« verbindet eine ruhige, zugleich triumphale Atmosphäre mit einem schönen, unverwechselbaren Asia-Refrain und klassizistischen Keyboard- und Gitarren-Arrangements – kurz: kein Fan wird das kalt lassen. Das solide »No Religion« gehört zu den strukturell anspruchsvolleren Tracks mit einem leichten Hardrock-Touch und einigen unerwarteten Rhythmuswechseln. Ein Song, den man nicht beim ersten Durchgang kapiert, der aber einen markanten genug Refrain hat, um sich mit der Zeit effektiv ins Gedächtnis einzubrennen.
»Faithful« ist eine klanglich interessante, wenngleich schon fast standardmäßige Asia-Power-Ballade über Wettons Herzensangelegenheiten, die dank üppiger Synthesizer-Arrangements die Atmosphäre der ‚goldenen‘ Achtziger heraufbeschwört. Eine der großen Stärken von »XXX« ist die ausgezeichnete Produktion, die für einen ungemein satten Sound und die gleichberechtigte Präsenz aller fünf Instrumentalisten sorgt. Auch »I Know How You Feel«, die nächste Power-Ballade in der Reihe, hat einen ausgeprägten nostalgischen Puls. Das ziemlich vorhersehbare, leicht einschläfernde Tempo mit einem fast schon nervtötend repetitiven Refrain wird zum Glück durch einige gute Gitarren-Keyboard-Einlagen aufgewertet – ansonsten ist es einer der weniger inspirierten Tracks der letzten drei Jahre. Zum Glück gibt es solche Momente auf »XXX« nicht viele.
Was dem Album wirklich fehlt, ist mindestens eine herausragende Zünder-Hymne im Stil von »Heat of the Moment« oder »Go« – sprich ein Track, der einen sofort von den Sitzen reißt und in stadionwürdige Euphorie versetzt. Alle Songs sind solide bis gut, doch keiner davon ist ein kompositorischer Meilenstein im Vergleich zu dem, was sie in ihren besten Zeiten auf den Tisch legen konnten. Am nächsten kommt dem noch das auch als Promo-Video veröffentlichte »Face On the Bridge«, wo das legendäre Quartett jene lang vermisste Magie erfolgreich wiederherstellt, mit der sie in den Achtzigern Stadien füllten – diesmal aber mit modernem Anstrich. Der mitreißende Refrain ist mit melodischen Keyboard-Linien verziert, wie sie nur Downes aus dem Ärmel schütteln kann, und mit den cleveren Gitarrenpassagen des ‚Herrn Eule‘.
»Al Gatto Nero«, auf Deutsch: der schwarze Kater, ist ein Track, mit dem Asia offensichtlich alle italienischen Fans für sich gewinnen wollte – Titel und einige Verse sind auf Italienisch. Trotz dieses etwas billigen Schachzugs ist es wieder eine ziemlich solide Nummer mit Achtziger-Flair. »Judas« ist ein Melodic-Rock-Aufwecker im wahrsten Sinne des Wortes, der viel verspricht, am Ende aber lieber das gesamte Potenzial in einen eingängigen Refrain steckt. Der Text von »Reno (Silver And Gold)«, dem Bonustrack der Sonderausgabe, ist aus unbekannten Gründen pure Schmeichelei gegenüber den (kalifornischen) Amerikanern – dafür ist er zumindest von der musikalischen Struktur her eines der interessanteren Stücke mit einem mehrstimmigen, hypnotischen Refrain in bester Asia-Tradition. Der abschließende »Ghost of A Chance« verheißt zunächst nicht viel, eröffnet als typische Tränendrücker-Ballade, entwickelt sich aber mit der Zeit schön weiter – dank subtiler, orchestraler Keyboard-Einlagen und Howes exzellenter Gitarrensolo.
»XXX« ist eine solide Leistung, mit der Asia erfolgreich und zukunftsorientiert ihr dreißigjähriges Bestehen und die Veröffentlichung des legendären gleichnamigen Debüts festhielt. Wer eine Rückkehr zu den hochfliegenden Klangstandards des Jahres 1982 erwartet hatte, wird erneut enttäuscht sein: Es ist erwartungsgemäß kein AOR-Meisterwerk, und das Album glänzt auch nicht damit, die Prog-Rock-Wurzeln zu pflegen, die alle Bandmitglieder seit jeher verbinden. Andererseits hat das legendäre Quartett endlich eine überzeugende gemeinsame Chemie entwickelt und das beste Album nach der Reunion abgeliefert – eines, das man von Anfang bis Ende mit Freude hören kann, ohne zwischendurch auch nur einmal an Paynes Version von Asia zu denken. Besonders erwähnenswert ist auch der legendäre Roger Dean, der nach langer Zeit wieder ein wirklich hochwertiges Cover gestaltet hat, das als Fusion der Plattencover von »Asia« und »Alpha« wirkt.
Besetzung
John Wetton – Gesang und Bass
Geoff Downes – Keyboards
Steve Howe – Gitarre
Carl Palmer – Schlagzeug
Produktion
Mike Paxman
Trackliste
1. Tomorrow The World (6:47)
2. Bury Me In Willow (6:01)
3. No Religion (6:36)
4. Faithful (5:37)
5. I Know How You Feel (4:53)
6. Face On The Bridge (5:99)
7. Al Gatto Nero (4:36)
8. Judas (4:43)
9. Ghost Of A Chance (4:21)