Wonder Days

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Thunder
Label: Ear Music Records
Erscheinung: 2015
Länge: 55:23
Bewertung: 4.5/5

Thunder, die langlebigen britischen Hard-Rock-Veteranen, die ihr Studio-Debüt im fernen Jahr 1990 veröffentlichten, nachdem sie sich 1989 aus Terraplane in Thunder umbenannten, melden sich mit ihrem insgesamt 10. Studioalbum zurück. Die Karriere der Band ist von zwei Abschieds- und zwei Comeback-Runden geprägt. Die zweite Rente trat nach der Veröffentlichung des Albums »Bang« (2008) Anfang 2009 ein, doch die Band entschied sich, auf die Bühne zurückzukehren, und bestritt in den Jahren 2013 und 2014 eine Reihe von Konzerten, vor allem in Großbritannien, die sich als außerordentlich erfolgreich erwiesen. Die längere kreative Pause hat offensichtlich gut getan, und die Band hat ihre Akkus wieder aufgeladen.

Mit einem Bündel ausgezeichneter Ideen und voller kreativer Frische und Energie kehrte die Band ins Studio zurück. Die Veteranen sind enorm erfahren — Schlagzeuger Gary »Harry« James (auch bei Magnum), Sänger Danny Bowes und Gitarrist Luke Morley spielen seit 1975 zusammen, da gibt es zwischen ihnen keine Geheimnisse, und der musikalische Fokus, nach dem Thunder in ihrer Kreativität streben, ist seit langer Zeit klar und fest abgesteckt. Die Band hat sich im Laufe der Jahre unter dem starken Einfluss des Blues entwickelt, was die britische White-Blues-Invasion Ende der Sechziger natürlich massiv befeuert hat. Das Blues-Element galt von Anfang an als wichtiger Baustein im musikalischen Dossier der Gruppe. Schon seit dem Debüt.

Die Magie bleibt auch auf »Wonder Days« intakt. Alles ist da. Alles, wo es hingehört. Am richtigen Platz. Teuflisch geschärfte Gitarrenriffs, konkret veredelt durch die feinen Zutaten des Blues, was auch für das raffinierte Einweben von Verzierungen in den Übergängen gilt. Luke Morley bleibt mit der Unterstützung von Ben Matthews ein außergewöhnlicher Komponist. Das knackige rhythmische Gerüst von James und Childs wirkt gediegen und durchdringend, die Truppe beeindruckt mit einem außergewöhnlichen organischen Gespür, das den aktiv-dynamischen Charakter und den Glanz der Albumproduktion attraktiv aufrechterhält. Vokalist Danny Bowes bleibt eine faszinierende Zentralfigur mit seiner erlebten Textdarbietung, wo er überaus geschickt zwischen Raffinesse und adrenalintreibender Rasanz pendelt. Sein Vokal bleibt angenehm explosiv an den entsprechenden Stellen der schnelleren, draufgängerischen Tracks — wie etwa The Thing I Want, ein hartnäckig penetrativer Rock’n’Roller, der dich sofort in Fahrt bringt —, und gleichzeitig außergewöhnlich samtig und sinnlich an den ruhigeren Stellen des Albums (The Rain, Broken). Thunder können ungemein melancholisch werden, wenn sie wollen (der Refrain von When the Music Played). Wollte man eine halbwegs adäquate Ausdrucksalternative jenseits des großen Teichs suchen, wären das die guten alten Great White (in der Version mit Russell am Mikro), was in dieser Rezension aber gar nicht weiter betont werden muss. 

Auf dem neuen Album blickt die Band womöglich noch stärker als je zuvor nostalgisch auf ihre musikalischen Wurzeln zurück. So ist der Eröffnungstrack Wonder Days, aber auch das spätere Chasing Shadows eine sanfte Annäherung an Led Zeppelin, im dahinrasenden Rock-Treiber The Thing I Want meint man eine Prise AC/DC zu erkennen, und in der melancholisch gefärbten Ballade The Rain eine Eingangs-Kombination aus Blues und keltischem Folk-Sentiment. The Prophet dürfte die Emotionen von Fans der Heavy-Rocker UFO, aber auch der ewig nörgelnden schottischen Nazareth wecken. Die Gitarrenphrasen tragen jedenfalls einige dieser Assoziationen. In The Prophet hat die Band im Mid-Eight-Abschnitt auch ein Theremin eingesetzt. Die mittleren Mid-Eight-Teile sind raffiniert und filigran angelegt. Gerade in The Prophet tut das »Stöhnen« der Gitarren durch harmonisierte Soli in Terzen, gespielt mit dem Fingerpick, besonders gut. Eine Würze, die nur den größten Meistern in den Kopf schießt. The Prophet ist ein außerordentlich düsterer Track und zweifellos einer der Höhepunkte des Albums. Broken kann in seinem Mid-Eight-Abschnitt an Uriah Heep in der zweiten Hälfte der Siebziger erinnern — das Gefühl ruft das stöhnend-melancholische, mit dem Fingerpick gespielte Solo hervor. When the Music Played wirkt besonders nostalgisch. Der Refrain ist ausgeprägt melancholisch, Bowes beim Vokaleinsatz buchstäblich rührend. Serpentine beginnt mit einem Country-Südstaaten-Feel, verwandelt sich dann aber in einen Moment Blues-Boogie-Rock, vollgepackt mit jugendlichem Adrenalin, das die treibenden Riffs und Bowes am Mikro einbringen! Das Album beschließt ein Rock’n’Roll-»Rabauke« namens I Love the Weekend und setzt den Schlusspunkt unter das Nostalgie-Gefühl, das das Album trägt. In all diesen Tracks holt Thunder immer wieder seine unverkennbar hohe melodische Formatierung heraus, was der Band den dringend nötigen Stempel des Originals in der Autorenschaft verleiht und für unglaubliche Eingängigkeit sorgt!

»Wonder Days« bietet ein außergewöhnliches Gleichgewicht zwischen schnellen, geradlinig angelegten »Rock-Pulsierern«, komplexer ausgerichteten atmosphärischen Stücken und ruhigen, bluesgefärbt verführerischen Momenten. Alles ist da. Man kann sagen: in bestmöglicher Manier für den Zustand der Band in den Jahren 2014 bzw. 2015. Zum noch festeren Zusammenhalt der Truppe hat womöglich auch der kürzlich erfolgreich durchgefochtene Kampf von Gitarrist Ben Matthews gegen den heimtückischen Krebs beigetragen.

Blues-Hard-Rock in höchst faszinierender Manier, wie ihn die unvergänglichen Thunder seit jeher sensationell garantieren. Dieses Album wird ihnen keinen neuen Hit mehr bescheren, so wie es bei den ersten vier Alben in den Neunzigern der Fall war — aber es ist essenziell für alle Liebhaber einer primordial aufrichtigen Haltung im klassischen Hard Rock, vollgepackt mit einem erotogenen Maß an Blues, während alle rechtgläubigen Thunder-Fans es sicher schon zu Hause haben. Thunder haben wohl noch nie so nostalgisch geklungen wie auf dem Album »Wonder Days«. Als würde sich der Kreis ihrer Karriere schließen und sie noch einmal einen Blick auf den Ursprung ihrer Berufung werfen. Ungeachtet dessen, dass die Band konkret gereift ist, was auch das außergewöhnliche »Wonder Days« mehr als willkommen ankündigt — lasst uns hoffen, dass sie sich nicht wieder zur Ruhe setzen und stattdessen lieber noch das ein oder andere Album in dem Geist schaffen, in dem »Wonder Days« entstanden ist. »Wonder Days« ist ein Produkt, dem man nichts hinzufügen und nichts wegnehmen kann. Brillante Arbeit, Jungs!

Besetzung

Danny Bowes – Gesang 
Luke Morley – Gitarre, Hintergrundgesang 
Ben Matthews – Gitarre, Keyboards 
Chris Childs – Bassgitarre 
Harry James – Schlagzeug, Perkussion

Produktion

Luke Morley

Trackliste

01. Wonder Days
02. The Thing I Want
03. The Rain
04. Black Water
05. The Prophet
06. Resurrection Day
07. Chasing Shadows
08. Broken
09. When The Music Played
10. Serpentine
11. I Love The Weekend
12. Black Water (Acoustic)
13. Broken (Acoustic)

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