Valtari
Künstler: Sigur Rós
Label: EMI Records
Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 54:31
Wertung: 4/5
Graue isländische Erde, die sich im ebenso grauen isländischen Himmel spiegelt. In der weiten Einöde ist niemand. Verlassene Häuser und die wenigen Büsche verfallen. Trotzdem hat das Ganze irgendwie etwas Stilles, Mildes. Irgendwo in der Ferne bewegt ein sanfter Wind die Windspiele auf der Veranda. Auf ihr steht ein Radio. Ein Radio, das den Soundtrack zu diesem Bild spielt. Ein Radio, das das neue Album der isländischen Sigur Rós spielt – Valtari.
Sigur Rós ist zweifellos eine der modernen alternativen Bands, die keine Vorstellung braucht. Die ätherischen isländischen Post-Rocker melden sich nach vier Jahren Pause mit einem neuen Album zurück. Die Erwartungen waren natürlich hoch, denn Sigur Rós haben mit jedem neuen Album neues klangliches Terrain betreten, aus bereits bekannten Klangbildern Experimente gemacht oder Wege gefunden, den Einfluss der musikalischen Stimmung auf die Gefühle der Hörer neu zu interpretieren. Genau deshalb waren die Fragen nach der musikalischen Richtung, die Sigur Rós diesmal eingeschlagen haben, noch lauter.
Wo Sigur Rós zu Beginn ihrer Karriere noch auf die Mischung von Rock in ihrem breiten elektronischen Ambient schworen, verschwanden diese Rockelemente mit der Zeit immer mehr – wodurch sich, entgegen den Erwartungen, die Klanglandschaft der Band nur noch weiter und weiter ausdehnte. Valtari ist gewissermaßen die letzte Stufe dieser Entwicklung: Innerhalb einer bestimmten kreativen Formel dehnt und verengt das Album fast ausschließlich den elektronischen Ambient-Traum, den nur Jónsi mit seinem Gesang entsprechend untermauern kann. Der »charakteristischste« Track – im Sinne des Erkundens neuer Sounds bei gleichzeitiger Bewahrung eines post-rockigen Ambient-Kerns – ist der dritte Track des Albums, »Varúð«. Er ist, neben vielleicht dem nachfolgenden »Rembihnútur«, der einzige Track, der so etwas wie einen tatsächlichen Rhythmus im klassischen Sinne des Wortes hat. Wahrscheinlich ist er genau deshalb einer der besten, wenn nicht der beste Track des Albums.
Das Erschaffen fantasievoller, melankolisch erlebter Landschaften ist nach wie vor Sigur Rós‘ große Stärke. Jónsi singt erneut in einer erfundenen Sprache, die dem Isländischen nahezu, aber nicht vollständig ähnelt. Als solche fügt sie sich selbstverständlich perfekt in das Klangbild ein, das auf Valtari nur noch das Wesentliche von Sigur Rós bewahrt. Minimale und minimalistische Klänge klingen naturgemäß schwer nach Fülle und scheinen kaum in der Lage, eine Art innere Welt und Erlebnis zu erschaffen und damit emotional zu wirken – doch ohne diese Fähigkeit wären Sigur Rós keine Sigur Rós mehr. Die Bandmitglieder haben während und nach den Aufnahmen mehrfach erzählt, dass es oft, vor allem am Anfang, so ausgesehen habe, als würde das nichts werden. Dass sie mit völlig unzusammenhängenden und zufälligen Mustern herumgespielt hätten, sich wie nie zuvor auf Elektronik verlassen hätten und mehrfach vom Mischpult aufgestanden und mit dem Entschluss aus dem Studio marschiert seien, das Projekt abzubrechen. Dann soll sich in einem bestimmten Moment plötzlich alles geöffnet haben, und das gesamte Projekt habe einen Sinn ergeben, einen charakteristischen Sound, auf den man sich stützen und verlassen konnte. Wahrscheinlich ist es genau deshalb, dass Valtari so ist, wie es ist. Stark elektronisch, ambientmäßig allumfassend, ohne Rockelemente. Mit einigen klassischen Instrumenten, die eine so minimalistische Musik erschaffen, dass es schon schwer ist, den roten Faden der Melodie zu suchen, geschweige denn so etwas zu finden.
Das neue Album der Isländer, Valtari, konzentriert sich nicht darauf, den einzigartigen musikalischen Stil der Band und seine Veränderungen von Album zu Album zu bewahren, sondern taucht Sigur Rós in dichten Dunst aus Ambient-Formaldehyd. Das Album hat sich von allen Rock-Elementen und sogar vom klassischen Post-Rock befreit, was per se nicht schlecht ist – doch Sigur Rós operieren diesmal mit den grundlegendsten Elementen ihres charakteristischen Sounds, ohne neue Formen zu erforschen. Das Album bewahrt den Status der Band, hebt ihn aber leider nicht an, wie es im Laufe der Karriere mit jeder neuen Platte der Fall war. Das vierjährige Warten hat zwar zusätzliches Hörmaterial geliefert, doch das Zurückgreifen auf frühere Alben wird sich mehr oder weniger nicht ändern – so wie es auch in den letzten vier Jahren nicht der Fall war.
Besetzung
Jónsi Birgission – Gesang, Gitarren, Keyboards
Kjartan Sveinsson – Keyboards, Klavier, Gitarre
Georg Hólm – Bassgitarre
Orri Páll Dýrason – Schlagzeug
Produktion
Sigur Rós
Trackliste
1. Ég anda (6:15)
2. Ekki múkk (7:44)
3. Varúð (6:37)
4. Rembihnútur (5:05)
5. Dauðalogn (6:36)
6. Varðeldur (6:00)
7. Valtari (8:18)
8. Fjögur píanó (7:50)