Tunguska
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Treat
Label: Frontiers Records
Erschienen: 2018
Laufzeit: 52:25
Bewertung: 4.5/5
Treat sind altgediente schwedische Hardrocker – genauer gesagt eine Band, die auf eine ebenso lange Karriere zurückblickt wie ihre Zeitgenossen Europe –, die jedoch auch in den reiferen Jahren ihres Schaffens deutlich mehr musikalische Elemente des AOR-Booms der Achtziger bewahrt bzw. auf neue Alben übertragen haben als ihre (eben bereits erwähnten) Generationskollegen. Treat meldeten sich 2010 mit dem hervorragenden »Coup De Grace« zurück, dem sechs Jahre später das ebenso ausgezeichnete und keinen Deut schlechtere »Ghost Of Graceland« folgte. Diesmal brauchten Treat gerade mal zwei Jahre, um den Nachfolger herauszubringen. Sie nannten ihn »Tunguska«. Nach dem russischen Ort, wo es 1908 gewaltig krachte. Man vermutet, dass dort ein kleinerer Asteroid zerschellt ist; die Stärke bzw. das Gewicht dieser Explosion wird auf 10 bis 15 Megatonnen geschätzt. Die Band hat sich also mit der symbolträchtigen Bedeutung identifiziert, hinter der der Name Tunguska steht. Auf dem neuen Album soll es nämlich »verheerend knallen«.
Um es kurz zu machen: »Tunguska« bewahrt die gesamte kompositorische und arrangementbezogene Eleganz sowie die expressive Reife beider hervorragender Studiovorgänger. Treat haben sich dabei keinen Deut kreativ ausgepowert, sondern bewahren ihre außerordentliche Inspiration und ihren schöpferischen Schärfegrad. Eine neue Klanglandschaft ideenreich und angenehm abwechslungsreicher Hard-Rock-Zündstoffe, ohne qualitative Schwankungen – das Album hält durchgehend ein streng hohes, vibrierendes kreatives und energetisches Niveau. Kein einziger Track zieht sich hin oder bietet irgendwie einen kreativen Aussetzer. Alles sitzt, wie es soll.
Das Album bringt eine neue Reihe erstklassig ausgearbeiteter und äußerst (musikalisch) ansteckender Refrainmelodien mit eingebetteten atmosphärischen Höhepunkten. Die Stimmungen sind abgestuft. Alles ist vorhanden. Sorgfältig ausgearbeitete und eingebettete »mid-eight«-Passagen, in denen Anders Wikström an der Gitarre explodiert – ganz nach dem Vorbild der echten skandinavischen Schule des solistischen Perfektionismus. Epik, Bombast, großes Theater. Das beherrschen sie meisterhaft. Das haben sie im kleinen Finger. Die Harmonisierung der Refrains, aber auch der Vorrefrains, mit zusätzlichen Vokallinien, was die reiche Stimmungspracht der Songs noch zusätzlich intensiviert. Auch mit wellenförmigen Synthesizer-Linien nach alter Achtziger-Schule, wobei die Keyboards eine organische Klangnatur anstreben, die den Gitarrenphrasen Gesellschaft leistet. Dabei stützen sie sich auch auf die Nachahmung des Hammond-Sounds. Das ist die Garantie für den außerordentlich kernigen Sound, den die Albumproduktion entwickelt – auch wenn wir uns im Bereich des melodischen Hard Rock befinden.
Robert Ernlund hält sich gesanglich ausgezeichnet. Er bewahrt seine gesamte Charismatik, Durchdringungskraft und Ansteckungswirkung und verleiht dem Album sowie dem Wesen der Band einen ausdrucksstarken Wiedererkennungswert und ein gewisses Maß an Einzigartigkeit. Treat beweisen, dass sie auf Tunguska« die Charakteristika ihres musikalischen Ausdrucks auf ein kreatives Optimum getrieben haben. Die Kompositionen drücken eine unglaubliche kreative Reife aus, viel Einfallsreichtum beim Zusammenfügen der richtigen Ideen zu einem roten Faden – was in den vorhersehbaren Schablonen des Hard Rock keine leichte Aufgabe ist. Dabei muss man freilich im Hinterkopf behalten, dass Treat nun mal zu den »Rock-Legenden« gehören, die sich durch ihre Langlebigkeit enorme Routine und unschätzbare Erfahrungen angesammelt haben. Jede Menge Kilometer auf dem Buckel also. Im Handwerk kommt ihnen kaum jemand nahe. Schade nur, dass sie auf der Rock’n’Roll-Landkarte leicht übersehen wurden.
Nach »Tunguska« werden unwiderruflich alle langjährigen Anhänger der Band greifen sowie alle Fans, die den makellosen »scandi melodic rock«-Perfektionismus schätzen und suchen – ein Bereich, in dem Treat an der absoluten Spitze der »überlebenden« Generationsgenossen verbleiben, an denen sich die Newcomer – zwar erfolgreiche und mehr als souveräne neue skandinavische Bands wie u. a. Eclipse, H.E.A.T., Crazy Lixx usw. – selbstverständlich nur orientieren können. Was wir hier vor uns haben, ist die alte Schule, die wieder einmal höchst erfolgreich die Kreuzung mit den neuen Zeiten besteht – sowohl im Sinne des technologischen Fortschritts, den die Aufnahmestudios bieten, als auch hinsichtlich des evolutionären Sprungs, den die melodische Richtung des Hard Rock zwischen den Achtzigern und dem neuen Jahrtausend vollzogen hat. Eine außergewöhnliche Leistung also.
Besetzung
Robert Ernlund – Gesang
Anders Wikström – Gitarre, Hintergrundgesang
Patrick Appelgren – Keyboards, Gitarre, Hintergrundgesang
Pontus Egberg – Bass, Hintergrundgesang
Jamie Borger – Schlagzeug
Produktion
Peter Mansson & Anders Wikström
Trackliste
1. Progenitors
2. Always Have, Always Will
3. Best Of Enemies
4. Rose Of Jericho
5. Heartmath City
6. Creeps
7. Build The Love
8. Man Overboard
9. Riptide
10. Tomorrow Never Comes
11. All Bets Are Off
12. Undefeated