Trinajst

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Niet
Label: ZKP RTV Slovenija
Erschienen: 2010
Laufzeit: 40:39
Wertung: 3.5/5

Niet! Reaktiviert im Jahr 2008! Zunächst räumen sie mit der Vergangenheit auf und veröffentlichen das Kompilationsalbum »Bil je maj«, dann folgen Aufwärmen und Reifen – und so erscheint noch vor Ende 2008 das Album „Izštekani na Valu 202“. Und dann kommt das Jahr 2010,  in dem wir den Moment der Ewigkeit erlebt haben! Es erschien das Album »Trinajst« – das erste echte Studioalbum der Band Niet, die bis zu diesem Tag, in kleiner Auflage, vor mehr als einem Vierteljahrhundert nur eine Kassette »Srečna mladina« (1984) veröffentlicht hatten. Letztere kann man allenfalls als EP bezeichnen.

Borut Marolt, der in die Fußstapfen des verstorbenen Primož Habič getreten ist, hat sich bereits bei beiden vorangegangenen Veröffentlichungen als würdiger Ersatz erwiesen – das bestätigt auch das Album »Trinajst«. Er hat seine Aufgabe hervorragend erfüllt; man kann sagen, dass seine vokale Präsenz der Faktor ist, der das Produkt von der ersten Sekunde bis zum letzten Ausklingen der letzten Note des Albums über Wasser hält.

Das Album ist eine schöne Mischung aus punky Gehämmer und melodischen Linien, die sich hauptsächlich auf dem Fahrgestell eines mitteltempigen Rhythmusfundaments halten  –  und in diesen Melodien knirscht noch immer alles  schön,  damit beim Hören niemand vergisst, dass er es mit einem Punk-Rock-Album zu tun hat. Niet haben sich als eines der Ziele auf dem Album »Trinajst« vorgenommen, ihr kultiges Image zu überformen, das ihnen die Songs der Achtziger eingebracht haben. Das ist eine völlig logische Entscheidung – und trotzdem. Die Zeiten reißender Ströme aus Alkohol und Säcken voller »Weißem« liegen weit hinter ihnen, und immer mehr rücken die „akademischen“ Jahre in den Vordergrund, in denen man sich unaufhaltsam zum Weisen mit grauem Bart wandelt. Warum also in den Jahren der »Rehabilitation« an alten Mustern festhalten?

Der notorische Nihilismus, den das Eröffnungsstück Čas za revolucijo verkörpert, hätte der Song »Heroj nove dobe« sein können, den Nihilismus im Galopp mit hochgestrecktem Mittelfinger in die Luft hält dahinter das klirrende Živalska farma aufrecht, wo Marolts Geknurre intensiver wird. Der dritte Albumtrack Tujca beendet auf dem Album den aufständischen Vandalismus der Punk-Rock-Aufwallung der Band, die sich noch ein letztes Mal flüchtig auf ihr Achtziger-Abenteuer umgeschaut hat. Diesem Trio schließt sich mit einer wilden Strophe später auch der Song Stres generacije an.  

Die meisten Songs  im weiteren Verlauf halten sich an ein mittleres Tempo. Es hält jenen melancholischen Post-Punk-Schleier aufrecht, der im Erbe von Niet nach dem typisch slowenischen Muster des »Düsterwesens« eingemauert ist.  Dekle izza zamreženega okna könnte nach dem Sprung in den Refrain das »neue Februar« sein, was bedeutet, dass Niet auch auf dem neuen Album die Eigenschaft beibehalten haben, Melodie in ihr Punk-Rock-Handwerk einzuflechten. Typisch Niet-eskes Kombinieren also. Deshalb ist das Album »Trinajst« ein echtes Niet-Album. Ti in jaz in noč in večnost ist der Moment des Albums, in dem sich mehr Elemente einer uralt-post-punkigen bis shoegazerartigen Kontur in die Musik einschleichen, besonders im Kontrast zwischen Gesang und der fetten Basslinie, die den Gitarrenriffs beider Gitarren den Vorrang streitig macht.  Naj kri zalije ves svet ist die aufgedrehte, beschleunigte Fortsetzung von Ti in jaz in noč in večnost, die sich davon dann im Sprung zu Še en sončen dan löst. Der dritte Teil dieses Songs heißt Utrujen; die Band dreht nur minimal an zwei Griffen in der Linie und führt die Triade Kri naj zalije ves svet/Še en sončen dan/Utrujen zu einem ruhigen Abschluss, wo sich die Gitarre erneut etwas zurücknimmt und der Basslinie die Führung überlässt.

Niet sind keine versierten Musiker, was das Beherrschen der Instrumente angeht. Das waren sie nie und das werden sie nie sein. Zum Glück haben sie Borut Činč im Studio, denn der Doyen der slowenischen Rock-Musik führt sie wie ein sorgsamer Vater ständig auf Kurs und korrigiert sie, damit sich kein verdächtiger kompositorischer Furz auf das Album einschleicht.  Das Riffing ist auf den meisten Songs sehr monoton und eintönig. Diese enthalten gerade Linien, die auf dem Einsatz von drei, höchstens vier Akkorden basieren, und diese drehen sich in einer repetitiv vorhersehbaren  4/4-Abfolge. Die Musik von Niet ist also trivial entschlüsselbar, selbst für die ungeübtesten Ohren.

Und dennoch. Es gibt durchaus einige Elemente geschickter Abhilfe, die das Album interessant zum Hören halten. Der erste Faktor ist zweifellos Marolts vokale Haltung. Der Mann beweist, dass er aus dem richtigen Teig für das neue Niet geknetet ist. Oft greift er zur bewussten Dissonanz nach dem Vorbild der alten Habič-Schule, führt ein paar Verse durch narrative Passagen, oder einfach abgehackt ohne Melodie (Strophe in Temni oblaki). Ansprechend sind auch seine Nihilismus-Eskapaden, die sich vor allem am Anfang des Albums verdichten. Marolts Interpretation ist sehr wichtig, da sie die monotone Haltung der Gitarrenphrasen des Albums aufbricht – diese basiert auf dem Drehen von drei bis vier Tönen in der einfachen »Quadratur« von Quint-Zweifinger-Griffen. Jeder wird sagen: „Das sind nun mal Niet, und dafür braucht man keinen Einstein, sonst bekommt man kein echtes Niet!«. Stimmt. Und trotzdem werden anspruchsvollere Hörer in der ganzen neuen Geschichte der Band etwas mehr suchen. Deshalb hat die Band neben Marolts äußerst ansprechendem Vokalansatz noch einige zusätzliche Tricks auf »Trinajst« eingebaut, die die Entwicklung des Albums und seiner einzelnen Tracks wirkungsvoll auflockern. Die Einbeziehung eines Kinderchors am Ausklang des Songs Živalska farma ist einer dieser Tricks. Das Kokettieren mit dem Streichquartett Vijolice, übertragen vom Album »Izštekani« auf den Song Beli prah, ist ein weiterer solcher Trick. Dazu kommen besondere Effekte, wie das Heulen einer Sirene im Intro des Songs Stres generacije und das eröffnende Streicherarrangement im Song Ljubezenska romanca. Und nicht zuletzt der unverzichtbare Hauch von Činčs Hammond B3-Orgel (Ljubezenska romanca, Škrati in gosenice, Na drugo stran). Die Melodien können sogar mit Begleitharmonien  verdoppelt werden  und das sehr ansprechend (Škrati in gosenice). All das deutet auf eine potenzielle Weiterentwicklung der Band bei künftigen Studioabenteuern hin.

Gerade ein Song wie Ljubezenska romanca ist das Beispiel einer idealen Kombination aus punkigem Dilettantismus und treffsicher dunklem Uptempo mit eingeflochtener ansteckender Melodiösität, wo Činčs Keyboards die finale Arrangement-Kontur des Songs meisterhaft bereichern. Ein ähnliches Erlebnis liefert gegen Ende Škrati in gosenice, das sogar einen Vorrefrainübergang enthält. Beide Songs sind die Arrangement-Highlights des Albums und der passende Ausgangspunkt, an dem die Band unbeschwert ihren musikalischen Ausdruck in die Zukunft weiterentwickeln kann!

Das Album ist ein »slowenisches« Rock-Album des musikalischen »Untergrunds«, »slowenischer« geht es nicht! Schau dir nur das Konzept des Albums an, ohne die musikalische Substanz, und dir wird sofort alles klar. Der Protagonist  erhebt den aufständischen Schrei und stellt fest, dass er allein ist. Er baut eine Mauer um sich, isoliert sich, und am Ende findet er keinen Ausweg mehr. Also begeht er Selbstmord (Na drugo stran). Vorher aber, berauscht von „Weißem“ oder „Braunem“ (die Wahl überlassen wir euch, liebe Leser), vergisst er nicht, auch seine »Junkie«-Geliebte in die ewigen Jagdgründe zu schicken und ihr so die Qualen des sinnlosen Aufwachens in der grausamen Welt der Realität zu ersparen. Typisch Slowenisch, oder? Wenn uns etwas nicht passt, begehen wir Selbstmord oder ziehen einfach – aus dem Land weg, am besten weit weg.

Niet haben mit ihrem Studiodebüt in erster Linie ein sehr bedachtsames Album abgeliefert. Es ist ein qualitativ hochwertiges Testament der Rückkehr, das mit der Vergangenheit auf elegante Weise aufgeräumt hat, sodass sie mit vollen Segeln in die Zukunft ihres weiteren Lebenswegs blicken können. Doch künftig wird es nötig sein, das kultische Statussymbol der Niet-Musik aufzulockern, das sich mit den zu Volksgut gewordenen »Untergrundshits« der Achtziger in das Unterbewusstsein des Slowenentums eingefressen hat. Die Jungs sind gereifte Männer, und sie lechzen sicher nach interessanten, arrangementtechnisch-kreativen Herausforderungen. Die Zusammenarbeit mit Činč rettet ihnen hier zweifellos die Haut, und auch Borut Marolt hat noch nicht alles aus seinem vokalen Können herausgeholt. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. Das Album ist ein schöner neuer Anfang für die Band, der aber unbedingt von seinem Nachfolger künstlerisch übertroffen werden muss! Sympathisch, würdevoll, in jeder Hinsicht glaubwürdig „Niet-esk“, aber ohne Superlative.

Besetzung

Borut Marolt – Gesang
Igor Dernovšek – Gitarre
Robert Likar – Gitarre
Aleš Češnovar – Bassgitarre, Begleitgesang
Tomaž Bergant „Breht“ – Schlagzeug

WEITERE MUSIKER:
Borut Činč – Hammond B3-Orgel auf den Tracks Nr. 8, 11 und 12, Klavier auf Track Nr. 9
Severa Gjurin – Gesang auf Track Nr. 9
Streichquartett „Vijolice“ – Streicher auf den Tracks Nr. 8 und 9
Schulchor OŠ Litija – Chorgesang auf Track Nr. 2

Produktion

Borut Činč

Trackliste

1. Čas za revolucijo
2. Živalska farma
3. Tujca
4. Dekle izza zamreženega okna
5. Ti in jaz in noč in večnost
6. Naj kri zalije ves svet – Še en sončen dan – Utrujen
7. Stres generacije
8. Ljubezenska romanca
9. Beli prah
10. Temni oblaki
11. Škrati in gosenice
12. Na drugo stran
13. Trinajst

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