The Hunter
Autor: Sandi Sadar Šoba
Interpret: Mastodon
Label: Reprise Records
Erscheinung: 2011
Laufzeit: 53:01
Wertung: 4.6/5
Nach vier Platten wurde es klar – Mastodon haben die Urquellen der Existenz ihres Universums ausgeschöpft. Ihre glühend heiße Welt ist konstituiert, und nach dem Abkühlen der ursprünglichen, primordialen Schöpfungsmagma ist eine Periode des Schleifens und Meißelns angebrochen. Das könnte man Evolution oder auch Altern nennen – sucht euch aus, was ihr wollt, aber die Tatsache, die man unmöglich übersehen kann, ist, dass das Quartett aus Atlanta in der Lage ist, neue Konzepte der eigenen Wahrnehmung zu erfinden, ohne sich dabei in bedeutungslosem Geschwätz zu verlieren!
Als sich The Hunter das erste Mal in meinem Player drehte, wurde klar, dass im Herzen des vierblättrigen Kleeblatts der momentan fruchtbarsten Sludge-Musiker, die die Welt zu bieten hat (wenn sie nicht die Besten sind, sind sie zumindest nah an der Definition der Vollkommenheit), noch immer ein Ozean ungesprochener Verse und ungespielter Harmonien steckt, die aneinandergehängt sind und euch durch die Unausweichlichkeit ihrer Toxizität so verdammt nochmal zum Tanzen und Erliegen ihrer Zauber verführen, dass sowohl Schamanen als auch Legionen von Schwarzmessen-Hexern sie darum beneiden. Muss ich eigentlich betonen, dass ich vom ersten Moment an einfach hingerissen war von der Schönheit, die aus den Lautsprechern herausgebrüllt kam und die Winkel meines kleinen Fleckchens imaginärer Welt der Ruhe und des Friedens erfüllt hat?
Aber gehen wir schön der Reihe nach. Tatsache ist, dass The Hunter das merkwürdige fünfte Kind aus der Sammlung außergewöhnlicher Werke der atlantischen Metal-Rocker ist. Wenn ihr nach der Platte Crack The Skye überzeugt wart, dass einfach nichts mehr gesagt werden kann, das nicht den süßlichen Nachgeschmack des Genusses der Esoterik und der mystischen Mana trüben würde, mit der sich eure Ohren genährt haben, während sich eure Seele in dem dampfigen Gemisch aus Räucherwerk und verbotenen Substanzen auflöste, müsst ihr keine Angst haben, dass ihr diesmal unbefriedigt und auf dem Trockenen sitzt. The Hunter ist die sinnvolle Fortsetzung des großartigen Vorgängers. Und wenn Crack The Skye von Dailors zu früh verstorbener Schwester Skye Abschied nahm, ist auch auf The Hunter eine Spur von Düsternis, Abschied und, ja, genialer seelenfürsorglicher Tröstung zu spüren. Die diesmalige Platte ist Hinds‘ Abschied von seinem Bruder, der beim Jagen tödlich verunglückt ist, genau in der Zeit, als das höllische Quartett die neue Platte aufnahm und erschuf. Eine Tragik, mit der sich jedoch die immer nach Voyeurismus und eigentümlicher mastodonischer Nekrophilie hungernden Fans befriedigen und sättigen können.
Die Platte öffnet sich mit einem Fächer außergewöhnlicher Riffs des Songs Black Tounge, der die Richtung anzeigt, in die diesmal der Zug der leidenschaftlichen Zerstörung rasen wird – ohne unnötige verschnörkelte Extras, ohne Progressive-Elemente, und näher an einer abgespeckten, aber aufgepumpten Version der Mastodon, wie ihr sie von der Platte Blood Mountain oder dem höllisch außergewöhnlichen Leviathan kennt, jedoch mit weniger kehligem Oratorium. Klassik ist eine außergewöhnliche Sache, aber schon bei Curl The Burl bekommt ihr Gänsehaut, denn es fühlt sich an, als hättet ihr eine gute Portion Ozzy, Queens Of The Stone Age, Kyuss und auf Steroide gesetzten Led Zeppelin in denselben Topf geworfen.
Auf dem Album bekommt ihr noch psychedelische, floydianische Momente, statt der Langfilmform viertelstündigen Quietschens bewegt sich die Länge der Songs jedoch um die Grenze von gesunden drei Minuten oder nur etwas mehr. Konservatives, aber keineswegs überflüssiges Greifen nach anderen Definitionen der Harmonie. Die sexy Kombination, die sich konsequent und ausdrücklich der Härte entsagt, keineswegs aber dem eigentümlichen Optimismus und der Lebendigkeit, setzt sich auch auf dem Song Blasteroid und in der außergewöhnlich liebkosenden Spannung des Songs Stargasm fort. Mastodon konzentrieren sich diesmal nicht auf ein globales Konzept, sondern nehmen euch mit auf dreizehn Stationen, die in ihrer schematischen Einfachheit eindrucksvolle und schöne Momentaufnahmen ihrer Intimität und traumhafter Einblicke sind.
Das Kuriose und die Faszination für altmodische Science-Fiction-Filme ist ebenfalls Teil dieser außergewöhnlichen Welt, in der einsame Kraken umherwandern (Octupus Has No Friends), in der euch schwere Momente und Depressionen zu Boden drücken (All The Heavy Lifting) – und noch mehr könnte man aufzählen. Der Titelsong The Hunter besitzt die Schärfe und den Schmerz des Songs The Last Baron. „Through fire embers glow / Haunted I lift the stone / Letting go your spirit flies.“ Die Seele verlässt die Welt und haucht in ein paralleles Universum des weltlichen Lebens hinüber, unsichtbar bleibt das Rätsel und zur Tröstung für alle Trauernden auf dieser Welt. Frieden und ausgesprochener Schmerz erfüllen das Herz, und das Summen vollständiger Hingabe legt eine der besten Tröstungen von Hinds ab, die wir bisher gehört haben. The Hunter ist Hinds‘ Mantra und sein Seelenpflaster – und von Amts wegen dürfen auch wir alle anderen daran teilhaben …
Wenn ich vorher dachte, dass die diesmalige Platte in ihrer Grundlage eine Art konzeptloser Erstling ist, der mit etwas volleren Lungen atmet, kann ich nach der vollständigen spektralen Analyse des Gehörten auch bestätigen, dass die Platte ein reifes musikalisches Werk ist, mit dem neben den alten Fans auch all jene gesättigt und befriedigt werden, die das nahrhafte Potenzial in den melodiöseren Momenten der Platte Blood Mountain gespürt haben – nur dass der diesmalige Aufstieg zu den Gipfeln des seelischen Universums sofortiger und dem Bergsteigen mit Hilfe moderner technologischer Hilfsmittel ähnlicher sein wird, und nicht dem pionierischen mühseligen Schuften, dem nur wenige ausgewählte Einzelpersonen oder selbsternannte Messiasse gewachsen sind.
Und die Sache hat einen zusätzlichen Reiz: Es ist auch die erste Platte, auf der ihr dem kompositorischen Meisterwerk und dem Gesang des talentierten und inspirierten Schlagzeugers Brann Dailor lauschen könnt, gleichzeitig haben Mastodon auch für prestigeträchtige Gäste gesorgt, die der Platte noch besseren Klang verleihen. Auf dem Song Spectrelight gesellt sich zu den einheimischen Kehlen noch der Sänger und Gitarrist der Gruppe Neurosis Scott Kelly. In der Reihe der dreizehn Songs gibt es einfach kein faules, morsches Stückchen, wegen dem das Ganze wie ein Kartenhaus zusammenbrechen könnte und wegen dem Skeptiker und in ihre eigene Größe vernarrte Misanthropen unter die Begeisterten das stinkende Unkrautkorn des Zweifels und haltloser Einwände säen könnten. Dennoch ist Tatsache, dass das Gepräge des diesmaligen Ausflugs in die Welt der Mastodons und prähistorischer megalomaner Kämpfe längst ausgestorbener Bestien dem Barock und den Renaissance-Schnörkeleien weniger ursprünglicher Ästheten näher steht als den Wandmalereien in einer verrauchten Höhle.
https://www.youtube.com/watch?v=f3LLX9ThXjI
Es kann also die Frage gestellt werden: Ist The Hunter ein künstliches Gebilde, mit dem Mastodon zeigen, dass sie einfach dürfen und dass sie die Gesetze ihres eigenen Gravitationsfeldes brechen können – oder ist einfach eine neue Periode angebrochen, eine neue Epoche in ihrer mentalen und musikalischen Blüte. Auf jeden Fall ist in der Collage außergewöhnlicher Gitarrenfragmente und in den Stuckaturen dichter Kompositionen alles so, wie es sein muss. Die Melodie besiegt den disharmonischen Wunsch nach Gemetzel. Das Leben hat den Tod besiegt, und die Genesis eines neuen Proto-Universums verspricht neue Flüge ins Unbekannte – ohne unnötige Einschränkungen oder Festklammern an generischen Konzepten oder Erwartungen der Massen. Der neue Weg zur Unsterblichkeit ist mit Granitpflastersteinen und Brillanten gepflastert, die sich die Jungs bzw. Männer von Format in Zukunft so meißeln können, wie es ihnen beliebt – hoffen wir aber, dass sie die Grenzen ihrer Möglichkeiten noch viele Jahre lang ausloten werden. The Hunter ist zweifellos eine Platte, nach der euer mentaler Phallus noch lange stramm stehen wird – hoffen wir aber, dass nicht schon bei der nächsten Platte ein Container Viagra nötig sein wird, um diesen Zustand wieder zu erleben …
Besetzung
• Troy Sanders – Gesang, Bass
• Brenn Hinds – Gesang, Gitarre
• Brann Dailor – Gesang, Schlagzeug, Perkussion
• Bill Kelliher – Gitarre, Hintergrundgesang
Gastmusiker:
– Scott Kelly – Hintergrundgesang auf dem Song Spectrlight
– Rich Morris – Synthesizer und Keyboard auf den Songs ‚Stargasm‘ und ‚Bedazzeled Fingernails‘
– Will Raines – Synthesizer und Keyboard auf den Songs ‚The Sparrow‘ und ‚The Hunter‘
– Dave Palmer – Synthesizer und Keyboard auf dem Song ‚Creature Lives‘
Produktion
Mike Elizondo
Trackliste
1. Black Tongue
2. Curl of the Burl
3. Blasteroid
4. Stargasm
5. Octopus Has No Friends
6. All the Heavy Lifting
7. The Hunter
8. Dry Bone Valley
9. Thickening
10. Creature Lives
11. Spectrelight
12. Bedazzled Fingernails
13. The Sparrow