Roots & Wings
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Stef Burns League
Label: 57 Records
Erschienen: 20.01.2014
Laufzeit: 47:11
Bewertung: 4.5/5
Stef Burns ist ein weiterer Gitarren-Zauberkünstler, der sich auf den Alben von Bands und Künstlern wie Alice Cooper, Y&T, Huey Lewis & The News verewigt hat – und seit nunmehr zwanzig Jahren fester Bestandteil der Crew, die für den italienischen Superstar Vasco Rossi auf Tour geht und Studioalben aufnimmt (für den Sommer 2014 hat er mit Vasco bereits vier aufeinanderfolgende Auftritte im riesigen Mailänder Stadion San Siro reserviert). Stef Burns, ursprünglich aus Oakland bei San Francisco, lebt seit vielen Jahren im italienischen Bologna, wo er auch glücklich verheiratet ist – er gilt als feinsinniger Virtuose und musikalischer Visionär, der auf jedem musikalischen Werk seinen klar geprägten künstlerischen Stempel hinterlässt. Sei es ein gitarristisches Ornament, eine Phrase oder das, was bei diesem ausdrucksstark vielschichtig ausgeformten Gitarristen am meisten geschätzt wird: die Art, wie seine Gitarre in Passagen spricht, die der Improvisation gewidmet sind.
Es stimmt, dass Stef bei vielen »Arbeitgebern« durchgehend voll aktiv ist – in seiner Karriere hat er wahrscheinlich genau deswegen nicht viele eigenständige Studioarbeiten veröffentlicht. »Roots And Wings« ist eigentlich erst sein drittes echtes Soloalbum. Obwohl wir von einem Soloalbum sprechen, wird Stef darauf von einer Truppe erfahrener und hochgeschätzter Musiker begleitet, mit denen er sich im Studio so gut verstand, dass es sinnvoll war, die ganze Sache etwas auszuweiten. Zu einer Band. Daher auch die sinnige Bezeichnung des Projekts: Stef Burns League. Am Schlagzeug sitzt Juan van Emmerloot, die Keyboards bedient der große Meister, der Triestiner Fabio Valdemarin, der auch mit Vasco Rossi zusammenarbeitet, Bass und Background-Gesang liefert der einzigartige Roberto Tiranti, der als echter kleiner Glenn Hughes der jüngeren Generation italienischer Rock- und Metal-Musiker gilt (Tiranti trat im Februar 2010 in der Ljubljaner Cvetličarna mit der Band Labyrinth auf, als Vorband der finnischen Sonata Arctica). Diese drei Musiker sind auf dem Album »Roots And Wings« auch als Mitautoren von Musik und Texten aufgeführt.
Was »Roots And Wings« bietet, ist eine einzigartige Fahrt durch das Mittelfeld zwischen ultramelodischer Sanglichkeit und Experiment – getragen von der reichen Vorstellungswelt Stef Burns‘ als Künstler, nennen wir ihn ruhig einen Gitarrenhelden. Auf dem Album spürt man, dass Stef tief mit der Musik verbunden ist, die er mit Huey Lewis and The News und Vasco Rossi macht. Bei Vasco hat er enorm viel Erfahrung gesammelt. Das sind jene filigranen Feinheiten, die er von beiden versierten Künstlern in seinen eigenen Sound und Stil überträgt. Man spürt, dass Stef mit den Klängen von The Beatles und Electric Light Orchestra aufgewachsen ist. Alle Songs besitzen nämlich einen ausgearbeiteten Charakter von Anfang bis Ende und damit eine außerordentliche Kompaktheit – mit Höhepunkten in den eingängigen Refrains. Burns liebt es, Retro-Streicherarrangements im Stil der Siebziger hinzuzufügen, was seine Faszination für das Werk der Electric Light Orchestra noch weiter vertieft. Stef Burns ist auch ein ausgezeichneter Sänger – die Natur hat ihn mit einer wunderschönen natürlichen Stimmfarbe beschenkt, die wie gemacht für die Melodien seiner Songs ist. Auf der anderen Seite aber – wenn man von der außerordentlichen ideellen Scharfsinnigkeit beim Schmieden eingängiger melodischer Hooks und dem perfekten Zusammenspiel von Strophen und Refrains absieht – ist der Faktor, mit dem Stef Burns das Element einer einzigartigen künstlerischen Aussagekraft erreicht, sein außerordentlich feines Gespür für die Dosierung all dieser melodischen Formen mit dem genau richtigen Maß an Experiment in seinem Gitarrenspiel.
Das experimentelle Element ist so feinsinnig angepasst, dass Stef mit diesen Feinheiten eigentlich eine optimale Färbung und Belebung der Songs erreicht. Damit das nicht zu kompliziert wird! Von den »mid-eight«-Teilen, in denen sich sogar der progressive Charakter der Songs ausdrückt und in denen Burns mit meisterhaften Lösungen beeindruckt, die den Musiker dazu führen, einen freien Raum zu schaffen (innerhalb der harmonischen Motive), um seinen improvisatorischen Eingebungen voll freien Lauf zu lassen – bis hin zu dem Moment, in dem der Musiker mit vorzüglichen Übergangspassagen zum Kern der Komposition zurückfindet. Das bedeutet, er findet sich sinnvoll wieder in einen beliebigen Song ein – direkt vor dem Einstieg in den abschließenden Refrain! Stef Burns ist darin ein wahrer Meister! Genau diese eben beschriebene Qualität ist die größte Perle dieses Albums, sein größter Reiz.
Die Songs bieten dabei eine außerordentlich abwechslungsreiche Platte. Die Tracks können mit funky Blues-Koketterie aufgeladen sein, vollgepackt mit schelmischen Versen – so wie der Titeltrack Roots & Wings. In diesem Song leistet auch die Rhythmussektion herausragende Arbeit – angeführt von den melodisch ausgearbeiteten Lösungen Roberto Tirantis am Bass sowie dem einfühlsamen Rhythmussetzen des feinsinnigen Schlagzeugers Juan van Emmerloot. Die Instrumentalstücke Cover You und Us enthüllen die vielschichtige Raffinesse Stef Burns‘ als Gitarristen und stellen ihn damit neben ähnlich einzigartige Meister – von Michael Landau über Carl Verheyen bis Steve Lukather. Burns setzt die Noten durchgehend mit Gefühl. Er streut sie nie einfach aus. Er platziert sie mit Bedacht. Mitunter löst er Passagen in den Improvisationen auch durch das Aneinanderreihen von Griffen, mit denen er die gegebene melodische Form ausdrückt, die dabei in den improvisatorischen Teil eingebettet ist. Gerade die beiden Instrumentalstücke des Albums sind ein erstklassiger Beweis für das progressive Element, das das Album »Roots & Wings« in sich trägt. Burns verschmilzt meisterhaft Elemente des Jazz, Rock, Pop und Blues. Diese Übergänge sind beim ersten Hören kaum wahrnehmbar, was bedeutet, dass die Musik eine schöne Dosis eklektischer Würze trägt. Es handelt sich also um ein Art-Rock-Album. Die Hard-Rock-Wurzeln legt der Opener What Doesn’t Kill Us am unverhülltesten bloß – er wurde auch als Single veröffentlicht. Dann aber sind die wichtigsten Tracks des Albums jene, die die melodischen (The Beatles & Electric Light Orchestra) Elemente des Albums bloßlegen, was der abschließende Track Patience besonders wirkungsvoll zusammenfasst. Dieser gilt als eine der am schönsten abgerundeten Kompositionen des Albums. Das gilt auch für Home Again – ein wunderschöner akustischer Track, wirkungsvoll unterstützt von Streicherarrangements, in dem der einfühlsam expressive Charakter von Stefs Gesang besonders aufblitzt –, sowie Something Beautiful und Paper Cup. Miracle Days trägt im Arrangement eine gewisse moderne Alternative-Rock-Würze, die für Kenner der Musik von U2 und/oder Coldplay interessant sein dürfte.
Das ist ein Album, das alle, die nach einzigartiger und aussagekräftiger musikalischer Substanz suchen – organisch lebendige Klangtiefe –, sofort in seinen Bann ziehen wird. Es hat alles. Außerordentliche Kompaktheit wunderschöner Melodien, eine perfekte Mischung klugen Genreverschmelzens, das brillante chemische Zusammenwirken der vier Bausteine, den einfühlsamen und warm-ausdrucksstarken Gesang Stef Burns‘. Eine außerordentliche Mischung aus Melodie und solotechnischen Eskapaden – das ist musikalisches Experiment. Ein Album, dem du nichts mehr hinzufügen und nichts wegnehmen kannst. Ein außergewöhnliches Werk, dessen Ideen – angesichts der hohen Ausgefeiltheit aller Songs – über viele Jahre heranreifen mussten!
Besetzung
Stef Burns – Gesang, Gitarre
Fabio Valdemarin – Keyboards, Gitarre, Background-Gesang
Roberto Tiranti – Bass, Background-Gesang
Juan Van Emmerloot – Schlagzeug, Perkussion, Background-Gesang
Produktion
Masaki Liu & Stef Burns
Trackliste
1. What Doesn’t Kill Us
2. Something Beautiful
3. Miracle Days
4. Home Again
5. Paper Cup
6. Cover You
7. Sky Angel
8. Heaven Is Blue
9. Roots & Wings
10. Us
11. Patience