Poglej
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Neomi
Label: Celinka
Erschienen: 2011
Laufzeit: 42:29
Wertung: 4.5/5
Neomi sind noch eine Band, die man getrost in die Reihe jener aufnehmen kann, die eigentlich den gesunden slowenischen Musik-»Mainstream« aufbauen müssten – wenn darin musikalischer Enthusiasmus und ein »ehrenwerter Kampf« zwischen Bands die Regeln diktieren würden, wo im gegenseitigen Wettstreit nur die Qualität des eigenen künstlerischen Ausdrucks zählt, statt bloße Geldmengen. Ich lebe in einer Illusion, nicht wahr? Die, die ihre Teenager-Jahre in den Sechzigern oder Siebzigern verbracht haben, würden mir da sicher nicht zustimmen. Aber weg mit den Reflexionen über den Entwicklungsstand der menschlichen Zivilisation im Jahr 2012 – reden wir lieber über das Debüt von Neomi mit dem Namen »Poglej«.
Das Septett baut auf vollkommen reinen, organischen Klangkulissen auf. Neomi machen es sich nicht kompliziert. Ihr Antrieb ist das Aneinanderreihen klanglicher Collagen mit schlichter Wohlklingendheit, kurzen und prägnant gesetzten Gesten und einem entspannten Charakter, der beim ersten Hören ansteckend wirkt. Die Songs sind ausgesprochen kurz und messen oft kaum drei Minuten. Temno modro etwa endet mit einem jazzigen Gitarrensolo, obwohl im Songwriting noch mindestens Platz für eine weitere Refrainwiederholung wäre.
Das Erste, was bei der Musik von Neomi die Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist der spezifische Gesang von Sängerin Saša Vipotnik. Ihre Stimme hat eine puppenhaft-kindliche Färbung, die bisweilen »honigsüß« wirken kann, punktuell aber eine zerbrechliche Unschuld und eine makellos sehnsüchtige Note verstärkt, die ein solcher Gesang dem Ausdruck der Songs selbst verleiht. Sašas Stimme funktioniert in der vollständig organisch aufgebauten Klanglandschaft ausgezeichnet, da die sensitive Seite des vokalen Ausdrucks in einer solchen Begleitmusik zusätzlich verstärkt wird. Die Sinnlichkeit in der raffinierten Darbietung der Verse funkelt besonders intensiv im Stück To bitje, wo Sašas Stimme praktisch »nackt« ist und nur vom Piano begleitet wird. Genau diese »Nacktheit« ist – in Verbindung mit der melodisch brillanten Lösung, die im Refrain eingefangen wird – der Schlüssel zur außerordentlichen sensitiven Intensivierung des Albumabschlusses! Wenn es kein Piano ist, wie im ruhigen Poglej, das die Botschaft »lebe und lass leben« verbreitet, dann ist es die Wärme des »Hammond-like« Orgelklangs, wie in Luči so ugasnile. Die Songs folgen der kompakten Strophe-Refrain-Struktur mit Ansätzen, die in Richtung Jazz, Blues und Chanson drängen (Luči so ugasnile). Das muss aber nicht zwingend so sein. Und genau deshalb ist die Musik von Neomi sehr interessant – sie trägt schon mit dem Debüt »Poglej« eine klar erkennbare Note, oder besser gesagt: eine Note des »Andersseins«. Das Titelstück selbst ist das ideale Beispiel, das unter einem Dach alle wiedererkennbaren Merkmale der Musik von Neomi vereint: etwas ureigenem Kunstsinn und die Einflüsse aus Jazz und Blues.
Wo steckt dieses Anderssein? In erster Linie zweifellos im hervorragenden Funktionieren der Refrainmelodien, die auf den Eigenheiten des Ausdrucks der Leadstimme aufwachsen (in diesem Merkmal packt einen schon der Einstieg »Čudovito«). »Razglašeno« ist zum Beispiel ein Song, den man nirgendwo einordnen kann – in keine Genreschublade. Die Band holt gerade im Refrain einen außergewöhnlichen melodischen Charakter heraus, und die Gitarre nutzt in diesem Stück besonders wirkungsvoll den verfügbaren Raum, der sich in der Begleitposition auftut – mit prägnanten, schlicht platzierten Gesten und nur wenigen Ziertönen gibt sie dem Song einen eigenen Charme. Genau dieses unprätentiöse Spiel der Gitarre mit einfachen Mitteln (so etwa das kosmetische »Soundscape Floydovske Gilmoureske« im Refrain von Odpri oči), das mit seiner Geschmeidigkeit den Hintergrund der Klangbegleitung wirkungsvoll nutzt, ist neben dem Leadgesang ein weiteres Merkmal des eigenständigen Ausdrucks in der Musik von Neomi.
Ein weiterer solcher, überaus besonderer Moment des Albums ist der Song »Opica«, wo die Band den Großteil der expressiven Kraft in die Gestaltung rhythmischer Texturen gesteckt hat, die im Refrain sogar mit zusätzlichem Schlagwerk untermauert werden. »Opica« ist – neben dem Stück »Začarana« – der Typ Komposition, der ideal für die Rotation auf Radiofrequenzen ist. Er besitzt eine hervorragend vereinte Doppelcharakter aus Eingängigkeit und der Originalität eines durchdringenden Kunstsinns der Band, dem die spezifische Gesangsleistung von Sängerin Saša Vipotnik das Kommando gibt.
In den insgesamt verträumt-lässigen, dabei aber tief empfindsamen Charakter des Albums bricht das funk-jazzartig eingefärbte »Začarana« herein, wo sich ins Wärmebild des Klangs auch das aktive Spiel der Fretless-Bassgitarre einschleicht. Das ist ein Kompositionsstil, den wir Slowenen gut beherrschen – vor allem die musikalisch Ausgebildeten unter uns. Die Fusion von Jazz und Rock oder Jazz und Funk (im Fall von »Začarana«) ist uns stets gut bekommen. Die Integration des Flügelhorns und der hinzukommende Dialog der Hintergrundstimmen mit der Leadstimme im Refrain erzeugen einen Albummoment von ganz besonderer Stimmung und künstlerischem Charakter. »Začarana« ist einer der schönsten Belege für die vielschichtige musikalische Bildung der Bandmitglieder, für den weitreichenden musikalischen Intellekt ihrer Mitglieder, für die geschmeidige Durchdringungsfähigkeit bei der Suche nach anderen Prinzipien in der Vermittlung der musikalischen Botschaft einer Band, die in erster Linie (und das ist das Wichtigste) ein großes musikalisches Ausdruckstalent nicht verbirgt.
Neomi sind Eigengewächse. Die Band entwickelt schon mit dem Debüt ihre eigene wiedererkennbare musikalische Ausdrucksspur. Durchaus sind die Anknüpfungspunkte zu Jazz, Blues und Soul spürbar, ebenso Elemente des Chansons – aber das ist typisch für das musikalische Umfeld, in dem sich viele slowenische Bands versuchen. Was die melodische Komponente angeht, sind Neomi eine außerordentlich starke Band. Die Leitmotive wirken »slowenisch«, aber anders – und genau das verleiht der Band jenes künstlerische Element, das sie von anderen slowenischen Bands abhebt, nämlich von jenen, für die nur erfolgreiche Imitation gilt und die dadurch ihren Charakter im Meer der Generik verlieren. Neomi sind eine Band, die du unbedingt auschecken musst. Das Debüt »Poglej« ist eine Sammlung von Songs mit leichter Zugänglichkeit und einem klar erkennbaren Attribut der Originalität, der deine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Interessant wird es sowohl für anspruchsvolle Hörerinnen und Hörer sein, denen schon minimale Schwankungen in den Klangnuancen auffallen, als auch für jene, die sich nicht allzu viel den Kopf zerbrechen und beim ersten Hören einfach nur Eingängigkeit suchen.
Besetzung
Saša Vipotnik – Gesang
Erik Marenče – Keyboards
Tadej Košir – Gitarre
Jernej Kržič – Bass
Anže Žurbi – Schlagzeug
Urban Sever – Backgroundgesang
Katja Sever – Backgroundgesang
GASTMUSIKER:
Miha Koretič – Akustikgitarre in Stück Nr. 3
Jan Štangelj – Cello in Stück Nr. 9
Igor Matkovič – Flügelhorn in Stück Nr. 10
Produktion
Jernej Kržič