No More Hell To Pay

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Stryper
Label: Frontiers Records
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 53:12
Wertung: 5/5

Stryper sind zurück. Mit ihrem achten Album. Eben jene Stryper, die als eine der zentralen Figuren der Bewegung namens Christian Rock gelten. Diese erlebte ihre Blütezeit im goldenen Zeitalter des Melodic Rock, also in den Achtzigern. Das war vor dem »Grunge«-Boom.

Stryper sind heute noch in Originalbesetzung aktiv. Das Quartett hat in diesem Jahr bereits ein Album veröffentlicht. Es handelt sich um »Second Coming«, auf dem neu eingespielte Klassiker der Band zu finden sind.  Diese »Ouvertüre« in den eigentlichen Aufnahmeprozess neuen Materials erwies sich für Stryper als äußerst günstige Lösung. Aber der Reihe nach.

Ohne Umschweife lässt sich über das neue Album sagen: Es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln. Mit dem wesentlichen Unterschied, dass es die aufgepeitschte Metal-Produktion von »Second Coming« beibehalten hat. Und vielleicht noch wichtiger: Kein Hauch von Süßungsmittel. Das bedeutet, dass die meisten Songs aus Moll-Tonarten schöpfen – die Hauptmelodien basieren auf Moll, weshalb das Album borstig und besonders düster klingt, wie kein Stryper-Album vor diesem Tag.  Was bedeutet das, und was bringt das für Stryper in der neuen Ära? Ein großer Trumpf, der der Band die Türen weit aufstößt, um eine erstklassige Gelegenheit zu nutzen: Neue Songs können unbekümmert und souverän Seite an Seite mit ihren berühmten  Klassikern in jedem Bühnenrepertoire des neuen Jahrtausends erklingen. In dieser Hinsicht lässt sich nur eines sagen! Jungs, Hut ab vor diesem großartigen Werk! Lang habt ihr daran gefeilt, nach dem keineswegs schlechten, aber leicht überraschenden Vorgänger »Muder By Pride« (2009). Stryper blickte über »Murder By Pride« zunächst zurück auf »Reborn« (2005), blieb dort aber nicht stehen. Mit dem Blick auf die eigenen Inspirationsquellen kehrten sie nämlich in ihre frühe Schaffensphase zurück.   Offensichtlich war der Schachzug, »Second Coming« zu veröffentlichen, mehr als willkommen. Er half der Band, ihre fruchtbarsten Schaffens- und Erfolgsjahre noch einmal zu durchleben und sie durch eine Zeitmaschine in neue Gitarrenphrasen zu überführen. Zum neuen Album also. Dieses ist von der ersten bis zur letzten Note scharf produziert und aufgezogen. Ja. Wie am Anfang dieses Textes bereits »angekündigt«. Man kann getrost behaupten, dass »No More Hell To Pay« das härteste und dunkelste klingende Album der gesamten Stryper-Karriere ist.

Offensichtlich muss etwas sehr Positives darin liegen, dass Stryper eine Christian Rock Band sind. Schon allein wegen der Tatsache, dass das Quartett all diese Jahre in Originalbesetzung durchgehalten hat. Die Jungs müssen durch absolut reine freundschaftliche Bande zusammengehalten werden. Im Fall von Stryper würde man vielleicht anfangen, wirklich daran zu glauben, dass es der Menschheit gut tut, die 10 Gebote zu respektieren. Selbst nach zwei Jahrtausenden völliger Verirrungen.  Offensichtlich sind bei den Jungs im Quartett alle Dinge völlig geregelt. Das Stryper-Team atmet für dasselbe Ziel, die Köpfe sind auf dieselbe Frequenz eingestellt, es gibt keine Geheimnisse. Die Band ist auf die richtige Arbeitstemperatur gebracht, bei der die Verwirklichung aller aufeinanderprallenden Ideen mehr als souverän vonstattengeht. So entsteht Raum für die Anhäufung großer kreativer Energie, die sich in den überragenden Songs des neuen Albums niederschlägt und daher kaum enttäuschen kann.

Vom massiv klingenden Dialog beider Gitarren in den Phrasen, über das geschmackvolle Geflecht saftiger Soli, bis hin zur brillanten Einbettung dekorativer Ornamente in verführerischen Terzen. Darüber thront die außergewöhnliche Gesangsdarbietung von Michael Sweet, die keinerlei Verschleiß oder Rost zeigt, der dem Sänger über die Jahre hätte anhaften können.  Die Stimme hat mit den Jahren einen Hauch mehr »Schmalz« gewonnen, und besonders in den mittleren bis hohen Lagen entwickelt Sweet nach wie vor eine außergewöhnliche Stimmkraft, mit der er die gewählte Melodie dominiert. Beim Übergang von den mittleren in die höheren bis höchsten Lagen hat Sweet all seine Souveränität bewahrt (Sympathy). Eine Spitzenleistung des Sängers also. Dazu fehlen über das Album hinweg auch einige himmelstürmende »Screams« nicht (Ausgangspart von Marchiing Into Battle), und wenn Stryper Sweets Leadgesang noch mit Backing Vocals einfärben (Harmonisierung der Melodien), beginnen die Songs vor lauter eingefangener Bombastik zu beben.

Vor allem aber sticht auf dem Album das ausgeprägte Pulsieren der Rhythmussektion heraus. Das Schlagzeug trägt einen wuchtigen Hall, unterstützt von Stößen der Basslinie, die mit schwerem Fuß durch das Album stampft. Kurz gesagt: Dieser Kontrast zwischen glühend metallisierten Riffs, dem erschütternden Pochen der Rhythmussektion und dem explosiven Gesang von Michael Sweet funktioniert auf dem neuen Album überragend, und man wünscht sich nur, dass mehr Bands im Melodic Rock heute solche Lösungen bei der Suche nach einer optimalen Klangbildproduktion ihrer Alben nutzen würden.

»No More Hell To Pay« trägt keine einzige Ballade. Es ist schwer, die Höhepunkte des Albums auszuwählen. Die Songs atmen. Sie sind in den Leitmotivphrasen außergewöhnlich abwechslungsreich, tragen eine ungemein eingängige, stufenweise Stimmungsübertragung von der Strophe durch den Pre-Chorus bis zum Refrain, in dem jeder Song seinen atmosphärischen Crescendo erlebt. Das Album strotzt vor Pomp-Ästhetik. Michael Sweet und die Kompanie wissen genau, wie man dem gerecht wird. Es gibt keinen Moment, in dem irgendetwas im arrangementkompositorischen Sinne oder bei der Wahl der Lösungen in der Klangproduktion schieflaufen würde. Von der eröffnenden, mit wuchtigem Riff beladenen, mittelschnellen Revelation, über die teuflisch gelungene Neuinterpretation des Doobie Brothers-Originals in Jesus Is Just Allright, die klingt, als wäre sie ein  Eigengewächs der Band, bis hin zum fantastischen abschließenden Super-Stampedo-Sturmangriff Renewed. Ein Album, das mit all seinen effektiv eingefangenen Charakteristika der Entfaltung hochvibranter Spannung die Körperhärchen augenblicklich zum Aufstellen bringt.  Diese hochatmosphärische Reichweite der wirkungsvollen Stimmungszustände lässt über das Album hinweg keinen Augenblick nach. Besonders erfreulich dabei ist der Charakter der Entwicklung des Geschehens auf dem Album auf eine Art, die bei Stryper bisher eher Ausnahme als Regel war. Es entfaltet sich gewaltig düster!  Düsterer als jede Erwartung. Und das ist gut so, denn es ist eine große positive Überraschung!  

Die Soli dieses Werks sind natürlich eine weitere besonders reizvolle Art eines überragend geschliffenen Elements, das die Kompositionen aufbaut. Sie werden mit einem außergewöhnlichen Gespür für die richtige Notenplatzierung gespielt. Die mittleren Passagen (sog. »mittlere Achter«, lies: »mid-eights«) vertiefen atmosphärisch die Stimmungen in den Songs, was bedeutet, dass sie ihre eigentliche Funktion erfüllen, wenn wir natürlich über die Art der Einbindung von Soli im Genre-Prinzip des Melodic Rock sprechen.

Mit einem derart geschliffenen und kompositorisch vollendeten  Album können Stryper die Konzertbühnen im kommenden Jahr nur stolz beherrschen. Hoffen wir, dass die Tournee sie auch nach Europa führt. Wie gesagt. Die neuen Songs funktionieren so gut und stehen den besten Zeiten der Band so nahe, dass es ein echter Genuss sein wird, die Konzertmischung aus alten und neuen Songs eines Stryper-Konzerts zu erleben. In dieser Hinsicht ist auch die Aufnahme von Auftritten für eine potenzielle Konzertalbum-Veröffentlichung empfehlenswert. Die Band hat offensichtlich eine neue riesige Welle der Kreativität bestiegen, mit der sie Berge versetzen kann — also gilt es, das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist.

»No More Hell To Pay« ist also das dritte Studioalbum nach der Wiedervereinigung der Band. Man sagt, aller guten Dinge sind drei. Und Stryper ist das in vollem Maße gelungen. »No More Hell To Pay« gehört definitiv zur Spitze der veröffentlichten Studio-Diamanten im Bereich Melodic Rock für dieses Jahr. Das Biest hat also seine Ketten gesprengt und ist blutdürstig, als wäre es in den Achtzigern des vergangenen Jahrhunderts neu geboren worden. Fans der traditionellen  Bandtradition werden begeistert sein von dem, was Stryper mit dem neuen Album liefert.

Besetzung

Michael Sweet – Gesang, Gitarre
Oz Fox – Gitarre, Backing Vocals
Timothy Gaines – Bassgitarre, Backing Vocals
Robert Sweet – Schlagzeug

Produktion

Michael Sweet

Trackliste

1. Revelation
2. No More Hell To Pay
3. Saved By Love
4. Jesus Is Just Alright
5. The One
6. Legacy
7. Marching Into Battle
8. Te Amo
9. Sticks & Stones
10. Water Into Wine
11. Sympathy
12. Renewed.

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