Lower The Bar
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Steel Panther
Label: Open E Music
Veröffentlichung: 2017
Laufzeit: 39:11
Bewertung: 4/5
Eine der besten. Na ja, eine der ausgefeiltesten, wenn schon nicht der unterhaltsamsten Parodien, die der Planet, die Galaxie gerade zu bieten hat. Klar, das Album ist schon fast ein halbes Jahr draußen – und trotzdem muss man sich dieses Werk der Grandmeister der Nachahmung vom Sunset Strip in Los Angeles, den Glam-Revival-Helden Steel Panther, unbedingt noch mal genauer anschauen. Schon der vielsagende Titel »Lower the Bar« deutet an, dass das hier ein Album mit einer leichten Abkehr von dem sein könnte, was man bei Steel Panther erwartet. Wer die saftige Verschmitztheit der Texte dieser Band kennt, der ahnt schon allein aus dem Albumtitel, dass es einige Neuerungen geben wird – die tatsächlich auch halten, was sie versprechen, und die Steel Panther einfach angehen mussten, sonst hätten sie sich künstlerisch selbst zu ermüden und zu langweilen begonnen.
»Kürz’s runter«, vielleicht sogar treffender »mach’s ruhiger« – wenn ich mich kurz in die Rolle des Amateurübersetzers versetze – bringt einige musikalische Dinge mit, die Steel Panther noch nicht ausprobiert haben, ohne dabei das Rad neu zu erfinden, und bleibt ihrer musikalischen Nische treu. Sie haben das Spektrum der Gitarrenphrasen, die für ihre Kompositionen in Frage kommen, lediglich ein wenig erweitert – dabei aber natürlich streng darauf geachtet, dass die unverkennbare musikalische DNA der Band intakt bleibt. Der zweite Punkt betrifft die Texte. Wir wissen, wie saftig die sind, und wir wissen, was das »Parental Advisory«-Label in diesem Fall bedeutet. Uns Europäer juckt das nicht weiter, Amerikaner sind (leider) eine andere Geschichte. Auch hier haben Steel Panther ihre kompromisslose sexuelle Gier etwas gezähmt – und wie der Sänger in einem Interview sagte, haben sie auf dem neuen Album angefangen, die Party vor die Frauen zu stellen, da es auf den vorherigen Alben genau umgekehrt war. Aber keine Sorge. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, und schon allein der Titel des Eröffnungstracks Goin‘ In the Back Door (»ich komme durch die Hintertür rein«) macht klar, dass Steel Panther weiterhin kunstvoll necken und unterhalten – indem sie unzählige sexuelle Perversionen gekonnt in ihre »Porno-Parodie«-Nische einbauen.
Die Band hat wieder einige hervorragende hymnische Songs zusammengestellt, die vor Pomp und Bombast nur so überschäumen. Es ist unglaublich, dass in solche Kompositionen kompromisslos zugespitzte Texte von ungezügelter Fantasie voller sexueller Perversionen eingebettet sind. Wenn man sich auf die gelungensten Momente des Albums konzentriert – was die Kombination aus ansteckenden Refrainmelodien und dem graduellen Spannungsaufbau bis zum Chorus-Höhepunkt betrifft – stechen auf dem Album die brillante Eröffnung mit dem bereits erwähnten Goin‘ In The Back Door heraus, dazu das durch und durch zynische und unterhaltsame Midtempo-Stück That’s When You Came In, ferner Wrong Side Of The Tracks und Wasted Too Much Time. In diese Geschichte fügt sich auch das unglaublich gelungene Cover des kultigen Cheap Trick-Klassikers She’s Tight am Ende des Albums ein.
Klar, Steel Panther agieren auch beim Komponieren treffsicher parodistisch – aber die neuen Riffs lassen sich kaum direkt auf ein »Abschreiben« von Vorbildern zurückführen. Weniger als auf früheren Werken – was bedeutet, dass das Ziel der Band irgendwie erreicht ist. Sie behalten den Parodie-Charakter bei, klingen dabei aber »steelpantherisch«, und die neuen Nummern erinnern weniger an Songs von Vorbildern, als das bei früheren Steel Panther-Produktionen der Fall war. Spiel und Ausführung bleiben phänomenal. Satchel soliert wie in Trance, seine ausgefeilte Kombination aus höllischer Geschwindigkeit und unglaublicher Präzision evoziert nach wie vor brillant die Lektionen bei Onkel Eddie Van Halen, Michael Starr liefert erneut eine hervorragende Vorstellung am Mikrofon und verblüfft wieder mit seiner stimmlichen Bandbreite, die Rhythmussektion behält ihre gewohnt hochoktanige Ausführung und erstklassige Dynamik bei. Kurzum: »Lower the Bar« hört man mit größtem Vergnügen – und man ist unweigerlich verblüfft darüber, wie ausgezeichnet und raffiniert das neue Produkt wieder verpackt ist. Auch produktionstechnisch. Das einzige Problem ist dieses Gefangensein im Schema. Kurzum: Wenn du den Songs bis etwa zum sechsten oder siebten Track folgst, beschleicht dich das Gefühl, das alles irgendwo, irgendwann schon mal gehört zu haben. Deshalb haben Steel Panther versucht, nach einigen Neuerungen zu greifen, um die Gefahr des Ausgelutschten zu bannen – wobei das Interessanteste dabei ist, dass sie ihre »Latte«, wie der Albumtitel andeutet, eher künstlerisch angehoben als fallen gelassen haben. Es wird spannend zu beobachten sein, wie weit sich die Band trauen wird, ihr Ausdrucksfeld und ihr musikalisches Repertoire zu erweitern. Vorerst bleiben Steel Panther fest im Sattel ihrer bisherigen Errungenschaften. Dort also, wo sie am besten funktionieren. »Lower The Bar« bringt damit für alle Fans der Band genau das, was sie sich gewünscht haben.
Steel Panther – Wasted Too Much Time (offizielles Video):
Besetzung
Michael Starr – Gesang
Satchel – Gitarre, Backing-Vocals
Lexxi Foxx – Bassgitarre, Backing-Vocals
Stix Zadinia – Schlagzeug, Perkussion, Klavier, Backing-Vocals
Produktion
Jay Ruston
Trackliste
1. Goin‘ in the Backdoor
2. Anything Goes
3. Poontang Boomerang
4. That’s When You Came In
5. Wrong Side Of The Tracks (Out in Beverly Hills)
6. Now the Fun Starts
7. Pussy Ain’t Free
8. Wasted Too Much Time
9. I Got What You Want
10. Walk Of Shame
11. She’s Tight