Heaven & Earth

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Yes
Label: Frontiers Records
Erscheinungsjahr: 2014
Laufzeit: 51:29
Bewertung: 4/5

Wahrscheinlich war im Jahr 2014 kein Progressive-Rock-Album so heiß erwartet und stand so sehr im Fokus bestimmter Musikmedien wie das neueste Studiowerk der legendären Yes mit dem poetischen Titel »Heaven & Earth« und wieder einmal einem grandiosen Cover aus der Hand von Langzeit-Grafikpartner Roger Dean. »Heaven & Earth« ist ein weiteres wegweisendes Album für die englischen Progressive-Rock-Pioniere, denn es ist ihr erstes Studiowerk mit dem neuen Sänger, dem Amerikaner Jon Davison (Glass Hammer), dem es gelungen ist, bei den Konzerttouren 2014 den Großteil der Fans als äußerst ansprechende Stimmwahl zu überzeugen. Die meisten Kritiker waren sich einig, dass Davison ein gelungener Ersatz für den quasi unersetzlichen Originalsänger Jon Anderson ist – sein Gesangsbeitrag klingt bei einigen Yes-Klassikern sogar ‚andersonesker‘ als Anderson selbst.

Der im Vergleich zu den anderen Mitgliedern dieser legendären Band relativ junge Davison, der zugleich auch ein begabter Komponist und solider Gitarrist ist, hat bereits als Mitglied der amerikanischen Symphoprog-Gruppe Glass Hammer bewiesen, dass er einige ungewöhnlich hohe Vokallagen erreichen kann, die der gealterte Anderson heutzutage nicht mehr schafft, während die stimmliche Verwandtschaft zwischen den beiden Sängern schlicht verblüffend ist. Die alten Hasen wie Bassist und einziges Gründungsmitglied Chris ‚Fish‘ Squire, Gitarren-Genie Steve ‚Mr. Owl‘ Howe, Schlagzeuger Alan White und Keyboarder Geoff Downes, der nebenbei auch bei Asia sein Brot verdient, haben diesmal mit Bedacht einen neuen Yes-Sänger gewählt.

Nach dem unterdurchschnittlichen Album »Fly From Here« (2011) und der erfolglosen Episode mit dem Kanadier Benoit David (ex-Mystery) als Anderson-Ersatz, der am Ende der Tour beinahe seine Stimme völlig verlor, konnten Yes sich schlicht keine weitere ähnliche Blamage leisten. Davison war angeblich schon von Anfang an als Andersons Nachfolger vorgesehen, hatte aber damals wegen eines missglückten Telefonanrufs die Einladung in die Band nicht rechtzeitig beantwortet. Es folgte ein schwaches Studioalbum und eine Tournee, auf die sie wirklich nicht stolz sein können, weshalb es kaum überrascht, dass sie danach die Zusammenarbeit mit Ex-Mitglied und Produzent Trevor Horn (ex-The Buggles)  beendeten und diesmal lieber die Kräfte mit Roy Thomas Baker bündelten (Queen, Foreigner, Jon Anderson, Ozzy Osbourne, Hawkwind, Alice Cooper und The Cars sind nur einige der musikalischen Namen, mit denen er zusammengearbeitet hat) – einem weiteren hochgeschätzten Produzenten, mit dem sie Ende der Siebziger bereits kurzzeitig zusammengearbeitet hatten, obwohl damals aus dieser Zusammenarbeit ’nichts Gescheites‘ herausgekommen war.

Diesmal ist die Geschichte völlig anders, denn »Heaven & Earth« ist in vielerlei Hinsicht sogar eines der besten Yes-Alben seit dem Ende der Siebziger – was schlicht unglaublich ist, wenn man bedenkt, mit welchen Problemen, besonders was die künstlerische Glaubwürdigkeit angeht, die Band unmittelbar nach Davids Abgang zu kämpfen hatte. Genau deshalb haben Yes bei der Entstehung von »Heaven & Earth«, das stellenweise sehr ‚retro‘ nach den 70ern klingt und zugleich eines ihrer erfrischendsten, flüssigsten und melodischsten Werke seit dem Kult-‚Pop‘-Album »90125« (1983) ist, einen völlig anderen kompositorischen Ansatz als bei »Fly From Here« gewählt. Statt The Buggles-‚Ausschussmaterial‘ aus den 80ern aufzuwärmen, haben diesmal alle Bandmitglieder gleichberechtigt an den einzelnen, völlig neuen Kompositionen mitgewirkt – das gilt auch für Neuzugang Davison. Diese äußerst willkommene Tatsache hört man »Heaven & Earth« von der ersten Sekunde an.

Das Album ist von Anfang bis Ende mit einem wirklich zauberhaften atmosphärischen Stempel durchtränkt, durch den erstmals nach sehr langer Zeit (zuletzt auf dem Album »Mangification«, 2001) ihre charakteristische ‚grüne Sprache‘ wieder auflebt. Die Rhythmussektion ist bei Yes über die Jahrzehnte die zuverlässigste und konstanteste geblieben, was kaum überrascht, da Alan White nach Chris Squire die längste ununterbrochene Mitgliedschaft in der Band hat. Squire begeistert auf den meisten Tracks mit seinen melodischen und unverkennbaren Linien auf dem Rickenbacker-Bassgitarrenmodell. Auch der etwas eingerostete (im musikalischen wie im körperlichen Sinne) Steve Howe, der neben der E-Gitarre auch viel Pedal Steel und Akustikgitarre einsetzt, ist bei der Ausarbeitung der einzelnen Gitarrenvariationen deutlich einfallsreicher als noch auf »Fly From Here«.

Sogar Downes, der in der Vergangenheit schon mehrfach als schwächerer Ersatz für den legendären Rick Wakeman kritisiert wurde, demonstriert diesmal einige der komplexesten und abwechslungsreichsten Arrangements seiner reichen Keyboard-Karriere und umgeht dabei sorgfältig den übermäßigen Einsatz des Synthesizer-Sounds der 80er, für den ihn die meisten noch immer am besten kennen. Eine Geschichte für sich ist Davison, der das eigentliche ‚Aushängeschild‘ dieses Albums ist und mit seinem Gesangsbeitrag die schon ziemlich erschöpften Prog-Rock-Veteranen quasi neu belebt hat. Bei allem gebührenden Respekt vor Jon Anderson, der die ultimative Stimme von Yes bleibt, muss man zugeben, dass man seine Abwesenheit diesmal überhaupt nicht vermisst und manchmal glatt vergisst, dass hier eine deutlich jüngere Person die Gesangsaufgaben übernimmt.

Yes wollten auf »Heaven & Earth« die Schaffung hypnotischer atmosphärischer Nuancen vor die Demonstration solistischer technischer Finessen stellen (nun ja, auch das fehlt in einzelnen Kompositionen nicht, sodass die verschiedenen Geschmäcker und Wünsche der Fans diesmal vollauf befriedigt werden können), weshalb diesmal Kompositionen den Vorzug erhalten, die allesamt kürzer als zehn Minuten sind. Das bedeutet, dass es auf »Heaven & Earth« kein Super-Epos im Stil vergangener Klassiker wie »Close To The Edge« oder »Awaken« gibt – was einerseits eine durchaus gute Entscheidung ist, da ihnen zahlreiche Kritiker sonst gewiss schon beim ersten Album mit dem neuen Sänger Prätentiosität vorgeworfen hätten. Alle zeichnen sich durch die melodische und optimistische Natur der einzelnen Arrangements aus, wie es sich für Yes gehört, während die Angst vor einer eventuellen übermäßigen ‚Pop‘-Kompaktheit sofort verfliegt – vor allem während der Instrumentalpassagen, wo die erfahrenen Schlauköpfe mit virtuosen Improvisationen nicht geizen.

Schon der Eröffnungstrack »Believe Again«, in dem festliche sinfonische Arrangements regieren, lädt den Hörer durch und durch mit positiver Energie und Lebensfreude auf – das gilt ganz besonders für den ätherischen, mehrstimmigen Refrain, bei dem man spürt, dass Yes, so wie wir sie am liebsten in Erinnerung hatten, auf »Heaven & Earth« endlich zurückgekehrt sind. So mancher wird beim Zuhören kurz vergessen, dass am Hauptmikrofon nicht Anderson steht, der irgendein Jungbrunnen-Elixier gefunden hat, sondern Davison, der singt, wie Anderson in seinen besten Zeiten gesungen hat. Steve Howe wäre nicht einer der komplexesten und unberechenbarsten Gitarrenmeister, wenn er nicht mit einer äußerst mutigen Improvisation aufwarten würde, die sich auf ideale Weise mit Downes‘ vielschichtigen Synthesizer-Texturen vermischt. Die Texte setzen dort an, wo Anderson ‚zuletzt seinen Stift hingelegt hat‘ – vollgepackt mit Spiritualität, Lebensfeier und Aufrufen zur persönlichen Erleuchtung, also klassische Yes-Lyriktopoi, obwohl Davison auch seinen eigenen lyrischen Stempel eingebracht hat.

»The Game« ist ein weiterer toller Track, der alle langjährigen Fans glücklich machen wird, und eine köstliche Mischung aus klassischem bzw. nostalgischem und modernem atmosphärischem Puls. Hier gibt es hypnotische Vokalharmonien und einen epischen Refrain, in dem Squire und Howe Davison bei den Backing Vocals eifrig begleiten, unberechenbare und dynamische Tempowechsel sowie wunderschöne sinfonische Übergänge zwischen Gitarren- und Synthesizer-Harmonien. »Step Beyond« öffnet mit einem witzigen Synthesizer-Motiv, während ‚Mr. Owl‘ mit einer lebhaften Gitarrenfigur überrascht. Davison und seine Vokal-Begleiter bauen nach und nach eine erhebende und helle Atmosphäre auf, während im Hintergrund mächtige sinfonische Arrangements fließen, die zu Downes‘ einfallsreichsten Leistungen auf diesem Album zählen. Das mit lyrischem Spiritualismus aufgeladene »To Ascend« öffnet mit einer angenehmen Melodie auf der Akustikgitarre, die im Hintergrund von vielschichtigen sinfonischen Vorhängen getragen wird, während sich durch zahlreiche rhythmische Variationen ein leicht melancholisches, aber dennoch atmosphärisch ungemein erhebendes Motiv herausbildet. Das ist zweifellos einer der besten Momente dieses qualitativ ausgesprochen ausgewogenen Albums, da seine ausgeprägt nostalgische Atmosphäre den Hörer sofort in (nicht nur musikalisch gesehen) deutlich romantischere Zeiten versetzt.

»In A World Of Our Own« öffnet mit ruhigem Tempo und einem interessanten Perkussionssound, während Howes Gitarrenfigur diesmal einen leichten Bluesy-Unterton hat. Davison beweist hier überzeugend, dass er auch in tieferen Lagen gleich überzeugend ist, während man im Refrain auch Squire sehr deutlich hören kann, der mit seinem melodischen Angebot an Basslinien nicht aufhört zu begeistern. Downes demonstriert nebenbei auch einige kürzere melodische Passagen auf dem Mini-Moog, während Howes Gitarren-Improvisationen wieder eine echte Delikatesse für alle Prog-Gourmets sind. »Light Of The Ages« enthält ein pompöses, sinfonisches und instrumental ausgerichtetes Intro, in dem vor allem Howe und Downes begeistern. Mit dem Einsatz der Akustikgitarre mischt sich auch Davisons Stimme in die Hauptmelodie ein. Trotz des ausgesprochen positiven Titels ist es das einzige Stück auf dem Album, das stellenweise etwas düsterer ausfällt, da sich atmosphärische Nuancen und komplexe rhythmische Variationen in faszinierendem Tempo abwechseln.

»It Was All We Knew«, das mit einer fröhlichen Melodie und ätherischen Vokalharmonien aufwartet, ist das kompakteste Stück auf »Heaven & Earth«. Trotzdem ist es atmosphärisch eine äußerst reiche Komposition, die einige ausgesprochen clevere und mutige Gitarrenvariationen und Improvisationen unter der Regie des unermüdlichen Howe enthält. Die Flüssigkeit der ätherischen Vokalharmonien war schon lange nicht mehr so faszinierend, dass sie den Hörer im Nu mit ihrer Intensität hypnotisieren kann.

Das abschließende Meisterstück »Subway Walls« ist strukturell das ambitionierteste Stück auf »Heaven & Earth«. Es öffnet mit einer dramatischen orchestralen Ouvertüre, wie sie für Downes‘ kompositorischen und arrangierenden Ansatz typisch ist, woraufhin komplexe und zugleich melodische Basslinien sowie lebhafte Gitarrenpassagen einsetzen. Auch White begeistert mit einigen äußerst intelligent gesetzten Schlagzeugübergängen, während den Höhepunkt dieses großartigen Stücks der feierliche, mehrstimmige Refrain unter Davisons Führung darstellt. Hier nehmen sich alle vier Instrumentalisten Zeit für solistische Improvisationen, wobei besonders Downes‘ verschmitzte Mini-Moog-Einlage und Howes wildes Ausflippen auf der E-Gitarre hervorzuheben sind.

»Heaven & Earth« ist das, was der Vorgänger »Fly From Here« hätte sein sollen, wenn sich die Ereignisse der vergangenen Jahre etwas anders entwickelt hätten – eines der besten Yes-Alben seit dem Ende der goldenen Siebziger. Yes haben diesmal ein völlig anderes Gesicht gezeigt als vor drei Jahren, denn schon sehr lange haben sie nicht mehr so frisch, jugendlich und engagiert bei der Wiederbelebung ihrer ‚grünen Sprache‘ geklungen. »Heaven & Earth« hat Vergangenheit und Gegenwart erfolgreich vereint: Die meisten Kompositionen sind mit dem atmosphärischen Stempel der klassischen Yes ausgestattet, das Album bleibt dabei aber produktionstechnisch und stellenweise auch kompositorisch (es steckt voller erfrischender Ideen) der Gegenwart treu. Die Flüssigkeit zwischen den einzelnen Kompositionen, gepaart mit der melodischen Eingängigkeit der einzelnen Arrangements und Vokalharmonien – wobei das Album ‚wie im Flug‘ vergeht –, ist schlicht verblüffend, sodass »Heaven & Earth« gewiss so manchen langjährigen Anhänger begeistern wird.

Besetzung

Jon Davison – Gesang, Akustikgitarre (Track 1 und 6)
Steve Howe – Gitarre, Backing Vocals
Chris Squire – Bassgitarre, Backing Vocals
Geoff Downes – Keyboards
Alan White – Schlagzeug, Perkussion

Produktion

Roy Thomas Baker

Trackliste

1. Believe Again (8:02)
2. The Game (6:51)
3. Step Beyond (5:34)
4. To Ascend (4:43)
5. In A World Of Our Own (5:20)
6. Light Of The Ages (7:41)
7. It Was All We Knew (4:13)
8. Subway Walls (9:03)

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