Gothica
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Ten
Label: Frontiers Records
Veröffentlichung: 2017
Laufzeit: 56:04
Wertung: 4/5
Mit ihrem insgesamt dreizehnten Studioalbum schlagen die kultigen britischen Melodic-Rock-Meister des stimmungsvollen Pomps und der bombastischen Rhetorik, Ten, erneut auf der Szene ein. Diesmal haben sie sich in dramatische Geschichten gehüllt, wie sie die Menschheitsgeschichte schreibt und die bis heute in ewigem Mysterium verhüllt bleiben. Ein echter Aufhänger, der die menschliche Fantasie in Wallung bringt. An Inspiration und Begeisterung für verschiedene Thematiken, die den Hörer mit blitzartiger Geschwindigkeit in eine Fantasiewelt entführen, fehlt es dem Kopf der Gruppe Ten und ihrem Hauptkomponisten und Sänger Gary Hughes auch nach 22 Jahren Bandgeschichte nach wie vor nicht.
Die Band ist mit dem Album »Gothica« erneut unter das Dach des italienischen Labels Frontiers Records zurückgekehrt. Das neue Album wirkt, aufgrund der gewählten Thematiken, anders als der Vorgänger »Isla De Muerta« (2015). Die Atmosphäre ist voller Düsternis und Verderben, voller Mysterien, besitzt einen Hauch von Mystik, und es gibt Momente, die sogar eine gewisse »Boshaftigkeit« heraufbeschwören. »Gothica« wirkt geheimnisvoll und finster, und auch schaurig.
Der Track Travellers ist der Band unter allen neuen Errungenschaften ganz besonders gut gelungen, denn er könnte aufgrund seiner außerordentlich prägnanten musikalisch-atmosphärischen Entwicklungsgradation häufige Rotation auf Radiofrequenzen erreichen, wo zumindest ein Fünkchen Sinn für gesunde Rock’n’Roll-Ästhetik vorhanden ist. Es wundert daher nicht, dass die Band genau diesen Track für die umfangreiche Promotion des neuen Albums ausgewählt und dafür auch ein Musikvideo gedreht hat. »Gothica« ist insgesamt das dritte aufeinanderfolgende Album der neuen Ten-Besetzung. Das ist in der bestehenden Konstellation des Sextetts, in dem nun gleich drei Gitarristen spielen. Und Ten reifen mit ihrem neuen Werk wie ein guter alter Wein. Je länger sie durchhalten, desto reifer und köstlicher wird ihre Musik. Hughes hat in relativ kurzer Zeit erneut mehr als eine Stunde exzellenten Materials aus sich herausgepresst, das sich durch eine außerordentlich farbenreiche und bewegte Leidenschaft der Leitmotive auszeichnet, auf denen die Kompositionen aufbauen. Diese sind häufig bombastisch ausgedehnt. Dabei geht es durchweg um eine bildhafte Stimmungsgradation mit einem einleitenden Teil, Modulationen in den mittleren Instrumentalpassagen … Ten gelingt es dabei, all das mit außerordentlicher Wirksamkeit umzusetzen. Die packende Atmosphäre hält den Hörer ständig in Spannung. Dabei stoßen wir auch auf ein gelegentliches Kokettieren mit Elementen der neoklassischen Musik, was sich im Einklang mit den gewählten Thematiken des neuen Albums hervorragend vermischt. Zwei solcher Momente sind genau die ruhigsten Stellen des Albums, nämlich Paragon und gegen Ende des Albums Into Darkness. Gary Hughes‘ Leadgesang ist erneut geschickt mit Harmonien einer mehrstimmigen Vokalbegleitung gewürzt, was zur Entwicklung und Steigerung der pompösen Atmosphäre beiträgt.
Die Höhepunkte der Stimmungslagen sind in den Refrain-Melodien eingefangen, von denen es auf dem Album wieder jede Menge gibt — und es ist schlicht unglaublich, dass Hughes‘ erprobtes Rezept immer wieder so vollblütig zündet. Faszinierend ist, dass es in all diesen Jahren inhaltlich und ausdrucksmäßig nicht im Geringsten abgenutzt, abgeschliffen oder verblasst ist. Deshalb bewahrt es immerwährende Frische und Aktualität. Ich spreche von einem Artismus, den die Band mit dem Album »In the Name of The Rose« (1995) gewissermaßen einzementiert hat und der in zwanzig Jahren eine außerordentlich reife Weiterentwicklung und expressive Definierung erfahren hat — was sich eben auf dem neuen, dem »Gothica«-Album zeigt. An Ästhetik und Vollendung — sowohl klanglich als auch kompositorisch — mangelt es nicht. Hughes‘ vokale Darbietung belebt Emotionen und Leidenschaften wirkungsvoll, was den Tracks ein noch größeres Maß an »Ohrwurmqualität«, noch mehr feurigen Glanz und theatralische Feierlichkeit verleiht. Die Kontraste zwischen den Bausteinen der Klanglandschaft sind hervorragend verteilt; Hughes‘ Stimme, die charakteristisch in mittlerer Intonationslage liegt, trägt einen leichten koloristischen Schimmer, der die Düsternis und das Okkulte vertieft und den Tracks in der Gesamtschau jenes entscheidende Tüpfelchen auf dem »i« hinzufügt — bei ansonsten streng artistischer Definierung von Person und Werk, die nach wie vor eines der markantesten Markenzeichen der Besetzung Ten bleibt. Die Tracks sind größtenteils in mittlerem Tempo angelegt. Erwartungsgemäß. Die mittleren Instrumentalteile bzw. Passagen sind aber für sich genommen erneut eine große Delikatesse. Sie sind gespickt mit exzellenten Gitarrensoli.
Angesichts des diesjährigen, etwas mageren Angebots an Melodic-Rock-Alben bringen Ten mit dem neuen »Gothica« einen der Höhepunkte der Neuerscheinungen dieses Jahres. Hughes und seine Mitstreiter sind außerordentlich erfahrene Musiker. Und die sprichwörtlich hochwertige Aussagekraft dieser geschätzten und überaus feinen Band bleibt auch mit dem neuen Album makellos. Sie bewahrt die kompositorische Ausgefeiltheit des Vorgängers »Isla De Muerta«, bringt aber gleichzeitig eine etwas andere Atmosphäre mit — du wirst selbst entscheiden müssen, welches der beiden Alben dir lieber ist. Der pirateneske Vorgänger oder der geheimnisvolle Nachfolger. Eines ist klar: Ten bleiben auch mit »Gothica« ein Begriff kompositorisch-inhaltlicher Perfektion und eine große qualitative musikalische Konstante.
Ten – Traveller (offizielles Video):
Besetzung
Gary Hughes – Gesang, Hintergrundgesang, Gitarre, Bassgitarre, Programmierung
Dann Rosingana – Gitarre
Steve Grocott – Gitarre
John Halliwell – Gitarre
Steve McKenna – Bassgitarre
Darrel Treece-Birch – Keyboards
Max Yates – Schlagzeug, Percussion
MITWIRKENDE MUSIKERIN:
Karen Fell – Hintergrundgesang
Produktion
Gary Hughes
Trackliste
1. The Grail
2. Jekyll And Hyde
3. Travellers
4. Man For All Seasons
5. In My Dreams
6. The Wild King Of Winter
7. Paragon
8. Welcome To The Freak Show
9. La Luna Dra-cu-la
10. Into Darkness