Dream Theater
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Dream Theater
Label: Roadrunner Records
Erscheinungsdatum: 2013
Laufzeit: 68:05
Wertung: 4.5/5
Dream Theater, die progressiven Titanen, die mit ihrer verblüffenden Eigenständigkeit an der Wende von den Achtzigern in die Neunziger dem späteren Aufblühen des Progressive-Metal-Genres die Tür weit aufgestoßen haben, halten auch in reifen Jahren an ihrer bewährt wirkungsvollen Formel fest. Nach einer zweijährigen Pause haben sie wieder ein neues Studioalbum veröffentlicht. Diesmal unter dem Titel »Dream Theater«. Obwohl solche Titel normalerweise Studioerstlinge tragen, ist mehr als offensichtlich, dass die Band mit dieser Titelwahl klar signalisieren wollte, dass das, was das neue Album mitbringt, immer noch 100% Dream Theater ist – auch ohne Mike Portnoy in der Besetzung –, dass das Team zu 100% konsolidiert und geschlossener ist als je zuvor. Und auch das (die wichtigste Sache bei all dem): dass Mike Mangini genauso spielen kann wie Mike Portnoy es immer getan hat, wenn Wunsch und Bedarf danach bestehen. Eine Reihe von Rolls in den Übergangspassagen der Tracks des neuen Albums beweist das genau. Dass man zwischen Mangini und Portnoy auch ein Gleichheitszeichen setzen kann, wenn die Situation es so will.
Wenn nichts anderes, haben wir mit »A Dramatic Turn of Events« (2011) nach längerer Zeit wieder ein Dream Theater Album bekommen, das den Ohren freundlicher ist im Sinne einer zugänglicheren Arrangements-Darbietung, also solcher, bei denen die Melodie länger in den Ohren bleibt. Zum Glück hat sich Jordan Rudess beim bestialischen Solieren völlig beruhigt, das noch auf »Black Clouds and Silver Linnings« in der ganzen »piepsigen« Gewalt eines überströmenden Tonozeanes dem Hörer den Kopf abriss und die angestrebte Kompaktheit der Songs in ihre Grundbestandteile zerlegte. Auch das Album »Dream Theater« trägt also eine sehr gelungene Mittellinie zwischen Komplexität und verführerischer Hörbarkeit, wo die Band wieder Raum für eine definierte Hauptmelodie lässt, die den Vorrang vor anderen Bausteinen der Dream Theater-Musik übernimmt.
Ihr werdet es kaum glauben, aber die Elementarität einer echten Gitarrenphrase, die sonst ein fester Bestandteil im Heavy-Metal-Universum ist, wie sie im neuen Dream Theater Track Behind the Veil präsentiert wird, klingt besonders süß. Für sie sogar erfrischend, obwohl es im Grunde die Anleihe von bereits Erfundenem ist. Ein Widerspruch, der aber zündet! Es ist schön, dass Dream Theater neben all den Durchspielungen klassischer Werke von Iron Maiden bis Metallica schließlich auch etwas Raum dafür gefunden haben, die Elementarität der Gitarrenphrase als eigene Autorschaft herauszustellen. Eine Sache, die in den richtigen Dosen innerhalb der Arrangements auf ihren Studioalben seit 1999 immer schmerzlicher vermisst wurde. Nun, auf »Train of Thought« (2003) haben sie es mit diesem »Vollgas-Shredding«-Element sogar übertrieben. Die Krönung des künstlerischen Widerspruchs auf dem Album ist Surrender To Reason. Es ist eine hervorragende Mischung aus akustischen Formen (Intro), warm produziertem organischem Sound, der durch Rudess‘ »Hammond like«-Klang aufrechterhalten wird – was Assoziationen zu klassischen Werken der Gruppe Kansas weckt (Strophe) – und einem raubgierig melodischen Refrain-Gesang, was zu der Erkenntnis führt, dass Dream Theater wieder fantastisch mit Gestalt und Werk ihrer frühen Studioschöpfungen geliebäugelt haben. Ich kann nur eines sagen. Endlich, Jungs!
Das Album »Dream Theater« hat, schlicht gesagt, hervorragend das Gleichgewicht zwischen dem getroffen, was diese Jungs immer am liebsten tun, und dem, wozu sie die Realität zwingt, die Logik und kompaktes Modellieren der Songs verlangt. Wieder gibt es auf dem Album Stellen, an denen die Band ins extreme solistische Jonglieren bis an den Rand des musikalischen Chaos abdriftet, sich im nächsten Moment aber mit einem geschärften Gespür für die Melodieführung auf dem richtigen Bein fängt und die Situation in ein geschmackvolles ausdrucksmäßiges Gleichgewicht bringt, das beim Hören kontinuierlich Genuss bereitet. Wie gesagt.
Das einleitende knapp dreiminütige »filmische« Intro ist ein bewährter Trick aus vergangenen Werken. Darauf folgt der erwartungsgemäß aufgedrehte und motivisch verzweigte The Enemy Inside, danach kommt The Looking Glass, der erste Vorbote dessen, wovon kurz zuvor die Rede war. Das Eröffnungsmotiv schießt »Dream Theater« direkt in die frühe Schaffensperiode zurück – dabei ist es keine Übertreibung, das Album »Images And Words« heranzuziehen –, Petrucci verdoppelt sogar die Harmonien in Terzen, wenn er die Melodie betont, Rudess hält mit den Keyboards eine atmosphärische Hintergrundkulisse aufrecht, und LaBries Gesang kommt in aller Leidenschaft endlich wieder in voller Entfaltung zum Ausdruck. Zwei wunderschöne Tracks mit einer hervorragenden Balance zwischen meisterhaft dosierten improvisatorischen Spielereien, harten rhythmischen Wendungen, die in diesem Universum sonst niemand zusammenbringt, und wirkungsvoll funktionierenden Melodien sind The Bigger Picture und vor allem Along for the Ride. The Bigger Picture trägt zu Beginn der fünften Minute einen klassischen Motivabschluss (mit Ausgangspunkt in ein neues Motiv), bewusst produziert und gespielt im Queen-Stil (das typische reizvolle »Queen-eske«). The Bigger Picture trägt einen der einprägsamsten Refrains des neuen Dream Theater Albums. Wenn man aber den radiotauglichsten Track des neuen Albums auswählen müsste, wäre es in einer editierten Version definitiv Along for the Ride – das ist seit dem »Octavarium«-Track I Walk Beside You nicht mehr vorgekommen. Die Nummer, geladen mit der Eskalation der Dream Theater-Kraft unverbesserlicher feuriger Improvisationen zwischen Petrucci und Rudess, verkörpert auf dem neuen Album der ungezügelte progressive Zertrümmerer Enigma Machine. Hier gibt es kein Zurückhalten. Hier ist nur das Spiel, gezielt auf das absolute Extrem, wie es nur der ultrasonische Neoklassizismus von Dream Theater liefern kann. Aber Achtung. Es ist ein anspruchsvollerer Track, der grundlegend fragmentiert ist. Hier ist auch das »continuum fingerboard« erlaubt und alle sonstigen klanglichen Spielereien von Jordan Rudess. Der Track funktioniert innerhalb des Albums als Ganzes hervorragend, da er trotz der bewussten Fragmentiertheit und Anspruchsvolllheit nicht heraussticht, weil er zwischen die eingängigen und in den Arrangements melodisch viel durchhaltefähigeren Tracks des neuen Albums eingebettet ist.
Einen ähnlichen Schachzug wie auf dem Album »Octavarium« haben Dream Theater auch diesmal gewählt. Die anspruchsvollste und komplexeste Komposition des Albums »Dream Theater« haben sie für das Ende aufgespart (welches Ende? sagen wir lieber für das letzte Drittel des neuen Werks). Es ist das 22-minütige Epos Illumination Theory, das die anspruchsvollsten Fans dieser Band befriedigen wird. Ich sollte erwähnen, dass der Track sich irgendwo nach gut sieben Minuten progressiv stärker zu »brechen« beginnt und dort Assoziationen zur alten Schule retro-progressiver Entwicklungsformen des guten alten Rocks weckt, wie er einst von Yes zur Zeit des Albums »Relayer« oder der »T.F.T.O. der Cerebralität« erschaffen wurde. Kurz gesagt, noch ein riesiges Epos, das eine dynamisch stimmungsvolle Fahrt auf dem Kamm der gigantischen Wellen des kreativen Geistes von Dream Theater (in reifen Zeiten) bietet und Komplexität mit Hörbarkeit geschmackvoll fusioniert.
Das Album ist von Anfang bis Ende hervorragend! Und trägt die höchst bedeutungsvolle Bezeichnung »Dream Theater«. Es verkörpert buchstäblich alles, was Dream Theater bislang geschaffen hat. Zugleich ist es ein Beweis der außergewöhnlichen Eingespielheit der neuen Besetzung mit Mangini am Schlagzeug, der eine noch entspanntere, noch bildhaftere und noch atemraubendere Schlagzeugshow abliefert als das ohnehin schon hervorragende Niveau, das er zum ersten Mal bei Dream Theater auf dem Album »A Dramatic Turn Of Events« (2011) präsentiert hat.
Es bleibt nur noch eines zu sagen. Holt euch das Album und kaut es gründlich durch bis Februar 2014, wenn Dream Theater nach Ljubljana zu einem neuen Konzert kommen. Die Refrainmelodien aller Tracks werden euch diesmal in den Ohren bleiben. Diejenigen, die darauf gewartet haben, dass die Band wieder ein Album der einzigartigen Ausgewogenheit zwischen Komplexität und melodischer Eingängigkeit erschafft, haben das endlich mit dem Album »Dream Theater« erlebt. Ein Album, das der Band nach all den zurückgelegten Kilometern und zur Schau gestellten musikalischen Horizonten – und nachdem wir schon verzweifelt unzählige Male gesagt hatten, dass Dream Theater sich artistisch vollständig ausgedrückt haben – auf einzigartige Weise gelungen ist. Ein Album echter Dream Theater Art-Ästhetik. Alle Bausteine sind gleichermaßen herausgestellt, keiner davon wird durch die Dominanz eines anderen in den Schatten gestellt. Deshalb ist es umso schöner zu erkennen, dass wir auch wieder die sinnliche Darbietung von James LaBrie genießen können, der bislang allzu oft »erstickt« blieb angesichts der ganzen Muskeldemonstration der instrumentalen Helden des Dream Theater-Teams. LaBrie glänzt in seiner Gesangsdarbietung auf diesem Album buchstäblich!
Besetzung
James LaBrie – Gesang, Hintergrundgesang
John Petrucci – Gitarre Hintergrundgesang
Jordan Rudess – Keyboards, Hintergrundgesang
John Myung – Bassgitarre
Mike Mangini – Schlagzeug
Produktion
John Petrucci
Trackliste
01. False Awakening Suite
I. Sleep Paralysis
II. Night Terrors
III. Lucid Dream
02. The Enemy Inside
03. The Looking Glass
04. Enigma Machine
05. The Bigger Picture
06. Behind The Veil
07. Surrender To Reason
08. Along For The Ride
09. Illumination Theory
I. Paradoxe de la Lumière Noire
II. Live, Die, Kill
III. The Embracing Circle
IV. The Pursuit of Truth
V. Surrender, Trust & Passion