Perfect World

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Künstler: Strangeways
Label: Frontiers Records
Veröffentlichung: 2010
Laufzeit: 58:59
Bewertung: 2/5

Strangeways ist eine schottische Band aus Glasgow, die in der zweiten Hälfte der Achtziger mit den Alben „Strangeways“ (1986), „Native Sons“ (1987) und dem besten der drei, „Walk In The Fire“ (1989), bleibende Spuren auf der damals florierenden AOR-Szene hinterließ. Die Neunziger „fraßen“ auch diese Band auf, und die nachfolgenden Alben – so viele es noch gab (drei weitere) – hatten kaum etwas Besonderes zu bieten, außer dem mal mehr, mal weniger ausgeprägten musikalischen Experimentieren, das der Band nicht unbedingt gut tat. Strangeways erreichten mit dem Ambient-Album „Gravitation Pull“ (2000) definitiv den Punkt der größten Entfernung von ihren musikalischen Wurzeln.

Seitdem sind gut 10 Jahre vergangen, und von der goldenen Besetzung sind noch der amerikanische Sänger Terry Brock (heute auch bei Giant), Gitarrist Ian Stewart und Schlagzeuger Jim Drummond dabei. Ians Bruder und Bassist David verließ die Band, an seine Stelle trat der neue Bassist Warren Jolly. Strangeways haben sich inzwischen vom Quartett zum Quintett gemausert, denn sie haben auch einen Keyboarder in die Besetzung aufgenommen: David „Munch“ Moore.

Das Material beweist, wo Strangeways herkommen. Gleich zu Beginn servieren sie mit Perfect World (dem schnellsten Track des Albums), Borderlines und vor allem dem vierten Song, dem hervorragend als Ballade angelegten Time, dass sie ihr Gespür für melodische Eingängigkeit keineswegs verloren haben.

Das Problem des neuen Albums liegt vor allem in seiner Produktion. Die ist nämlich bewusst dreckig gehalten. Strangeways verfolgen so einen irgendwie „modernen“ Indie-Sound, bei dem die Gitarren gerne kratzen und zerren. Damit haben sie sich diesmal allerdings einen Bärendienst erwiesen. Von AOR kann man diesmal also nicht sprechen. Das ist kein AOR mehr. Aber wenn man sich „Gravitation Pull“ ins Gedächtnis ruft, kann man dem Album „Perfect World“ trotzdem dankbar sein. Strangeways sind zur Rock-Musik zurückgekehrt. Der Nachgeschmack bleibt aber mehr als bitter, vor allem nach dem, was Terry Brocks Soloalbum  „Diamond Blue“ gezeigt hat – eines der bemerkenswertesten AOR-Dokumente des laufenden Jahres und ein Album, von dem Strangeways nach dem, was sie auf „Perfect World“ geboten haben, heute nur noch träumen können.

Wie gesagt: Vor allem die erste Albumhälfte steckt vom Songwriting her voller schönem AOR-Potenzial, das allerdings durch die ausgesprochen schlampige – oder eben bewusst roh gehaltene – Produktion verschüttet wird. Die Songs sind sogar mehrstimmig harmonisiert. An Soli mangelt es nicht – und das an ausgesprochen qualitätsvollen dazu, voll ausgefeilter melodischer Definition. Aber was nützt das, wenn das Album auf einer „dreckigen“ Produktionsplattform sitzt, in der selbst die exzellente Anlage von Terry Brocks unverwechselbarer Vokalkontur nicht voll zur Geltung kommt. Liberty ist einer der wenigen Momente, dem die nackte Produktion gut tut – gerettet wird das vor allem durch die akustische Begleitung in der Strophe, die besagte Produktion in Kombination mit der auf dem Album reichlich vorhandenen Melodiosität deutlich besser wegsteckt. Erwähnenswert ist auch der auffällig bescheidene Einsatz der Keyboards, deren Klang in der Produktion überhaupt nicht durchkommt. Angesichts ihrer anspruchslosen Arrangements stellt sich sogar die Frage, ob es sinnvoll war, überhaupt einen Keyboarder ins Team zu holen.

In der zweiten Hälfte fällt das Album endgültig auseinander, vor allem wegen seiner mittelmäßigen Ausrichtung, ambientaler Träumerei und der gegenseitigen Ähnlichkeit der Songs. Klar, die dreckig-alternativ-rumpelnde Gitarrenproduktion versucht, den Hintergrund des Klangbilds zu füllen, und Bushfire, To Far Gone und Can’t Let You Go wirken effektiv deprimierend – aber man kommt nicht los von dem unangenehmen Gefühl, dass das Songwriting ungenutztes Potenzial für ein echtes AOR/Melodic-Rock-Album in sich trägt. Das Gefühl, Veilchen durch eine Gasmaske zu schnuppern, rundet der art/alt-rockige Say What You Want ab – eine Kreuzung zwischen Marillion in der Hogarth-Ära (Strophe) und Coldplay (Refrain). Die Produktion erweist sich in diesem Track als gelungen – aber Jungs: Seid ihr wirklich so tief in der Midlife-Crisis versunken, dass ihr die traurigäugigen MTV-Nörgler nachahmen müsst?

„Perfect World“ markiert eine Rückkehr zur Rock-Musik, wofür man dankbar sein kann. Die Songs verstecken ihr angeborenes Gespür für die Ausarbeitung ausgefeilter Melodien nicht – das war die überragende Domäne der ersten drei Alben der Band. Und genau hier liegt der Haken: Strangeways haben diesmal zum alternativ-verschmierten Sound gegriffen, der die Waage keineswegs zugunsten eines echten Melodic-Rock-Albums kippt. Ist das nur ein schlechter Moment studio-technischer Schlamperei – oder ein jämmerliches Suchen nach „Andersartigkeit“? Wenn Letzteres zutrifft, dann lässt sich festhalten, dass Strangeways mit „Perfect World“ ihre Andersartigkeit dummerweise für eine „Andersartigkeit“ geopfert haben, die alles andere als anders ist. Ein Album, das man am besten so schnell wie möglich vergisst – in der Hoffnung, dass die Band mit dem nächsten die Kurve kratzt und der Fangemeinde endlich einen echten AOR/Melodic-Rock-Treffer liefert. Das ist nämlich das, was sie am besten können – und das, womit sie einst am besten waren.

Besetzung

Terry Brock – Gesang
Ian J. Stewart – Gitarre
David „Munch“ Moore – Keyboards
Warren Jolly – Bass
Jim Drummond – Schlagzeug

Produktion

Strangeways

Trackliste

1. Perfect World
2. Borderlines
3. Movin On
4. Time
5. Crackin‘ Up Baby
6. Liberty
7. One More Day
8. Bushfire
9. Too Far Gone
10. Can’t Let You Go
11. Say What You Want

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