Paradise Lost: Obsidian
Label: Nuclear Blast Records
Erscheinungsdatum: 15. 5. 2020
Produktion: Jaime Gomez Arellano
Albumlänge: 45.35 min
Genre: Doom Metal/Death Metal/Gothic Metal
Wertung: 8.5/10
Paradise Lost können einen nicht mehr überraschen, aber sie können immer ein richtig gutes neues Album abliefern. Auch nach 30 Jahren. Na ja, ich will mich hier nicht zu früh festlegen. Nick Holmes hat in Statements rund um die Single Ending Days das Publikum beinahe unabsichtlich auf Trab gebracht, als er offen zugab, dass das Arrangement die Vorliebe der Bandmitglieder für Acts der Achtziger widerspiegelt – darunter Sisters of Mercy. Das hat bei einem Teil der Fangemeinde, der mit der künstlerischen Zwischenphase der Band rund um das Album »One Second« nie so richtig warm geworden war, vermutlich einige Unruhe ausgelöst. Zum Glück ist es dabei geblieben. Die Metal-Innovatoren und Begründer des Gothic Metal – ohne die man sich eine ganze Reihe von Bands, die sich bei Paradise Lost bedient haben, darunter Type O Negative, kaum vorstellen kann – halten auch mit dem neuen Album an dem fest, wozu sie künstlerisch in der vergangenen Dekade zurückgekehrt sind. Auch mit ihrem sechzehnten Werk, dem Album »Obsidian«, haben sie ein verdammt gutes Stück abgeliefert, das sinnvoll an das Wesen kultischer Klassiker der Neunziger anknüpft – an die zeitlosen Meilensteine »Icon« und »Draconian Times«. Also ja. Letztlich nichts Neues. Paradise Lost setzen stur ihre ureigene musikalische Formel ein – mit faszinierender Kraft und einer packend-ausdrucksstarken ästhetischen Reichweite, wie sie keine andere Band auf diesem Planeten so hinbekommt. Wer die Band kennt und ihr grundsätzlich zugetan ist, hat hier aufgehört zu lesen und sich lieber sinnvolleren Alltagsaktivitäten zugewandt – zum Beispiel dem sofortigen Anhören von »Obsidian«.
»Obsidian« ist nach »The Plague Within« bereits das dritte Album in der Reihe der Paradise Lost-Alben, auf denen Nick Holmes auf höchst bildhafte und prägende Weise vokale Linien innerhalb ein und desselben Songs verbindet – sowohl mit bestialisch donnerndem und dämonisch magnetischem Growling als auch mit normalem Gesang, der logischerweise ein höheres Maß an Musikalität evoziert. Das ist diese siegreiche und einzigartige Kombination, die aus der Urform des Death Metal erwächst, in die Paradise Lost seit jeher so markant und mit großem Charme Elemente zerrissener Doom-Melancholie und gotischer theatralischer Schwärze einweben – ohne jeden obszönen Ballast möglichen Kitsches. Es ist eine neue, aufrichtige Trauerzeremonie mit maximaler Finsternis-Ausbeute. Die wechselnden vokalen Manöver des bissigen und finsteren Holmes sind der entscheidende Faktor für die bildhaften Stimmungsumschwünge innerhalb ein und desselben Songs. Gitarrist Greg MacKintosh fasziniert erneut mit der mitreißenden Wirkung seiner allseitig platzierten minimalistischen Spieltricks – sei es ein Riff, ein dekoratives Ornament darüber oder ein Solo in der Mid-Eight-Passage. Paradise Lost greifen auch in diese Form nicht ein. Keinen Deut. Zwei Strophen, zwei Refrains, ein Mid-Eight-Übergang und höchstens noch eine weitere Strophe sowie der obligatorische Abschlussrefrain. Eine einbetonierte Form, die zwar vorhersehbar ist, aber auch auf »Obsidian« (immer wieder) zündet, weil sie sich im Geiste des klanglichen Alleinstellungsmerkmals der Band manifestiert. Sie hat schon immer fasziniert, und es ist unglaublich, wie MacKintosh nie die Ideen für das markant minimalistische Phrasieren ausgehen. Auch »Obsidian« ist dem Titel nach genau das, was der Name verrät. Ein Synonym für die unbeugbare Haltung des musikalischen Visionärtums der Band, das durch MacKintoshs unendlich inspiriertes Arsenal felsenartig gravitierender, unheilschwanger rollender Gitarrenphrasen untermauert wird – die eine beständige Konstante bleiben.
Holmes ist nach wie vor besessen von seiner zerknirschten Haltung vor dem allmächtigen himmlischen Schöpfer. Dementsprechend widmet er ihm einige seiner märtyrerhaften Texte des »bitteren Reuebekenntnisses«, wie wir es in Songs wie The Devil Embraced, Forsaken, Ghosts oder Fall From Grace antreffen. In dieser Hinsicht könnte der Mann vielleicht mal von seiner unerschütterlichen, gottesfürchtigen Obsession heruntersteigen und der Paradise Lost-Poesie den Raum öffnen für den Einzug einer anderen Thematik. Aber das ist auch nicht so wesentlich, weil die Songs alles das sind, was man von Paradise Lost eben erwartet – und was man als Fan der Band letztlich auch möchte. Die Songs sind insgesamt recht ähnlich gestrickt, was zu erwarten war, doch das Album packt einen sofort mit dem Eröffnungstrio Darker Thoughts, Fall From Grace und Ghosts, die den Hörer in den Bann ihres gottlosen Theaters schlagen. Ending Days, das in der zweiten Albumhälfte einen gotischen Schimmer versprüht, entfaltet die meiste theatralische Musikalität; Holmes gibt sich ausschließlich seinem reinen Gesang hin, und der Song liefert einen packenden Refrain. Es ist das Highlight des Albums – zugleich ein dankbarer Katalysator, der die sonst gnadenlose Albumatmosphäre aufbricht und ihre dynamische Komponente stärkt, den heulend schicksalshaft ausgehöhlten Primat. Den Abschluss setzt ein weiterer klassischer Paradise Lost-Höhepunkt im Song Ravenghast, bei dem das eingewobene Klaviermotiv eine Art notwendige düstere Kostbarkeit darstellt, die in einem überaus versöhnlichen Dialog mit einer der besten und markantesten Gitarrendarbietungen von Greg MacKintosh auf dem neuen Album koexistiert.
Klar. Wieder dieses echte Paradise Lost-Album, das einen heiligen Schauder weckt, dämonisch anziehenden Magnetismus entfaltet – mit dem Hauch eines Todeskusses, durch den die Seele eiskalter Hoffnungslosigkeit dankbar in einem endlosen Ozean der Trauer versinkt, darin aber niemals ertrinkt. Paradise Lost sind in dem, was sie tun, schlicht und einfach die Könige ihres Fachs und ihrer ureigenen Magie – die selbst dem Herrn der Fliegen Mark und Bein erschaudern lässt, sodass er sich lieber in einen Engel verwandelt. Diese kultische, legendäre und wegweisende Band von der britischen Insel hat ihre Mission also erneut mit Bravour erfüllt.
Autor: Aleš Podbrežnik
Tracklist:
1. Darker Thoughts
2. Fall From Grace
3. Ghosts
4. The Devil Embraced
5. Forsaken
6. Serenity
7. Ending Days
8. Hope Dies Young
9. Ravenghast
Besetzung:
Nick Holmes – Gesang
Greg Mackintosh – Gitarre
Aaron Aedy – Gitarre
Steve Edmondson – Bassgitarre
Waltteri Väyrynen – Schlagzeug
Gastmusiker:
Alicia Nurho – Violine auf den Songs Nr. 1 und 7
Heather Mackintosh – Hintergrundgesang auf Song Nr. 8
