Out of Control
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Estwind
Label: Eigenverlag
Erschienen: 2013
Laufzeit: 41:46
Wertung: 3.5/5
Estwind sind Heavy-Metal-Musiker aus dem Görzer Raum, die in der dritten Dekade des diesjährigen Oktobers ihr Debütalbum »Out of Control« veröffentlichten. Die Jungs haben alles selbst in die Hand genommen. Das Album erschien im Eigenverlag, sie haben es auch selbst produziert.
Estwind folgen den Trends der allgemeinen europäischen Invasionswelle des Revivalismus der klassischen Heavy-Metal-Schule. Ihren kreativen Schwung schöpfen sie also aus den Zeiten der Expansion des New Wave of British Heavy Metal. In den Gitarrenriffs und im Spiel des Gitarristen Mitja Ambroželj spürt man die Begeisterung für Figur und Werk von Randy Rhoads, denn schon das einleitende Born Again zieht Parallelen zu den charakteristischen Gitarrenphasen der ersten beiden Ozzy-Alben. Estwind liefern ein Paket aus 8 Songs, die ausgearbeitete Leitmotive der Gitarre sowie solide arrangierte Kompaktheit von Strophen und Refrains tragen. Die stilistisch rustikalen Formen des Heavy Metal der Gruppe besitzen die erforderliche Berührung des Verderbens in der Aneinanderreihung eines düsteren Drama-Theaters!
Das Spiel ist harmonisch und kompakt. Die Phrasen tragen Markanz — die solistischen Eskapaden von Kristjan, der auch in den Übergangsverzierungspassagen beeindruckt, sind zweifellos der erste Reiz dieses Albums. Die Rhythmussektion ist lebhaft und dynamisch, besonders die Übergangsteile sind gewissenhaft mit Fills belebt. Die Gruppe strahlt Elan aus, Beweisdrang und kreativen Impuls. Der Ehrgeiz der Jungs gipfelt auf dem Album in den kleinen Epos-Kreationen Open Your Eyes und Estwind.
Es muss nicht extra betont werden, dass Estwind keine neue musikalische Revolution oder noch unentdeckte und unerforschte musikalische Horizonte erschließen, sondern sich in den bekannten und schon längst definierten Formen des Old-School-Heavy-Metal bewegen. Genauso wie Estwind ihre ersten musikalischen Schritte gegangen sind, sind auch andere ähnliche slowenische Bands gegangen, darunter Shutdown, Vigilance und Motorfire. Die Jungs sind auf dem richtigen Weg, das Album trägt greifbare musikalische Substanz und Herzblut.
Das schwächere Glied des Quintetts ist der Gesang. Im Gebrauch der englischen Sprache gibt es noch Reserven bei der richtigen Textplatzierung innerhalb der Strophenmelodien sowie in der Metrik. Dabei spürt man, dass der Gesang mehrmals auf Schwierigkeiten stößt, die entwickelte Stimmkraft der mittleren Lagen in die hohen bis höchsten zu übertragen, die er oft mit einem abgehackten nasalen Scream überspringt. Eine mögliche Lösung für dieses Problem ist das Transponieren der Gruppe in eine Tonlage, die dem Sänger besser liegt. Ebenso zeigt sich dieser Mangel beim Abschluss der Strophen, der oft abgehackt ist und keine melodische Abrundung der Linien bietet, was dem Gesamtcharakter der Songs einen leichten Punk-Hauch verleiht. Angesichts der rustikalen Formatierung, die mit der Begeisterung der Gruppe für die NWOBHM-Schule verbunden ist, stört das keineswegs. Es ist jedoch klar, dass in der vokalen Interpretation definitiv noch Reserven schlummern. Die Gruppe versteckt ihre Vorliebe für Punk-Elemente nicht, wenn am Ende des Albums ein etwas unerwartetes HC-Requiem erklingt, das auf Deutsch unter dem Titel Auzenkontrolen gesungen wird, wobei der Gesang besser gelingt als in jedem anderen Song des Albums. Dieser Song, der stilistisch vom übrigen Material abweicht, zeigt, dass die junge Band stilistisch noch etwas auf der Suche nach ihrer Ausrichtung ist.
»Out of Control« ist ein mutiges Debütalbum. Es zeigt den Ehrgeiz und das Talent der jungen Görzer Heavy-Metal-Band, die in expressiv-stilistischer Hinsicht keine »Erdbebenstöße« bringt, sondern sicher auf voraussehbaren und schon gehörten musikalischen Formen reitet. Aber die Gruppe geht mit echtem Herzblut und großem Willen vor, womit die musikalische Substanz des Albums »Out of Control« an »Greifbarkeit« gewinnt. In der Gesamtbilanz ist der vollkommen richtig abgemessene erste Schritt zwar mit einigen Fehlern anfänglicher Naivität behaftet — aber Hand aufs Herz, welches Debüt hat die nicht. »Out of Control« ist also ein schönes Grunddokument, auf dem die Gruppe, durch evolutionäre Reifung, entspannt auf ihrem nächsten Studioalbum aufbauen kann.
Besetzung
Andrej Goljevšček – Gesang
Mitja Ambroželj – Gitarre
Kristjan Komel – Gitarre
Jernej Mlinar – Bass
Matjaž Winkler – Schlagzeug
Produktion
Estwind
Trackliste
1. Born Again
2. Crazy Night
3. Ice Queen
4. Kill the Evil
5. Estwind
6. Open Your Eyes
7. Why Destiny
8. Auzenkontrolen