Our Love To Admire

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Künstler: Interpol
Label: Capitol Records
Veröffentlichung: 2007

Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sich ein großes Label Interpol „schnappt“. Nach dem außergewöhnlichen Durchbruch schon mit dem Debüt „Turn On The Bright Light“ (2002) und danach mit dem Album „Antics“ (2004) ist den Jungs das Selbstbewusstsein gewachsen. Sie wollten etwas völlig Neues, Anderes ausprobieren und austesten. „Our Love To Admire“ ist das erste Album in der Karriere von Interpol, auf dem die Jungs Keyboards in ihren Sound einbauen, und zugleich ein Album, das im Vergleich zum Vorgänger bei Weitem mehr atmosphärische Farbigkeit und motivische Vielfalt mitbringt. Das Schlagwort „Status quo“ ist mit „Our Love To Admire“ für die Band überwunden, und Interpol entwickeln sich glücklicherweise erfolgreich nach oben und vorwärts. Dieses Schlagwort müssen auch die Fans der Band überwinden können, die vielleicht eine Fortsetzung der Geschichte aus den ersten beiden Alben verlangt haben.

Der Forschermut der Band zeigt sich schon im Opener Pioneer To The Falls. Es ist eine verlangsamte rhythmische Bewegung, die mit der Impulsivität ihres schroff felsigen Pulsschlags überrascht und einem tatsächlich das langsame Abrollen tonnenschwerer Felsmassen von einem abgebrochenen Felsvorsprung hoch oben in den Bergen vor Augen führt. Dem Song hilft zu atmen das typische schlichte Einsaiten-Motivgebell von Kesslers Gitarre, das den Äther mit betontem Reverb-Einsatz zusätzlich aufreißt und den insgesamt klaren, natürlichen Gitarrenklang, der in die Distanz des Hintergrunds gerückt ist, schön veredelt. Was aber eisige Kälte in die Atmosphäre bringt, ist der unverwechselbar hohle, einschichtige Gesang von Paul Banks – das stärkste aller Interpol-Merkmale ihres eigenen künstlerischen Wiedererkennungswerts im Rock. Nach der Wahl eines solchen Albumbeginns, den man fast schon ein progressives Musik-Requiem nennen kann, überrascht zugleich mit dieser Wahl natürlich die Füllung des Hintergrunds mithilfe der Keyboards. Die Atmosphäre ist massiv und überzeugend zupackend, die Stimmung des Albums durchgehend kataklysmisch, finster, unwiderruflich, sehr, sehr „europäisch-melancholisch“. No I In Threesome ist im Kern eine „Rock-a-Billy“-Nummer, aber bis zum Maximum raffiniert verbogen, gerade wegen Banks‘ schauerlicher Stimme, ohne Akkordgitarre und mit dem atmosphärischen Umhang der Keyboards. Genial verkleidetes Recycling, Hut ab, Jungs! Verdichtetes atmosphärisches Kondensat schlägt sich beim kriechenden The Scale erneut auf dem Assoziationskortex des Hörers nieder. Das Album bekommt erst mit The Heinrich Manuever eine mildere Adrenalinspritze, wo es endlich auch rockig in einen höheren Gang schaltet. Das ist ein typisches Interpol-Ding, das direkt die große Fähigkeit der Band beweist, Rock’n’Roll-Schablonen in das wiedererkennbare Erbe des eigenen musikalischen Ausdrucks zu kodieren. Das ist der Moment, der (atmosphärisch unglücklich, unglücklich ist schon der bloße Hinweis) Interpol der jüngeren Vergangenheit des Dark Post-Punk der späten Achtziger annähert (einsaitiges repetitives Zupfen, entschlossener Bass-Fuß mit betontem Zwischenkontrast und ein flüchtiger, Joy-Division-hafter Banks-Gesang). Mammoth ist die Weiterentwicklung des vorigen Stücks. Der ist im Riff so schlicht, dass sogar die elementare Riff-Trennlinie zwischen etwa Queens Of The Stone Age und Interpol an dieser Stelle verwischt ist, die Stimmung in Mammoth stammt aber natürlich von einem ganz anderen Planeten (dem Interpol-Planeten). Who Do You Think? gegen Ende des Albums nähert sich atmosphärisch völlig Mammoth an. Eine Mischung einfacher Handgriffe, „interpolisch“ zusammengesetzt. Neben Pioneer To The Falls ist Pace Is The Trick der zweite Moment der Platte, der in der Einfallskraft des Grundmotivs ein höheres Niveau positiver Rezeptor-Erregung erreicht. Hier überrascht Kesslers schlichtes, eintöniges „Baumeln“ auf zwei bis drei Tönen, das in einem Atemzug bestätigt, wie essenziell Interpol in ihrem eigenwilligen Verständnis des Rock-Erbes eigentlich sind. Der dritte Moment, bei dem sich die Lauscher beim Hören besonders stramm aufstellen, ist Rest My Chemistry. Außergewöhnlich ist der Kontrast im Refrain zwischen der zerbrechlichen Einsaiten-Melodie und der felsigen Rhythmuslinie, die im Pre-Chorus mit einem schroffen Gitarrenriff äußerst versteinert. Die besondere Melodie verweist auf Witz und Frische der Ideen, der Song ist voller klanglicher Kontraste und wird von Banks‘ sinnlichem Gesangsansatz noch veredelt. Wrecking Ball ist ein Moment höheren Experimentierens auf der neuen Platte, der gnadenlos Nieten  ins Album „Our Love To Admire“ zu feuern beginnt, als wäre er ein Container zerebraler Lähmung, der im See der Träume vollkommen chaotischer Psychedelik ertrinkt, dem Abgrund des Verderbens entgegentaumelnd. Das ist aber nur das Aufwärmen denn das abschließende The Lighthouse nagelt das Album in dieser Fortsetzung endgültig mit einem Gnadenschuss zu und lässt es atmosphärisch völlig erstarren. Schwärze, so weit das Auge reicht, willkommen! 

Auch „Our Love To Admire“ enthält alle Merkmale von Interpols Sound und Stil. Mehr noch. Sound und Stil der Band haben sich evolutionär weiterentwickelt, was beweist, dass Interpol eine Band sind, die eine unbeugsame Tendenz zum Mut besitzt, ihre eigene künstlerische Reichweite zu erkunden, die in diesem Fall mit der gebotenen Frische der neuen Platte in jeder Hinsicht auf fruchtbarem Boden aufgegangen ist. „Our Love To Admire“ ist ein verdammt gutes Album, das alle Markenzeichen der Besetzung Interpol bewahrt. Gleichzeitig beweist es, dass die Band zur Entwicklung fähig ist, indem sie frische Elemente in ihren Sound und Stil einbringt und dabei die grundlegenden Merkmale der eigenen Wiedererkennbarkeit behält, was heute nur noch wenige Bands bieten können. Interpol sind also eine jener jungen Bands vom Übergang des ersten ins zweite Jahrtausend, denen es erstaunlicherweise gelungen ist, den Rhythmus gesunden evolutionären Fortschritts zu treffen, was heute sicher nicht die Leitlinie der Musikindustrie ist, die selbst künstlich Bands kreiert und zerstört, auf Grundlage vorsorglicher Absicherung garantierten Profits, ohne Fragen nach der potenziellen künstlerischen Perspektive dieser künstlichen „Gebilde“ (lies: Bands). Hoffen wir, dass in diesem Gegensatz die authentische Entwicklung von Interpol auf so produktive Weise, wie sie das Album „Our Love To Admire“ bestätigt, möglichst lange andauert.

Besetzung

Paul Banks – Gesang, Gitarre
Daniel Kessler – Gitarre, Backing Vocals
Carlos Dengler – Bass
Sam Fogarino – Schlagzeug

Produktion

Interpol & Rich Costey

Tracklist

1. Pioneer To The Falls
2. No I In Threesome
3. Scale
4. Heinrich Maneuver
5. Mammoth
6. Pace Is The Trick
7. All Fired Up
8. Rest My Chemistry
9. Who Do You Think
10. Wrecking Ball
11. Lighthouse

Spielzeit: 47.03

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