Orto Fest Intimci

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Ort: Orto fest- Orto bar, Ljubljana
Konzertdatum: 23.04.2007
Besucherzahl: 50
Ticketpreis: 5 €

 Es gibt nur wenige slowenische Acts, die sich im Moment mit einem ganz eigenen Sound brüsten können, in dem nicht der Hauch einer Nachahmung zu hören ist. Praktisch konnten sich auch die Ljubljaner Intimn Frizurn dem nicht entziehen, die seit gut einem Jahr, vielleicht auch ein bisschen länger, die Fahne der verschlafenen slowenischen Alternative-Szene hochhalten – mit einer völlig eigenständigen Mischung aus so unterschiedlichen musikalischen Einflüssen, dass die zu etwas ganz Eigenem mutiert sind. Vom Multisound zu einem neu generierten IF-Sound, den man am besten mit der Bandbreite zwischen den poppig angehauchten Mr. Bungle und einer gefühlvollen Funk-Variante von Reggae auf Speed beschreiben könnte. So etwas hätte man eher in Frankreich erwartet, wo das multikulturelle Zusammenleben von algerischen, marokkanischen und türkischen Einwanderern und alteingesessenen Franzosen ein kleines Meer aus Funk, Rap, Reggae und auch Rock mit ziemlich exotischem Beiklang in die heimischen Regale gespült hat. Diesmal reden wir aber über Slowenien – über ein Umfeld, in dem jede Abweichung von starr diktierten musikalischen Richtlinien äußerst selten ist. Intimn Frizurn sind zweifellos Teil dieses frischen Angebots, das euch seinen Soundcocktail in Form des Debüts KokosKokos Presenta: Intimn Frizurn serviert, noch überzeugender sind sie aber live.

Ich hatte sie schon ein paarmal gesehen, und jedes Mal klangen sie anders. Aus Neugier, welches Sound-Outfit sie sich für ihren Auftritt beim Orto Fest überstreifen würden, machte ich mich Richtung Zentrum auf. Der sonnige Dienstag klang in der leichten Kühle einer ruhigen Abendstimmung aus, und vor dem Ljubljaner Tempel des Mai-Kultur- und Musikgeschehens, der Orto Bar, deutete bis neun Uhr nichts darauf hin, dass im Bauch des ersten Stocks irgendetwas Besonderes oder Interessantes passieren würde. Nirgends Plakate, die mit großen Buchstaben oder einem provokanten Bild irgendwas angepriesen hätten. Nur der Kartenverkäufer an der Theke, der diesmal sichtbar gut gelaunt und ausgeschlafen war, zog hin und wieder ein Bündel Karten unterm Tresen hervor und verlangte von den Gästen, die in den Laden tröpfelten, dafür erträgliche 5 €. Trotzdem hatte sich im ersten Stock bis zehn Uhr eine ganz angenehme Menge von etwa 50 oder ein paar mehr Leuten versammelt. Die Lichter gehen aus. Intimn Frizurn klettern auf die Bühne. Sichtlich beruhigt und bereit für die Gruppenmeditation.

Der Opener hinterlässt schon mit den ersten Akkorden einen ziemlich kräftigen Hauch von Exotik – ‚Shupak‘, der nach schaukelnden Takten orientalisch angehauchten Reggaes mit betonhartem und zugleich geschmackvoll verzerrtem Gitarrensound zuschlägt. Das Kollektiv wirkt ab dem ersten Akkord makellos und souverän. Eine herrliche Ouvertüre für den energetischen Tritt des beschleunigten Beats von ‚Chobanska‘, bei dem sie sich komplett lockermachen. Milan Jerkić ist zweifellos einer der entspanntesten Frontmänner der slowenischen Szene, und er hat zugleich etwas, was bei uns nicht jeder hat – Charisma. Davon werden ganz natürlich auch die übrigen Bandmitglieder angezogen, unter denen sich vor allem der tätowierte Gitarrensound-Austreiber Žiga Rangus seinen sichtbaren Teil der Bühne erkämpft hat. Aus dem Hintergrund stützt ihn trotzdem ganz korrekt und erotisch das Rhythmus-Duo Iskra – Kranjc, und ab und zu mischen sich auch die Keyboards von Matej Froebe ein. Intimn Frizurn fahren ihren Film weiter, oder besser: den Soundtrack des Lebens und gedanklicher, mehr oder weniger bizarrer, aber deshalb nicht weniger reizvoller Exkurse. Es folgt die kuriose Funkadelie ‚Snow‘, die den zyklischen Flug auf der Umlaufbahn spontaner Bewegung, eingespielter Rhythmus-Synchronität und erotischen Sounds fortsetzt, der als Ganzes makellos wirkt, etwas kontemplativer und genau richtig gewürzt für alle Fans von Bands wie The Mars Volta, die ihre Dosis balkanischer Melodik im Offbeat-Kolo brauchen. Danach grollt ‚Kataifikataifi‘ los, ein paar Minuten langes Instrumental. Die Tempoberuhigung und das enger aneinandergepresste Körpergedränge lösen meiner Meinung nach einen der schönsten Songs von Kokos Kokos Presenta aus. ‚Hide, Baby!‘. Eine leicht wehmütige und schizophrene Vision von Lieben und Dasein. Die Sehnsucht in Form gegossen. Wie ein Montagmorgen klingen würde, vertont etwas, das der musikalische Zwilling des vorigen Songs sein könnte, nur in hellere und optimistischere Register versetzt – ‚Monday Morning‘. Und nach einer Reihe alter Songs noch ein Teil des Menüs mit neuen Stücken, mit denen sie die nächste Platte würzen wollen, die schon unaufhaltsam klare Konturen annimmt – ‚Funkina Basso‘. Ein leichter Offbeat und vor allem eine deutlich organischere Form dessen, wozu Intimn Frizurn in diesen Jahren des musikalischen Selbstaufbaus mutiert sind. ‚Street Lights‘ sind die Vision einer Stadt, auf die man von der Ljubljaner Burg herabblicken würde, und gleich danach eine der einfallsreichsten, vor allem aber originellsten und völlig eigenständigen Bearbeitungen von Jazzklassikern mit urbanem Alter-Feeling – ‚Summertime‘. Ich stelle mir richtig vor, dass diese Version auf der Platte wie eine eigenständige Entität klingen könnte, zu der man mit leicht verändertem Rhythmus und der längst zum Volkslied gewordenen Melodie den ganzen Tag tanzen und pfeifen kann. Sehr überzeugend. Sehr natürlich. Sehr erotisch und sexy. Nach ‚Salvenii‘ und einem energischen, unerwarteten Doping in Form des Songs ‚Bounce‘ gibt es wieder etwas, das bekanntere Sentiments weckt. ‚The Fall‘. Der rhythmisch bass- und schlagzeugvolle Einstieg verschmilzt mit Gitarren-Ambient. Der Sommer ist vorbei, bevor er überhaupt angefangen hat. Oder doch nicht? Damit wir nicht einschlafen, durchbricht eine Störung den ziemlich gleichmäßigen Rhythmus – ‚Coitus Interruptus‘, wo sich, wie schon ein paarmal zwischendurch, eine Kazoo-artige Interpretation des Saxofons ins Ganze schleicht. Nach einer Minute artikuliertem Wahnsinn ist es Zeit, einen Gang höher zu schalten – ‚Shake It‘, nach dem Milan die Bühne verlässt und vor den ersten Kampflinien einen ganz eigenen schamanischen Ritus der Tanzkatharsis hinlegt. ‚Can’t Let Go‘ klingt fast rockig. Zum Teufel mit Purismus und sauberen Linien! Dass sie vor allem im Zusammenkleben musikalischer Collagen aus Jazz-Fusion, Reggae, Funk-Rhythmik und Gitarren zu Hause sind, beweist noch ein Juwel des Abends – die schöne und unwiderstehlich anziehende ‚Maria‘, nach der Zeit ist für etwas völlig Neues und noch Unerprobtes: Balkan-Rapper wie Edo Maajka und Co. haben einen souveränen Konkurrenten bekommen. Milan hatte bis dahin schon bewiesen, dass seine Zunge wie geschmiert läuft, aber nach dem Rap-Erguss über seine eigene Geschichte stopft es selbst den größten Zweiflern den Mund, die am sprachlichen, intellektuellen und vor allem am Inspirationspotenzial dieser jungen Band zweifeln würden. Zum Schluss noch ein bisschen Jazz? Kein Problem. Nach dem abschließenden Attentat jazziger Melodik ist es Zeit für den Übergang von mentaler und emotionaler Transzendenz in den Zustand der Versöhnung mit der Realität. Das Konzert war unwiderruflich vorbei. The show is over, honey!

Nach der Erfahrung mit Intimn Frizurn sind nur zwei Dinge möglich – wenn ihr Musik-Feinschmecker seid, hungrig auf Spaß und Soundexperimente mit einer Prise Sarkasmus, dann wurden eure Appetite mehr als gestillt. Allen Konformisten dagegen, die in ihrer konservativen Logik des musikalischen Purismus vielleicht eine Reihe von Hitcovern hören wollten, haben Intimn Frizurn einen Trank in die Ohren gegossen, den sie sich bestimmt nur schwer wieder ausspülen werden. Intimn Frizurn sind Entertainer. Sie sind auch Visionäre und Nonkonformisten. Sie sind Provokation. Sie können auch Zirkus sein, sind aber zweifellos eines der wichtigeren Potenziale der slowenischen Musikszene. Long live the IF sound! Viva la musica infinita!

Setlist

1. Shupak 2. Chobanska 3. Snow 4. Kataifikataifi 5. Hide, Baby! 6. Monday Morning 7. Funkina Basso 8. Street Lights 9. Summertime 10. Salvenia 11. Bounce 12. The Fall 13. Coitus Interruptus 14. Shake It 15. Can’t Let Go 16. Maria 17. Život moj 18. PS- I Wanna QuazyJazz you

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