Orchestraler Vai in Triest (2013)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Jernej Vene
Ort: Triest (Trieste) / Teatro Politeama Rossetti / Italien
Konzertdatum: 14.06.2013
Besucherzahl: 3000
Kartenpreis: 34,00€ / 40,00€ / 60,00€
Steve Vai tourte im Herbst 2012 durch Europa und präsentierte sein damals aktuelles Studioalbum »The Story Of Light«. Dabei machte er in seiner Karriere in Ljubljana Station – sage und schreibe, bereits zum vierten Mal. Die Erinnerungen an das außergewöhnliche Konzerterlebnis, das er zuletzt in der Cvetličarna hinterließ, sind noch quicklebendig – und niemand hätte im Traum daran gedacht, dass dieser einzigartige Musikvirtuose in so kurzem Zeitabstand die Nähe Sloweniens besuchen würde. Diesmal im Rahmen einer Tournee, bei der ihn ein 45-köpfiges Orchester aus Rumänien namens Evolution Tempo Orchestra vollständig begleitet. Diesem schwingt George Natsis den Taktstock.
Wer mit Vais Veröffentlichung aus dem Jahr 2007, betitelt als »The Sound Theories Vol. 1 & 2«, vertraut ist, wird sagen können, dass »Vai im orchestralen Arrangement« für diesen Gitarren-Ass kein revolutionärer Zug mehr ist. Vai hat also bereits erprobt, wie seine Musik im Gewand orchestraler Arrangements funktioniert. Auf dieser Tournee ist der Kerl allerdings noch sparsamer als je zuvor. Die Rumänen sind sicher günstiger als die Niederländer und stehen ihnen in ihrer klassischen Ausbildung in nichts nach. Bei der Aufführung selbst vielleicht sogar agiler.
Die prächtige Spielstätte des Triester Teatro Politeama Rossetti füllte sich mit einer stattlichen Schar Neugieriger. Das Parkett war zwar nicht ausverkauft, aber ordentlich gefüllt. Alle Blicke gerichtet auf den Helden des allgemeinen, planetarischen Gitarren-Exzesses. Wo ist er? Wann betritt er die Bühne? Nicht sofort. Der Eröffnungsteil gehörte dem Orchester. Das minutenlange Klanggeflecht war so gewoben, dass anstelle von Vai genauso gut der legendäre Frank Zappa – bekanntlich Vais berühmter Mentor – auf die Bühne hätte spazieren können. Und dann erscheint er endlich, »little Stevie«, und stellt seine Gitarrensprache auf denkbar rohe Art vor! Mit dem Opener Racing The World, einem neuen Track vom Album »The Story Of Light«. Das Kunstwort »flex-able«, das Vais künstlerischen Charakter von jeher schicksalhaft begleitet, hätte kaum treffender wirken können als gerade bei seiner Eröffnungspräsentation. Vai setzte im Intro nämlich voll auf die Kombination unglaublicher Griffe mit der linken Hand auf der Gitarre – alles andere als gewöhnliche Akkordgriffe –, kombiniert mit dem Tremolo-Arm, den er in alle erdenklichen Richtungen drehte und verbog. Schon gleich zu Beginn jagte er theatralisch die Mikrofonie im Raum. Und wie gesagt: Vai präsentierte sich als sehr grober Gitarrenbenutzer. Seine Rücksichtslosigkeit gegenüber der Gitarre ist aus der Vergangenheit ohnehin hinlänglich bekannt. In seiner Bühnenkarriere hat Vai in seinem berühmten Bühnen-Showtheater schon so manche Gitarre in Stücke gebrochen.
Der Eröffnungsteil des Konzerts zeigte, dass Vai im Soundmix etwas vergraben war. Besonders das entschieden zu laut aufgedrehte Schlagzeug drang durch. Doch als das Orchester in der Begleitung dem Crescendo entgegenstrebte, tauchte Vais Lead-Gitarrenspiel im Klangbild noch weiter unter! Vais „Super-Wachheit“ ließ sich von den diesmaligen Patzern der Tontechniker jedoch nicht täuschen. Gleich beim ersten Song begann er mit der linken Hand und ausgestrecktem Zeigefinger nach oben zu fuchteln und dem Techniker damit alarmierend zu signalisieren, er solle ihn endlich auf ein »normales« hörbares Lautstärkeniveau anheben.
Auch diesmal war das Erlebnis mit Vai wieder außergewöhnlich. Nichts Neues, oder? Der Kerl hat die Setlist angepasst. Er brachte ältere Songs zurück ins Programm. Dabei ist durchaus der Hinweis angebracht, dass er sich an der Setlist der bereits erwähnten Veröffentlichung »The Sound Theories Vol. 1 & 2« orientiert hat. Da war Murder, Gentle Ways, im zweiten Encore der einzige Song vom EP »Alien Love Secrets« (1994) – das äußerst »abgehackte« Kill the Guy with the Ball – sowie der uralte The Attitude Song. Auch die grandios umarrangierten »Passion And Warfare«-Klassiker Answer und als Zugabe Liberty, gefolgt vom ultimativen Leckerbissen aus Vais Opus For The Love Of God, durften nicht fehlen. All diese Songs erlebten eine geradezu schaurige Metamorphose durch die Anpassung der Arrangements für Orchester. Jede Menge Öl ins Feuer goss natürlich Steve Vai selbst, der während des Konzerts verlängerte, experimentell-solistische Ausgänge zu den Songs hinzufügte und so ein elementares Erlebnis neuer musikalischer Qualität im Raum schuf, das nur er selbst zu wiederholen vermag. Wie man es von ihm gewohnt ist. Hemmungslos, im Glanz der »amerikanischen« Beherrschung des Schocktheater-Treatments und dem längst vertrauten Axiom »das Unmögliche ist möglich«. Oder anders gesagt: Unmöglich ist alles – solange du nicht siehst, was Vai tut. Kurzum: Der Wundertäter der 6- bis 7-saitigen Theorie agierte in seiner Bühnenentfaltung mit voller Expressivität! Wie eine knusprig heiße, frische Semmel. Nur dass Vai sich partout nicht abkühlen kann, geschweige denn »oxidieren« und zum »abgestumpften« Zwieback werden.
Am schönsten war die Erkenntnis, dass Vais Genie diesmal einen anderen Charakter ausstrahlt, als man ihn von seinen »rockig« zugespitzten Konzertauftritten gewohnt ist. Diesmal reagierten die Emotionen ganz anders. Die Sanftheit, die Feinfühligkeit im Setzen extrem kontrollierter Bewegungen von linker und rechter Hand, spülte alle anfänglichen Gesten der Grobheit schnell in die Vergessenheit. Allen voran ist da die Kombination des spinnenhaften Handgelenksgriffs der linken Hand und der schier atemraubende Tremolo-Drill, bei dem klar wird, dass die Funktionsweise des Tremolos auf diesem Planeten bis zu diesem Tag mit Sicherheit niemand so gründlich erforscht hat wie Steve. Das obligatorische, mit der Zunge gespielte Solo am Ende von For The Love Of God. Unbezahlbar. Immer wieder! Vai hat erneut alle Grenzen des Universums in seine Gitarrenkunst eingezeichnet. Genaugenommen hat er sie verwischt und im Verlauf der Vorstellung irgendwie neu gezogen. Besonders brillant wirkten die sanften Songs, wie etwa Whispering A Prayer, später Lotus Feet, und das nahezu im Roma-Stil arrangierte, leicht verführerische Salamanders In The Sun. Das größte Wohlbehagen aber hatte Vai für das Ende des regulären Teils aufgespart.
Es folgten Stücke vom Album »Fire Garden« (1996). Zunächst Bangkok. Erlaubt mir, den Bericht kurz auszuweiten. Der Song Bangkok ist eigentlich die Ouvertüre zur bekannten Nummer „One Night in Bangkok“, die der britische Schauspieler und Pop-Dance-Vokalist Murray Head und der schwedische Sänger und Songwriter Anders Glenmark als Duett singen. Der Track findet sich auf einem Konzeptalbum aus dem Jahr 1984, das als Musik für das Musical »Chess« diente. Die Musik für dieses Album schufen die ABBA-Mitglieder Benny Andersson und Björn Ulvaeus. Der Beginn des besagten Songs auf dem Album startet mit einem orientalischen Instrumental namens Bangkok, das Steve Vai für sein Album »Fire Garden« arrangiert hat – nur dass seine Version im weiteren Verlauf in die epische Schöpfung »The Fire Garden Suite« übergeht. Das Vergnügen, auf das man den ganzen Abend gewartet hatte. Eine außergewöhnliche Komposition, die tatsächlich ein vollständiges Orchester braucht, um in ihrer musikalisch-künstlerischen Aussagekraft so wahr und authentisch wie möglich zu erklingen.
Meister Vai, der Bangkok eingangs auf der elektrischen Sitar anschlug, musste wegen der besonderen Anforderungen der Suite selbst diesen später gegen eine akustische Gitarre (und natürlich gegen eine elektrische) eintauschen. Dabei hatte er allerdings einige Probleme, da die Sitar wieder zu leise eingestellt war, was ihn sichtlich aus der Bahn warf! Als er dann die akustische Gitarre in die Hand nahm, musste er auch diese gegen eine andere austauschen, da er sofort bemerkte, dass der Techniker sie schlecht gestimmt hatte. Vai hatte einen anderen Gitarrentechniker dabei und nicht den abgebrühten Grauschopf, der alle Zeitalter seit der Ära Atlantis überlebt hat, Meister Thomas Nordegg. Das war auch der Preis für sein »Sparen« beim Geld. Die Fire Garden Suite klang trotz einiger kleiner Pannen überragend aus, doch man spürte, dass der Gitarren-Guru mit dem Ablauf der Vorstellung nicht zufrieden war. Irgendwo in der Pause war sogar von der Bühne zu hören: »Get rid of this!!!«. Damit zielte Vai auf den Techniker ab, er solle sofort ein Klangdetail beseitigen, das das Bühnenbild störte. Nachdem der Techniker ihm schließlich die akustische Gitarre in die Hände gebracht hatte, vergaß er zum Beispiel, noch ein Mikrofonstativ aufzustellen, das auf die Höhe eines »sitzenden Steve Vai« hätte eingestellt sein müssen. Auch das korrigierte der Künstler nachträglich selbst. Die Zwischenzeit, während der Techniker von Vai ins Backstage und zurückging, überbrückte das Orchester routiniert mit seinem Spiel. Das Unbehagen kaschierte Vai mit einigen theatralischen Achselzucken in Richtung Publikum und Dirigent! Vielleicht war auch der Tontechniker ein wenig müde und vor allem von all Vais Anforderungen während des Konzerts durcheinander. Aber Vai verdient makellose Klangbilder. Denn er hat sein Genie auf das Maximum getrieben, wie kaum ein anderer Vertreter der menschlichen Gattung in der Galaxis.
Das Publikum störte das aber nicht. Es trug Vai nämlich auf Händen, und der Kerl genoss die Darbietung des Repertoires trotz einiger Klangturbulenzen in vollen Zügen. Sein arrangiertes For The Love Of God wollte und wollte nicht enden – so viele Verzierungen und improvisierte Einlagen hatte der Künstler dem verlängerten Outro angehängt.
Ein Meister bleibt ein Meister. Er folgt den Spuren des großen Gurus Frank Zappa. Er kopiert ihn nicht. Er greift nur das Beste von Zappa auf und gießt es konzeptuell in seinen eigenen musikalisch-expressiven Charakter. So bietet Vai weiterhin ein einzigartiges musikalisches Abenteuer, das für die anspruchsvollsten Musikgourmets gemacht ist. Steve Vai im schönsten erdenklichen Glanz – diesmal auch auf den Bühnen des Triester Teatro Politeama Rossetti. Unvergesslich! Wo die Grenzen musikalischer Expression liegen, weiß nur er selbst. Und genau das ist es, was uns an Vai immer am meisten fasziniert. Eine progressive Kombination aus musikalischem Exzess und der unvorhersehbaren Entwicklung seines einzigartigen künstlerischen Charakters. Zwei Stunden vergingen wie im Flug. Vai hat erneut die legendäre Welt einzigartiger musikalischer Magie erschaffen, die er freisinnig und unfassbar in seinen zauberhaften Händen trägt!
Setlist
1. Racing the World
2. Murder
3. Velorum
4. Gentle Ways
5. Answers
6. Whispering a Prayer
7. The Attitude Song
8. I’m Becoming
9. Salamanders in the Sun
10. Crying Machine
11. Lotus Feet
12. Bangkok
13. Fire Garden Suite
—Zugabe—
14. Liberty
15. For the Love of God
—Zugabe II.—
16. Kill the Guy with the Ball
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