One Bullet Left

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Künstler: Sinner
Label: AFM Records
Erschienen: 2011
Laufzeit: 42:30
Wertung: 4/5

Mat Sinner (bürgerlich: Mathias Lasch) gründete 1982 die Band Sinner, eine Vertreterin der frühen deutschen Power-Speed-Metal-Szene, die  tatsächlich eine der ältesten noch aktiven deutschen Bands ist – wenngleich sie es dabei mit dem Dienstalter von Scorpions oder Accept natürlich nicht aufnehmen kann.

Sinner ist für Mat schon eine Weile nicht mehr die erste Priorität, denn mit Primal Fear läuft es für ihn deutlich besser. Ohnehin ist Mat durchgehend in andere Projekte eingebunden. Eines davon war das dritte Alen/Lande-Album „Showdown“, dann das gleichnamige Album des gemischtgeschlechtlichen Gesangsduos Kiske/Summerville, das neue Voodoo Circle-Album „Broken Heart Sindrome“ und obendrein noch reichlich Unterstützung für Primal-Fear-Kollegen Ralf Scheppers bei der Entstehung von dessen erstem Soloalbum. Dabei sei erwähnt, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des neuen Sinner-Albums „One Biullet Left“ die Aufnahmen zum neuen Primal-Fear-Album auf Hochtouren laufen, das Anfang 2012 erscheinen soll.

Keine Verschnaufpause also!  Was „One Bullet Left“ betrifft – es ist keine neue Geschichte. Aber nicht in allen Punkten. Schauen wir uns also die an, die uns von früheren Taten der Band bereits bekannt sind. Das Album bleibt streng dem typischen Sinner-Pfad oldschool-orientierter, unverrückbarer Grundelemente von Melodic Metal/Heavy Rock treu. Ja, man darf Sinner durchaus als einen der Mitbegründer des späteren Power Metal bezeichnen, dem man sie heute in gewissem Maße auch zurechnen kann. „One Bullet Left“ ist damit nach wie vor Pflicht für Sinner-Fans, denen es wieder mehr als nur auf den Leib geschrieben sein wird.

Dennoch bringt „One Bullet Left“ einige Abweichungen mit, die sehr deutlich sind. Mat Sinner hat die Besetzung radikal umgekrempelt. So hat er für das neue Studioalbum fast die komplette Mannschaft um sich herum ausgetauscht – mit Ausnahme von Gitarrist Cristoph Leim. Die Band hat fünf Mitglieder. Nichts Besonderes, werdet ihr sagen, das ist doch nichts Neues. Falsch. Den Keyboarder gibt es nicht mehr. Keyboards sind auf dem Album zwar in Nuancen vorhanden, darum kümmern sich aber Mat Sinner selbst sowie der Rückkehrer in der Sinner-Besetzung, eigentlich Gitarrist, Alex Beyrodt. Mat hat dafür gleich drei Gitarristen ins Team integriert. Neben Leim stieß Tarje Turunens Gitarrist Alex Schlopp (auch bei den Farmer Boys) dazu sowie der bereits erwähnte Alex Beyrodt – der „deutsche Malmsteen“, der diese Qualität jedoch im Zaum halten kann, wenn es nötig ist, sodass Mat normal mit ihm zusammenarbeiten kann. Alex zählt zu den besten deutschen Metal-Gitarristen. Bei Sinner spielte er in den Neunzigern, unter anderem auf dem besten Album der SInner-Karriere „Nature Of Evil“. Daneben ist er durch seine Rolle bei Silent Force bekannt und zeigt sein „Malmsteenskes“ lieber intensiver in seinem neuen Projekt Voodoo Circle. Zudem half Beyrodt auf der letzten Tournee praktisch durchgehend bei Primal Fear als Ersatz für Magnus Karlsson aus. Dabei sei erwähnt, dass die eigentliche Haupterrungenschaft der neuen Sinner-Besetzung woanders liegt. Am Schlagzeug. Der neue Drummer ist Andre Hilgers (Rage,Silent Force, ex-Axxis). All diese Musiker kennen sich seit Jahren, als  würden sie ihre eigene Westentasche kennen.  Geheimnisse gibt es zwischen ihnen keine.

Diese Erneuerung ist der wichtigste Träger des neuen Bandsounds. So lebendig, mit purer Dynamik und so abwechslungsreich hat das Schlagzeug seit der Mitgliedschaft von Fritz Randow und Uli Kusch bei Sinner nicht mehr geklungen wie auf „One Bullet Left“. Die Lücke, die Sinner nach dem Abgang von Tom Naumann nie schließen konnte, ist mit Beyrodt angenehm gestopft worden; er hat dem neuen Sinner auch eine ordentliche Dosis Melodie und Prägnanz in Soli wie auch Gitarrenpassagen eingehaucht. „One Bullet Left“ ist nämlich wieder reichlich durchzogen und von Kopf bis Fuß durchtränkt von Gitarrenharmonien in Terzen. Mit der routinierten Produktion von Meister Mat Sinner erreicht es ein sattes Klangspektrum, ausdrucksstark betonte Kontraste der einzelnen Bausteine sowie die gewünschte Wucht und Lebendigkeit. Der Sound ist nicht so eingängig metallisch aufgeraut wie auf „Nature Of Evil“, es ist aber sicher das härteste Sinner-Album seit „There Will Be Execution“. Das gilt auch für die Inspiration der neuen Truppe.

Sinner wären nicht Sinner, wenn sie sich nicht wenigstens einmal (auf jedem einzelnen Album) an der Hinterlassenschaft von Thin Lizzy abarbeiten würden. Das diesmalige Opfer ist der Track Back On Trail, der im August 2011 auch als Vorstellungs-Single des neuen Albums erschien – der aber eben wegen der Ähnlichkeit mit „Boys Are Back In Town“-Phrasen seine Funktion als Pre-Promotions-Single des Albums nicht besonders gut erfüllt.

Obwohl Mat Musiker um sich hat, die Heavy Metal atmen, sind diese dazu verurteilt, nach den Regeln zu tanzen, die Mat Sinner vorgibt. Und man merkt ihm die Kumpelei mit Vertretern der Melodic-Rock-Schule in letzter Zeit an. Dazu kommt, dass Mat mit Vorbildern der Heavy-Rock-Kultur aufgewachsen  ist – U.F.O., dem bereits erwähnten Thin Lizzy usw.,… So wirkt One Bullet Left wie das melodischste Album der Sinner-Karriere. Das wird den eingefleischten Power-Metal-Fans der „Nature Of Evil“-Ära der Band nicht ganz recht sein.

Nach dem bereits erwähnten Back On Trail überrascht etwa der Titeltrack, der sich die marschierende rhythmische Basis von Gottthards Lift U‘ Up ausleiht – darüber liegt natürlich der Melos der „Sinner-Wahrnehmung“, der Refrain ist schablonenhaft und lädt bei Konzerten zum kollektiven Armheben im Saal ein.  Ein weiterer solcher Moment, bei dem das Flirten mit Melodic Rock spürbar betont wird, fasst auch das abschließende  Rolling Away zusammen – was besonders die Struktur der mehrteiligen Gesangsmelodien im Refrain nicht verbirgt.

Im Gegensatz dazu brennt auf dem Album ein außergewöhnliches Gespür für halbharte (wirklich wirkungsvolle) dramatisch-balladenhafte Stimmung – das hat Sinner schon immer gelegen. So bei Haunted, mit dem dramatischen Theater der Klassiker Judgement Day und einem packenden Refrain, in dessen Gesangsharmonien man den Beitrag von Primal-Fear-Screamer Ralf Scheppers nicht überhören kann. Wake Me When I’m Sober ist der folgende Moment, der in seiner Energie fleißig an Haunted heranrückt.

Für eingefleischte Metaller gibt es diesmal wieder nicht viele greifbare Momente fürs Headbangen. Metallisch aufgeladene Eingängigkeit verbirgt das Album zwar nicht – mit der Eröffnung The One You Left Behind, Give & Take und Suicide Mission, ebenso wenig wie das „Experiment“ Mind Over Matter, das im Hauptriff aus dem Accept/U.D.O.-Erbe schöpft, was nichts Neues ist, wenn man sich an den Track Deathwalker aus dem Sinner-Album „Judgement Day“ erinnert. Mat verfängt sich im Refrain aber in einer Falle, wenn er sich mit dem Gesang in die Höhen begibt – dort tritt seine schwache Vokalseite an die Oberfläche. Selbst das Harmonisieren mehrteiliger Gesangspaletten zieht in eine Richtung, die Accept oder U.D.O. viel besser hinbekommen – das vermag es aber nicht, die Schwächen von Mats Stimme in den höheren Lagen zu verbergen.

10 2 Death, Atomic Playboys, Mend To Be Broken – letzteres erinnert flüchtig wieder ans Kokettieren mit Thin Lizzy – sind Vertreter des Heavy Rock, aber gekleidet in eine modern aufgezogene Produktion, die sonst eher in der Domäne des deutschen Power Metal zu Hause ist. Die erwartbare Mat-Sinner-Spur.

„One Bullet Left“ erreicht eine thematisch klar betonte Vielfalt, Abwechslung und damit den geforderten dynamischen Spannungsbogen. Es wirkt angenehm frisch., aber „Sinnersk“. Der wichtigste Wiedererkennungsfaktor und das Markenzeichen der Sinner-Geschichte ist natürlich Mats spezifischer, näselnder, stellenweise beißend-kehliger, mittelhoch intonierter, männlich-machistischer Gesangsansatz. Von den letzten drei Alben ist „One Bullet Left“ das, was Mat im Stillen schon immer wollte. Ein abwechslungsreich inspiriertes Werk zu schaffen, mit pulsierend voller Produktion und stärkerem Ausschöpfen der melodischen Eingängigkeit. Um das zu erreichen, hat er wieder reichlich alle Songs mit Gitarrenharmonien in Terzen ausgestattet, die über den Riffs liegen, und die Refrains mit harmonisiertem mehrstimmigen Gesang verstärkt. Reichlicher als je zuvor.

So haben wir ein interessantes Album bekommen, das rechtgläubigen Sinner-Diskografie-Fans gefallen wird, zugleich wird es die Aufmerksamkeit des einen oder anderen Melodic-Rock- und Hard-Rock-Liebhabers mehr auf die Band lenken und gleichzeitig all jene von der Band abwenden, die sich  ausschließlich für die Sinner-Ära des stärkeren Power-Metal-Flirtens begeistern – die Mat Sinner offensichtlich vor zehn Jahren mit „End Of Sanctuary“ (2001) endgültig hinter sich gelassen hat. Wie man es auch dreht und wendet – unterm Strich ist es ein deutlich besseres Werk als „Mask Of Sanity“ und „Crash And Burn“. Dank der deutlich größeren Inspiration der neuen Besetzung sowie der allgemeinen Aufwertung – vor allem in der Aufnahme- und Produktionsphase – all dessen, was Mat Sinner mit den beiden Vorgängern nicht vollständig liefern konnte. Ein anderes, schönes und frisches, durch und durch Sinner-Album, das aber weiterhin Liebhaber kompromissloser Rock/Metal-Erotik auf zwei Polen hält.  Wie erwähnt. Die Besetzung, mit der Sinner auf dem neuen Album antritt, kann mühelos erstklassigen, reinrassig geformten Heavy Metal teutonisch-deutschen Pedigrees spielen – und genau hier steckt das Ass im Ärmel für Sinner, dessen Ausschöpfung von Mats Willen und Inspiration abhängt!  Vielleicht irgendwann. Oder eben nie (mehr).

Besetzung

Mat Sinner – Gesang, Bassgitarre
Alex Beyrodt – Gitarre
Christof Leim – Gitarre
Alex Scholpp – Gitarre
André Hilgers – Schlagzeug

Produktion

Mat Sinner

Trackliste

1. The One You Left Behind (03:39)
2. Back on Trail (03:56)
3. Give & Take (04:54)
4. One Bullet Left (04:40)
5. 10 2 Death (03:14)
6. Haunted 05:20)
7. Atomic Playboys 04:36)
8. Suicide Mission 03:30)
9. Wake Me When I’m Sober (03:56)
10. Mind Over Matter (04:00)
11. Mend to be Broken (03:53)
12. Rolling Away (04:55)

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