Ode to Echo
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Glass Hammer
Label: Arion
Veröffentlichung: 2014
Laufzeit: 53:21
Bewertung: 4.5/5
Echo war in der griechischen Mythologie die Göttin des Echos, die der Legende nach unglücklich in den eingebildeten Jüngling Narziss verliebt war. Sie war dazu verdammt, ihm in ihrer unsichtbaren Gestalt keine Liebeserklärung machen zu können, da sie nur die Worte anderer als Echo wiederholen konnte, während der weidlich verwirrte Selbstverliebte, nachdem er sich in sein eigenes Spiegelbild auf der Wasseroberfläche verliebt hatte, ertrank und in eine Blume verwandelt wurde, die noch heute seinen Namen trägt. Die moralische Lektion dieser Legende ist hinlänglich bekannt. Mythologie und antike Geschichte (nicht nur die griechische) dominieren die Titel und Texte des vierzehnten Glass Hammer-Albums, »Ode to Echo«, das eine ganz andere musikalische Geschichte erzählt als der konzeptuell ausgerichtete Vorgänger »Perilous« (2012), mit dem es die qualitative Konsistenz der einzelnen Kompositionen teilt – sehr zur Freude aller Symphonic-Prog-Rock-Gourmets.
Vierzehn Studioalben in zweiundzwanzig Jahren ist zweifellos eine beeindruckende Leistung, gerade in heutigen Zeiten, in denen vielen Prog-Acts, die schon länger auf der Bühne sind, die echte Inspiration für neue Musik ausgeht – vor allem für Musik, die zumindest auf einem halbwegs fortschrittlichen, experimentellen und intelligenten Niveau angesiedelt ist. So manche Band, die häufig oder sogar in Folge Studioalben veröffentlicht, tappt in die Falle klanglicher Generik, doch bei den amerikanischen Symphonic-Prog-Rock-Größen besteht diese Gefahr (zumindest noch) nicht. Die beiden Bandköpfe, Keyboarder Fred Schendel und Bassist/gelegentlicher Keyboarder Steve Babb, haben auf »Ode to Echo« einige unerwartete Züge gemacht, die sich für sie ausgezahlt haben.
Jon Davison, seit 2010 der Hauptsänger von Glass Hammer und seit Kurzem auch Mitglied der legendären Yes, ist in dieser Zeit extrem beschäftigt damit, Musik für zwei verschiedene Bands zu schreiben (übrigens ist Davison nicht nur ein hervorragender Sänger, sondern auch ein begabter Komponist). Babb und Schendel entschieden sich, ihn bei »Ode to Echo« etwas von den Gesangsaufgaben zu entlasten, und luden daher – zur allgemeinen Überraschung langjähriger Fans – erneut Sänger Carl Groves (zuletzt Hauptsänger auf dem Album »Culture of Ascent«, 2007) und Sängerin Suzie Bogdanowicz (zuletzt mit Glass Hammer auf dem Album »Three Cheers for the Broken-Hearted«, 2009) zur Zusammenarbeit ein.
»Ode to Echo« ist das erste Glass Hammer-Album, das alle bisherigen Sänger der Bandgeschichte vereint, denn als Gastsänger sind auch Original-Sängerin Michelle Young und der ehemalige Sänger Walter Moore dabei. Babb und Schendel selbst waren in den frühen Jahren der Band ebenfalls die Hauptvokalisten. Auch die Liste der übrigen Gastmusiker ist diesmal ziemlich beeindruckend – darunter Gitarrist Randy Jackson (Zebra) und Violinist David Ragsdale (Kansas). Nach langer Zeit haben Glass Hammer einen offiziellen Schlagzeuger in die Band aufgenommen: Aaron Raulston, dessen Drumming-Stil alles verkörpert, was ein erstklassiger Symphonic-Prog-Rock-Drummer mitbringen sollte.
Die Kombination aus drei verschiedenen Vokalstimmen auf »Ode to Echo« hat durchaus äußerst interessante Ergebnisse hervorgebracht, vor allem wenn die Kontraste zwischen männlichen und weiblichen Vokallinien aufeinandertreffen. Die Klangphilosophie von Glass Hammer bleibt dieselbe: Symphonic Prog Rock mit positiver Atmosphäre und reichen symphonischen Arrangements – diesmal gönnen sie sich nach langer Zeit aber auch einige herrlich verschlagene Jazz-Eskapaden mit lockeren Improvisationen. Trotz der beträchtlichen Eklektik der einzelnen instrumentalen Abschnitte und symphonischen Arrangements bewahren Glass Hammer auch auf »Ode to Echo« eine ausgeprägte melodische Komponente, die sich erfolgreich mit dem mehr oder weniger positiven Ambiente verbindet.
Schon beim Opener »Garden of Hedon«, einer Kombination aus Jazz Fusion in der besten Tradition von Brand X und Colosseum II sowie Symphonic Prog im Stil von Yes und Kansas, ist zu hören, dass das neue Album wieder eine ganz andere Geschichte erzählt als »Perilous«. Auch verträumte, beinahe psychedelische Momente sind in den einzelnen Arrangements reichlich vorhanden, während sich Davisons und Groves‘ Gesang hervorragend ergänzen. Davison ist nach wie vor der ‚amerikanische Jon Anderson‘ (kein Wunder, dass er Mitglied bei Yes wurde), während Groves gelegentlich ein wenig an John Lennon erinnert. Auch einige polyphone, gebrochene Rhythmen, die manchen an die unvergesslichen Gentle Giant erinnern dürften, sind zwischen den einzelnen Sektionen auszumachen, während Schendels Mellotron-Wellen dem Ganzen eine gehörige Dosis Ätherisches einimpfen. Alan Shikoh ist ein fantastischer Gitarrist, der sich von Legenden wie Allan Holdsworth, Steve Howe und Steve Hackett so einiges abgeschaut hat. Diesmal gönnt er sich zum Beispiel deutlich mehr jazzorientierte Improvisationen als auf »Perilous«.
Das Echo des Gentle Giant-Erbes ist auch beim epischen »Misantrog« zu hören, erkennbar an den einleitenden, mehrteiligen Vokalisierungen, während sich vor allem alle Jazz-Fusion-Kenner an den Passagen erfreuen werden, in denen Keyboards und Gitarrenharmonien auf außergewöhnlich stimmige Weise ineinanderfließen. Das ist wieder ein komplexes und intelligent arrangiertes Stück, das sich beinahe biegt unter der Last unberechenbarer Taktübergänge und wunderschöner Vokalharmonien. Schendels brillantes Spiel auf Klavier, Hammond-Orgel, Mini-Moog und Mellotron ist unglaublich ausgewogen und entfaltet in diesem Stück eine unglaublich ansteckende ätherische Magie, die einen Symphonic-Prog-Liebhaber im Nu vollständig in den Bann zieht.
Auch »Crowbone« ist ein Stück, das klingt, als wäre es irgendwann Anfang der Siebziger entstanden. Diesmal dominieren wunderschöne Streicher-Arrangements, die sich ideal mit mächtigen symphonischen Arrangements – vor allem am Klavier – verbinden, was alle Fans der legendären Caravan begeistern dürfte, während der Wechsel der Vokalharmonien zwischen Davison und Graves wieder ein echter Gewinn ist. Einige beklemmende Momente auf akustischer Gitarre und Streichern erinnern daran, dass Glass Hammer trotz allem keine Dauerfröhlichen sind, auch wenn ihre Musik meist von einer positiven Atmosphäre geprägt ist. Düstere Improvisationen auf E-Gitarre und Orgel unter dem Einfluss von Van Der Graaf Generator und King Crimson sind ohnehin kein allzu häufiges Phänomen in ihrem Klangvokabular, doch natürlich fehlt auch das epische, orchestral angelegte Finale nicht.
Auf »I Am I«, einem weiteren komplexen, aber melodischen Stück, übernimmt zum ersten Mal auf dem Album Suzie Bogdanowicz die vokale Hauptrolle und bringt mit ihrer ätherischen Stimme außergewöhnliche Wärme in die einzelnen Arrangements, während der Kontrast noch zunimmt, wenn beide Männerstimmen einsetzen und die aufgewühlte Atmosphäre weiter verdichten. »The Grey Hills«, das einige polyrhythmische und jazzige Übergänge enthält, hat einen etwas dunkleren und geheimnisvolleren Ambient-Ansatz, während Davisons und Graves‘ Gesang harmonisch über dem symphonischen Hintergrund gleitet und im epischen Refrain seinen Höhepunkt findet. »Porpoise Song« eröffnet mit einem feierlichen, symphonischen und leicht psychedelischen Intro, in dem Graves seine beste John-Lennon-Imitation hinlegt, während der ‚amerikanische Jon Anderson‘ Davison dafür sorgt, dass die aufgewühlte Atmosphäre ätherische und spirituell erhebende Dimensionen annimmt.
»Panegyric«, dessen Titel dem altgriechischen Wort für eine öffentliche Rede bei einem wichtigen Ereignis entlehnt ist, eröffnet mit einem sakralen, dunkel gefärbten Orgelklang, dem ein ruhiger, balladesker Abschnitt folgt, der wie geschaffen ist für Suzies Stimme. »Ozymandias« (der Songtitel ist die altgriechische Bezeichnung für den bedeutenden altägyptischen Pharao Ramses II.) hat einen schelmischen, wiegenden Einstieg, der klingt wie eine Begegnung der nahen Art zwischen Gentle Giant und ELP – das geht so weiter, bis die beiden männlichen Hauptstimmen einsetzen und im Nu eine gehörige Dosis ansteckender Ätherischkeit einbringen. Shikohs Gitarrenpassagen sind diesmal wuchtig entfacht und gut ausbalanciert mit Schendels Orgel-Eskapaden, was besonders in den kurzen Improvisationsmomenten auffällt. In all dieser rhythmischen Komplexität, angeführt von Raulston’s massiven Schlagzeugübergängen, gelingt es den Glass Hammer-Mitgliedern dennoch, einen ausgesprochen melodiösen Refrain zu weben, aus dem ihre typische ‚grüne Sprache‘ leuchtet.
Schendel und Babb sind außergewöhnliche Arbeitstiere, doch ihre Mühen zahlen sich in der Regel reichlich aus. So auch bei »Ode to Echo«, das stilistisch einer der vielseitigsten Meilensteine in der bisherigen Geschichte von Glass Hammer ist. Den Elementen des Jazz Fusion aus den goldenen Jahren des Genres haben sie diesmal freien Lauf gelassen und in Kombination mit ihrem unverkennbaren Symphonic Prog Rock ausgesprochen dynamische Ergebnisse erzielt, während die Atmosphäre der einzelnen Stücke in hervorragendem Gleichgewicht mit den mystischen Texten steht. Glass Hammer bleiben also auch nach »Ode to Echo« einer der heißesten Acts der modernen Symphonic-Prog-Szene.
Besetzung
Fred Schendel – Keyboards, Steelgitarre, Hintergrundgesang
Steve Babb – Bassgitarre, Keyboards, Hintergrundgesang
Kamran Alan Shikoh – E-Gitarre und akustische Gitarre, elektrische Sitar
Jon Davison (Yes) – Gesang
Carl Groves – Gesang
Aaron Raulston – Schlagzeug
Susie Bogdanowicz – Gesang
GASTMUSIKER:
Walter Moore – Gesang
Michelle Young – Hintergrundgesang
Randy Jackson (Zebra) – Gitarre
David Ragsdale (Kansas) – Violine
Produktion
Fred Schendel und Steve Babb
Tracklist
1. Garden of Hedon (6:57)
2. Misantrog (10:00)
3. Crowbone (7:22)
4. I Am I (8:15)
5. The Grey Hills (4:47)
6. Porpoise Song (3:37)
7. Panegyric (4:11)
8. Ozymandias (8:12)