Nostradamus
Interpret: Judas Priest
Label: Sony BMG
Veröffentlichung: 2008
Laufzeit: 102:23
Wertung: 4/5
Auch wenn Judas Priest wegen Glenn Tiptons Blinddarmentzündung den „balkanischen“ Teil der diesjährigen Tour abgesagt haben, durften wir dieser Tage auch hierzulande die Veröffentlichung ihres ersten Konzeptalbums erleben. Das Doppelalbum ruft den allseits bekannten Propheten aus dem 16. Jahrhundert in Erinnerung, dessen Visionen sich im Unterschied zu den damals recht verbreiteten, vor allem mit der Reformation verbundenen Strömungen nicht auf Kritik an der römischen Kirche stützten, weshalb Michel de Nostredame dem Scheiterhaufen entgehen konnte. Es ist also eine Renaissance-Welt aus apokalyptischen Prophezeiungen, Astrologie und biblischen Visionen, thematisch bestens geeignet (vielleicht sogar zu offensichtlich und vorhersehbar) für ein obskures Metal-Album. Gleich vorweg muss man aber betonen, dass die Platte nicht auf Nostradamus‘ Schriften beruht und auch keine neuen Deutungen der populären Visionen liefert, denn die Priests lassen sich auf die Interpretation bestimmter Vorhersagen nicht ein, sondern bauen ihre Poetik vor allem auf der Lebensgeschichte des berühmten Propheten auf.
Mit Nostradamus kehren Judas Priest triumphal auf die Bühne zurück, und man könnte sagen, das vorliegende Werk ist die monumentale und etwas sensiblere Fortsetzung von Painkiller (die zwei Scheiben mit Ripper Owens zählen aus offensichtlichen Gründen nicht, und das Album „Angel of Retribution“ erwies sich als ziemlich schwach und uninnovativ). Es ist eine düstere Rockoper, mit der die Band neuen Horizonten entgegenblickt, wo Streicher, akustische Gitarren und klassische Klaviere erklingen – die aber natürlich nicht das Hauptthema der Platte sind, sondern als wirkungsvoller Kontrapunkt zu den Gitarren von Tipton und Downing angelegt sind. Wenn die Priests sich auf Alben wie „Turbo“ und in etwas geringerem Maße auch „Ram it Down“ erst mit Gitarren-„Synthesizern“ vertraut machten, legen sie jetzt mit dem erwähnten klassischen Instrumentarium nach, das vor allem in den Intros vor den einzelnen Kapiteln zu hören ist.
Das erste davon, das den Titel Prophecy trägt, eröffnet das Album auf bestmögliche Weise und erinnert mit nostalgischen Riffs an das glänzende Erbe der Achtziger, im zweiten, Revelations genannt, erreicht es dann seinen ersten Höhepunkt. Im Song überraschen uns neben einer ziemlich ungewöhnlichen Flamenco-Gitarre auch virtuose Gitarrenelemente, bekannt als „Arpeggio“ oder „Sweep Picking“. Mit ähnlichen Kunststücken haben Tipton und Downing zwar schon auf „Painkiller“ geliebäugelt, jetzt aber haben sie dieses Können noch gefestigt und vertieft und mit vollem Recht an die Tür des Pantheons der größten Gitarristen geklopft. Beim Refrain des vierten Kapitels Pestilence and Plague müht sich Halford mit Versen auf Italienisch ab, die gegen Mitte des Songs ziemlich nervig werden, aber der Song wird durch eine interessante harmonische Struktur und epische Stimmung gerettet. Diese setzt der langsame und unheilvolle Track Death fort, der sich nach dem (schon fünften) Intro in das heroische Conquest verwandelt und dann in das ruhigere Lost Love, das sich vermutlich auf den Tod von Nostradamus‘ Frau und Kindern bezieht. Das Kapitel Persecution überrascht vor allem inhaltlich-textlich, denn bekanntlich wurde der Prophet nie von der Inquisition verfolgt, und seine Schriften kamen nie auf den Vatikanischen „Index librorum prohibitorum“. Ganz im Gegenteil. Wie historische Quellen belegen, war Nostradamus ein frommer Katholik, der sich weder in die Doktrin der katholischen Kirche noch in die verdorbenen Sitten des damaligen päpstlichen Hofs einmischte. Aber Halford und Kompanie sind eben keine Historiker, und den Ausrutscher kann man ihnen getrost verzeihen. „Licentia poetica“ eben.
Der Beginn der zweiten Scheibe ist der schwächste Teil dieses mächtigen Werks. Exiled und Alone sind zu geisttötend und in die Länge gezogen, um größere Aufmerksamkeit zu erregen, und erst beim Song Visions, der ein wenig an das fantastische Blood Red Skies erinnert, kann der Hörer wieder zufrieden die Ohren spitzen. Nach dem übertrieben schwülstigen New Beginnings, in dem man überraschend viele Floyd-artige Elemente entdeckt (z. B. die stimmungsvollen Linien von Klavier und Gitarrensolo mit endlosem „Delay“ sowie der Schluss, der den Schlussakkorden von Any Colour You Like von „Dark Side of the Moon“ völlig gleicht), folgt der zweite Klimax. Zuerst der unerbittliche Nostradamus, geprägt von einem der schaurigsten Schreie Halfords und einem trockenen Solo im Stil von Jeff Hanneman, und dann der „Sabbath-artige“ Future of Mankind (aller Wahrscheinlichkeit nach der beste Song des Albums), der dieses hervorragende symphonische Metal-Meisterwerk würdig beschließt.
Wie die meisten Konzeptalben ist auch „Nostradamus“ ein etwas anspruchsvollerer musikalischer Lesestoff, den man konzentriert hören muss, um ihn wirklich genießen zu können. Die Schwäche des Werks ist nur die große Zahl an Intros (ganze neun), durch die es viel von seinem Schwung verliert und zeitweise lahm und etwas verloren wirkt, was für die Priests ziemlich ungewöhnlich ist. Eine ähnlich melancholische und entschieden zu starke Beruhigungspille erwartet den Hörer vor allem auf der zweiten Scheibe, die erst gegen Ende abhebt. Aber schon allein wegen der Länge des Albums (mehr als 100 Minuten) darf man kein ständiges Gitarrenbombardement und keinen Terror erwarten, wie wir sie von „Painkiller“ kennen. Eine Besonderheit der Platte ist auch, dass sie keine marktorientierten Hits enthält, wie man sie auf einigen ihrer Vorgänger findet, denn sie ist von Anfang bis Ende als epische Einheit angelegt, in der jeder Song seinen genau bestimmten Platz hat. Es ist also eine völlige musikalische und inhaltliche Neuheit im Schaffen der Band, die aber – anders als das neugierige Experimentieren auf den Alben „Point of Entry“ oder „Turbo“, die ein Schwall negativer Kritiken begraben hat – reif und gut durchdacht ist.
Nostradamus ist also anders, aber im positiven Sinne, denn er bewahrt in weitaus größerem Maße den traditionellen Sound und den You’ve Got Another Thing Comin‘-„Vibe“, nur in zeitgemäßerem Gewand, dem man aber keinesfalls vorwerfen könnte, sich zu sehr den Trends unterzuordnen. Es ist also die Priest-Antwort auf „Operation: Mindcrime“ und „The Wall“, und nur die Zeit wird zeigen, ob es „Nostradamus“ gelingt, sich neben diese legendären Werke zu stellen und auch in die Musikgeschichte einzugehen. Nach dem ersten Hören klingt das Ganze überaus vielversprechend, und wenn die Judas scheitern, dann vor allem wegen der abgenutzten, ziemlich unoriginellen und ungeschickt angelegten thematischen Grundlage und keinesfalls wegen der Musik.
Besetzung
Rob Halford – Gesang
Glenn Tipton – Gitarre
K.K. Downing – Gitarre
Ian Hill – Bass
Scott Travis – Schlagzeug
Produktion
Glenn Tipton & K.K. Downing
Tracklist
CD 1.:
01. Dawn of Creation
02. Prophecy
03. Awakening
04. Revelations
05. The Four Horsemen
06. War
07. Sands of Time
08. Pestilence And Plague
09. Death
10. Peace
11. Conquest
12. Lost Love
13. Persecution
CD 2.:
01. Solitude
02. Exiled
03. Alone
04. Shadows In the Flame
05. Visions
06. Hope
07. New Beginnings
08. Calm Before the Storm
09. Nostradamus
10. Future Of Mankind
Laufzeit des Albums: 102.46