Nine Below Zero mit Temperaturen weit über dem Siedepunkt (2008)

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Ort: Bluesiana, Velden in Kärnten (Österreich)
Konzertdatum: 28.02.2008
Besucherzahl: 100
Ticketpreis: 27,00€

Der Auftritt der Blues-Rock-Krieger von der Insel, Nine Below Zero, war Grund genug für einen Sprung über die noch nicht lange gefallenen Grenzen des „Raichs“, links von Klagenfurt, in die heimelige Umarmung der Bluesiana in Velden. Dort erwartete uns eine Truppe aus vier gepflegten Herren, allesamt grandiose Musiker, bei der dem durchschnittlichen Musikkenner vor allem die ehemalige Rory Gallagher-Rhythmusgruppe in Gestalt des kompakten Duos Gerry McAvoy und Brendan O’Neill ins Auge und Ohr sticht. Natürlich haben Nine Below Zero weit mehr zu bieten als das. Seit ihrer Gründung im fernen Jahr 1977 hat sich die Band quer durch Europa ein kultiges Image als eines der attraktivsten Blues-Rock-Kollektive überhaupt erspielt, einen Ruf, den die Herren mit ihrem Donnerstagabend-Auftritt voll und ganz gerechtfertigt haben.

Die alten Bekannten der Bluesiana, Nine Below Zero, lieferten eine Show ab, die jeden Euro-Cent des nicht gerade freundlichen Ticketpreises wert war – was man allerdings an der mageren Zahl von Interessierten, die sich am Donnerstagabend, wie es anfangs aussah, vor allem zum Verkosten von Hopfengetränken rund um den Tresen verstreut hatten, nicht ablesen konnte. Die Bluesiana wirkte um Viertel vor neun noch eher verschlafen, und vor allem unvergleichlich trister als bei den Besuchen der offenbar viel attraktiveren Eric Sardinas oder der vollbusigen serbischen Königin Ana Popović. Nine Below Zero konnten die Bühne also fast unbemerkt besetzen, mit vorsichtigem Slalom zwischen dem heiter plaudernden Publikum. Vom „Podium“ erklang kurz darauf das bestens bekannte Motiv von On The Road Again, durch das die Herren mal halb im Spaß, mal halb im Ernst, aber natürlich souverän genug hindurchsegelten, dass sich im wie Schulkinder halbkreisförmig aufgestellten Auditorium die ersten ernsthafteren Lebenszeichen regten. Dabei muss man betonen, dass der alte Canned Heat-Klassiker keineswegs als konventioneller Eisbrecher serviert wurde, um das Interesse des Publikums zu wecken und damit das Selbstbewusstsein zu heben, sondern schon lange als eine Art Bindeglied im eisernen Nine-Below-Zero-Repertoire gilt. Die Fortsetzung ließ keinen Raum zum Verschnaufen, was natürlich völlig verständlich ist. Mit Ausnahme des humorvoll bearbeiteten Walking By My Self lenkten Rockin‘ Robin und Can I Get A Witness die Leidenschaft und die Emotionen der aufregenden Anfangsminuten bald forsch auf klassisches Bandmaterial um. Kompromisslos, mit simplen bluesy Wendungen und vor allem mit dem atemberaubenden Mundharmonikaspiel von Mark Feltham, neben dessen aggressivem Zugriff sogar der große Little Walter wie ein bemitleidenswerter Lehrling wirkt – bedingt gesprochen natürlich!

Nach dem stürmischen Auftakt nahmen Nine Below Zero wie Professoren den Fuß vom Gas, beruhigten die Gemüter nüchtern und im routinierten Stil großer Meister und boten ein eher sedativ gestimmtes Set an Songs. I Can’t Quit You Baby klang in majestätischem Stil aus, voll aufgedreht und mit klar ausgeprägtem Gespür für Melodie wie auch Dynamik. Emotionale Momente, in denen der alte Willie Dixon-Klassiker neue Dimensionen bekommt und vor unseren Augen regelrecht wächst – vom wenig bekannten Original über die vielseitige Led-Zeppelin-Version bis hin zu einem unaufhaltsamen Gefühlssturzbach. Eine ähnliche, aber etwas verworrenere Geschichte drehte sich um Tore Down. Der Song trug die Düsternis in sich, die für die Ausdruckskraft von Howlin‘ Wolf typisch ist. Fantastisch, wie der „Gitarrenheld“ Dennis Greaves die bekannten Bluesphrasen unermüdlich zähmt, effektvoll aneinanderreiht und mit liebevoller Hand seinem eigenen musikalischen Ausdruck anpasst. Dennis hat das Vermächtnis des Delta Blues mutig und auf möglichst einfache Weise an das urbane Umfeld angepasst, natürlich durch den effektiven Einsatz der E-Gitarre.

Die „Ernüchterung“ kam bald. Treat Her Right brachte uns schnell zurück in den gewohnten Rahmen des Boogie Rock, diesmal im Finale schelmisch mit Steppin‘ Out abgerundet. Überhaupt wirkte Dennis an diesem Donnerstagabend bestens gelaunt für das oft schwer nachvollziehbare Herumwursteln an immergrünen Bluesthemen, an diversen Albatros-, Black-Dog-inspirierten Ausflügen und einer ganzen Reihe von Sonny Boy Williamson-Motiven, die eher gewaltsam neben das oft inkompatible Eigenmaterial gepresst wurden. Zwar unterhaltsam, aber vielleicht ein bisschen zu vorhersehbar. Schade, denn der Großteil der Klasse von Nine Below Zero stammt gerade aus dem eigenen Material. Ein schönes Beispiel für dessen Größe war Don’t Point Your Finger At The Guitar Man, das scharf, gleich auf den ersten Schlag angriff, mit einer gehäuften Portion modulativer Aufstiege und Abstiege, vor allem aber mit der begeisternden Kommunikation zwischen Gesang, Gitarre und Mundharmonika, die auch bei Three Times Enough keine Scheu davor hatte, die Muskeln spielen zu lassen.

Knappe zwei Dutzend Songs vergingen wie im Flug, natürlich dank des ungemein aufregenden Geschehens, wie wohl auch des schnell abgesägten Programms. Ich wurde nämlich das Gefühl nicht los, das mich ständig piesackte, dass es die Onkels zeitweise regelrecht eilig hatten, von der Bühne der Bluesiana runterzukommen. Natürlich wäre es allein aufgrund ihres allseits geschätzten musikalischen Status naiv, von Nine Below Zero Immunität gegen die Launen der menschlichen Natur zu erwarten. Jedes Gemecker ist deshalb hier völlig fehl am Platz, denn die Herren haben sich als ausgesprochen homogene Truppe von Blues-Träumern gezeigt, die in reifen Jahren obendrein in außergewöhnlicher Form ist. Voller Leben, voller Energie und, was am wichtigsten ist, voller Liebe zum Blues.

Text: Daniel Pavlica
Fotos: Mojca Perdih

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