Neue Motörhead-Detonation jenseits der slowenischen Grenze (2010)

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Autor: Aleš Podbrežnik

Ort: Vila Manin / Codroipo (Udine) / Italien
Konzertdatum: 27.06.2010
Besucherzahl: 5000
Kartenpreis: 35,00€ (Vorverkauf) / 41,00€ (Abendkasse)

Wir wissen alle, dass das Internet den Biorhythmus der Bands grundlegend verändert hat. Auch Rock-Dinosaurier und andere prähistorische, schwerfällig tapsende Ungetüme sind zur Anpassung gezwungen. Der Internet-Download hat Bands heutzutage buchstäblich auf die Bühnen katapultiert. Sie gehen regelmäßig auf Tour, auch mehrmals im Jahr. Konzerttouren werden damit zur einzigen wirklichen Einnahmequelle für Bands. Die Folge: Ticketpreise steigen, während die Bühnenzeit der Bands schrumpft. Und der Trend setzt sich auch 2010 fort, vertieft sich, verfestigt sich, gewinnt an Bedeutung – und das Publikum nimmt das zunehmend als etwas völlig Normales hin.

Zu jenen Bands mit Permokarbon-Amphibien-Status gehören unsere alten guten Verfolger rostiger Jungfrauen und Vernichter des edlen Jack-Daniels-Tropfens, im Volksmund Motorhead. Die Tradition der jährlichen Festivalauftritte hat sie eigentlich zu dem einzigen eigenständigen Konzert geführt, das sie zwischen die Festivaldaten gequetscht haben. Diesmal ins benachbarte Udine. Wer sich an den Juli des Vorjahres erinnert: Motorhead haben damals drei solche eigenständigen Auftritte in Italien gespielt. Diesmal nur einen.

Den schwülen Tag eröffneten die Mailänder Bulldozer. Die Band, die dieses Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiert, ist auf heimischem Boden eine angesehene und anerkannte Größe. Als Opener für ein Motorhead-Konzert absolut ungeeignet – aber so hat’s der Veranstalter gewollt. Bulldozer gelten nämlich als Legenden des italienischen Metals. Die Band war fast 20 Jahre lang inaktiv, bevor sie sich vorvoriges Jahr plötzlich wieder zusammenfand. Das Zeitalter der Reunions brachte also auf die Bühne eine Farce namens das Bulldozer-gewürzte Spaßtheater, das vor allem eine Handvoll Italiener unter der Bühne unterhielt, während wir anderen aus vorsorglich gewählter Entfernung den Bühnen-Sadomasochismus erduldeten, der angeblich gewisse Formen des Black Metals zusammenfassen sollte – vor allem wegen des häufigen Einsatzes von Blast-Beat-Rhythmen, über die zerfetzte Riffs gelegt wurden. Das undeutliche Röcheln extremen Gesangs kommt noch obendrauf, und da haben wir’s. Die ausdruckslose Essenz des Urkeims einer Band, in der sich nur das spezifische Empfindungsvermögen italienischer Rezeptororgane wirklich wohlfühlt. Eine halbe Stunde war mehr als genug. Der Band wünsche ich trotzdem Prosperität – allen Besuchern aber, die aus dem Ausland nach Italien kommen, um wirklich große Bands von Weltformat zu hören, wünsche ich vor allem das: dass sie nie wieder unter einer Bühne mit Bulldozer landen. Die Band ist nur im Rahmen von heimischen – sprich streng italienischen – Festivals konsumierbar.

Der gute alte Kanzler Lemmy Kilmister stand mit seiner Kompanie um Punkt 21:30 Uhr auf der Bühne! Interessant war diesmal, dass Motorhead nur rund 4.000, vielleicht 4.500 Besucher begrüßten. Eine ausgesprochen große Überraschung, denn der vorjährige Spektakel in Padua und der dortigen Villa Contarini hatte eine zweistündige Verspätung verursacht – weil die vordere Schutzabsperrung zerstört worden war. Das war der Tag, an dem 10.000 verrückte Köpfe auf das Gelände stürmten und alle in die erste Reihe drängten. Diesmal war das Konzert mit der Hälfte der Besucherzahl in Codroipo sogar für jene gemacht, die auf Konzerte schon „in Rente gehen“. Die Rede ist von eher ruhigeren Zuhörern. Aber was soll’s – der Teufel lässt einem keine Ruh‘. Bei Motorhead kann man nämlich nicht einfach stillstehen. Und das haben mir zahlreiche Gestalten bewiesen, die weit, weit weg von der Bühne auf dem weichen, bequemen Rasen des Innenhofs der Vila Manin herumlagen.

Widmen wir uns also der Bühne. Motorhead kamen routiniert und lieferten erwartungsgemäß reichlich Unterhaltung. Lemmy hält seine Stimme in würdiger Form – und die bleibt auch im neuen Zeitalter unerbittlich dröhnend, spitz und breit durchdringend, im Stil eines transatlantischen Dampfers, nur dass Lemmy bislang noch keinen Eisberg gerammt hat! Nach hervorragend aufgebautem Konzertambiente – garantiert durch die Darbietung der Klassiker Iron Fist und Stay Clean aus dem eisernen Repertoire – geht die Besetzung zu neuerem Material über, das die Stimmung etwas beruhigt. In dieser Phase ist vor allem die Ansage des Songs Rock Out aus Lemmys Mund besonders denkwürdig: „This song is called Rock Out with your cock out!“ Im eröffnenden Ballett schaukeln Campbell und der Kanzler Schulter an Schulter, die Band peitscht bereits Riffs durch das unverzichtbare Metropolis und kämpft sich so bis zur nächsten Klassik vor: Over The Top! Nachdem Phil Campbell das Publikum angefeuert hat, so viel Lärm zu machen wie noch nie zuvor im Leben, setzt Lemmy am Ende noch drauf, dass Motorhead diesen Song all jenen im Publikum widmen, die heute ihre Kehlen aufgewärmt haben!

Die Band will und kann sich partout nicht vom Promoten des letzten Studioalbums „Motorizer“ (2008) lösen – das Hand aufs Herz ein eher uninteressantes Motorhead-Album ist. Die Funktion von Sacrifice und Orgasmatron übernimmt in der Setlist das neuere In The Name Of Tragedy („Kiss Of Death“, 2006), das sich im Übrigen bestens mit dem klassischen Repertoire der Setlist verstand. Letzterer Song umfasst weiterhin das phänomenale Schlagzeugsolo des griechischen Blondschopfs mit schwedischem Pass, Mikkey Dee. Unfehlbar und perfekt!

Die willkommenen Leckerbissen vom Album „Another Perfect Day“ (1983) sind inzwischen keine Zielscheibe für Kritik mehr – denn es handelt sich um eines der zu Unrecht übersehenen Alben der Band, mit einer Gitarren-Integration höchsten Intelligenzquotienten, wenn es natürlich um das Ausdrucksvokabular von Motorhead geht. Auch diesmal haben die Jungs mit I Got Mine und Just ‚Cos You Got The Power die Ohren erfolgreich gestreichelt. Die Überraschung der Setlist war diesmal Cradle to the Grave, erschienen als B-Seite der Single Eat The Rich vom Album „Rock N‘ Roll“ (1987). Mehr solcher wunderbaren Überraschungen hätte man sich gewünscht – denn das Konzert glitt ziemlich schnell seinem Ende entgegen, das der kurze Rock-’n‘-Roll-Zündstoff Going To Brasil ankündigte und das (im Rahmen der Möglichkeiten von Motorhead) das beinahe schon Mini-EP-artige Killed By Death bestätigte. Normalerweise beenden die Jungs in der neuen Ära alle Auftritte mit diesem Song. Doch dann schlich sich nach Killed By Death noch die „Bastards“-Schurkerei Born To Raise Hell als regulärer Finale-Abschluss dazu. Die bestätigte nach Killed By Death – angesichts der Ansprüche beider Refrains – dass Lemmys Gesang eine unbegreifliche Schärfe der vokalen Detonation bewahrt, den Hauch des Aufruhrs des Rock-’n‘-Roll-Einsiedlerwolfs, der durch die bestialische Abnutzung seiner Stimmbänder mit dem Ausstoß alkoholischer Dämpfe keineswegs geizt. All das hat Motorhead schließlich zu den Großen der Rockmusik gemacht.

Die Jungs haben den Sound beim Konzert nach Herzenslust nach oben aufgedreht. Das ist Dauerzustand – und je mehr Dröhnen, Brummen und allgemeines Quälen der Soundanlage, desto wohler fühlen sie sich. Als wollten sie das Publikum mit dem Lärm buchstäblich erschlagen. Zum Abschluss noch Ace Of Spades, bei dem viele im Publikum ein unvergessliches Delirium erlebten, als hätten sie zum ersten Mal im Leben ihre Unschuld verloren – und dem Teufel haben sie mit Overkill noch ein letztes Mal auf die Hörner gehauen, das am Ende erwartungsgemäß in die Länge gezogen wurde. Durch die unerträgliche Bühnenmikrofonie verabschiedet sich die Band von ihren Fans.

Motorhead verfehlen ihr Ziel nie. Sie sind Sieger, die aber gerne sagen, dass der Mensch irrtümlich im Glauben an seinen Sieg lebt, obwohl er schon bei der Geburt zur ultimativen Niederlage verurteilt ist. Solange Lemmy gesund ist und die in seine Stimmbänder gerammten Nägel einzigartiger Giftigkeit nicht verrosten, werden wir noch viele fantastische Begegnungen mit der Band erleben dürfen. Auch diesmal in Codroipo war es so. Die chromartige Beschichtung der Stimmbänder dient Lemmy auch im Jahr 2010 noch tadellos gut!

Aber Hand aufs Herz. Motorhead-Konzerte besucht man in Großbritannien und Deutschland. Dort holt die Band mehr aus sich heraus, und ihre Konzerte riechen nicht nur direkt nach purer Routine. In Italien spürt man die Routine eben zu sehr. Entweder bricht dir das Publikum die Schutzabsperrung, oder es „geht auf Rente“ vor der Bühne. Das bewegt Motorhead einfach nicht. Andererseits muss die Besetzung unbedingt die Setlist ändern und die Reihenfolge der Songs etwas durchmischen – denn sie hat begonnen, mit ihrer Vorhersehbarkeit gewaltig zu langweilen. Das erste alarmierende Anzeichen ist diesmal der relativ niedrige Besuch des Konzerts in Codroipo. Und vor allem: aufhören, das Publikum mit „Motorizer“-Songs zu vergewaltigen. Die werden nie den Glanz der Achtziger-Klassiker erreichen, nach denen wir – nach dem Genuss des abgenutzten Konzertrepertoires der letzten drei Jahre – umso stärker lechzen. Hoffen wir, dass sich unsere Wünsche bis zur Deutschland-Tour der Band im Dezember erfüllen. Die Band war ausgesprochen sparsam, und das Konzert war in weniger als anderthalb Stunden vorbei. Wer Motorhead in Codroipo zum ersten Mal gesehen hat, ist mit Sicherheit auf seine Kosten gekommen. Motorhead bleiben eben die bewährten Reiter des Rock-’n‘-Roll-Vaterlandes, die einfach nicht verleugnen können und wollen, wer sie sind.

Fotos: Mojca Perdih

Setlist

MOTORHEAD:
1.Iron Fist
2.Stay Clean
3.Be My Baby
4.Rock Out
5.Metropolis
6.Over The Top
7.One Night Stand
8.The Thousand Names Of God
9.I Got Mine
10.Cradle to the Grave
11.In The Name Of Tragedy
12.Just ‚Cos You Got The Power
13.Going To Brazil
14.Killed By Death
15. Born To Raise Hell
—Zugabe—
16.Ace Of Spades
17.Overkill

Fotogalerie

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