Neue Hoffnung ohne Hoffnung? (2013)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Ljubljana / Orto bar / Slowenien
Konzertdatum: 10.01.2013
Besucherzahl: 30
Kartenpreis: 4,00€

Kadilnica of Death – in liebevoller Übersetzung ein Inkubator, aus dem die Besucher als ordentlich durchgeräuchertes Fleischprodukt nach neuester Marlboro-Lizenz herauskommen sollen, was »de facto« nicht stimmt, startete mit einer neuen Ladung aufregender Events ins neue Jahr, dem Widerhall schwer rasselnden Räderwerks.

Die küstenländischen Thrash-Metal-Schlächter Woli Wo haben ihr zweites Langspielalbum mit dem Titel »Novo upanje« veröffentlicht, und die seelsorgerischen Hirten der jungen und unbekannten Hoffnungsträger Sloweniens, im ewig unerschrockenen Gespann des Duos Dirty Skunks, haben die gesamte Logistik für die Präsentation der Woli Wo-Jungs auf der Bühne des Orto bar organisiert.

Die Uhr hatte längst halb zehn abends geschlagen. Im Veranstaltungssaal stehen wir »schon ordentlich angetrunken« – Kollege Andrej Banko, der hinter dem Tresen gähnende Wirt des Orto bar und der offizielle RockLine-Fotograf, der atemlos zur Location gestürmt ist, aus Angst, dass ihm die gute Position für Aufnahmen im proppenvollen Club-Raum schon längst entgangen ist. Bald gesellen sich die Urgesteine ihres Handwerks der Verbreitung guter Musik, Črt und Gorjanec, dazu, woraufhin die ersten drei Bandmitglieder von Woli Wo in den Raum tröpfeln und gemeinsam nach Sänger Beni rufen. In der Zwischenzeit schleppen sich noch ein paar Köpfe in den Raum, darunter auch der vermisste Beni, der es mit ein paar körperlichen Schwüngen schafft, glücklich und ohne Kratzer auf die Bühne zu kraxeln. Der Spaß beginnt.

Das Volk aus den benachbarten Räumlichkeiten des Orto bar vernimmt Lärm und Krawall, der Ort erlebt eine wahre biblische Erleuchtung, als er sich mit 30 Köpfen füllt. Woli Wo sind in erster Linie küstenländischer alkoholischer Musikexzess. Sie spielen Old-School-Thrash-Metal, der die Frühgeschichte von Anthrax verkörpert, in die gelegentlich die Rhetorik uriger Rock-’n‘-Blues-Neigungen eingeflochten ist, kann man sagen, sie haben eine Prise Sludge in sich,… Begleitet von Benis charmant nasalem, kehligem »Krächzen«. Aber wie der Name schon sagt. Das ist ein echter verrückter Stieranlauf den Hang hinunter in.. in… in… totales »Chaos«.

Vorbildliche Riffs, vorbildliche Kompositionen. Über das vorbildliche Spiel wollen wir diesmal nicht zu lang schwadronieren, denn die Hälfte des Quartetts war sichtlich alkoholisch derangiert. So waren die Jungs selbst nicht in der Lage, den Instrumenten den richtigen Sound einzustellen. Alles war ihnen recht. Mit allem waren sie rasch zufrieden. Die Gitarre summte also wie ein Bienchen, das versehentlich auf eine Cannabisblüte abgebogen ist, in die Darbietung schlichen sich während des Konzerts  einige Patzer und undeutlich gespielte Notenfolgen in den Riff-Übergängen ein. Beni schwenkte übers gesamte Konzert eine Flasche Laško, als würde er eine Gottheit anbeten. Zu Beginn des Konzerts steigt der Mann von der Bühne herab und schießt mit aufrechtem, gemessenem Schritt wie ein Pfeil zur Theke, wo er eine vollwertige Runde von vier Laško-Bieren für die Kumpanen auf der Bühne bestellt. Während der Wirt die Ware für die Bühne vorbereitet, ist das Gemurre des Stammpersonals des Orto bar und des Altmeisters Boban am Mischpult zu vernehmen: »Ist das nicht schon ein bisschen zu viel?« Niemand hat das gehört. Gut so. Dem angemessen beladenen Beni hat diesmal das Publikum geholfen, damit er erfolgreich auf die richtige Seite der Bühne schwingen konnte, wo er wieder seine Position einnahm. Es fehlte nicht an ausgiebigen Anblicken der schaukelnden Flasche, ebenso wenig an Momenten, in denen er hineinbrüllte statt ins Mikrofon der anderen Hand.

»Welches Stück ist jetzt dran, Alter?« fragt der Vokalist die Anwesenden theatralisch. Ein seelsorgerischer Musikliebhaber tritt zur Bühne vor und liest vom Spickzettel der Band: »Serial Killer« Es folgt die sofortige Verurteilung: »Du bist bestimmt von Sazas, du hockst hier, zählst und schreibst dir unsere Stücke auf!« Na ja. An Humoreinlagen mangelte es an diesem Abend nicht. So sehr der Auftritt von Woli Wo oft als Farce einer zerstrittenen Musiktruppe wirkte, umso mehr imponierte er durch seine luzide Seite, gewürzt mit Spitzen handfesten Klohumors (was unter anderem auch die Eigenkomposition Sm šou scat ma sem bruhu beschreibt). Vor allem aber amüsierte Benis spontanes »Schaukeln«, bei dem ständig die Gefahr in der Luft lag, dass der Typ jetzt, jetzt kopfüber von der Bühne purzeln würde. Geredet wurde viel. Mindestens die Hälfte der für den Repertoire-Vortrag vorgesehenen Spielzeit, was für einige Rufe aus dem Publikum sorgte: »Spiel, spiel!!!«

Woli Wo sind unterhaltsame Kerle, zweifellos gute Musiker, die die Magie der Gitarrenriffs und reißerischer Metal-Kompositionen verstehen. Doch an diesem Abend drängte sich vor allem der Fakt in den Vordergrund, dass die Köpfe entschieden zu sehr mit alkoholischen Derivaten vollgepumpt waren – also eine Burleske, die an Stand-up-Komödie grenzte. Die Band hat riesige Eier, ihre Konzerte so authentisch und unverhohlen mit Alkohol zu dosieren. Bis zu einem gewissen Grad ist das eine eingespielte Praxis der Rockkultur, die aber bei unvorsichtigem Umgang das öffentliche Image einer Gruppe komplett ruinieren kann. Ich hoffe, dass die Jungs sich dessen bewusst sind und ihre Bühnenpräsenz in dieser Hinsicht künftig vernünftig ausbalancieren werden. Mit unseren aufrichtigen Glückwünschen zum neuen Release der Gruppe natürlich.

Setlist

1. Vikingi
2. War Believers
3. Divji mesar
4. 6 Pek Bluz
5. Serial Killer
6. Sm šou scat ma sm bruhu
7. Burning Eyes
8. Pokwra
9. Zadnja kugla v čelo
10. Mushroom Attack
11. Broken Nose
12. Crossover
13. Richard Boris
14. S.D.I.
15. Zvij kanu na buči vina

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