Neckbreaker’s Ball 2011!
Autor: Rok Klemše
Fotos: Nina Grad
Ort: Cvetličarna Mediapark, Ljubljana
Konzertdatum: 01.11.2011
Besucherzahl: 350
Eine der größten europäischen Booking-Agenturen, Rock the Nation, sorgt seit einigen Jahren für ein buntes Angebot an Festival-Tourneen, die sie unter den Namen Heidenfest, Paganfest, Thrashfest, Full of Hate, Power of Metal, Hatefest und Neckbreaker’s Ball bündelt. Letzteres Tournee-Ungeheuer machte erstmals auch bei uns Halt und sorgte diesmal für… nun ja, ein eher armseliges Angebot vom gemischten Grill mit mehreren kümmerlichen Beilagen, die den Teller mehr vollgestellt als bereichert haben. In der Vergangenheit sorgten beim Neckbreaker’s Ball Bands wie Arsis, Behemoth, Kataklysm und Devildriver für echtes Nackenbrechen, leider wird aber auch diese Tournee immer mehr darauf ausgerichtet, vorgekauerte Bands für ein nicht allzu anspruchsvolles jüngeres Publikum zu servieren. Damit der Abend etwas leichter zu überstehen war, sorgte der Veranstalter mit einer echten Geste der Gastfreundschaft dafür, dass schon am Eingang in erfrorene Hände (und Kehlen) herzlich ein Gläschen selbstgemachten Mets gedrückt wurde.
Das Aufgebot von immerhin sechs Acts versprach ein echtes Marathon-Konzerterlebnis, das nach dem Startschuss aber weniger in einen Sprint überging als vielmehr wie ein altes Gaul antrottete. Die finnischen Melodic-Death-Metaller Omnium Gatherum traten so aufgrund der frühen Stunde vor einer Handvoll Enthusiasten auf die Bühne, die die erste (und einzige) Reihe davor besetzt hatten. Die Finnen sind ganz offensichtlich in der Schule des schwedischen Melodic Death Metal von In Flames und Dark Tranquillity groß geworden, nur bringen sie im Gegensatz zu ihren Lehrern weitaus mehr Keyboard-Elemente und finnisch, melancholisch klingende Passagen in ihre Musik ein. Die Keyboards wirkten gelegentlich etwas zu aufdringlich, da sie sich in der Rolle als Unterstützung der Gitarren-Riffs weitaus überzeugender schlugen. Omnium Gatherum widmeten die meiste Aufmerksamkeit ihrem aktuellen Album New World Shadows, und die Band präsentierte das Material souverän und völlig in ihrem Element. Vielleicht sogar etwas zu sehr in ihrem Element, da Sänger Jukka mit seinem klischeehaften und generischen Gegrowle und dem Animieren des (praktisch nicht vorhandenen) Publikums sowie das poserige Solieren der Gitarristen Markus und Joonas, mit ihrem Auftreten als würden sie vor einer riesigen Menge spielen, kurzzeitig sogar komisch wirkten. Der energiegeladene Auftritt der Band ist natürlich mehr als willkommen, und den jungen Finnen mangelt es keineswegs an Energie, aber zeitweise hatte man das Gefühl, Jukka würde dieselbe Show auch vor einem einsamen Büschel veranstalten, das im Wind herumtaumelt (und es hofieren wie Kevin Spacey die Plastiktüte in American Beauty).
Als Thrash-Ersatz für die ausgefallenen Death Angel (die eine US-Tournee mit Testament und Anthrax dem Neckbreaker’s Ball vorzogen) sprangen die Schweizer Gurd ein, die laut dem Sänger zuletzt vor 13 Jahren bei uns aufgetreten waren. Die Schweizer können auf gut fünfzehn Jahre Bandgeschichte zurückblicken, in denen sie zehn Studioalben aufgenommen haben, das zehnte und letzte, Never Fail, präsentierten sie auch im Rahmen des Neckbreaker’s Ball. Einen besonders großen Ausnahmezustand stellten Gurd nicht dar, ihr energischer und aggressiver Groove/Thrash sorgte aber immerhin für etwas mehr Bewegung vor der Bühne. Die Berner Thrash-Bären waren auf der Bühne durchaus lebendig und explosiv, doch ihre Vision von Thrash wurde schnell repetitiv und vorhersehbar, und obendrein reihten sie schmerzhaft offensichtliche Einflüsse von Bands wie Metallica, Sepultura und Exodus aneinander und kopierten ihre Gitarren- und Gesangslinien sowie sogar das Drumming auf geradezu unverschämte Weise von den genannten Größen.
Etwas mehr Energie brachten die bayerischen Wölfe Varg auf die Bühne, denen es mit einem souveränen und feurigen Auftritt schließlich gelang, das ungeduldige Publikum aufzupeitschen. Die in Kriegsbemalung und -ausrüstung gekleideten Bandmitglieder warfen sich in ihre halbe Stunde wie ausgehungerte Wölfe und hetzten schnell durch alle drei bisher veröffentlichten Alben. Der energiegeladene Auftritt verlief im Zeichen pompöser und hochfliegender Instrumentalparts und interessanter Lösungen für den Mangel an Folk-Instrumenten (Gott sei Dank). Frontmann Freki heizte dem Publikum erfolgreich ein, und überraschend zu sehen war, dass die Band bei uns sogar eine stattliche Anzahl an Fans hat. Interessant war es, in einem ernsteren Ansatz an Pagan/Black Metal ohne die blödsinnige Verherrlichung von Zwergen, Alkohol und ähnlichem Kram der meisten heutigen Folk-Metal-Bands Lyrics zu hören, die ausschließlich auf Deutsch gesungen wurden, was dem Erlebnis noch einen stärkeren eigenen Stempel aufdrückte. Varg erledigten ihren Job souverän und schafften es, den Abend in einen höheren Gang zu schalten – lediglich das herausstechende Cover von Rammsteins Links 2 3 4 gelang etwas weniger überzeugend.
In noch einen höheren Gang versuchten die Dänen Mercenary den Abend zu schalten, doch sie „schalteten“ sich ordentlich fest und das Getriebe knirschte mehrfach übel. Die Dänen, vor allem dank Rock the Nation, die sie auf fast jede ihrer Tourneen quetschen, touren trotz zahlreicher Personalrochaden unermüdlich durch ganz Europa. Mercenary haben kürzlich das Album Metamorphosis veröffentlicht, dem sie erwartungsgemäß die meiste Aufmerksamkeit widmeten, doch jedes neu veröffentlichte Album der Dänen ist leider immer eine niedrigere Qualitätsstufe. Wo sind die Zeiten der exzellenten Alben Everblack und 11 Dreams? Metamorphosis ist ein mehr als treffender Albumtitel, da Mercenary mit dieser Platte noch tiefer in die Gewässer des radiofreundlichen Metals segeln. Das Album ist eine weitere Bestätigung dafür, dass die Form der Jungs seit dem Album 11 Dreams, dem letzten wirklich guten Werk dieser Band, konstant und steil abfällt. Der Niedergang der Band begann mit dem Abgang von Bassist Kral, der auch für die harten Vocals zuständig war, und den letzten Nagel in den Sarg schlug noch der Weggang des exzellenten Sängers Mikkel Sandager. Alle Gesangsaufgaben übernahm so der neue Bassist Rene Pedersen, was der Band leider nichts Besseres brachte. Die Growls sind dermaßen generisch, und die Aggressivität, Epik und Atmosphäre, die Mercenary mit ihren ersten drei Alben so gut aufgebaut hatten, wird durch einen immer größer werdenden Anteil an süßen, rein gesungenen Refrains und schwachsinnigen Riffs zunichtegemacht. Rene erreicht leider nicht annähernd Mikkels Überzeugungskraft und Krals Brutalität, und mit einer schwachen Gesangsdarbietung und schwachsinnigen Ansagen (er glänzte vor allem mit seinen Aufrufen zum wall of dancing; WTF!?) verblasst leider auch die Bühnenpräsenz der Band.
Mit dem Auftritt der Schweizer Folk-Metal-Band Eluveitie wurde kristallklar, dass für den Großteil der Besucher nur und ausschließlich sie die Headliner des Abends waren. Nach gut drei Stunden füllte sich der Bereich vor der Bühne zum ersten Mal wirklich, und Eluveitie schickten das junge Publikum beim Klang von Flöten, Geige, Dudelsack und Hurdy-Gurdy in einen wilden Tanz. Woher die so frenetische Begeisterung für die Band und generell die fanatische Verehrung des Folk Metals seitens der Jugend kommt, ist mir nicht ganz klar, aber Eluveitie erledigten ihren Job solide und souverän. Dafür ist vor allem der unerschöpflichen Energie und Charisma von Sänger Chrigl zu danken, der das Publikum effektiv im Griff eines äußerst eingängigen und sogar aggressiven Melodic Death Metals hielt, der stellenweise eine echte Grundlage fürs Nackenbrechen bietet. Und damit ist er eigentlich gar nicht so weit entfernt von dem, was Dark Tranquillity kurz darauf präsentierten. Aufgrund des schlechten Sounds wirkte die Mischung aus Folk und Melodic Death Metal aber wie das Getöse einer betrunkenen Volksmusikkapelle, da die Folk-Instrumente nicht zu ihrem richtigen Ausdruck kamen und die melodischen Gitarrenlinien gelegentlich ebenfalls irgendwo im Nichts verschwanden. Doch das Publikum ließ sich nicht beirren und moshte auf jeden Befehl von Chrigl hin und bildete Circle Pits (durch die man sich allerdings ganz ruhig und ungehindert auf dem Weg zur Toilette hätte durchspazieren können).
Nach einem mittlerweile echten Festivalfahrplan an Bandauftritten war es endlich an der Zeit, dass wieder die dunkle Stille aus dem schwedischen Göteborg über die slowenischen Bühnen weht. Dark Tranquillity sind heute eigentlich noch die einzige Band des großen Trios des Göteborger Metals (zusammen mit At the Gates und In Flames), die ihre Mission so erfüllt, wie es sein sollte. Das letzte Album der Band We Are the Void zeigte, dass die Mischung aus eisig-melancholischer Schönheit und bestialischer Aggressivität noch immer funktioniert, und das ist wahrscheinlich der Grund, warum Dark Tranquillity endlich beginnen, die Früchte ihrer langen Karriere zu ernten. Trotz Headliner-Status präsentierten Dark Tranquillity ihre nach wie vor starke und enorm potente Vision des Melodic Death Metals gerade mal gut eine Stunde lang. So fehlte die Zeit für Klassiker, die ich sehr vermisst habe, aber den Schweden unter der Führung des fantastischen Frontmanns Mikael Stanne, der das Publikum mit seiner Charisma spielend im Griff hat, gelang es, die ihnen zugemessene Zeit optimal zu nutzen. In einer guten Stunde reihten sie so Tracks vom aktuellen Album sowie seinem Vorgänger Fiction aneinander, der wohl das erfolgreichste Album der Band bis dato ist, vergaßen dabei aber auch eine Handvoll ewiger Klassiker des Melodic Death Metals nicht. Etwas sinnlos war wohl der Track The Mundane and the Magic, der mit gesampelten Frauenstimmen überhaupt nicht zur Geltung kam, dafür regierten aber während des gesamten Konzerts bildgewaltige Projektionen im Hintergrund. Diese begleiteten auf überragende Weise das Bild der Klanglandschaften, die Dark Tranquillity malten, und überraschten bei der Darbietung des Tracks Zero Distance, der von einem noch unveröffentlichten Musikvideo begleitet wurde (für dessen unverwechselbares Erscheinungsbild sorgte Grafikkünstler und Gitarrist Niklas Sundin). Den Schweden gelang es letztlich, die Nacken ordentlich zu erwärmen, leider blieb das Publikum dabei aber eher kalt und hatte sich während ihres Auftritts merklich gelichtet – mehr als offensichtlich war, dass die jüngere Generation noch nicht zu schätzen weiß, welche Bands die Genres mitgeprägt haben, sondern sich nach dem Wind der Popularität dreht, der derzeit nun einmal in Richtung Folk Metal bläst.
Fotos: Nina Grad
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