Nalezljivo

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Autor: Sandi Sadar Šoba

Künstler: Kuga
Label: Radio Študent
Erscheinungsjahr: 2013
Spielzeit: 45:23
Bewertung: 4/5

Es war das Jahr 1981, und damals war ich gerade mal vier Jahre alt – weshalb mich das bleierne Regime des parteilichen Einheitsdenkens, die Diktatur des Proletariats und der zensierende Würgegriff des punkfeindlichen Philisterapparats herzlich wenig interessiert haben. Aber gut dreißig und mehr Jahre später, nach der Transformation des Systems in etwas angeblich Besseres und Gerechteres, greife ich ohne Zögern zum Erbe jener Bands, die damals den Putz von den Wänden der Ljubljanaer, Belgrader, Zagreber und Sarajevoer Kellerclubs gerüttelt haben und mit intellektuell aufgeladenen Texten die Flammen des Widerstands und Aufbegehrens gegen das Regime entfacht haben. Wie ähnlich fühlen wir das heute – und doch wissen wir’s nicht so gut zu artikulieren, oder können es nicht. Damals hatten unsere Kellerläden Namen wie  Kuzle, Pankrti, Via Ofenziva, Otroci socializma, zwischendurch tobten Šarlo Akrobata, und dazu ein kleines Meer aufgeladener Post-Punk-Neuwelliger, mal näher, mal etwas weiter weg von Ljubljanas fiktiver Reinheit und orthodoxer Stille. Mitten unter ihnen haben sich aus dem Hintergrund auch die gesamtslowenischen politisch engagierten Kritiker Kuga eingeschlichen – die heute, gut dreißig Jahre später, ihr erstes echtes Studioalbum vorweisen können: ein Dokument des Zerrissenseins zwischen zwei Systemen, zwischen zwei Achsen der (Un-)Gerechtigkeit. Nicht synchron mit der Ordnung und den Programmkommandos der Oligarchen bleiben sie auch heute scharf und aufsässig – in ihren etwas späten Jahren einer zweiten, reifen Pubertät.

Die Ansteckungsgefahr des infektiös-süßen Albums Nalezljivo muss man als Platte mit doppeltem Kern, doppeltem Herz und doppeltem Schwerpunkt verstehen. Zwei Systeme, zwei Staaten, zwei unterschiedliche Lebenserfahrungen, eine multigenremäßige Verliebtheit in Punk wie in Reggae – und dazwischen ein konkretes Bündel von Tracks, die die Unzufriedenheit mit dem Systemgetriebe sowohl in den Achtzigern als auch heute widerspiegeln, wo wir angeblich demokratischer beglückt werden, oder? Angeblich sind wir freier und haben sogar mehr Aussichten auf Bereicherung und Wohlstand, doch am liebsten würden wir alle vor Aufbegehren, Unzufriedenheit und Wut brüllen – und das besingt auch wunderbar der Eröffnungstrack S sekiro me po glavi useki. Kuga sind hervorragend ausbalanciert – der geradezu Big-Foot-Mama-eske Gesang von Bojan Podgoršek legt sich schön auf die Dub-Ska-Metrik der dreckig-süßen Gitarren von Vili Domijan und Aljoša Kosor, während gleich zwei Bassisten – Žan Jenko und Borut Sončan – das konzise Schlagzeug des Mannes ergänzen, der das geschäftliche und klangliche Mastermind der Demolition Group ist und seinen unauslöschlichen Stempel auch auf das damals aktuelle Achtzigerjahre-Band Gastrbajters gedrückt hat – ich meine natürlich Matjaž Pegam. Beim ersten Track des Albums entfaltet sich die außergewöhnliche Chemie aller Mitglieder, und als Tüpfelchen auf dem i webt sich in das von The Clash durchtränkte Stück noch der Orgelklang des mehr als großartigen Matjaž Predanič. Haut uns lieber mit der Axt über den Schädel, ihr lieben Selbstherrscher, denn dieses trockene und konkrete Hinhalten und Gürtelenger-Schnallen ertragen wir nicht ewig – so singen Kuga zwischen den Zeilen, und der Track segelt weiter in die eher ska-rhythmische Nummer Še en dan. Bad Brains auf Slowenisch – der knackige Stampede gut ausbalancierter Gitarren, Bass und Schlagzeug setzt die Agitation gegen die hoffnungslosen Verhältnisse des Alltags ordentlich fort. Manipulation, schlechte Vibrationen und Grauheit sind der Standard – ich muss wirklich nachdenken, ob das diesmal der Schrei der Vergangenheit oder der Gesang der Gegenwart ist, was aber gar nicht wichtig ist, denn der Status quo ist beiden Systemen und Zeitkoordinaten gleichwertig.

Die Kombination aus unaufdringlichem, aber scharfem Punk, Reggae, Dub und Ska ist die Währung, mit der Kuga dich bei jedem einzelnen Track für sich einnehmen. Nach Sivi časi ist es Zeit für den Frondienst von Dvajset dni na teden – und es ist wirklich außergewöhnlich, dass ich heute so gerne etwas so genussvoll neuwellig Gestimmtes aufsauge. Nicht vorbeigehen kann ich aber an der Tatsache, dass aus diesem Kreativ-Sumpf oder aus bespielten Kassetten, Mitschnitten, ausgeliehenen Kopien und Demo-Tapes auch die späteren und so radiogepriesenen Big Foot Mama ihre Eier zusammengenommen haben. Ich kann mich irren – aber die dichotome Widerspiegelung der bleiernen Grauheit des proletarisch-selbstverwalteten Sozialismusdiktats und der »verwirklichten Träume« mit der kapitalistischen libertären Ordnung des Raubes der letzten Gramm gesunden Menschenverstands und Würde kann sowohl alte als auch neue Generationen zusammenbringen, die jeder Zeile des Albums Nalezljivo so leicht zustimmen und nicken. Das angestaubte Bogovi klingt geordneter als früher, glaube ich – statt lautstark verstimmter Gitarren und heiserer Stimmbänder treibt es im Geflecht von Dub und Ska stahlhart weiter in Richtung der scharfen Katastrofa (wie herrlich Green-Day-Clash-süß dieser allseits bekannte Track über Militärdienst, aufgebrachte Ratten und äußere Feinde klingt – und auf Gott und Lösungen könnt ihr gleich vergessen).

https://www.youtube.com/watch?v=EIQRBvZMSyc

Irgendwo hab ich gelesen, dass das laibacher-Primorska-steirische Kuga mit einem Zitroneneis mit Rohöl zu vergleichen sei – ich ergänze, dass der Kerosin-Topping diesmal schön erhitzt und entfacht ist und die Winkel unserer glücklichen schönen neuen Welt wunderbar ausleuchtet, in der Kralj živali eigentlich eine Herde krawattengeschmückter Affen und Schweine in Machtpositionen ist. Man muss unempfänglich sein, mit einer Schutzschicht überzogen, damit der stinkende Fingerabdruck des Systems nicht an einem haftet – und genau davon feuert der Track Teflonski človek seine Salve an Versen ab, die mit Galle und Direktheit nicht sparen. Zeit für ein bisschen Grünzeug, berauschende Substanzen und Kiffen – nach der verträumt verlangsamten Ballade geschieht dann in der Manier des schlagkräftigen Dons aus Mentonis Bande, des großen Žan, ein kräftiges Hämmern aller Proletdiktator-Typen an den Pfahl: Wir sind heutzutage voll von Zeit und Macht, sind aber verdammt schlechte Diktatoren – gesteht’s ein. Nach den Schlachten können wir alle Generali sein und bringen so hoffnungslos melancholisch vielleicht ein bisschen mehr Freiheitsduft mit. Freiheit bringen die mächtigen Imperatoren unserer Tage mit Stacheldraht – nur dass die braun-grünen Schattierungen der stinkenden Stiefel und JLA-Uniformen jetzt durch die profitableren proeuropäischen Untertöne der NATO-Pakt-Usurpation und der Berufsarmee ersetzt wurden. Dass Macht tatsächlich Lust ist, fügt auch der Track Slastna oblast hinzu – und das gesamte Paket schließt schön die nostalgische Nummer Osemdeseta ab, eine Vignette und Collage der heute wiederbelebten jugendlichen Energie und des leidenschaftlichen Einschlags.

Kuga sind keine Revolutionäre mit einer völlig eigenständigen Erfolgs- und Musikalitätsformel – sie sind aber eine Phalanx von Männern, die für das edle Ziel gemeinsamen Schaffens zusammengekommen sind. Heute ergraut und gealtert wissen sie das Erschaffen sogar noch mehr zu schätzen, und der zeitliche Abstand hat dem Ganzen noch ein bisschen mehr Patina, wunderbaren Glanz und Festigkeit, Konkretheit, Kohärenz und die musikalische Lust auf die Fortsetzung eines einst unterbrochenen Fadens mitgebracht – und nach den wiederbelebten Kontakten ist es jetzt völlig egal, ob die Geschichte in Zukunft weitergeht und ihren süßen Aufruhr in die Ohren der Jugend und der einstigen, jetzt leicht ergrauten Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter von den Bühnen hineinbläst. Ja, Kuga ist ansteckend – und Nalezljivo ist auch ein wunderbares Dokument der Zeit der taufrischen Jugend, der Garagen- und Kellerrevolution, die Lösungen für Probleme aus dem Untergrund heraufgebracht hat, laut über Ungerechtigkeit gesprochen hat und über das System kontempliert hat – heute aber tröstet sich die Jugend damit, dass das, was man nicht weiß, nicht schmerzt, was man nicht sieht, nicht existiert, und was man nicht ausspricht, nicht gegen einen verwendet werden kann. Wir leben in einer schönen neuen Welt, oder – und Unwissenheit ist erlösend? Genau deshalb zieht mich die infektiöse Note von Kuga an, und der subversive Ton des popnoiden Musikhybrids drängt einen immer stärker geformten Slogan auf die Lippen: »Wir haben genug von dem Scheiß!« Wenn auch nur für jene paar Minuten, in denen wir uns erschöpft aufs Sofa fallen lassen, den CD-Player anschalten und in den sicheren Hafen unseres nonkonformen Stückchens Universum ein bisschen süßen Lärm von jenem leicht vergessenen Geist aus der Flasche lassen – der einst wusste, was gute Musik mit Texten ist, die Inhalt und Eier haben!

Besetzung

Vili Domijan – Gitarre

Žan Jenko – Bass

Aljoša Kosor – Gitarre, Gesang

Matjaž Pegam – Schlagzeug, Gesang

Bojan Podgoršek – Gesang

Borut Sočan – Bass

Musikalische Gäste:

Damir Krušec – Gitarre (3, 9, 10, 12)

Matjaž Predanič – Keyboards (1, 5, 8)

Produktion

Kuga

Trackliste

1. S sekiro me po glavi useki

2. Še en dan

3. Sivi časi

4. Dvajset dni na teden

5. Bogovi

6. Katastrofa

7. Kralj živali

8. Teflonski človek

9. Proletdiktator

10. Generali

11. Slastna oblast

12. Osemdeseta

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