Mrtvi su mrtvi

0 5

Künstler: Bosanski Psiho (Diplomatz alias Damir Avdić)
Label: Moonlee Records
Veröffentlichung: 2008

Endlich mal wieder was für Liebhaber pastoraler Musik. Direkt aus Tuzla stürmt der unermüdliche Meister des verbalen Masochismus Damir Avdić a.k.a. Diplomatz erneut auf uns los! Mrtvi su mrtvi ist nach dem kontroversen Debüt …od trnja i žaoka, das 2004 das Licht der Welt erblickte, das zweite Album unserer bosnischen Nachtigall, mit dem Damir noch tiefer in die Banalität der bosnischen Nachkriegsgesellschaft bohrt.

Damir Avdić ist im Grunde der typische bosnische Schwadroneur, aber mit einem wichtigen Unterschied! Der waschechte Rocker grenzt sich mit kühlem Gesang und der gekonnt eingesetzten Schärfe seines eigenen Wortschatzes, entwaffnet von Kompromissen und Illusionen, vom Schminkgetue der turbo-orientierten Jugo-Szene ab. Damir ist gnadenlos, manche würden das Wort verrückt sicher nicht mal scheuen. Scheiß auf Trkaj, erst recht auf den Trnovo-Kasper Klemen: Echte Kontroverse wird auf dem hügeligen Boden zwischen Drina und Neretva gehärtet. Die Willkür, mit der Damir auf den Schwingen unbeschreiblich aggressiver Gitarrenmusik ohne Zögern alles niederschießt und zu Staub zermahlt, was ihm in die Quere zu kommen wagt, ist schlicht konkurrenzlos. Seine Worte schneiden tief ins Bewusstsein, die Kommunikationskanäle sind voll aufgerissen und wecken schmerzhafte Erinnerungen an die jüngere Geschichte, aus der wohl auch der misstrauische Blick in die Zukunft rührt.

Ein ganz eigenes Liedermachertum mit rohem „philosophischem“ Ansatz und bis zum Äußersten zerrüttetem Vokabular, das vor aggressivem Gespucke in alle Richtungen überkocht, haut dir gleich zu Beginn mit Komunist Vs. nju bosniše kultural revolušn eine in die Zähne. Damir spuckt und flucht zwar und provoziert ununterbrochen, aber seine Wut ist völlig berechtigt und, was am wichtigsten ist, kommt oft ohne Kontrolle (Zensur) des Verstandes direkt aus dem Herzen. Seine kompromisslose Auseinandersetzung mit der Zerrissenheit der Moralvorstellungen des modernen Balkans springt über die längst durchgekauten zivilisatorischen Konfrontationen hinweg, diesmal vor allem getränkt vom Gedanken an die Unerbittlichkeit der Konfliktherde des Postsozialismus, randvoll mit beneidenswert viel Intoleranz und dem typischen balkanischen Temperament, das angesichts der Thematik des ganzen Albums wohl durchaus an eine Abschrift von Bulatovićs Protokoll des 14. Kongresses des BdKJ erinnern könnte! Die alten Ideale verwandeln sich unter der Schärfe von Damirs Zunge so zu Karikaturen, bei denen man aber immer eine gewisse Sympathie für die Leitlinien der Vergangenheit spürt. Mrtvi su mrtvi, Miran kao mina und Ljubavi sind schlichte, aber zugleich erschütternde Spiegel des mentalen Zustands wohl der meisten Ländchen des ehemaligen Jugoslawiens, die in ihren Pubertätsjahren, gefangen im Kräftemessen zwischen Ost und West, völlig orientierungslos vor allem mit der Suche nach der eigenen Identität beschäftigt sind. Ist halt so. Die Welt, die uns Damir Avdić ohne jedes Zögern vor Augen führt, ist grausam, aber verdammt real.

Besetzung

Damir Avdić: Gesang, Gitarre

Produktion

Damir Avdić & Dragan Divjak

Tracklist

1.Komunist Vs nju bosniše kultural revolušn
2.Osječam se slobodnim
3.Ljubavi
4.Miran kao mina
5.Po asfaltu i betonu
6.Mrtvi su mrtvi
7.Lijeni spori mrtvi
8.Rahatluk
9.Sjećaću se tebe ja
10.Dobro došli
11.Revolucija je prošla
12.Baš

Spielzeit: 38.28

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies