Mr. Gone

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Weather Report
Label: Columbia Records
Erschienen: 1978
Laufzeit: 37:15
Bewertung: 3.5/5

„Mr. Gone“, das achte Album der Jazz-Fusion-Legenden Weather Report, ist mit Sicherheit ihr kontroversestes Werk – wobei es weniger durch seinen musikalischen Inhalt als vielmehr dadurch in die Geschichte einging, dass es einige bis dahin äußerst wohlgesonnene Musikkritiker plötzlich in erklärte Gegner verwandelte. Das renommierte Jazzmagazin Down Beat vergab nur einen von fünf möglichen Sternen und beklagte vor allem die übermäßige Kommerzialisierung und Überproduziertheit des Klangs. Erwähnenswert: Dieselbe Zeitschrift hatte gleich fünf ihrer Vorgängeralben zum Album des Jahres gekürt. Die Bandmitglieder gingen sogar so weit, eine eigene Pressekonferenz zu veranstalten, auf der sie die einzelnen Kompositionen verteidigten. Trotz des Gülleregens seitens gewisser Kritiker  war das Album relativ erfolgreich; noch größeren Erfolg brachte die anschließende Konzerttournee, auf der sich das Publikum erstmals mit der klassischen Weather Report-Besetzung Zawinul/Shorter/Pastorius/Erskine vertraut machen konnte.

„Mr. Gone“ ist entgegen der vehementen Down Beat-Kritik weit davon entfernt, schlecht zu sein – doch im Vergleich zum monumentalen „Heavy Weather“, mit dem die Band den Gipfel ihres kreativen Schaffens erklomm, war es zum Erscheinungszeitpunkt zweifellos eine große Enttäuschung, weshalb die radikal negativen Reaktionen zeitgenössischer Kritiker bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar sind. Auch der Vorwurf des überproduzieren Sounds trifft teilweise zu. Der unsterbliche Keyboard-Papst Joe Zawinul ließ sich auf „Mr. Gone“ buchstäblich wie ein Kind von der damals noch innovativen Technologie elektronisch modifizierter Synthesizer mitreißen. In seinem Überschwang über die neu entdeckten elektronischen Spielzeuge ging er etwas zu weit und sorgte dafür, dass die Synthesizer in der Produktion bei den meisten Kompositionen deutlich dominanter klangen als die übrigen Instrumente. Dadurch wirken manche Kompositionen auf dem Album steril, wenn nicht gar synthetisch, und sind jener unzähmbaren rhythmischen Energie beraubt, mit der die Band in ihrer Vergangenheit berühmt geworden war. Am stärksten büßte dabei Zawinuls unzertrennlicher Weggefährte Wayne Shorter ein, dessen Saxofon häufig ziemlich zaghaft wirkt. Auch der zweite Vorwurf – die übermäßige Kommerzialisierung – ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Viele der Arrangements und Harmonien des Albums sind von ihrer Natur her eher dem damals immer populäreren Smooth Jazz zuzuordnen als dem Fusion. Auch der Großteil der Improvisationen zählt nicht gerade zur Spitze ihres kreativen Schaffens und ihrer Möglichkeiten.

Trotz des unerwarteten Rückschritts, den das Album darstellt, lief nicht alles bergab. Auf „Mr. Gone“ formierte sich ihre klassische und beliebteste Besetzung: Mit dem Einstieg von Schlagzeug-Meister Peter Erskine gelang es ihnen, das ewig wiederkehrende Problem mit dem Stammschlagzeuger für mehrere Jahre zu lösen. Auf dem Album wirkten zwar noch zwei weitere Schlagzeug-Größen mit – Tony Williams und Steve Gadd –, allerdings nur als Gastmusiker. Erskine brachte neben seiner einzigartigen technischen Versiertheit auch eine außergewöhnliche rhythmische Flüssigkeit mit, die sich zwischen ihm und dem Bassgitarren-Wunderkind Jaco Pastorius entwickelte, den viele schlicht als den größten Bassisten aller Zeiten bezeichnen. Dieser Einschätzung würde ich mich persönlich vollkommen anschließen, denn weder zuvor noch danach gab es einen Ausnahmekönner am Bass, der eine vergleichbare Menge an Innovation, Kombinatorik, Witz, Ausdruckskraft und ungezügelter Energie mit seinem Spiel entfesseln konnte wie der „Hendrix des Basses“. Und genau Jaco war derjenige, der das Album rettete – sowohl in kompositorischer als auch in spielerischer Hinsicht –, ihm eine schöne Portion Solidität und Ausgeglichenheit einhauchte, neben der jener beschämende Stern im Down Beat jede Berechtigung verliert.

Geht man die einzelnen Kompositionen des Albums durch, entdeckt man jede Menge positive und mitreißende Momente. Der Opener „The Pursuit of the Women With the Feathered Heat“ – zugleich der einzige echte Weather Report-Klassiker auf dem Album – knüpft stilistisch exakt dort an, wo „Heavy Weather“ aufgehört hat. Man läge nicht weit daneben, ihn als experimentellere Version ihres größten Hits „Birdland“ mit starken rhythmischen Elementen der lateinamerikanischen Musik zu bezeichnen. Dem geheimnisvollen Synthesizer-Intro gesellen sich die Begleitung karibischer Perkussion und die aufmunternden mehrstimmigen Gesangseinlagen von Pastorius, Manolo Badrena und Jon Lucien hinzu. Pastoriusʼ übermütige Improvisationen klingen besser als jede E-Gitarre und verleihen der Komposition ein ungewöhnliches Maß an Verspieltheit. Die anfeuernde Atmosphäre dieser prächtigen Komposition eignet sich hervorragend als Begleitmusik für Fußballspiele, und bis zu einem gewissen Grad lässt sie sich sogar tanzen.

Auch „Young and Fine“ folgt in vielerlei Hinsicht der „Heavy Weather“-Richtung, denn es vereint die Wärme melodisch gefärbter Arrangements mit dem gewohnten rhythmischen Experimentalismus. Für Letzteren sorgen vor allem die saftigen rhythmischen Ornamente von Pastorius und die messerscharfen Saxofon-Passagen von Shorter, die sich mit jugendlicher Ungestümheit durch die Komposition bewegen. „Punk Jazz“ ist ein waschechter Pastorius-Klassiker, auf dem man die Bass-Legende, die es so nie wieder geben wird, in einem seiner energiegeladensten Soloauftritte bewundern kann. Seine Improvisationskünste werden von brillanten Saxofon-Passagen und gelegentlichen mächtigen Synthesizer-Wellen begleitet, die der ausgelassenen Darbietung des größten Rockers unter den Jazz-Bassisten eine gewisse Subtilität verleihen. Ebenfalls recht interessant ist das kurze und enigmatische „Pinocchio“, auf dem vor allem Erskine mit einigen erschütternd wilden Übergängen im Zusammenspiel mit einem rasenden Saxofon glänzt; der Abschluss „And Then“ ist fast ein echtes Unikat in ihrer Geschichte, da er gegen Ende eine kurze Vokal-Einlage von Maurice White enthält. Dessen Beitrag sorgt neben subtilen Keyboard-Passagen für einen höchst romantischen und gelungenen Albumabschluss.

Die weniger gelungenen Momente des Albums sind einige nicht besonders geglückte experimentelle Versuche mit der damals fortschrittlichen Technologie – so etwa „River People“, wo Zawinuls synthetische Synthesizer mit elektronischen Passagen und eintönigen Rhythmusmustern dominieren. Shorters Bläser-Arrangements sind hier eher dem gewöhnlich sterilen Smooth Jazz zuzuordnen als dem Fusion. Einzig die höchst witzige wiehernde Basslinie verdient ein Lob. „The Elders“ ist eine ziemlich ruhige, um nicht zu sagen fast schon einschläfernde Komposition, die außer recht bescheidenen Improvisationen auf Saxofon, Schlagzeug und E-Piano nichts besonders Begeisterndes zu bieten hat. Das vollkommene Exemplar kompositorischer und produktionstechnischer Atrophie verkörpert das Titelstück, das – abgesehen von einigen guten Improvisationen, vor allem einer unheilverkündenden Basslinie und kurzen interessanten Einlagen auf Saxofon und Keyboards – klingt, als wäre es in einem hermetisch abgeriegelten Gefängnisraum entstanden. Weit davon entfernt, schlecht zu sein, liegt es dennoch unter den üblichen Standards. Die genannten Schwächen reichen freilich nicht für einen offenen Frontalangriff auf ein in jeder anderen Hinsicht sehr solides Album, das mehr Respekt verdient hätte, als ihm letztlich zuteilwurde.

Insgesamt betrachtet stellt „Mr. Gone“ bei weitem nicht so einen dramatischen Qualitätseinbruch dar, wie ihn manche Kritiker zum Zeitpunkt der Veröffentlichung beschreiben wollten, denn das Album glänzt mit einer Reihe höchst ansprechender Kompositionen, bei denen auch heute noch jeder Jazz-Fusion-Fan auf seine Kosten kommt. „Mr. Gone“ hätte zweifellos ein deutlich besseres Werk sein können, wäre es nicht von Zawinuls übermäßigem Experimentieren mit modifizierten Synthesizern und dem offensichtlichen Liebäugeln mit dem Smooth Jazz geprägt worden – einer Klangästhetik, die den musikalischen Visionen dieser Legendenband nie besonders gut gestanden hat. Trotz des spürbaren Qualitätsrückgangs, der aber keineswegs Grund zur Panik war, waren sie Ende der 70er-Jahre noch immer der heißeste Name in der Welt des Jazz-Fusion. Mit der Formation ihrer klassischen Besetzung waren sie entschlossen, Konzertsäle rund um die Welt zu erobern. „Mr. Gone“ deutete zwar den Beginn ihres allmählichen Niedergangs an, kündigte aber noch viele aufregende kompositorische Ereignisse an, bevor das Vergnügen ein Ende fand.

Besetzung

Joe Zawinul – modifiziertes Rhodes 88 E-Piano, zwei ARP 2600 Synthesizer, Oberheim Polyphonic Synthesizer, Prophet 5 Synthesizer, Mu-Tron Bi-Phase und Mu-Tron Wah-Effekte, Kalimba, Tumbeki-Trommeln, Glocken, Melodika, Akustikklavier, Gesang
Wayne Shorter – Tenor- und Sopransaxofon, Gesang (Stück 1)
Jaco Pastorius – Bassgitarre, Schlagzeug (Stück 1 und 2), Gesang (1, 2 und 5), Timpani (2)
Peter Erskine – Schlagzeug (1 und 7), Hi-Hat (3)
Manolo Badrena – Perkussion, Gesang (1)

GASTMUSIKER:

Tony Williams – Schlagzeug (5 und 6)
Steve Gadd – Schlagzeug (3 und 8)
Jon Lucien – Gesang (1)
Deniece Williams – Gesang (8)
Maurice White – Gesang (8)

Produktion

Joe Zawinul und Jaco Pastorius

Trackliste

1. The Pursuit of the Woman with the Feathered Hat
2. River People
3. Young and Fine
4. The Elders
5. Mr. Gone
6. Punk Jazz
7. Pinocchio
8. And Then

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