Motörhead

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Künstler: Motörhead
Label: Chiswick Records
Erscheinung: 1977
Laufzeit: 32.52
Bewertung: 2.5/5

„Motorhead“ lässt sich als ehrlicher stenografischer Bericht des Pulses und der Geistesbewegung der zweiten Hälfte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts verstehen. Genau damals keimte der Punk auf, und in seinem Kielwasser breitete sich unkontrolliert eine Epidemie kurzer, ungezähmter, messerscharfer anarchischer Spritzer musikalischer Wahnsinnigkeit aus – für alte Knacker gräulich anzuhören und magenbelastend obendrein. Die Stunde des Armageddon hatte geschlagen! Irgendwo in dieser „Höhle des Wahnsinns“ haben auch Motorhead ihre Wurzeln geschlagen, was natürlich bedeutet, dass ihre Studio-Taufe sich nur schwer vom oben beschriebenen Geisteszustand lösen konnte. Natürlich erwischen wir Lemmy und Kompanie auf dem Erstling noch in der präkambrischen Phase, mitsamt einem vehement pulsierenden übernatürlichen Sinn für Ästhetik und Finesse beim Schnitzen, Sortieren und Zusammenkleben einer unverkennbar mitreißenden musikalischen Collage. Rein musikalisch betrachtet handelt es sich um ein Werk von besonderem ästhetischen Wert, mit dem Mehrwert von Chaos, Hysterie und Schizophrenie-Symptomen, die einen leicht misslaunigen Nazi-Junker knapp dreieinhalb Minuten nach der rotarmistischen Einnahme des Reichstags zum Selbstmord aus purem Neid gebracht hätten.

Für den Anfang einige Fakten rund um die Entstehung des Albums. Motorhead hatten ihre Studio-Feuertaufe zuvor zwar bereits mit dem berühmten „On Parole“ absolviert, jedoch erschien dieses aufgrund der Ignoranz überheblicher Label-Motten nicht bis ins Jahr 1979, als die Alben „Overkill“ und „Bomber“ den Wert der Motorhead-Aktien bereits bestätigten. Die Plätze des unberechenbaren Larry Wallis und Lucas Fox wurden kurz nach dem Scheitern der „On Parole“-Mission von den unentbehrlichen Philthy Animal Taylor und Eddie Clarke besetzt, und deren Ankunft folgte verständlicherweise eine gründliche Überarbeitung der Originalaufnahmen.

Dem Album fehlt es an etwas Offensichtlichem: an Konstanz. Anders gesagt: Lemmy und Kompanie plagten bei der Veröffentlichung des Erstlings noch eine Identitätskrise. Man merkt, dass Motorhead vor der Entfaltung ihres unverwechselbar grob verzerrten Drehmoments links und rechts gesprungen sind, sich schnell für eine bestimmte Idee oder stilistische Ausrichtung begeisterten und diese dann schnell wieder zugunsten einer offenbar momentan passenderen Lösung fallen ließen. Die Sprünge sind, milde ausgedrückt, ziemlich unbeholfen ausgeführt. An „White Line Fever“ gibt es nichts zu deuteln – diesen kribbelnden Rocker-Wildbach kann man getrost als eine der ersten Motorhead-Klassiker bezeichnen, ähnliches gilt auch für das damals bereits erprobte „Motorhead“-Motiv, das im Gegensatz zu den Zeiten bizarrer Spacerock-Ausflüge mit Hawkwind endlich das Wesentliche herausgeschält und die Flügel konkret ausgebreitet und die Krallen geschärft hat. Lemmy entwickelt im einzigen verbleibenden geradlinigen Vorstoß mit „Keep Us On The Road“ eine messerscharfe Formel künftiger Triumphe (nur dass diese später in der Regel stets von einem ohrzerreißenden Wah-Wah-Gebelle unterstützt wird), etwas schwerfälliger gesellt sich „Iron Horse – Born To Lose“ zur kargen Riege der einprägsamen Albummomente.

Leider ist die andere Albumhälfte schnell vergessen. Da gerätst du schnell in ein Nest pulsierender Indizien, die deutlich darauf hinweisen, dass in der Frühzeit der Band einiges aus purer Spielerei zusammengeschustert wurde. Der Mangel an kreativem Einfallsreichtum ist bei „Lost Johnny“ offensichtlich, „Vibrator“ und „The Watcher“ präsentieren sich als naive Punk-Rock-Prügelei, die wohl nur die taubsten und degeneriersten Motorhead-Fanatiker begeistern dürften, schwer zu rechtfertigen ist auch die blasphemische Anleihe des Standards „Train Kept a Rollin'“. Es gibt schlicht zu viel Ballast, der für Krach ohne Inhalt spricht – und dieser ist obendrein noch seiner markanten Persönlichkeitszüge beraubt.

Jede Geschichte muss irgendwo beginnen. Motorhead sind eben mit einem entbehrlichen Produkt aus der Wiege gerollt, also mit einem Album, das im gnadenlosen Strudel des neu entstehenden Szenengeschehens wie ein Stein im Wasser versank. Natürlich hat der Erstling genug Interesse in der lokalen Szene geweckt – besonders interessant müssen jene Momente gewesen sein, als aus der üblichen Horde von Rockern, Punkern und zufällig vorbeischlendernden Satanisten, also dem Haufen der Stamm-Motorhead-Konzertbesucher, plötzlich der glänzende Schimmer eines hübsch polierten hohlen Halsschmucks irgendeines Kahlköpfigen ins Auge stach. Abschließend lässt sich sagen, dass die Zeit „Motorhead“ gegenüber vor allem dank der Bekanntheit und des Kultstatus späterer Diskografieschöpfungen wohlgesonnen war, ohne die Lemmy – Hand aufs Herz – längst das Zeitliche gesegnet hätte.

Besetzung

Ian „Lemmy“ Kilmister: Gesang, Bass
„Fast“ Eddie Clarke: Gitarre
Phil „Philthy Animal“ Taylor: Schlagzeug

Produktion

Speedy Keen

Trackliste

1. Motorhead
2. Vibrator
3. Lost Johnny
4. Iron Horse/Born to Lose
5. White Line Fever
6. Keep Us on the Road
7. The Watcher
8. Train Kept A-Rollin‘

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