Motörhead bleiben Botschafter des lauten Konsums! (2012)

foto: ALEŠ PODBREŽNIK 2012
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Bands: Motörhead, Anthrax, Diaries Of A Hero
Ort: München / Zenith Halle / Deutschland
Datum: 01.12.2012


Das Jahr hat sich gedreht, die Kälte ist eingekehrt und hat wie gewohnt eine neue Motörhead-Tournee durch Großbritannien und Deutschland, zwei traditionell dem Heavy Metal treu gebliebene Länder, mit sich gebracht. Herbst für Herbst segeln die Motörheads nämlich die üblichen Stationen in den genannten Ländern ab und hinterlassen wie auf Bestellung ausverkaufte Hallen und zufriedene Scharen von Fans.

Aber diesmal mit einer Neuheit! Am Ende der deutschen Tournee, kurz bevor Lemmy und seine Mannschaft die Koffer packen und die Feiertage im Urlaub verbringen werden, machen sie nämlich auch in Ljubljana Halt – am selben „Tatort“, wo 1989 das legendäre Konzert stattfand, an das sich Lemmy noch heute wegen eines blutigen Vorfalls erinnert. Das angekündigte Konzert in Ljubljana hat die Zahl der üblichen Reisenden von der Sonnenseite der Alpen zu ihrem traditionell nächstgelegenen Konzerttermin in München reduziert – was natürlich auch Rockline nicht davon abgehalten hat, den Motörheads erneut zu begegnen.

Mit Aleš haben wir uns kurz vor Ende des Derbys der deutschen Bundesliga zur Zielhalle durchgekämpft, bei dem sich in der Allianz Arena in unmittelbarer Nähe der Zenith Halle der heimische Bayern und Borussia aus Dortmund gegenüberstanden. Wir sind dem Stau also um Haaresbreite entkommen und haben noch den Auftritt der Vorband Diaries Of A Hero erwischt, die – gemessen an der Bartlänge des Frontmanns – schon einige Kilometer auf dem Buckel hat. Leider (oder zum Glück?) hat ihr moderner Stil beim traditionell dem Metal treuen Publikum wenig Anklang gefunden. In die abwechslungsreiche Songstruktur, die irgendwo zwischen Thrash Metal und Metalcore pendelte, mixten die Engländer jede Menge abgedroschene Breakdowns und verfestigten damit nur die These, dass sie die Metalwelt mit ihrem Schaffen nicht wirklich erschüttert haben. Weit gefehlt – in dem Moment, als sie nach gut einer halben Stunde die Bühne verließen, waren sie bereits vergessen.

Der Vorhang mit dem Namen der ersten Vorband fiel und enthüllte vollständig das Cover der neuen Anthrax-Platte »Worship Music«, die den Amerikanern ihre längst angekratzte Credibility zurückgegeben und sie wieder auf die aktuelle Metal-Landkarte gebracht hat! Ja, diesmal haben die Motörheads eine wirklich starke Vorband auf Tournee mitgenommen! Es war Zeit für stahlharte Moshpit-Erholung namens Anthrax!

Nach den mauen Kritiken an ihren Auftritten bei den »Big Four«-Tourneen der vergangenen zwei Jahre war ich selbst skeptisch gegenüber ihrer Form – doch die New Yorker haben es mit einer bombastischen Show geschafft, mich direkt in den Schritt zu treten! Den Abend eröffneten sie mit dem Klassiker Caught in a Mosh und setzten ihn mit der neuen Single Fight ‚Em ‚Til You Can’t fort, die zeigte, warum es heißt, dass Anthrax wieder die echten sind! Das wütende Riffing und der unverkennbar druckvolle mehrstimmige Gesang vor dem melodischen Refraineinstieg haben Anthrax neu definiert und das in neuem Material verkörpert – so fanden die insgesamt drei neuen Songs absolut glaubwürdig ihren Platz zwischen den Klassikern aus den Achtzigern. Es ist ihnen also gelungen, das alte Rezept wiederzufinden! Den Song In The End widmeten die Anthraxi den verstorbenen Brüdern Ronnie James Dio und Dimebag Darrell, und die letzte gespielte Neuheit The Devil You Know fand ihren Platz erst gegen Ende des Repertoires.

Ian Scott und Rob Caggiano wechselten ständig die Positionen untereinander und schossen gemeinsam mit Bassist Frank Bello den Geist einer echten Thrash-Metal-Party aus den Achtzigern in die Halle, wo man nicht weiß, wer trinkt und wer zahlt! Joey Belladonna ist fantastisch! Der in die Stammbesetzung zurückgekehrte Frontman tobt mit seinem heißblütigen indianischen Blut über die Bühne und entfacht ständig die Anfänge eines „Kriegstanzes“. Einer der gelungensten Momente kam genau während des Hits Indians, als ein Fan mit einem prachtvollen Federschmuck auf dem Kopf in die vordersten Reihen des Publikums flog – Belladonna ließ sich das natürlich nicht zweimal sagen und zahlte ihm in gleicher Münze zurück! Mit dem Song Deathrider vom Debütalbum »Fistful of Metal« (1984) bedankte sich Ian Scott bei Motörhead für die kreative Inspiration zu Beginn der Karriere, und bis zum Schluss reihten die Anthraxi noch Madhouse an – mit Belladonnas einleitendem Zusatz der ersten Strophe des Judas Priest-Klassikers Ripper –, das Joe Jackson-Cover Got The Time und zum Abschied das unvergessliche I Am the Law. Die einstündige Reise durch die humorvoll-druckvolle Anthrax-Schule unter dem Gewicht der Schlagzeugschläge von Ersatzdrummer Jon Dette warf die These, Anthrax hätten ihre Zeit abgesessen, entschieden über Bord. Sie gaben das Beste, was sie konnten – und begeisterten!

Nach der Pause folgte der finale Akt des Abends – Zeit für die unsterblichen Verkünder der rauesten Version des Rock’n’Roll, Zeit für Motörhead! Hinter einer Wolke dichten Nebels traten Mikkey Dee, Phil Campbell und Ian »Lemmy« Kilmister vor das ausverkaufte Publikum der Zenith Halle. Lemmy trat nach seiner alten Gewohnheit ans Mikrofon und knurrte die eisernen Worte: »Good evening, we are Motörhead«. Eiskalt diese Worte – und doch trieben sie den Herzschlag hoch, brachten das Blut in den Adern zum Kochen und sorgten für Fieber! Jetzt geht’s los!

Motörhead legten das Konzert mit I Know Hot to Die an – wie sich später herausstellte, war das das einzige neuere Stück der Setlist. Seit der Veröffentlichung des letzten Albums »The Wörld Is Yours« sind bereits zwei Jahre vergangen, daher gehört die Einbettung seiner Schlüsselmomente in die Live-Auftritte für diese britische Schwerrock-Institution bereits der Vergangenheit an – was natürlich Wasser auf die Mühlen derer ist, die bei Motörhead ihren kreativen Höhepunkt der ersten Hälfte der Achtziger bevorzugen! Damage Case, Stay Clean und Metropolis erinnerten an die goldene Ära von Eddie Clark, und nach dem »Overkill«-(1979)-Dreier gönnte sich auch Lemmy an diesem Abend ein paar Momente der Ruhe und eine Ansprache ans aufgelegte Publikum.

Lemmy Kilmister bleibt, nach allem was man gesehen hat, eine Kreatur, die fast wie eine Gottheit behandelt wird! Der Mann mit dem auf den ersten Blick finsteren Blick und der statisch-coolen Bühnenpräsenz – die Stirn bedeckt von seinem unverkennbaren Westernhut mit Sheriffstern in der Mitte – beherrschte die Menge auf den Schwingen seiner unendlichen Charisma mühelos, die ihm buchstäblich aus der Hand fraß. Am Kult um Lemmy wissen sich mit abwechselnden Ansagen auch Gitarrist Campbell und Lemmy selbst zu ergötzen. Immer wenn es nötig war, aufs Gas zu drücken, übergab Phil das Wort an den Chef auf der rechten Seite der Bühne, der das Publikum mit einem seiner einstudierten Witze mühelos in Schach hielt. Über den genannten Akteuren drosch Schlagzeuger Mikkey Dee griechischer Abstammung auf die Drums ein – der Lebhafteste der drei, denn im Gegensatz zum scheinbar ruhigen Gitarrenduo vor ihm hämmerte er tierisch auf sein Instrument ein, über dem nur ein zerzaustes Büschel seiner Haare emporhüpfte.

Die Invasion des rohen Rock’n’Roll-Lärms auf unsere Trommelfelle setzte sich nach Campbells Solo fort – das Lemmy nutzte, um kurz hinter die Bühne zur Sauerstoffmaske zu springen –, mit einem tiefen Fokus auf klassisches Material, wobei auch zwei Songs vom Album »1916« (The One to Sing the Blues und Going to Brazil) im Repertoire landeten. Das federnde Riff-Schmankerl Killed by Death kündigte an, dass das Konzert sich dem Ende näherte. Der verschwitzte, aber scheinbar völlig gelassene Lemmy trotzte auch nach gut einer Stunde Auftritt stimmlich dem unerbittlichen Alter, das ihn körperlich immer mehr zermürbt. Bevor er die Bühne verließ, donnerte noch die hymnische Ace of Spades herüber – eine energetische Bombe, die wie ein tödlicher Marsch dem Publikum die letzten Kraftatome herauswrang. Man spürte echte Energie, die ihren Zenit – zumindest was Motörhead-Konzerte betrifft – jedes Mal wieder genau auf deutschem Boden erreicht!

Ihren großen Dank an den klassischen Rock, aus dem sie einst ihre Inspiration schöpften, zollten die Motorköpfe bei ihrer Rückkehr auf die Bühne mit dem Thin Lizzy-Cover Are You Ready, bevor die eine Stunde und zwanzig Minuten intensive Begegnung erwartungsgemäß mit dem uralten Kinnhaken Overkill endeten.  

Was bleibt zu sagen? Motörhead bleiben ihrem Motto »everything louder than everyone else« treu, und ihre Konzerte einem einzigen Ziel: dem Rock’n’Roll-Toben – auch auf Kosten gelegentlicher Aussetzer in den Augen von Musikfeinschmeckern. Motörhead waren eben schon immer Botschafter des primitiven Lärms und damit eher fürs konzertante Randalieren als fürs Hören auf der heimischen Couch gemacht! »Bastarde« im wahrsten Sinne des Wortes! Aber eines ist klar: Ihre Zeit läuft langsam ab, was angesichts der konstanten Konzerttätigkeit an Lemmys immer schwächerer körperlicher Verfassung sichtbar wird – weshalb Motörhead-Auftritte auch an Länge zu verlieren begonnen haben. Und genau das ist noch ein Grund mehr, warum der Besuch des Konzerts in Ljubljana Pflicht ist! Fakt ist: Ewig werden wir sie nicht sehen können … auch wenn Lemmy unsterblich ist!

Autor: Urban Bolta

Setlist:
MOTÖRHEAD:
1. I Know How to Die
2. Damage Case
3. Stay Clean
4. Metropolis
5. Over the Top
6. Doctor Rock
7. Guitar Solo
8. The Chase Is Better Than the Catch
9. Rock It
10. You Better Run
11.The One to Sing the Blues
12. Drum Solo (plus The One To Sing The Blues outro)
13. Going to Brazil
14. Killed by Death
15. Ace of Spades
—Zugabe—
16. Are You Ready
17. Overkill

ANTHRAX:
1. Worship (taped intro)
2. Caught in a Mosh
3. Fight ‚Em ‚Til You Can’t
4. Antisocial
5. Indians
6. Hymn 1 (taped intro)
7. In the End
8. Deathrider
9. Madhouse
10. Got the Time
11. The Devil You Know
12. I Am the Law
13. Long Live Rock ’n‘ Roll (taped outro)


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