Mosquito

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Yeah Yeah Yeahs
Label: Polydor Records
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 47:35
Wertung: 4.5/5

Wenn die Rede auf Alternative-Rock-Musik von ausgesprochen frischem musikalischen Charakter fällt – auf echte universelle Unikate –, ist es heutzutage unter Bands der jüngeren Generation immer schwieriger zu suchen. Yeah Yeah Yeahs sind eine davon. Zusammen mit The Strokes und White Stripes tauchten sie zu Beginn des neuen Jahrtausends auf. White Stripes gibt es schon längst nicht mehr, und The Strokes haben sich zufrieden in ihrer künstlerischen Entwicklung eingerichtet. Von den drei Genannten lässt sich das jedoch nicht über Yeah Yeah Yeahs sagen. Ihr viertes Album in zehn Jahren mit dem Titel »Mosquito« klingt wieder anders als alles, was wir von dieser Band bisher gehört haben. Angesichts der musikalisch herausfordernden Flexibilität des eindrucksvollen, ambitioniert angelegten Arrangements lässt sich behaupten, dass Yeah Yeah Yeahs mit dem Album »Mosquito« womöglich ihren Entwicklungskreis schließen. Mehr noch. Mit dem Album »Mosquito« stehen Yeah Yeah Yeahs an einem Wendepunkt. Von hier aus kann nur noch Art bleiben, während Punk völlig verschwindet. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

Die ausgeprägte Alternative-Rock-Komponente, vervollständigt durch ein feines Gespür für klangliches Experimentieren, schickt das düsterste Album der bisherigen Bandkarriere auf die Bühne. Ganz sicher ein Album, das  aufrichtig beschwert ist von allen möglichen Phobien der Sängerin Karen O. Vielleicht hat diesmal nur ihr Alter Ego laut gesprochen, das auf dem grotesken Albumcover in Szene gesetzt ist. Eine riesige Mücke. Wie auch immer. Das Album macht irrsinnig Spaß. Je öfter du es hörst, desto unterhaltsamer wird es – und es kriecht immer mehr unter die Haut. Mit jedem Hördurchgang berührt die Kraft der Art-Komponente den Hörer immer tiefer und klopft verführerisch an alle noch so verborgenen Winkel seiner Seele.  Fein, langsam, aber unaufhaltsam. Die klare Art-Prämisse dieses Werkes wird jedoch von seiner großen strukturellen Beweglichkeit in Schach gehalten, was ihm die inhaltliche Vielfalt des gelungenen Klangexperiments verleiht. Nur wenige Songs tragen im Ausgangspunkt ein ähnliches Arrangementmuster, obwohl sie alle vom unverkennbaren kreativen Art-Charakter dieses Trios begleitet werden.

Für das neue Album tauchten Yeah Yeah Yeahs erneut in den New Yorker Untergrund ein. Genau dorthin, wo ihr Sound seinen Ursprung hat. Aus dem kleinen Untergrundstudio der Großstadt, das auch dem gefeierten Debüt der Band »Fever To Tell« aus dem Jahr 2003 das Leben eingehaucht hat. Schon allein die Titel der Songs Subway und Under the Earth deuten darauf hin, doch ihr musikalischer Inhalt ist anders gestrickt und ein echtes Beispiel für die künstlerische Reifung der Band. Subway ahmt im Sampling den Hallklang einer U-Bahn-Fahrt auf Schienen nach, der Song strahlt Entfremdung und ausgeprägte Kälte aus; nicht weniger entfremdet und regelrecht klaustrophobisch wirkt das darauffolgende Under the Earth, wo die Einflüsse des Post-Punk der Achtziger (The Cure) deutlich spürbar sind. Under the Earth trägt in seiner rhythmischen Untertextur Muster von Reggae-Rhythmen, die die kompakte rhythmische Figur des Songs meisterhaft verdichten, über die sich eine verträumt-hypnotische Melodie spannt, beschwert von Melancholie.

Always und Wedding Song tragen jenen Moment der cerebralen Reise in ihrer allgemeinen Ruhe des Treibens auf der Klanglandschaft des Samplings, die das gelegentliche klangliche »Picken« des E-Gitarren-Minimalismus aufreißt. Diese beiden Songs tragen sinnvolle kompositorische Parallelen zum Song Maps auf dem Album »Fever to Tell«. Der Opener Sacrilege hat etwas von jenem »glitzernden Disco-Theater« übernommen, von dem das Vorgängeralbum »Its a Blitz!« (2009) nur so strotzt. In dieser Hinsicht hätte der Vorgänger von »Mosquito« ein kommerzieller Erfolg werden müssen, was jedoch nicht passiert ist. Der Status einer Goldplatte mit 100.000 verkauften Exemplaren auf dem Boden Großbritanniens ist ein schwacher Trost, wenn du diese Zahlen mit den Verkaufszahlen des Debütalbums der Band vergleichst. Aber das spielt keine Rolle, sofern ihr offen seid – im Kopf und mit den Ohren. Ohnehin ist der Rückgang der CD-Verkäufe generell und diese Zahlen überraschen in dieser Hinsicht überhaupt nicht. Um nicht zu sehr abzuschweifen: Neben Sacrilege gibt es nur noch einen ähnlichen Moment – Burried Alive.

Sacrilege übernimmt die Funktion des Album-Openers. Eine erwartungsgemäß kompakte Tanzrhythmus-Gravur, über die sich der frenetisch-hysterische Gesang von Karen O spannt – der Einsatz von Gitarre und Sampling-Klangeffekten füllt das Klangbild mit knapp abgestimmten Tricks des Art-Minimalismus effektiv aus. Der Song übernimmt in seiner Struktur und Energie sofort die Aufmerksamkeit des Hörers, und seine Entwicklung wird insgesamt interessant im Finale, wenn die Band zwei scheinbar unvereinbare Genres meisterhaft verschmilzt. Denn im Abschluss bekommt der Song das Vorzeichen von Gospel-Punk. Die ideelle Vielschichtigkeit dieses Albums – Ergebnis vollständiger kreativer Unbeschwertheit frei von Erwartungen, ob es kommerziell erfolgreich sein wird oder nicht – vertieft der Titelsong, der das absolute Highlight des Albums ist. Karen O greift mit einem Gesang an, der zusätzlich mit echter Punk-Wut aufgeladen ist, und ihre mitreißende Interpretation haucht dem Song Elemente von Vulgarität, Bizarrheit und Marginalität ein – und wenn nicht früher, hat Karen O all ihren Ängsten, die das Unterbewusstsein unterdrückt und die dieses Album durchdringen,  genau im Titelsong die persönliche Staatsbürgerschaft verliehen.

Area 52 ist ein interessantes Hybrid zwischen dem urwüchsigen New York Punk Rock-Primat von The Stooges, dem effektiv eine Space-Rock-Komponente hinzugefügt wurde. »Das Alien-hafte«, das im Charakter der Band von jeher präsent ist, und dessen Hauptakteur dabei Nick Zinner bleibt. Der cerebral-hypnotische Moment der Psychedelik von Yeah Yeah Yeahs bleibt auch auf dem Album »Mosquito« präsent, manifestiert sich aber noch reifer und noch definierter als einst.  Mal ist dieser Moment offensichtlicher (Area 52), mal weniger (Burried Alive). Durchweg aber ist er ein wichtiger Baustein einer Vielzahl unterschiedlicher Stimmungszustände, die ihrem Wesen nach nur für den Ausdruckscharakter von Yeah Yeah Yeahs typisch sind. Und die Band hat diesen mit dem Album »Mosquito« entwicklungsmäßig zu einem neuen Punkt ihres eigenen Artismus geführt, der inhaltlich der reichhaltigste bisher ist. Daher wird es umso interessanter sein zu beobachten, wohin Yeah Yeah Yeahs sich mit dem nächsten Album künstlerisch aufschwingen werden. 

Besetzung

Karen O – Gesang, Bassgitarre, Keyboards
Nick Zinner – Gitarre, Bassgitarre, Keyboards, Backgroundgesang, Mixing
Brian Chase – Schlagzeug, Perkussion, Backgroundgesang

GASTMUSIKER:
Dr. Octagon – Gesang auf Track Nr. 8. 

Produktion

Yeah Yeah Yeahs

Trackliste

1. Sacrilege
2. Subway
3. Mosquito
4. Under the Earth
5. Slave
6. These Paths
7. Area 52
8. Buried Alive [ft. Dr. Octagon]
9. Always
10. Despair
11. Wedding Song

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