MMVII

0 10

Interpret: Voices Of Rock
Label: AOR Heaven Records
Veröffentlichung: 2007

Wie entkommt man mit einem Album wenigstens teilweise den gängigen Klischees des melodischen Hardrock? Du schreibst zehn Songs, holst dir 10 verschiedene Sänger ins Boot, die mit 10 unterschiedlichen Stimmen die nötige Vielfalt auf die Platte bringen sollen – quasi als unsichtbarer Schleier, der die Klischees des längst erfundenen und durchforsteten Genres erfolgreich überdecken und verschleiern kann.

Die Initiatoren, nennen wir es mal Projekt, Voices Of Rock sind die deutschen Gitarristen Michael Voss (Mad Max, Casanova) und Chris Lausmann (Bonfire, Jaded Heart). Das Duo hat die Hauptriffs aller Grundmotive beigesteuert und sie in die Form melodischer Hardrock-Songs gegossen.

Die Form der Songs und die eingefangene Stimmung wirken sehr deutsch, deshalb dürfte dieses Album etwas sein, worüber sich Fans von Jaded Heart, Frontline und Fair Warning freuen werden, während Pink Cream 69 im Vergleich in ihrem Sound zum Beispiel schon etwas härter ausgerichtet sind – ich nenne sie aber bewusst, damit ihr leichter ein Gefühl dafür bekommt, wo „MMVII“ ungefähr zu verorten ist. Also Gitarren mit bewahrter Lebendigkeit und leichter Initiative im Produktionsklangbild, die den zentral platzierten Gesang und die mehrstimmigen Vokalharmonien fest umschließen. Trotz des allgemein deutschen Gefühls, das durch Aufbau und Umsetzung der Riffs und Riffstrukturen entsteht, schaffen es die einzelnen Sänger mit ihrer Handschrift, diesen ersten Gesamteindruck erfolgreich aufzuwerten, und zwar so weit, dass sich manche Songs in Anklänge an die Stammbands der Sänger hineinsteigern.

Diese Bestätigung bekommen wir gleich im Opener Voodoo Woman mit James Christian (House Of Lords) am Mikro, der auch ein House-Of-Lords-Song sein könnte. Ein toller, zupackender Riff, dem aber im Refrain der letzte Schliff zur Perfektion fehlt – der Chorus zündet irgendwie nicht, gemessen an der beeindruckenden Dramasteigerung bis zum Übergang in ihn. Auch Jean Beauvouir, Mitglied von Plasmatics und Crown Of Thorns, haucht mit seinem Beitrag im zweiten Song des Albums, Wild Thing, eine Prise Crown-Of-Thorns-Atmosphäre ein – giftige Erotik durchzieht ihn, ein prima ausgestatteter Track mit mehrstimmigen Vokalharmonien, eines der Highlights des Albums, vor allem der Refrain ist gefährlich verderblich! In Dynamik und Stimmung biegt das Album dann herrlich in eine neue Gefühlslage ab, nämlich in Nightingale, eine mittelschnelle, dramatisch-wuchtige Ballade mit Terry Brock, dem Sänger von Slammer/Strangeways, der mit Stimmfarbe und Herangehensweise komplett neue Energie und Frische auf das Album bringt. Das büßt dann etwas Atmosphäre und Dynamit ein in der ziemlich vorhersehbaren Nummer Over And Done, die auf einem repetitiven Motiv aus aufgelösten Barré-Akkorden beruht und mit dem Gesang von Dan Reed (Dan Reed Network) eine zu süßliche Wirkung hat. Ganz anders wirkt Phoenix Rising, mit dem unverwechselbaren Stempel des Ex-Hardline- und Axel-Rudi-Pell-Sängers Johnny Gioeli und einem der eindrucksvolleren Refrains auf dem Album. Irresistible – der Track, der darauf folgt – ist kompositorisch praktisch perfekt von Kopf bis Fuß eingekleidet, was angesichts der vermutlichen Kurzlebigkeit des Voices-Of-Rock-Projekts eine echte Überraschung ist. Hier passt einfach alles. Der Gesang von Harem-Scarem-Sänger Harry Hess ist in der gewählten Melodie und im Kontrast, der fließend vom Refrain in den Pre-Chorus und zurück übergeht, unglaublich effektiv. Ein Song, der hoch atmet und ein hohes Maß an Dramatik trägt. Die fatale Anziehungskraft von Frauenduft, brrrrrrrrrr…. Männer, soweit ihr Hosen tragt, überlasst euch dem süß berauschenden Gift der Spinnenfrau! Bei der klischeehaften China In Your Head verliert das Album wieder an Spannung, mit einem Anfangsmotiv, als hätte es dem Voss der leibhaftige Phil Lynnot (Thin Lizzy) in die Hände gelegt; natürlich folgt im Refrain die melodische Hardrock-Abzweigung, aber sehr, sehr vorhersehbar… zu oft gehört, nur anders inszeniert, und auch die qualitativ starke Gesangsleistung des ehemaligen Y.J. Malmsteen’s Rising Force-Sängers Göran Edman, ansonsten Mitglied der AOR-Rocker Street Talk, rettet ihn nicht. Im weiteren Verlauf wird das Album fast schon pathetisch, denn es folgt der Song Underloved mit Sängerin Robin Beck am Mikro. Gott bewahre, dass man mir männlichen Chauvinismus vorwerfen müsste, aber ihr „püppchenhafter“ Gesang fügt sich einfach nicht in die generelle Energie ein, die den Kern dieses Albums antreibt. Aus diesem Tief retten das Album zwei hervorragende Songs zum Schluss. Der erste ist ein echter AOR-Rocker mit weicheren Gitarren und einem ausgewogeneren Verhältnis der Instrumente in der Produktion, mit Steve Overland (FM, Shadowland) am Gesang; sein Gesang mit leichtem Soul-Touch ist natürlich so besonders, dass der Song Flügel bekommt, über die sich vor allem Fans der guten alten FM freuen werden. Dieser Track wird im Anschluss mit Love Is Blind phänomenal dramatisch weitergeführt, der neben Irresistible ein weiteres, tränenklares Juwel des Albums ist, wieder etwas schärferes Hardrock-Riffing, aber mit typischem AOR-Refrain und mehrstimmigen Vokalharmonien, die sogar an die „John-Payne-Asia-Ära“ erinnern. Ein hochdramatischer Albumabschluss, zu dem die einmalige Gesangsleistung von Gary Barden (Ex-Michael Schenker Group) den Löwenanteil der Tragik beisteuert.

Voices Of Rock und das Album „MMVII“? Doch. Das Album ist interessant, schlicht reizvoll genug, wenn man es mal schnell von Kopf bis Fuß abklopft. Wir finden darauf drei mildere Patzer sowie zwei meisterlich vollendete Tracks. Alles dazwischen ist qualitativ gut, und die Ideen stehen überzeugend nebeneinander und ergeben so ein Album, das sich in der Gesamtsumme mit hochwertigen Kompositionen und wogender Dynamik schmücken kann und damit ein beneidenswertes Maß an Dramatik erreicht, das beim Aufbrechen der Hardrock-Riff-Schablonen ganz allgemein der Schlüssel ist. Offensichtlich können Voss und Lausmann als gestandene alte Hasen ihre Erfahrung nicht verleugnen, und das Bündnis funktioniert prächtig. Der hyperaktive Denander und der Ex-Bonfire-Gitarrist Angel G. Schleifer haben einen schön abgestimmten, rhythmisch synchronen Parallelslalom aus Gitarrensoli hingelegt, die dem ohnehin kompakten Sound der Songs das Tüpfelchen auf dem „i“ aufsetzen. Wie gesagt. Ein interessantes Album, ein etwas anderes Album, das eben nicht perfekt ist, aber überraschende Juwelen hat, ebenso wie zwei mildere „Querschläger“. Lasst euch überraschen. Fans des melodischen Rock werden nicht gerade aus dem Häuschen sein – eine Offenbarung findet ihr auf „MMVII“ nicht, aber nach dem Genuss werdet ihr definitiv nicht enttäuscht sein.

Besetzung

James Christian – Gesang, Track 1
Jean Beauvouir – Gesang, Track 2
Terry Brock – Gesang, Track 3
Dan Reed – Gesang, Track 4
Johnny Gioeli – Gesang, Track 5
Harry Hess – Gesang, Track 6
Goran Edman – Gesang, Track 7
Robin Beck – Gesang, Track 8
Steve Overland – Gesang, Track 9
Gary Barden – Gesang, Track 10
Michael Voss – Gitarre
Angel G. Schleifer – Gitarrensoli
Tommy Denander – Gitarrensoli
Chris Lausmann – Gitarre, Bass, Keyboards
Bertram Engel – Schlagzeug

Produktion

Chris Lausmann & Michael Voss

Tracklist

1. Voodoo Woman
2. Wild Thing
3. Nightingale
4. Over And Done
5. Phoenix Rising
6. Irresistible
7. China In Your Hands
8. Underloved
9. Slip Away
10. Love Is Blind

Spieldauer: 44.16

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Cookies, um Online-Dienste, Werbesysteme und Funktionen bereitzustellen, die ohne Cookies nicht angeboten werden könnten. Mit dem Besuch und der Nutzung der Website stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Akzeptieren Mehr erfahren

Datenschutz & Cookies