Miss Universe
Autor: Primož Novak
Künstler: Carnaval
Label: Kapa Records
Erscheinungsdatum: year_month
Laufzeit: 56:32
Bewertung: 4.3/5
Die slowenische Band Carnaval hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass das Interesse am Stoner Rock/Metal auch in Slowenien wächst – ein Genre, das bis dahin noch nicht wirklich in den Vordergrund getreten war, obwohl Carnaval und einige andere Bands schon damals schönes Potenzial zeigten. Wie dem auch sei: Nach 2012, als das dritte Album »Tennis Football Basketball« erschien, kehrten Carnaval mit einem neuen Werk zurück, auf dem auch der neue Gitarrist Vitja Balžarosky zu hören ist.
Mit den ersten beiden Werken »2« und »1« hatte die Band ihre Richtung gut angedeutet, auch wenn das für den Stoner Rock im Allgemeinen nichts Besonderes darstellte. Beim nächsten Werk »Tennis Football Basketball« zeigten Carnaval dann, dass sie sich weiterentwickeln – das Ergebnis war ein deutlich abwechslungsreicheres Album. Bis zum Nachfolger vergingen vier Jahre, es gab einen Personalwechsel, und neue Herausforderungen öffneten sich.
Miss Universe ist zweifellos kein kleiner Happen. Es bietet dem Hörer ganze 56 Minuten Stoner-lastiger Musik, die gerne auch mal andere Stilistiken aufgreift – womit Carnaval sofort klarstellen, dass sie keine Angst haben, Neues auszuprobieren. Mit dem ersten Track New Shoes Of Mine eröffnen Carnaval das Album auf angenehm zündende Weise; mit Seven zeigen sie dann auch einen Sinn für bluesige Gelassenheit und doomige Langsamkeit. Für zusätzliche Abwechslung sorgen die vielseitigen Gitarren, die sich nicht auf eine einzige Linie beschränken. Mit dem ruhigeren, verträumten Moon Shuffle – das zwischendurch auch mit kräftiger Verzerrung zuschlägt – bereiten Carnaval den Hörer auf den nächsten Zerstörer namens Round Nose Cat vor, der mit seiner lebhaften Rhythmik, Wucht, Geschwindigkeit und natürlich Unberechenbarkeit punktet. Carnaval zeigen hier ihr Potenzial und gleichzeitig ihre Abgrenzung vom Durchschnitt – und als Sahnehäubchen gibt es noch einen Saxofon-Einschub. Die Abwechslung des Werks lässt nicht nach: Es folgt das ruhigere, schlichtere Bluebird, bevor Carnaval mit der instrumentalen Space Bar einen Gang höher schalten. Den Sinn für Ruhe beweisen Carnaval mehrfach – auch eine Ballade haben sie nicht beiseitegelassen. Silver Starlight schmelzt mit seinen akustischen Gitarren das Herz dahin, was mehr als sinnvoll ist, wenn man die beiden folgenden Tracks betrachtet, die wieder wuchtiger und lauter ausfallen. Besonders hervorzuheben ist dabei der abschließende Burning Sun, der mit seiner Verspieltheit Assoziationen an Jam Rock weckt.
Stilistisch bewegen sich Carnaval in ähnlichen Bahnen wie zuvor, versuchen aber ihr Rezept ein wenig auszuweiten – weshalb es nicht sinnvoll wäre zu behaupten, das sei schon wieder eine Stoner-Rock-Band. Zwar sind die Elemente des »Wüsten«-Rocks im Stil von Kyuss, Fu Manchu usw. nach wie vor vorhanden. Aber genauso sind Doom-Metal-Elemente präsent, sodass die Assoziation mit Black Sabbath nicht ausbleibt. Durch die stilistische Vielfalt, die auch den einen oder anderen Sludge-Metal-Zusatz einfließen lässt, verleihen Carnaval dem Ganzen einen modernen Anstrich – Vergleiche mit bloß anerkannten Stoner-Bands reichen da nicht mehr aus. Mit diesem Werk können Carnaval getrost mit Namen wie Truckfighters, Wo Fat, Sasquatch, Greenleaf und anderen mithalten.
Am Klangbild gibt es nichts auszusetzen. Es passt hervorragend zum Stil, den die Band auslebt. Das Ganze wirkt natürlich, und man spürt keine Verschönerungen, kein unnötiges Hochglanz-Finish, das eine breitere Masse ansprechen soll. Miss Universe ist gitarristisch ein ausgesprochen markantes Album, was dazu führt, dass Bass und Schlagzeug nicht durch wilde Eskapaden herausstechen. Sie sind zwar gut ins Gesamtbild eingebunden, aber am überzeugendsten sind die kraftvollen Gitarrenriffs, die Harmonien und die gelegentlichen Soli. Der Gesang erfüllt seine Rolle solide. Er übertreibt es nicht mit irgendwelchen Stimmakrobatiken, kann emotional und melodiös sein – einzig gelegentlich ist er ein kleines bisschen monoton. Wie man es auch dreht: Carnaval hat noch Luft nach oben, auch wenn der Fortschritt mehr als offensichtlich ist.
Carnaval haben mit Miss Universe einen weiteren Schritt nach vorne gemacht und ihre Reife mit einem ausgefeilten, abwechslungsreichen und sophistizierten Werk bewiesen. Es wäre überhaupt nicht verwunderlich, wenn dieses Werk unter einem internationalen Label wie Southern Lord, Rise Above oder Small Stone erschienen wäre. Nach dem Gehörten lässt sich festhalten: Wenn Carnaval in diese Richtung weitermachen, wartet eine glänzende Zukunft auf sie.
Besetzung
Ažo – Gitarre & Gesang
Vičo – Gitarre
Mato – Schlagzeug
Sacco – Bass
Produktion
Produktion: Carnaval, Gitarrenaufnahme: Vitja Balžalorsky @ Baraka, Mix: Vitja Balžalorsky, Mastering: Gregor Zemljič @ Earresistible Mastering
Tracklist
1. New Shoes Of Mine
2. Seven
3. Moon Shuffle
4. Round Nose Cat
5. Bluebird
6. Space Bar
7. Silver Starlight
8. Rocket
9. Burning Sun