Misplaced Childhood
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Marillion
Label: EMI Records
Veröffentlichung: 1985
Bewertung: 5/5
Unvergessliche Meisterwerke wie „Misplaced Childhood“ passieren selbst Spitzenbands wie Marillion nur ein einziges Mal in ihrer Karriere. Das Album war für die Band nicht nur der künstlerische, sondern auch der kommerzielle und damit indirekt auch der Karrierehöhepunkt – und ein Album, an das sich verschiedene Generationen von Hörern noch lange mit ganz unterschiedlichen Gefühlen erinnern werden. Für manche ist es das Album, das vor allem wegen der zwei größten Hits der Band bekannt ist: „Kayleigh“ und (etwas weniger) „Lavender“. Beide Songs sind laut den Bandmitgliedern durch einen seltsamen Zufall bzw. „aus Versehen“ entstanden. Für andere ist es das Album, das die damals schon tote Idee des Konzeptalbums wieder zum Leben erweckt und in den 80ern das Interesse an Progressive Rock neu entfacht hat. Und für wieder andere ist es schlicht eines der großartigsten Werke der Rockgeschichte, das die Band endgültig unter die Unsterblichen eingereiht und neben die ganz Großen des Progressive Rock aller Zeiten gestellt hat. Den Bandmitgliedern hat natürlich nicht im Traum geschwant, dass sie so einen riesigen Erfolg feiern würden – und das mit ihrem ersten Konzeptalbum, mit dem damals selbst in ihrem Genre nur wenige Bands zu experimentieren wagten.
Auch wenn schon die beiden Vorgängeralben zahlreiche Keime eines Konzepts enthielten, ist das hier ihr erstes offizielles Konzeptalbum. Fish schlägt sich diesmal mit dem Thema seiner viel zu schnell vergessenen und teilweise auch verpfuschten Kindheit herum, ausgelöst vor allem durch den plötzlichen Rockstar-Ruhm samt all seinen negativen Folgen wie Einsamkeit, Entfremdung, verlorener Liebe und Substanzmissbrauch. Darauf folgt die unausweichliche Sehnsucht nach der verlorenen kindlichen Unschuld. Dieses vergessene Gefühl schafft er am Ende, in größter Not, wieder in sich wachzurufen. Und zwar vor allem durch schöne Erinnerungen: an die erste Liebe, an Kinderspiele mit Freunden und ähnliche Erinnerungen – um so den „Regenbogen“ einzufangen und seinem Leben wieder einen Sinn zu geben. Laut ihm selbst soll das wirklich so passiert sein, nachdem er eines Tages nach viel zu langen Sauftouren (und allem Möglichen sonst) halbtot von schweren Gedanken und Alkohol in der Badewanne lag und anfing, intensiv über sein bisheriges Leben nachzudenken (daher hat er übrigens auch seinen Spitznamen – weil er in der Wanne gern Bücher las), das in diesem Moment das typische Leben eines etwas „ausgebrannten“ Rockstars war. Und so bekam er am Ende ein hervorragendes Konzept für das neue Marillion-Album, das trotz der größtenteils extrem persönlichen Texte jedem Hörer erlaubt, sich auf ganz eigene Weise mit einzelnen Teilen davon zu identifizieren. Dass es ein Konzeptalbum ist, sieht man auch am Cover (noch ein Meisterwerk von Mark Wilkinson, auf dem wir den „Helden“ als Kind in Offiziersuniform sehen, das eine Schwalbe hält, während der Hofnarr schon durchs Fenster seiner Zukunft lugt) sowie daran, dass die einzelnen Songs direkt ineinander übergehen und es dazwischen keine Pausen gibt. Über die Produktion muss man gar nicht erst sagen, dass sie traditionell mörderisch ist – und mit der aktuellen Neuauflage als Doppelalbum von 1998 begeistert sie besonders
Ins Album führt uns ein traditionell spannendes Intro mit „Pseudo Silk Kimono“ ein, das auf atmosphärischen Keyboards und Fishs dramatisch-melancholischem Gesang basiert und klingt wie ein dramatischer Versuch, seine vergessenen Erinnerungen heraufzubeschwören. Darauf folgt der größte Hit der Bandgeschichte, „Kayleigh“. Im Kern ist das eine außergewöhnlich subtile Powerballade, in der Fish sich an seine erste Liebe erinnert, aber auch an all die unglücklichen Beziehungen, die danach kamen. Mit Rotherys unvergesslichem Eröffnungsriff und den Keyboards, zahlreichen melodischen Refrains, Fishs romantischem Gesang und einer ganzen Reihe exzellenter Gitarrensoli ist das eine hervorragende Nummer, technisch wie emotional, die sich ihren Hit-Status völlig zu Recht verdient hat. Das ist ein Song, den auch viele Leute kennen, die von Marillion oder Progressive Rock überhaupt keine Ahnung haben – und damit klar ihr bekanntestes Stück. Hits sind für eine Prog-Rock-Band normalerweise ein zweischneidiges Schwert, weil sie dem Ruf oft schaden, aber „Kayleigh“ ist eine ganz andere Geschichte, weil der Song den kommerziellen und den progressiven Witz der Band mehr als erfolgreich zusammenbringt. Direkt danach kommt „Lavender“, noch eine tolle Powerballade, die ebenfalls ein Hit war. Nach einem nostalgischen Klavier-Intro geht sie in einen romantischen Part mit einem großartigen Refrain über. Trotz der einfachen Struktur ist das ein weiteres wunderschönes Stück der Band, das alle Herausforderungen der Zeit überstehen wird und das man nach dem ersten Hören so schnell nicht mehr vergisst. Etwas komplizierter wird es mit „Bitter Suite“, einer Suite, die in drei Abschnitte unterteilt ist. Hier kehren Marillion ein Stück weit auf ihr heimisches Prog-Rock-Terrain zurück, denn es ist eine dramatische, komplexe und hochgespannte Komposition. Der erste Teil namens „Brief Encounter“ enthält zu Beginn Fishs Erzählpassage, in der er sich selbst als „obskuren schottischen Poeten“ beschreibt, dann folgt ein Übergang mit intensiven Keyboards und Gitarrensoli. Der Song ist durchgehend intensiv, voller Tempowechsel und subtiler Gitarrensoli, hat aber auch einen melancholischen und zugleich triumphalen Refrain, in dem das Hauptmotiv von „Lavender“ wieder aufgegriffen wird. Im Teil „Lost Weekend“ kommt eine außergewöhnlich melancholische Stimmung auf, die im letzten Teil, „Blue Angel“, ihren Höhepunkt erreicht. Die Suite geht dann direkt in das hervorragende „Heart Of Lothian“ über, ein weiteres Meisterwerk, das als Single erschien. Es hat ein außergewöhnliches Intro und einen triumphalen Refrain, wenn Rotherys ultramelodisches Solo gemeinsam mit Kellys Keyboards zwitschert. Im Mittelteil „Wide Boy“ begeistert dann Fish mit seinem extrem energiegeladenen Gesang. Das Stück ist voll melodischer und subtiler Übergänge, dazu jede Menge erstklassiger Soli und Fishs hervorragender, witziger Gesang über der stets abwechslungsreichen Rhythmusgruppe Trewavas-Mosley. Im Text beschreibt Fish seine Kinderstreiche. Der Hauptrefrain kehrt zu einem subtilen Solo im zweiten Teil namens „Curtain Call“ mehrmals wieder. Danach folgt das frenetische und ultradramatische, fast klaustrophobische „Waterhole (Expresso Bongo)“, bei dem der Hörer das Gefühl bekommt, in eine Art aufgewühltes Wasserkarussell geraten zu sein. Bei unheilvollen Riffs, Fishs schaurigem und wutschäumendem Gesang und schnellen, schlagkräftigen Rhythmuswechseln, deren Atmosphäre vor allem das dramatische Keyboard-Motiv vertieft, wird kaum ein Hörer die Ruhe bewahren. Der Song verwandelt sich plötzlich in das ausgelassene „Lords Of The Backstage“, in dem Fish im Text anschaulich seine Abenteuer hinter der Bühne schildert. Alles mit einem außergewöhnlichen Gespür für Tragik und die vielen Frustrationen, die er damals oft erlebte. Der Rhythmus ist einfach, genau wie der Refrain und das Grundmotiv. Dieser Song dient nur als Vorbereitung auf einen der Höhepunkte des Albums. Das ist die majestätische epische Suite „Blind Curve“, aufgeteilt in ganze fünf Abschnitte, womit sie das längste Stück auf dem Album ist. Der Song gehört zu Fishs besten Gesangsmomenten seiner Karriere. Im hochambienten Eröffnungsteil „Vocal Under a Bloodlight“ wünscht er sich im Text „inneren Frieden“. Nach einem Übergang fragt er sich im Teil „Passing Strangers“ dann nach dem Sinn seines bisherigen Weges, denn er war noch nie „so am Boden“. Danach folgt im Teil „Mylo“ ein erstklassiges Rothery-Solo, das zu den besten auf dem Album zählt. Und wenn dann noch eine dreistimmige, nostalgische Harmonie auf der Gitarre einsetzt, zu der sich Fishs dramatischer Gesang gesellt, erreicht der Song seinen Höhepunkt. Im Abschnitt „Perimeter Walk“ wechseln sich Fishs melancholischer Gesang und geniale Instrumentalpassagen ab und erzeugen eine außergewöhnlich melancholische, fast tragische Stimmung. Die Dramatik steigert sich bis zum Gipfel. Wenn Fishs Stimme in einem bestimmten Moment völlig gebrochen klingt und er spürt, dass er am „Ende seines Weges“ angekommen ist, folgt plötzlich die komplette Wende, als er in sich wieder das Kind spürt („I can sense a child“). Wenn der letzte Teil der Suite, „Threshold“, einsetzt, ist ihm bereits bewusst, dass er an der Schwelle zu einer inneren Veränderung steht. Das spürt man vor allem an seiner etwas optimistischer gefärbten Stimme, den etwas helleren Instrumentalpassagen und der Wiederholung des Hauptmotivs von „Heart Of Lothian“. Diese Stimmung erreicht ihren Höhepunkt im unvergesslichen „Childhood’s End“, einem weiteren Highlight des Albums und meiner Meinung nach zugleich einem der besten Stücke der Band, denn hier hat sie gezeigt, welch außergewöhnliche Reife sie in nur wenigen Jahren erreicht hat. Bei einem subtilen Riff und außergewöhnlichen ambienten Keyboard-Passagen, zu denen sich Fishs ungemein nostalgischer Gesang gesellt, wird der Hörer im Nu in den „siebten Himmel“ getragen. Besonders erstklassig ist der unvergessliche Übergang samt der Zeile, in der Fish erkennt, dass die Kindheit in ihm nie vergehen wird, dass er die Antwort auf seine zentrale Lebensfrage gefunden hat und weiß, dass er seinen eigenen Weg weitergehen muss. Damit folgte konsequenterweise auch eine spürbare Veränderung in Fishs Privatleben, denn er begann sich damals immer mehr der ungesunden Folgen des „Rockstar“-Lebens bewusst zu werden. Fishs unvergessliche Zeile, dass „die Kindheit nie zu Ende ist“, ist ohnehin legendär und gehört zu den besten der Bandgeschichte. Das ist für mich auch der Höhepunkt des gesamten Albums und seine endgültige Offenbarung, wenn die Hauptfigur (Fish) einen positiven Schritt in seinem Leben macht, erkennt, dass es in seinem Leben auch andere Wege gibt, und dabei die kindliche Verspieltheit und Unschuld neu entdeckt. Zum Schluss gibt es noch das hervorragende Stück namens „White Feather“, das den persönlichen Sieg des Protagonisten triumphal bestätigt. Mit einem ruhigen, raffinierten Rhythmus, dem ein außergewöhnlich schöner und romantischer Refrain mit skandierenden Begleitvocals folgt, ist das ein höchst passender Song zum Abschluss dieses konzeptuellen Meisterwerks.
Die zweite Disc der Neuauflage von 1998 ist voller abwechslungsreicher Leckerbissen für alle echten Fans der Band. „Lady Nina“, das auch als Single erschien, ist ein Pop-Rock-Song, der für die Band völlig untypisch ist, denn er baut auf programmierten Drums und „New-Wave“-artig klingenden Keyboards auf. Als Fan der komplexeren Seite der Band finde ich, dass das für ihren sonstigen Ruf ein ziemlich durchschnittliches Stück ist, das wegen der vielen eben genannten Pop-Anleihen nicht gerade zu meinen Lieblingen gehört. Dafür sind Rotherys Soli wie üblich ausgezeichnet, genauso wie natürlich Fishs Gesang, während Kellys elektronische Synthesizer und die programmierten Drums halt ein bisschen zu elektronisch bzw. „New-Wave“-mäßig klingen. „Freaks“ ist ein weiteres weniger bekanntes und weniger interessantes Stück der Band, das auf der B-Seite der Single erschien. Wichtig ist es aber vor allem deshalb, weil die Fans der Band, die sich selbst „Freaks“ nannten, danach ihren Namen bekamen. Der Song hat ein völlig simples Motiv und einen ziemlich monotonen Rhythmus. Vor der totalen Mittelmäßigkeit retten ihn nur der wie gewohnt hervorragende Gesang, die Gitarre und die Keyboards. Auf der Disc ist auch eine alternative Version von „Kayleigh“, die einen viel langsameren Rhythmus und eine einfachere Struktur hat, weil einige Gitarrenabschnitte herausgeschnitten wurden. Dazu gibt es eine besondere Version von „Lavender“ namens „Lavender Blue“ mit leicht verändertem Text. Und eine erweiterte Fassung des tollen „Heart Of Lothian“. Alle drei Spezialversionen sind Pflicht für alle Fans der Band. Der Rest der Disc besteht aus bisher unveröffentlichten Versionen der meisten Songs vom Album. Sie bieten dem Hörer sozusagen eine alternative Version des gesamten Albums! Interessant ist dabei vor allem, dass es statt der Suite „Blind Curve“ hier eine Reihe von Songs wie „Blue Angel“, „Misplaced Rendezvous“ und „Passing Strangers“ gibt, was bedeutet, dass die Suite noch nicht endgültig ausgearbeitet war und hier noch in einzelnen Teilen vorliegt.
Mit diesem fantastischen Meisterwerk, das für alle Zeiten weiterleben wird, sind Marillion sowohl künstlerisch als auch in ihrer Ausdruckskraft gereift und haben einen der Meilensteine des Progressive Rock geschaffen. Damit sind sie in ihrer Karriere auch der Perfektion am nächsten gekommen. Gleichzeitig ist es ihnen durch den außergewöhnlichen Erfolg der Hit-Singles und des Albums als Ganzes indirekt gelungen, das Interesse am Progressive Rock wieder zu steigern, der in den 80ern größtenteils schwere Zeiten durchmachte. Mit diesem Album erlebte sein neues Subgenre (Neo Prog Rock) damals seine Blüte, erreichte mit „Misplaced Childhood“ auch seinen Höhepunkt und bewies endgültig, dass die besten Werke des Progressive Rock nicht nur in den 70ern entstanden sind. „Misplaced Childhood“ ist das definitive Marillion-Album, das jeder ernsthafte Rock-Sammler im Regal haben sollte, und ein Album, das in jeden Haushalt gehört. Alle, die ihr spürt, dass das Leben schwer auf euch lastet oder ihr euch zu früh gealtert fühlt und vielleicht eure Tage in irgendeinem öden Job verbringt, sagen wir in der Bürokratie, und zu Hause auch noch eine nervige Frau mit Lockenwicklern im Haar und einem rosa Pudel sowie einen Haufen verwöhnter Kinder ertragen müsst, legt euch dieses Album wenigstens einmal auf, um darin Fishs Geschichte nachzuerleben und euch zu merken, dass die Kindheit nie zu Ende ist.
Besetzung
Fish – Gesang
Steve Rothery – Gitarre
Pete Trewavas – Bass
Mark Kelly – Keyboards
Ian Mosley – Schlagzeug
Produktion
Chris Kimsey
Tracklist
1. Pseudo silk kimono (2:13)
2. Kayleigh (4:03)
3. Lavender (2:27)
4. Bitter suite (5:53)
5. Heart of Lothian (6:02)
6. Warterhole (expresso bongo) (2:12)
7. Lords of the backstage (1:52)
8. Blind curve (9:29)
9. Childhood end? (4:32)
10. White feather (2:23)
Spielzeit: 41:05
Bonus-CD (Ausgabe von 1998)
1. Lady Nina (Extended 12″ Version) (5:50)
2. Freaks (Single version) (4:08)
3. Kayleigh (Alternative Mix) (4:03)
4. Lavender Blue (Lavender Remix) (4:22)
5. Heart of Lothian (Extended Mix) (5:54)
6. Pseudo Silk Kimono (Demo) (2:11)
7. Kayleigh (Demo) (4:06)
8. Lavender (Demo) (2:37)
9. Bitter Suite (Demo) (2:54)
10. Lords of the Backstage (Demo) (1:46)
11. Blue Angel (Demo) (1:46)
12. Misplaced Randezvous (Demo) (1:56)
13. Heart of Lothian (Demo) (3:49)
14. Waterhole (Expresso Bongo) (Demo) (2:00)
15. Passing Strangers (Demo) (9:17)
16. Childhoods End? (Demo) (2:23)
17. White Feather (Demo) (2:18)