Mekanïk Destruktïw Kommandöh
Interpret: Magma
Label: Seventh Records
Veröffentlichung: 1973
Bewertung: 4.6/5
Wie vielen Leuten kann man nachsagen, dass sie ganz allein ein ganzes Genre erfunden haben? Nicht vielen. Christian Vander ist einer von ihnen. Die Entwicklung dieses Genres (Zeuhl) begann mit diesem Album. Nach zwei eher jazzlastigen Veröffentlichungen stand ein Wandel an. Mekanik Destruktiw Komandoh ist der dritte Teil von Theusz Haamtahk, einer Art kobaianischer Heiliger Schrift. Ich habe schon einige Vergleiche zwischen MDK und der sogenannten klingonischen Oper gehört. Ich bin zwar ziemlich großer Fan der Star-Trek-Serien, kann mich aber nicht erinnern, in irgendeiner Folge je Ausschnitte aus einer klingonischen Oper gehört zu haben, also kann ich nicht sagen, ob der Vergleich passt.
Warum soll dieses Album wie eine Oper sein? Ganz einfach. Hier tauchen zum ersten Mal Magmas berühmte vielschichtige Gesangsarrangements auf. Vanders Frau eilt ihrem Mann zusammen mit einem Frauenchor zu Hilfe, Vander selbst hat als Sänger eine deutlich auffälligere Rolle, und Klaus Blasquiz ist verlässlich wie immer. Vanders Stimme nervt viele Leute, und wenn du dir die beiden Vorgängeralben anhörst, ist klar, warum. Auf Kobaia und 1001° kreischt er deutlich mehr, aber diesmal wechselt er hauptsächlich zwischen seinem berühmten Falsett und normalem Gesang.
Auch wenn diesmal die überragenden Vocals im Vordergrund stehen, werden die übrigen Instrumente nicht vernachlässigt. Die ganze Zeit über gibt es tolle repetitive Keyboard-Parts (manchmal spielt auch Vander selbst), die förmlich mit den Vocals verschmelzen. Meistens hört man ein Rhodes-E-Piano. Erstmals mit dabei ist Bassist Jannick Top, doch sein Bass ist diesmal etwas zurückhaltender als später. Er ist nicht so aggressiv, spielt ruhiger, aber deshalb nicht weniger perfekt. Die Gitarre war bei Magma nie die Hauptsache. Das ist auch diesmal so. Sie kommt nur selten nach vorn, meistens legt sie dem ohnehin schon reichen Sound nur ein bisschen was drauf. Ein Markenzeichen von MDK sind die Trompeten, die klingen, als würden sie wie Fanfaren die Ankunft des Adels verkünden. Und das tun sie ja praktisch auch, denn sie kündigen die Ankunft eines Propheten an. Etwas weniger auffällig sind die übrigen Bläser, aber auch sie tragen zum Endergebnis bei. Loben muss man außerdem die tolle Percussion-Arbeit von Vander und Blasquiz: Vibraphon, Glöckchen,… Und zum Schluss darf ich auf keinen Fall den Meister selbst vergessen, der sich hinter dem Schlagzeug versteckt. Vander trommelt wieder, als ginge es um Leben und Tod: mal jazzig, mal sehr rhythmisch und gelassen, aber immer in seinem eigenen, perfektionierten Stil.
Auf diesem Album sieht man deutlich, dass Christian Vander zum Boss geworden ist. Er singt mehr, die Songs klingen anders, und auch Aufbau und Stil der Stücke sind anders. Auch die Geschichte über den Planeten Kobaia bekommt hier einen anderen, spirituellen, metaphysischen Touch, der sich im vokalen, fast psalmartigen Stil niederschlägt.
Magma sind bekannt für ihre Repetitivität. Das heißt, die Melodien wiederholen sich oft, die Songs drehen sich im Kreis. Langweilig werden die Stücke dadurch aber nicht, denn die Melodien werden ausgebaut und auch die Arrangements sind immer anders. Wenn du auf Zeuhl stehst, wirst du dieses Element lieben, und bald brennen sich dir diese Gesänge und Psalmen ins Gedächtnis und werden ein Teil von dir.
Die Melodien sind deutlich weiterentwickelt, aber immer noch nicht in dem Maße wie auf späteren Veröffentlichungen (Wurdah Itah, Attahk). Auch wenn das Album als Klassiker gilt, könnte es also trotzdem noch besser sein. Auch die Produktion klingt schwach, als hätte man die Mikrofone im Nebenzimmer aufgestellt. Ein Remaster würde zweifellos sehr gut tun.
Vor MDK kam es erstmals zu größeren Wechseln in der Besetzung. Einige Mitglieder waren nicht damit einverstanden, dass Christian Vander die volle Kontrolle über das Schaffen bekam, und gingen. Aber ziemlich bald kamen andere, die die Lücken mehr als zufriedenstellend füllten. Offenbar hat Produzent Giorgio Gomelsky alles richtig gemacht, als er Vander zum Boss gemacht hat.
Vielen sind Mekanik Destruktiw Komandoh und die Musik von Magma überhaupt zu langweilig, aber wer sich auf Vanders Vision einlässt, wird reich belohnt. Bei Zeuhl geht es um ansteckende Melodien, die sich vielleicht oft wiederholen, aber so gut sind, dass sie dich mitreißen und nicht mehr loslassen. Ich habe auch Demoversionen und Live-Aufnahmen vor der Veröffentlichung gehört, und es wäre durchaus möglich gewesen, dass das Album im Stil der beiden Vorgänger weitergeht, aber in den Sternen stand es anders geschrieben. Vander entschied sich für eine andere Richtung, weg vom Jazzrock. Mit den frühen Entwürfen war er offenbar nicht zufrieden, deshalb ist das hier etwas ganz anderes als die früheren Versionen. Auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Eines der wichtigsten Alben in ihrer Diskografie und eines der wichtigsten Alben im Progressive Rock.
Besetzung
– Christian Vander: Schlagzeug, Gesang, Orgel, Percussion
– Jannik Top: Bass
– Klaus Blasquiz: Gesang, Percussion
– Jean-Luc Manderlier: Klavier, Orgel
– René Garber: Bassklarinette, Gesang
– Claude Olmos: Gitarre
– Stella Vander: choir organik Kommandeuhr (Chor)
– Muriel Streisfeld, Evelyn Razymovski, Michele Saulnier, Doris Reihnardt, Stella Vander: Chor
– Teddy Lasry: brass organik Kommandeuhr (Leitung der Bläser), Flöte
Produktion
Giorgio Gomelsky
Tracklist
1. Hortz Fur Dëhn Stekëhn West 9:34
2. Ïma Sürï Dondaï 4:28
3. Kobaïa Is De Hündïn 3:35
4. Da Zeuhl Wortz Mekanïk 7:48
5. Nebëhr Gudahtt 6:00
6. Mekanïk Kommandöh 4:08
7. Kreühn Köhrmahn Iss De Hündïn 3:14