Medicine Man
Autor: Jernej Vene
Interpret: Paganini
Label: PaZouZou Records
Veröffentlichung: 2008
Die Band ist auf der Szene nicht neu, aber trotz des Internets dringen Neuigkeiten über das Wirken von Musikern aus unserer Nachbarschaft nicht gerade oft bis zu uns durch. Marco Paganini ist ein Schweizer Sänger, der Ende der 70er in der deutschen Band Viva aktiv war. Mit ihr nahm er die erfolgreiche Single „Weapon of Love“ auf, danach zwei Alben, die Rudolf Schenker von Scorpions produzierte. Viva waren in Hannover zu Hause, der Heimatstadt der deutschen Rocker, deshalb überrascht die Zusammenarbeit nicht. Marco Paganini ging 1986 seinen eigenen Weg und steckte ihn mit dem Album „Weapon of Love“ ab, auf dem er den Hit vom Karrierebeginn neu bearbeitete. Die Zeiten waren für ihn ziemlich trübe, bis er 2005 die Band Paganini wiederbelebte und seine neu eingespielten Songs veröffentlichte.
Nach dem Geschriebenen fragst du dich jetzt vielleicht, ob dieser Marco überhaupt noch eigene neue Ideen hat? Die Antwort liegt auf der Hand. Wir sind bei „Medicine Man“. Das Album enthält eine spannende Sammlung von Songs, die von hüpfenden, melodischen Hardrock-Polkas bis zu Nummern mit kräftigem Glam- bzw. Sleaze-Rock-Beigeschmack à la Ratt oder Poison reichen. Der Titelsong ist eine langsame, aber ansteckende, von akustischer Gitarre getragene Ballade. Wer Paganinis Stimme zum ersten Mal hört, ist völlig überrumpelt. In ruhigeren Lagen klingt seine Stimme ausgesprochen weiblich und durchgehend nasal, aber mit der Zeit gewöhnt sich das Ohr an beides. Klanglich ist „Medicine Man“ schweizerisch geschliffen, erreicht zwar nicht die Standards der großen Gotthard, aber das war von den Machern wohl auch gar nicht beabsichtigt.
Paganini überzeugen auf diesem Album mit der richtigen Mischung aus garagig-dreckigem Sound und glänzendem AOR aus den 80ern. Die Ballade Teardrops erinnert in Songaufbau, Stimmfarbe und Instrumentierung sofort an Ozzys Dreamer. Wie jedes echte Hardrock-Album hat auch „Medicine Man“ Balladen. An solchen Stellen zeigt sich oft, wie viel Songwriter in den Protagonisten einzelner Genres steckt. Paganini können sich hier nicht gerade rühmen, denn das Thema des Songs ist ziemlich abgekaut; die Ausrede, es sei ja schon alles gesagt, ist hier fehl am Platz, sonst könnten sie den Laden gleich dichtmachen. So sehen sie das Balladenthema eben. Zum Glück legen sie mit den beiden Rockern The Only One und Keeping It Real ordentlich nach und zeigen, dass sie aus dem richtigen Holz geschnitzt sind. Paganini klingen unglaublich amerikanisch, in manchen Songs (Easy Come, Easy Go) kommen sie gefährlich nah an Country und Southern Rock à la Lynyrd Skynyrd heran, was dem Album vielleicht nicht guttut. Der vorletzte selbstgeschriebene Song Stomping Grounds ist ideenmäßig ziemlich blass, weil er in keiner Hinsicht heraussticht. Ganz anders ist I Don’t Want Your Love, wieder ein reinrassiges Rock-Geschoss. Marco Paganini hat ans Albumende eine Coverversion von Faith Healer des Briten Alex Harvey gepackt, und zwar in einer kürzeren und einer längeren Version. Abgesehen von der Länge und einem längeren Orgelsolo unterscheiden sich die beiden kaum, deshalb gibt diese Entscheidung dem Album einen zusätzlichen Minuspunkt. Beide Versionen sind beinahe psychedelisch und als Albumabschluss völlig ungeeignet.
„Medicine Man“ ist ein Album halb und halb. Schade, dass Paganini und Co. nach so vielen Jahren im Geschäft nicht genug ordentliche Songs zusammenbekommen haben, denn dann wäre das Album viel länger im Gedächtnis geblieben.
Besetzung
Marco Paganini – Gesang, Backing Vocals
Dale Powers – E-Gitarre, Klavier, Backing Vocals
Kiki Cretin – Bassgitarre
Diego Rapachietti – Schlagzeug, Backing Vocals
GASTMUSIKER:
Hens Grubenmann – Akustikgitarre
Gerard Magin – Keyboards
Zou Zou Mamoux – Keyboards
Produktion
Gerard Magin
Trackliste
1.Medicine Man
2.The Secret
3.End Of The Line
4.Teardrops
5.The Only One
6.Keeping It Real
7.Easy Come, Easy Go
8.Stomping Grounds
9.I Don’t Want Your Love
10.Faith Healer
11.Faith Healer (verlängerte Version)