Maiden England ’88
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Iron Maiden
Label: EMI Records
Erschienen: 2013
Laufzeit: 100:36
Bewertung: 4.5/5
Iron Maiden reiten wieder! Eigentlich reiten sie unerschütterlich. Fast schon ewig! Die Neuauflage der legendären Aufnahme vom Ende November 1988, als sie im Rahmen der damaligen »7th Tour Of a 7th Tour« in der Birminghamer Halle NEC auftraten, ist zwar wieder ein raffiniert auf dem Markt platzierter Leckerbissen, mit dem das Häufchen Münzen auf dem Girokonto der Band und all derer, die auf die eine oder andere Weise von ihr verdienen, noch üppiger werden wird. Und dennoch kommt diese Neuauflage, beziehungsweise ihre gründliche Überarbeitung, wie gerufen.
Man muss sich vor Augen halten, dass »Maiden England« 1989 nur als VHS-Kassette veröffentlicht wurde und dann in streng limitierter Auflage auch 1994, als ein solches Paket eine VHS-Kassette und eine einzelne Konzert-CD enthielt. Allen Ausgaben fehlte etwas. Der VHS-Ausgabe zum Beispiel drei unverzichtbare Bonus-Tracks. Die VHS endet nämlich mit dem Song »Iron Maiden«, was Kennern der Band sicher nicht logisch erscheinen wird. Der Audioträger erschien aufgrund von Platzbeschränkungen natürlich ohne die drei unverzichtbaren Bonus-Tracks und sogar ohne die Songs »Hallowed Be Thy Name« und »Can I Play With Madness«. Was für eine Sünde, oder? Für damalige Verhältnisse aber verständlich.
Die Neuauflage kommt mit einem noch präziseren, aufgewerteten Titel. Die Jahreszahl ’88 wurde hinzugefügt, er lautet also »Maiden England ’88«. Diese bringt alles mit. Die Doppel-DVD, bei der die erste DVD die vollständige Konzertaufnahme ohne Filmschnitte enthält, während die zweite DVD, genannt „The History of Iron Maiden – Part 3«, die rund 40 Minuten lang ist, genau das bietet, was auch für anspruchsvollere Sammler der Iron Maiden-Diskographie interessant ist. Und dann ist da noch die Doppel-Konzert-CD. Und wie gewohnt halte ich wieder »nur« die Doppel-Konzert-CD einer der beliebtesten Heavy-Metal-Bands aller Zeiten in den Händen – wie auch einer der einflussreichsten Heavy-Metal-Bands aller Zeiten.
Wer zu Hause die berühmte dänische Keksdose namens »Eddie’s Archive« (2002) besitzt, wird anhand der »BBC-Aufnahmen« wissen, dass Iron Maiden schon im Sommer 1988 ausgiebig auf größeren europäischen Festivals gespielt haben (auf der Ausgabe »Eddie’s Archive« befindet sich nämlich ein Konzert-Insert, aufgenommen beim ehemaligen Donington Monsters Of Rock Festival, heute bekannt als Download Festival). Die Setlist war im Sommer 1988 auch ein kleines bisschen anders. In ihr waren zum Beispiel »Wrathchild« und »The Trooper« enthalten, die die November-Setlist der Hallentournee (im selben Jahr) nicht hatte.
Für eine Konzertaufnahme wie nun auch »Maiden England ’88« bleibt ohnehin nur ein Meer an Superlativen. Die Band befand sich auf dem Höhepunkt ihrer Bühnenwirkung. Man kann sagen, dass sie in diesen Jahren in ihrem Konzert-Zenit strahlte. Am intensivsten. Das große Plus dieses Konzertdokuments ist die außergewöhnliche Setlist, die auf elegante Weise ein Meer an Standards des zu diesem Zeitpunkt bereits gut eingefahrenen eisernen Repertoires umschiffte – »The Trooper«, »Wrathchild« und »Two Minutes To Midnight« zum Beispiel. In die Setlist kehren Kompositionen als großartige Konzert-Highlights zurück: »The Prisoner«, »Still Life« und »Killers«, und die Jungs entscheiden sich auch dafür, die »Somewhere In Time«-Songs »Heaven Can Wait« und »Wasted Years« darin zu behalten. Das eigentliche Ass im Ärmel für Iron Maiden ist dabei natürlich jener Teil des Repertoires der Aufnahme »Maiden England«, der mit der Promotion der heute kultigen Iron Maiden-Platte »Seventh Son Of A Seventh Son« (1988) verbunden ist. Er wird eigentlich fast vollständig gespielt, abzüglich zweier Songs (»The Prophecy«, »Only The Good Die Young«).
Iron Maiden halten eine außergewöhnliche Bühnenpräsenz aufrecht. Die Gitarren bewahren jene bekannte Kraft des Konzertdokuments »Live After Death«, der Sound ist durch die Integration von Synthesizern bereichert. Maiden waren eine der wenigen Bands, der es zu jener Zeit gelang, die damals überaus populären Gitarren-Synthesizer erfolgreich in ihren einzigartigen Metal-Sound zu integrieren – und zwar so, dass das Metal-Riff es souverän trug, sprich: sie erreichten eine klangliche Symbiose, was den Rivalen Judas Priest und Saxon zu jener Zeit nicht ganz so gut gelang.
Der Sound der Neuauflage wurde vollständig digital remastered. Der Mix ist das Werk von Martin Birch. Mit Ausnahme der hinzugefügten drei »Run To The Hills«, »Running Free« und »Sanctuary«, die erwartungsgemäß nachträglich für diese Ausgabe von Kevin Shirley gemixt wurden.
Wie gesagt. Die Audioaufnahme ist der Hammer. Überhaupt sind die Interpretationen der Klassiker des »Seventh Son Of A Seventh Son«-Albums das wertvollste Hörerlebnis dieses Albums. Die Songs »Moonchild«, »Infinite Dreams« und natürlich das ultimative, gänsehauterregende Metal-Epos »Seventh Son Of A Seventh Son«. Willst du noch mehr? Es liest sich sagenhaft! Dabei ist Bruce Dickinson im Jahr 1988 eine echte Bühnenbestie und natürlich eine Sirene für den Luftalarm – ein Vokalist, der bestätigt, dass das Iron Maiden-Repertoire jenes ist, das im Heavy Metal am schwersten zu singen ist. Im Heavy Metal, wie ihn die Welt 1988 kannte, versteht sich. Gleichzeitig merkt man, dass Dickinsons Stimme in dieser Phase begann, den höchsten Sequenzen der Gesangsmelodien schwerer kompetent zu folgen. Heutzutage lösen Iron Maiden dieses Problem durch eine tiefere Konzert-Stimmung. Auf dieser legendären Aufnahme gibt sich der Kerl noch alle Mühe, auch in den anspruchsvollsten Lagen die richtige Tonhöhe zu treffen, ohne sie anzupassen. Er geht also auf volle Pulle und holt das Maximum aus sich heraus. Solch eine Anstrengung lässt ihn aber gelegentlich um einen halben Ton ins Straucheln geraten. So ist das nun mal mit jeder Stimme. Sie ist das einzige lebendige Instrument, und deshalb verändern sich ihre Charakteristika im Laufe der Jahre am stärksten. Iron Maiden halten in der Bühneninterpretation das Niveau der früheren Konzertdokument-Ausgaben. Das Material spielen sie auch diesmal deutlich schneller, als es im Studiomaterial dokumentiert ist.
Es ist verrückt, das Booklet der Iron Maiden-Ausgabe aus dem Jahr 2013 aufzuschlagen und darin Bilder von jungen Männern zu finden. Diese jungen Männer, die längst zu Herren des Metal geworden sind, absolvieren genau in diesem Jahr den europäischen Teil der weltweiten Konzerttournee »Maiden England«. Es handelt sich um eine Rekapitulation der Tournee von 1988, mit denselben Bühnenkulissen und einer Setlist, die repertoiremäßig stark der Setlist der Ausgabe »Maiden England ’88« angenähert ist. Deshalb erschien diese Ausgabe, die erstmals bereits für das Jahr 2008 geplant war, der Band umso sinnvoller. Die Leute werden neugierig sein, wie ein Iron Maiden-Konzert auf der Tournee 2013 aussehen wird, noch bevor sie selbst hingehen; die Bewohner Nordamerikas, wo Iron Maiden bereits 2012 einen Teil dieser weltweiten »Maiden England«-Tournee absolviert haben, werden es sich sicherlich als wertvolles Souvenir gekauft haben! Und was ist das Wichtigste bei alledem? Endlich haben wir ein wahrhaft authentisches offizielles Dokument der Ereignisse jenes historischen Abends vom fernen 28. 11. 1988 in Birmingham, England.
Besetzung
Bruce Dickinson – Gesang
Dave Murray – Gitarre
Adrian Smith – Gitarre, Hintergrundgesang
Steve Harris – Bassgitarre
Nicko McBrain – Schlagzeug
Produktion
Martin Birch
Tracklist
CD 1.:
1. Moonchild
2. The Evil That Men Do
3. The Prisoner
4. Still Life
5. Die With Your Boots On
6. Infinite Dreams
7. Killers
8. Can I Play With Madness
9. Heaven Can Wait
10. Wasted Years
CD2.:
1. The Clairvoyant
2. Seventh Son Of A Seventh Son
3. The Number Of The Beast
4. Hallowed Be Thy Name
5. Iron Maiden
6. Run To The Hills*
7. Running Free*
8. Sanctuary*
*… Songs, die zum ersten Mal offiziell veröffentlicht wurden