Lucidream

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: World Within
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 44:19
Bewertung: 4.5/5

World Within ist eine slowenische Band aus Domžal. Sie ist seit etwa 2007 aktiv, aber ihre Mitglieder sind keine unbeschriebenen Blätter – sie bringen eine beachtliche Erfahrung aus anderen Musikprojekten mit. So war da die Band Stator, die sich mit dem Hinzukommen von Gitarrist Anže Črnak (Dandelion Children) und Sänger Jan Jenko in World Within umbenannte.

»Lucidream« und die Band World Within selbst sind eine absolute Besonderheit für den slowenischen Raum. Bei allem, was sie sind, lassen sie sich noch immer dem alternativen Rock-Genre zuordnen (das Zünglein an der Waage dabei ist der vokale Ansatz von Jan Jenko). Natürlich muss man jetzt aber genauer auseinandernehmen, was hinter allem steckt und was die Band mit ihrem Debütalbum eigentlich bietet – mit einem klar ausgeprägten Element authentischer Eigenständigkeit.

Stell dir vor, du lebst in den Achtzigern und besitzt in deiner Instrumentensammlung die modernsten technologischen Errungenschaften der damaligen Industrie auf dem Gebiet der Synthesizer-Entwicklung, du stehst stark unter dem Einfluss von Post-Punk-Bands wie New Order, Mission, The Sisters Of Mercy, und versuchst das alles mit dem Lärm verzerrter Gitarren-Riffs zu vermischen. Das Feeling der New-Wave-Bewegung, insbesondere der Genre-Schublade, die wir »technopop« oder/und »sinthpop« nennen, kann dabei unmöglich übersehen werden – vor allem wegen des Einsatzes von Synthesizern, mit denen das Klangbild der Punk-Wurzeln einst von Bands wie Yazoo, The Human League, dem frühen KajaGooGoo, Thompson Twins, Ultravox, Depeche Mode,… verformt wurde.

»Lucidream« ist ein außerordentlich dynamisches und hochgradig fluides Album. Es zieht mit bemerkenswerter Leichtigkeit durch Seele und Körper des Zuhörers. World Within bauen nämlich auf klaren melodischen Linien. Ihr Ausgangspunkt ist natürlich die Erschaffung einer düsteren Atmosphäre, die für die meisten der im vorigen Absatz genannten Bands typisch ist. Das zentrale Triebwerk ist die strahlende Gesangsinterpretation von Jan Jenko, der als echter Gesangschamäleon gilt und den Versen beim Berühren etwas Greifbares verleiht. Der Gesang ist außerordentlich sinnlich, erreicht eine große Bandbreite an Artikulation und Klangnuancen – Jenko bewegt sich dabei überwiegend in mittleren bis tiefen, maskulinen Lagen, wobei beim Zuhören häufig die Assoziation zum Gesang von The Sisters Of Mercy-Sänger Andrew Eldritch aufblitzt. Der Gesang sorgt in erster Linie dafür, den Zuhörer mit Emotionen zu versorgen, ohne ihn dabei je zu bedrängen – er klingt nie prätentiös oder aufdringlich und verliert dadurch keine Punkte des mühsam erarbeiteten Elements echter Wirkung.

Im Arrangement hat die Band die Gitarrenphrasen beider Gitarren in eine Position gebracht, die den Keyboards vollkommen ebenbürtig ist. So entsteht ein außergewöhnliches Geflecht aus Farbigkeit der geschaffenen Klanglandschaft, das hervorragend mit dem Leadgesang interagiert. Was die Kontrastierung von Stimmungen und die dynamische Entwicklung angeht – beides ist auf diesem Album außergewöhnlich. Die Rhythmen sind einfach, aber energisch und hochoktanig, und befeuern so die außergewöhnliche Ansteckungskraft der musikalischen Substanz des Sextetts. Der Kulminationspunkt der Wirkung aller Bausteine des Sextetts ist zumeist ein hoch vibrierender Stimmungszustand, der dunkel ist, aber ein klar ausgearbeitetes Element der Hypnotik trägt – das dich sofort einsaugt und in eine Parallelwelt entführt. Das kannst du nicht anders nennen als die World Within-Welt – in diesem Fall die Parallelwelt der luziden Träume. Nicht nur die Substanz, sondern schon Titel und Cover des Albums fügen sich hervorragend in diese Metapher ein. Die Band hat auch für eine außergewöhnliche Kartonverpackung gesorgt, in der das »jewel case«-CD steckt – ein weiterer Beweis für den kreativen Perfektionismus des Sextetts.

Die Produktion ist außergewöhnlich – viele internationale, auch etablierte Bands können heute nur davon träumen. Und viele dieser etablierten Bands sind genau jene, für die Labels teure Produzenten bezahlen, deren Endprodukte aber trotzdem nicht über die Mittelmäßigkeit hinausgehen. World Within haben diese Arbeit mit Bravour selbst erledigt – natürlich unter dem wachsamen, beratenden Auge der erfahrenen Produzenten Peter Penko und Jure Kalas.  

World Within bauen die Stimmung in den Songs schrittweise auf. Die Eingängigkeit ist außergewöhnlich und erreicht ihren Höhepunkt in den mitreißenden Refrains. Und das vom Anfang bis zum Ende des Albums. Songs wie Mind Scar, Solution oder gegen Ende Balsamour und besonders das abschließende A Void konkurrieren geradezu miteinander mit ihren Refrain-Melodien, welcher welchem den Vorrang auf dem Album streitig macht. Alle vier Songs sind erstklassige Kandidaten, die sofort als Präsentations-(Hit-)Singles des Albums »Lucidream« ausgewählt werden könnten.

»Lucidream« ist zweifellos ein besonderes Album. Wenn du es in den slowenischen Kontext stellst, gehört es definitiv zu den kreativen musikalischen Höchstleistungen. Global gesehen bringt es keine musikalische Revolution, aber in einer Zeit voller leerer Werke, denen jede greifbare musikalische Information fehlt, überbrückt es äußerst erfolgreich die Gefahr, durch potenzielle Trivialität zu langweilen – es fusioniert die beschriebenen Genres zu einer ganz eigenen musikalischen Vision, womit World Within sich ihren unverwechselbaren Platz unter der freien Sonne erkämpft haben, der ihnen eine solide Plattform für weiteres künstlerisches Erblühen bietet. Das Album »Lucidream« wirkt in dieser Zeit außerordentlich frisch und geistreich, und genau diese beiden Eigenschaften allein zwingen unaufhörlich dazu, erneut auf den »play«-Knopf zu drücken, wenn das Album seine kurzen, aber kraftvoll prägnanten gut 44 Minuten abgespielt hat.

Ein Album von großer Hypnotik, das eine Parallelwelt erschafft und für eine vollständige Konzertpräsentation zwingend mit einer Bühnenprojektion kombiniert werden muss – wofür ein eigenes, separates Konzept nötig wäre, das die Band hoffentlich bereits vorbereitet oder für das sie schon eine klare Antwort hat.

Gleichzeitig drücken wir die Daumen, dass es der Band gelingt, einen beachtlichen Platz auf der internationalen Bühne zu erkämpfen. Das Debüt »Lucidream« ist zweifellos ein außergewöhnliches Album – als Studio-Debüt besitzt es einen außergewöhnlichen musikalischen Charakter, der authentisch wirkt, voller melodischer Ausschöpfung von hoher Ansteckungskraft, trägt eine außergewöhnliche Klangproduktion und vermittelt das Gefühl, dass World Within eine Band ist, die klar weiß, was sie will, und jeden musikalischen Aspekt bzw. jede musikalische Herausforderung, die sie angeht, vollkommen klar versteht.

Besetzung

Jan Jenko – Gesang
Anže Črnak – Gitarre
Gašper Mandelc – Gitarre
Uroš Makarič – Keyboards
Grega Lebeničnik – Bassgitarre
Damjan Lebeničnik – Schlagzeug

Produktion

World Within, Peter Penko & Jure Kalas

Tracklist

1. Mind Scar
2. Solution
3. Disease
4. Stereotype
5. Repulsive Desire
6. World Within
7. Other Me
8. Never Mind
9. Sin
10. Balsamour
11. A Void

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