Loud Like Love
Autor: Sandi Sadar Šoba
Künstler: Placebo
Label: Universal Music Group
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 47:22
Wertung: 3/5
Ich behaupte nicht, dass ich den tränenreichen Sagas von Brian Molko und seiner Entourage von jeher zugetan war, aber man muss zugeben, dass das damals junge britische Trio – dessen Aushängeschild ein Bursche war, der mehr Weiblichkeit als maskuline Kraft und Libido ausstrahlte – mit seiner von Schmerz und philosophischen Themen der Zerrissenheit und tiefem Leid durchdrungenen Musik ganz selbstverständlich in die qualitative Substanz der Neunziger-Alternative hineingewachsen ist. Es kamen die unglaublichen Alben Without You I’m Nothing und Black Market Music, doch dann begannen Abweichungen und der Verlust der Identität erste Zeichen tiefer Korrosion bis ins Mark der Band zu zeigen – so vermochten mich Sleeping With Ghosts, Meds und Battle For The Sun nicht mehr zu berühren oder auch nur zu streifen, um mir ein vollständiges Bild jener inzwischen nostalgisch verklärten, völlig anderen Welt, Menschen und Zeit zu machen. Dabei war die vorjährige EP mit dem Titel B3 geradezu eine Rückkehr auf alte Gleise des Wohlgefühls, und ich hatte tatsächlich gehofft, dass das Album, das dem leidvollen Kampf um das Licht folgen würde, das den letzten Studio-Longplayer, die Platte Battle For The Sun, durchdringt, eine Rückkehr auf die alten Pfade der Genialität bedeuten würde. Die Antwort und der empirische Nachweis tatsächlicher Stärke kam in diesem Jahr in Gestalt des Albums Loud Like Love, das die Gemeinde spaltet – Fans wie auch all jene, die Placebo einst gerade wegen ihrer Frische, Schärfe und Originalität geschätzt haben. Das siebte Werk ist, wenn man oberflächlich hinhört, ein durchaus solides alternatives Handwerksprodukt, dem man musikalisch problemlos verfallen und lauschen kann; was jedoch Texte und Lyrizismus betrifft, ist es zu einer Entladung und einem Mangel an Essenz gekommen, die schmerzt und tief schneidet – noch tiefer all jene, die beim einst jungen Molko das Gespinst aus Schmerz, Sexualität, Androgynität, Sadomasochismus und narkotischer Abkopplung bewunderten; nun aber, da der Herr seine 40 überschritten hat, Vater und Ehemann geworden ist, die einst dekadenten Pfade verlassen hat und sein früheres Wesen aufgegeben hat, fehlt ihm irgendwie der Saft.
Das ist ein Vorwurf, den nach der Fahrt an Bord der neuen kitschigen Barke jeder mit Sicherheit erheben kann; wahr ist aber auch, dass nach dem melankolisch gespielten, synthesizertränkten Pop zumindest einige Stützpunkte geblieben sind, an denen sich Placebo festhalten können – die Jungs sind zum zwanzigsten Jubiläum ihres Bestehens (Letzteres wird nämlich 2014 aktuell) zu versierten Kopisten jener Stereotypen geworden, die das Konzept namens Placebo ausmachen; mit dem Nachahmen der ‚klassischen Placebo‘ geht aber eben jener rote Faden verloren, wegen dem wir einst so gerne und verführerisch zu Molkos Brillanten gegriffen und sie gar zu loben gewusst haben. Die Kraft und Eindringlichkeit von Special Needs und Every You Every Me ist nicht mehr da, und alles andere sind solide Produkte, die aber nicht mehr so bewegen wie einst. Eine Band, die Todd Haynes 1998 in seinem Roman über David Bowie, in jenem lyrischen Überflieger auf Kosten der Musik namens Velvet Goldmine, als einzige wahre Nachfolger der Erfindungskraft von T-Rex aufs musikalische Podium gestellt hat. Placebo sind danach in die abgesteckten Prämissen ihrer eigenen kleinen Welt abgeglitten, die sich der Radiofähigkeit widersetzt hat, dabei aber immer leerer und sinnloser wurde. Der eröffnende Loud Like Love zeigt zwar den Produktionswert von Adam Nobles Arbeit, der der Platte etwas mehr Wärme eingehaucht hat, der überlebten Placebo-Melancholie aber kein Leben geben konnte. Nach einem Intro, das an R.E.M. mit Elementen von Billy Corgans Gitarrenspielereien erinnert, folgt eine Fortsetzung, die das Plateau des Gefühls nicht bis zur Ekstase steigert. Die dramaturgische Verwicklung, die eigentlich keine ist (bestenfalls eine grobe Rückkehr auf bereits gehörtes und abgetastetes Terrain der Vergangenheit, den abgestandenen Atem selbstparodistischen Spielens mit den Schatten der Vergangenheit haben Placebo vollständig ausgespült. Der OK Computer-hafte Anklang von Scene Of The Crime ist rein sonischer Natur, und die Texte sind etwas, das man geflissentlich überhören würde, wenn nicht gerade Molkos hohe Stimme die Essenz der Band darstellte. Was aber, wenn der aus der Flasche gelassene Geist tatsächlich seine einstige Schlagkraft verloren hat und nicht mehr genug davon zusammenraffen kann, um den Tornado an Gefühlen zu wiederholen, der einst gespürt, gesehen und von vielen bewundert wurde?
Brian hat die letzten Atome von Niedergeschlagenheit, Depression und Dunkelheit aus sich herausgepresst, und Too Many Friends versucht mit dem gespielten Vers »My computer thinks I’m gay« in der Not noch jene paar verbliebenen alten rechtgläubigen Alternativrocker anzulocken, die ihm einst bedingungslos geglaubt haben, jetzt aber, fast zwei Jahrzehnte später … Im Zeitalter von FB und dem Internet, das lebendiger ist als das Leben selbst (wo seid ihr, wenn ihr nicht in sozialen Netzwerken seid?), musste das Spielfeld für den weltschmerzlichen Operettenball aus dem Asphaltdschungel in die kühle Zuflucht der eigenen entpersönlichten Welt zwischen vier Wänden verlegt werden. Die technologische Entfremdung von der Realität und die Leere neuartiger Existenz bricht geradezu aus dem ansonsten recht trivialen Song Too Many Friends hervor, dann aber »ereignet« sich der sinnliche Schmerzausbruch mit Hold On To Me, wo der kleine und zerbrechliche Molko mit Fragen und der Entblößung seiner Sensibilität versucht, sich erneut auf die Leinwand der Welt einzudrücken, auf der er einst eine deutlichere Spur hinterlassen hat – nur dass die Untertöne diesmal weicher und musikalisch reiner sind. Molko beschwört seine Dämonen nicht auf pompöse Weise, kehrt aber dennoch gerne auf das glitschige Terrain der einst selbstzerstörerischen Erkundung der dunkelsten Winkel seines Selbst zurück. Die ironische Gitarren-Rückkehr in die Zeiten von Every You And Every Me mit Rob The Bank nähert sich mit der Abrechnung mit dem gesamten Finanzuniversum und Aufrufen zum urwüchsigen Fick nur annäherungsweise – wie ein Echo oder eine verschwommene Kopie einer Kopie – den Konturen einstiger Stärke. In A Million Little Pieces nähert sich Molko dem Wesenskern mit dem Vers »Now I feel I’ve lost my spark/No more glowing in the dark,« und ich kann ihm hier nur zustimmen, höre weiter, vernehme aber herzlich wenig Neues. Der Klavierballade mit sonischer Tiefe, aber ohne den echten seelischen Extrakt, folgt das etwas industrielle Hämmern der Kälte von Exit Wounds. Der Minimalismus gleitet einfach vorbei, und Placebo erschaffen sich schrittweise und so schmerzhaft klischeehaft neu. Das U2-hafte Purify gießt kein dringend benötigtes Öl ins Feuer der dahinschwelenden Kraft, und Begin The End schmerzt mit seiner Endgültigkeit noch mehr in den Winkeln der einst resonanten Seele. »Knock me off my feet like heroin/There’s no fortress left to defend,« bekennt Molko, und nach den Bastionen nihilistischer Körperlosigkeit kann man nur anmerken, dass das Navigieren durch die trüben Gewässer der Leere den einst essenziellen Poeten unserer seelenlosen Zeit mehr Schaden als Nutzen gebracht hat. Der Abschluss mit dem Radiohead-haften Bosco setzt nur noch das Tüpfelchen auf das i, das sich die ganze Zeit abzeichnet. Die Hexe des dekadenten Verlorenen ist nicht mehr da, stattdessen sind Erinnerungen, Nostalgie und der übrige Ballast der Vergangenheit geblieben, der den Aufbruch nach vorne in Richtung Entfaltung behindern kann – natürlich fragt man sich auch leicht, ob der Baum der Band Placebo nicht in einer Ära des Absterbens und Verwelkens ist.
Loud Like Love ist zwar ein solides alternatives Werk, das die Lust aufs Musikhören nicht tötet, lyrisch und essenziell fehlt ihm aber einiges von dem, weshalb sich die Platte den Titel »bestes Album bis heute« umhängen könnte. Molko und Kompanie brauchen einen Sprung heraus aus dem Spielen mit bereits bearbeiteten Themen und Mustern, die sie sich aus ihrem schon gelobten und geliebten alten rustikalen Katalog stehlen; die Poetik und Aufrichtigkeit der Vergangenheit fehlen inzwischen chronisch, und der anemische, weltschmerzliche Schmalz der Gemachtheit ist kein Trumpf, auf den man setzen und glauben könnte, dass das Überleben der Idee und der angenagten Seele nach diesem Akt überhaupt wahrscheinlich machbar wäre. Placebo sind zu einer Tablette geworden, die einst traf und zum Tanzen, Bewegen, Ausglühen brachte, heute aber keine Wirkung auf die Seele mehr hinterlässt. Nomen est omen, oder?
Besetzung
Brian Molko – Gesang, Gitarre, Keyboards
Stefan Olsdal – Bass, Gitarre, Piano, Keyboards, Becken, Hintergrundgesang
Steve Forrest – Schlagzeug, Perkussion
Musikalische Gäste:
Bill Lloyd – Keyboards, Bass
Fiona Brice – Streicher, Hintergrundgesang
Fabian Waltmann – Samples
Produktion
Adam Noble
Trackliste
1. Loud Like Love
2. Scene Of The Crime
3. Too Many Friends
4. Hold On To Me
5. Rob The Bank
6. A Million Little Pieces
7. Exit Wounds
8. Purify
9. Begin The End
10. Bosco