Looking Thru

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Passport
Label: Atlantic Records
Erscheinungsjahr: 1974
Laufzeit: 33:31
Bewertung: 4.5/5

Der legendäre deutsche Saxophonist und Komponist Klaus Doldinger hat in seiner Karriere als Kopf der Jazz-Fusion-Giganten Passport eine stattliche Anzahl erstklassiger Alben geschaffen, die auch heute noch die Ohren anspruchsvoller Musikfeinschmecker kitzeln. Zu den absoluten Höhepunkten seines kreativen Schaffens zählt zweifellos das Album mit dem vielsagenden Titel „Looking Thru“, auf dem Herr Doldinger zusammen mit seiner unverzichtbaren Sonnenbrille auf einem der mystischsten Cover aller Zeiten verewigt ist. Der musikalische Inhalt des Albums vereint dabei neben der Mystik auch eine außerordentliche Energie in den einzelnen Motiven sowie eine hochfliegende Kohäsion zwischen den Instrumentalisten, wie sie beim Jazz Fusion allerhöchster Güte unverzichtbar ist.

Doldinger und seine Mannen (die damals noch in der klassischen Passport-Besetzung agierten) pflegten eine ausgesprochen interessante Form des Fusion, die oft näher am Progressive Rock war als am klassischen Jazz Fusion, wie er in der Domäne von Legenden und Pionieren wie Weather Report, Mahavishnu Orchestra und Return To Forever zuhause war. Auf „Looking Thru“ ist dieser Aspekt ihres charakteristischen Ansatzes, Elemente aus Jazz, Rock und Avantgarde zu verschmelzen, besonders deutlich spürbar, dank der ausgeprägten Präsenz elektronisch gefärbter Synthesizer-Linien, angeführt vom Mellotron, jenem klassischen Artefakt des Progressive Rock. Doldinger übernahm neben den Saxophonen den Großteil der Synthesizer-Parts, während sich Kristian Schultze wie gewohnt mit seinen Orgel- und Klavierkünsten auszeichnete und damit maßgeblich zum ausgeprägten Orchestralklang dieses Albums beitrug.

Das traumhafte Rhythmusgespann, bestehend aus dem Bassvirtuosen Wolfgang Schmid und dem Schlagzeug-Großmeister Curt Cress (später Mitglied bei Triumvirat und Saga), einem der ersten Schlagzeuger, der elektronische Drums einzusetzen wusste, verleiht dem Album eine außerordentliche Lebendigkeit. Cress‘ Schlagzeugstil war stets aggressiv und komplex, klingt bisweilen fast schon schwer rockartig, was ihm später auch Türen zu Musikern öffnete, die außerhalb der Jazzwelt operierten.

Das Album wird dominiert vom Reichtum der elektronischen Keyboards und Klaus‘ Saxophon-Kapriolen, doch auch die dazwischen gesetzten, geschmackvoll platzierten Gitarren-Passagen von Schmid darf man nicht übersehen, die den einzelnen Stücken eine besondere Rockenergie verleihen. Doldingers Truppe weicht auf dem Album vehement jeglichen ausschweifenden Improvisationen aus, sodass die meisten Kompositionen nach dem Thema-Improvisation-Thema-Prinzip strukturiert und auf einem melodischen Fundament aus Bläser- und Keyboard-Arrangements aufgebaut sind. Doldinger hatte stets ein außerordentliches Gespür für schöne Melodien auf seinem Saxophon.

Es ist unmöglich, Favoriten herauszuheben, denn sämtliche Kompositionen auf dem Album sind eine Klasse für sich und bestätigen Doldingers kompositorisches und arrangierisches Genie ebenso wie die instrumentale Stimmigkeit und das Streben nach klanglichem Perfektionismus. Schon die Eröffnung des Klassikers „Eternal Spiral“, die von den gewaltigen Klängen des Mellotrons und des Moog-Synthesizers dominiert wird, ist monumental und zieht den Hörer im Nu ins Album hinein. Sobald Cress‘ zerstörerische Drum-Fills und Schmids schnarrende, fast funkige Basslinien einsetzen, mündet der Track in ausgesprochen temperamentvolle und ultraflinke Gefilde. Dazwischen fließen Mellotron-Wellen und verspielte Moog-Spielereien, die diese erstklassige Kostprobe supersonisch gefärbten Fusions noch weiter aufpeppen.

Beim Titeltrack kann man vor allem Doldingers melodische Saxophon-Passagen bewundern, mit denen er mithilfe verschiedenster Percussion und Keyboards betörende Melodien aufbaut. Zwischen den einzelnen orchestralen Motiven wimmelt es nur so von komplexen rhythmischen Windungen, die auf äußerst raffinierte Weise ineinandergreifen. „Zwischenspiel“ ist eine kurze, aber elegante Melodie, die auf dem Zusammenspiel von Schultzes Klavier und Schmids Akustikgitarre aufgebaut ist. „Rockport“, was schon der Titel bestätigt, ist eine weitere ausgesprochen lebhafte Kreation mit jeder Menge Sax-Kapriolen, die über funkige rhythmische Verzierungen gelegt werden. Auch hier fehlt es nicht an für jene Zeit innovativem Synthesizer-Einsatz, mit dem eine Reihe verspielter elektronischer Sounds erzeugt wird, die bestens zur prickelnden Hauptmelodie auf dem Saxophon passen.

Auf „Tarantula“ gönnt man sich auch einige kürzere improvisatorische Experimente auf Saxophon und Keyboards, die schnell den gewaltigen Bläser-Arrangements und dem Funk-Rhythmus das Feld überlassen. Die zwischengeschalteten Gitarren-Passagen sind auf ausgesprochen pragmatische Weise eingefügt und bringen in die Jazz-Duelle zwischen Saxophon und Keyboards eine beneidenswerte Portion Rockpotenz. Das großartige „Ready For Take Off“ ist der Moment, in dem Schmids souveränes Legen komplexer Basslinien aufleuchtet, die die einzelnen Saxophon-Kapriolen und einige brillante Synthesizer-Ideen tragen. Dazwischen findet sich auch Platz für ein kurzes Gitarrensolo und den cleveren Einsatz von Gitarreneffekten.

„Eloquence“ enthält eine ungewöhnliche, fast avantgardistische Einleitung auf dem Moog-Synthesizer. Die elektronischen Klänge weichen mit der Zeit schneidenden Basslinien, Schlagzeug-Salven und meisterhaften Saxophonsoli. Dies ist eine der komplexeren Kompositionen mit viel Raum, die außergewöhnlichen Solotalente aller Instrumentalisten ins Licht zu rücken. Das abschließende „Things To Come“ ist dank der Experimente mit elektronischen Synthesizer-Sounds und dem Einsatz elektronischer Percussion – während das Saxophon in der Produktion in den Hintergrund gerückt wird – für jene Zeit durchaus eine innovative Schöpfung, doch aufgrund seiner vollständig avantgardistischen Natur und dem totalen Fehlen melodischer Sensibilität bleibt es das am wenigsten ansprechende Stück des Albums.

„Looking Thru“ genießt in der Regel nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit wie die Meisterwerke amerikanischer oder britischer Jazz-Fusion-Meister, obwohl es das in jeder Hinsicht verdient hätte – denn es handelt sich um eine der schönsten Perlen des Genres, die mühelos auch so manchen Progressive-Rock-Fan in ihren Bann zieht. Ein derartiges Gleichgewicht zwischen arrangierter Raffinesse, rhythmischer Dynamik und ausgeprägtem Melodiegespür, wie es auf diesem Album herrscht, findet man nur noch bei einer Handvoll Werken dieser legendären Gruppe. Zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung war es dank des ausgedehnten Experimentierens mit elektronischen Keyboards und elektronischen Percussion-Instrumenten zweifellos ein revolutionäres Album, während es heute bei allen Liebhabern hochwertigen Jazz Fusion „nur noch“ den Status eines vergessenen Klassikers genießt.

Besetzung

Klaus Doldinger – Saxophon, Keyboards, elektrisches Klavier, Moog-Synthesizer, Mellotron
Wolfgang Schmid – Bassgitarre, Gitarre
Curt Cress – Schlagzeug, Percussion, elektronische Percussion
Kristian Schultze – Orgel, Klavier, Keyboards, Fender-Klavier

Produktion

Passport

Trackliste

1. Eternal Spiral
2. Looking Thru
3. Zwischenspiel
4. Rockport
5. Tarantula
6. Ready For Take Off
7. Eloquence
8. Things To Come

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