Lonerism

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Interpret: Tame Impala
Label: Modular Records
Veröffentlichung: 2012
Laufzeit: 51:53
Wertung: 4.6/5

Tame Impala ist kein neuer Name auf der Musikszene. Schon 2008 entwischte aus Kevin Parkers Schlafzimmer in Perth, Australien, wo er am liebsten ‚Musik macht und Gras raucht‘, die ungemein ansteckende Melodie des Songs „Half Full Glass of Wine“, die sowohl beim Publikum als auch bei den Kritikern außergewöhnlich gut ankam und die Band (viel zu) schnell als diejenige ausrief, die den Sound der Sechziger und Siebziger zurück in die Charts bringen würde. Und genau das ist passiert – doch niemand hatte erwartet, dass die Australier in ihr Debüt Innerspeaker, erschienen 2010, eine begeisternde Menge frischen Klangs einbringen würden, weshalb Pitchfork sie nur wenige Tage nach dem Release zur musikalischen Sensation erklärte. Schon vor zwei Jahren hatten Tame Impala ihre Songs – das spritzige „Desire Be, Desire Go“ und „Solitude is Bliss“ sowie das ruhigere „Why Won’t You Make Up Your Mind?“ – mit genau der richtigen Portion Verträumtheit und einer Mischung aus Sixties-Sound und dem hypnotischen Chill-Wave-Feeling eines heißen Sommertags versehen und dafür den Rolling-Stone-Preis für Album des Jahres erhalten. Was kommt als Nächstes? Kann man nach zwei Jahren Pause und  Tourneen einen frischen Schub an Innovationen erwarten – oder was können Tame Impala der Musikwelt überhaupt noch Neues bieten?

Einiges. Ihr Wachstum und ihre Entwicklung zeigen sich schon im Eröffnungstrack ihres neuen Albums, Lonerism, das die Hörer am 5. Oktober 2012 an die Bildschirme fesselte. „Be Above It“ eröffnet die Platte dramatisch mit einem halbleisen Flüstern von »Gotta be above it, gotta be above it…«, das zusammen mit dem Schlagzeug die Spannung steigert, bis Kevin zu singen beginnt und erneut beweist, dass er – wie Fans auf Youtube scherzen – ein stimmliches Abbild von John Lennon ist. Schon in den ersten drei Minuten des Albums deutet er an, dass Lonerism elektronischer angelegt sein wird und uns mit seinen hypnotischen Keyboards an vergangene Sommer aus Faulheit und Sonnentagen erinnern wird – gleichzeitig lässt er uns aber auf die Folter spannen, denn Kevin hätte nach diesem elektronischen Ohrenbalsam auch mit einem Song überraschen können, der uns zurück zu seinen Anfängen im heimischen Schlafzimmer katapultiert. Tut er aber nicht: „Endors toi“ setzt im gleichen Rhythmus fort, an das Jahr 2008 und ihren ersten Erfolg erinnert uns dann aber der nächste Track, „Apocalypse Dream“, den die Bandmitglieder als Vorbote des neuen Albums auf ihrer Website veröffentlicht und zum kostenlosen Download freigegeben hatten. Wenn uns die ersten beiden Tracks ans Faulenzen in der Sonne erinnern, versetzt uns der dritte mit seinem spritzigen Rhythmus und Jay Watson am Klavier in Abende und die Unbeschwertheit jugendlichen Übermuts. Die eingängige, groovige Melodie – bei der man sich Kevin locker am Schlagzeug mit einem unangezündeten Joint zwischen den Lippen vorstellen kann – kehrt in der Mitte zu den Anfängen von Tame Impala zurück und begeistert mit einem Jam, wie man ihn angesichts des letzten Albums auch erwartet hatte.

Noch mehr als „Apocalypse Dream“ erinnern uns „Mind Mischief“ und „Music To Walk Home By“ an das erste Album, und auf keinem dieser Tracks klingt Parker so sehr wie der langhaarige Anführer der Beatles.  Was würde passieren, wenn Lennon und Toro y Moi im Studio aufeinanderträfen? Etwas ähnlich Großartiges wie Lonerism. Von den übrigen Tracks verdient „Feels Like We Only Go Backwards“ besondere Erwähnung, da er (meiner Meinung nach) am schönsten das Wachstum und die Entwicklung verkörpert, die Tame Impala vom ersten EP bis heute erlebt haben. Verträumte Sechziger, elektronisches einundzwanzigstes Jahrhundert und ein wunderschöner Song über eine dysfunktionale Beziehung – das ist das Neue und auch Willkommene daran. Auf dem ersten Album präsentierte Kevin uns sparsame Vierzeiler-Texte, die nur als hypnotisches Beiwerk und Mittel zur Zurschaustellung seiner verträumten Stimme dienten. Lediglich „Solitude is Bliss“ gewährte uns, für wenigstens drei Minuten und fünfunddreißig Sekunden, Einblick in seinen Kopf und seine Gefühle. Und was sang er uns? »You will never come close to what I feel.« Lonerism hingegen legt mehr Gewicht auf Texte, die zwar noch immer typisch Chill-Wave sind – also kurz, etwas fragmentarisch und von berauschten Eindrücken geprägt –, aber dennoch besser und tiefgründiger als zuvor.

https://www.youtube.com/watch?v=ljzehPvr9zk

Auch an „Elephant“ komme ich aus zwei Gründen nicht vorbei. Er ist der erste Song, der auf Youtube das Licht der Welt erblickte, und hat in der kurzen Zeit seiner Online-Existenz eine beneidenswerte Zahl an Aufrufen, Likes und Kommentaren gesammelt. Er ist aber auch einer der wenigen, der uns (gleich nach dem Flüstern: „Here it comes“) einen erwähnenswerten Jam und einen starken Songabschluss bietet. Ich würde wetten, dass dieser Track es ist, der bei den kommenden Konzerten – nebenbei:  am 25. Oktober machen sie in Wien Halt – den größten Applaus und die euphorischste Reaktion der Menge ernten wird. Er ist der, an dem sich die meisten das Album merken werden – was kein Nachteil ist, denn er tut dem Album keinen Abbruch, auch wenn er etwas offensichtlicher poppig angelegt ist.

Kurzum: Tame Impala ist vielleicht wirklich ein Name, den Pitchfork zu Tode geritten hat und dem man deshalb zunächst skeptisch begegnet – trotzdem haben sie mit ihrem neuen Album bewiesen, dass sie den Titel der neo-psychedelischen Könige dieses Jahres verdienen. Sich verträumt fühlen, ohne einzuschlafen, sich berauscht fühlen, ohne zu rauchen, lächeln, obwohl man mit Kopfhörern am Rechner sitzt – all das schaffen sie, und angesichts des Wachstums und Fortschritts, der im Vergleich des ersten und zweiten Albums sichtbar wird, bleibt uns nur, auf das nächste zu warten – und in der Zwischenzeit die Früchte des ersten Hypes um das neu erschienene Album zu genießen, dem bezeichnenderweise sogar Kritiker erlegen sind. Pitchfork vergab erwartungsgemäß neun von zehn Punkten und erklärte es zum besten neuen Album, der Guardian vergab großzügige fünf Sterne, die übrigen Onlinekritiker klammern sich an die Vier.

Das Einzige, was man bei einer so produktiven Band befürchten muss, ist, dass sie mit dem nächsten Album das rockige Element vollständig aus ihrem Repertoire streichen, das sie bisher von anderen Chill-Wave-Acts unterschieden hat. Sollte das nicht passieren, erwartet sie eine großartige Karriere – und uns noch viele Stunden, verbracht im hypnotischen Dunst ihrer Songs.

Besetzung

Kevin Parker – Gesang, Gitarre, Bassgitarre, Schlagzeug, Keyboards
Jay Watson – Klavier (Apocalypse Dreams) und Keyboards (Elephant)
Melody Prochet – gesprochene Stimme (Nothing That Has Happened So Far Has Been Anything We Could Control)

Produktion

Kevin Parker

Trackliste

1. Be Above It
2. Endors Toi
3. Apocalypse Dreams
4. Mind Mischief
5. Music to Walk Home By
6. Why Won’t They Talk to Me?
7. Feels Like We Only Go Backwards
8. Keep on Lying
9. Elephant
10. She Just Won’t Believe Me
11. Nothing That Has Happened So Far Has Been Anything We Could Control
12. Sun’s Coming Up
(13. Led Zeppelin (Itunes Bonus Track))

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