Live To Win
Interpret: Stanley, Paul
Label: Universal Music Group
Erscheinungsjahr: 2006
Bewertung: 4/5
Erst das zweite Soloalbum, nach über 25 Jahren Pause seit dem Debüt? Na ja, dann soll es eben so sein! Vor allem, wenn es um einen mehr als abgebrühten Showbiz-Kater geht, der weiß, wie man so was serviert – da können wir anderen nur noch die Klappe halten. Die Rede ist von der einen Hälfte der kreativen Köpfe der ohnehin weltbekannten Mega-Band KISS: Paul Stanley. Allein die Zahl spricht für sich: Kiss haben in ihrer Karriere bis jetzt über 100 Millionen Alben verkauft, und die Zahl steigt von Jahr zu Jahr steil an. Das Werk mit dem vielsagenden Titel und lang erwartete Album heißt „Live to win“ und ist ein ganz persönliches Bekenntnis des Autors, der sich selbst gern als „Sklaven der Liebe“ bezeichnet.
Im Gegensatz zu Gene Simmons (der treibenden Kraft von Kiss) stand der „schöne“ Paul Stanley immer für die sentimentalere Seite der Kiss-Leute, also ist auch bei seinem Soloprojekt ein Ergebnis aus genau dieser Ecke zu erwarten. Beim Schreiben des Albums hatte es der Kiss-Mann nicht sonderlich eilig (ich vermute, Paul kennt das Problem mit dem regelmäßigen Bezahlen von Rechnungen nicht ;-), also nahm er sich unbegrenzt Zeit, um uns am Ende ein Album im Status von „Live to win“ präsentieren zu können. Auch die Produktion hat Paul ganz allein gestemmt, und das mehr als hervorragend. Als Unterstützung beim Texteschreiben holte er sich diesmal niemand Geringeren als Desmond Child ins Boot, in der Musikwelt besser bekannt unter dem Spitznamen „Midas“ (der Name eines phrygischen Königs). Child ist für seine langjährige Zusammenarbeit mit Kiss und anderen US-Superbands bekannt, und von ihm heißt es, dass sich alles, was er anfasst, in Gold verwandelt – daher auch sein Spitzname. Unter die übrigen Songs des Albums haben neben P. Stanley noch Marti Frederiksen, Andreas Carlsson und John 5 ihren Namen gesetzt. Im Großen und Ganzen ist das eine Truppe und eine Mischung von Talenten, die grob gesagt für die Erfolge von Musikern wie Bon Jovi, Aerosmith, Ricky Martin, Marilyn Manson und nicht zuletzt Britney Spears verantwortlich ist. Als Gastgitarrist taucht auf dem Album auch Ex-Kiss-Gitarrist und guter Freund von Paul Bruce Kulick auf, der nach dem Abgang von Ace Frehley bei Kiss unter anderem mehr als erfolgreich dessen Platz als Gitarrist ausgefüllt hat.
Der Opener und zugleich Titelsong des Albums „Live to win“ ist eine Art essenzielle Rockballade. Der Song hat einen knackigen Rhythmus und scharfe Gitarrenriffs. Stanley schlüpft darin in die Rolle des Helden „Rocky Balboa“, der gerade ein kleines Kind aus einem brennenden Gebäude gerettet hat. Mit anderen Worten: In diesem Song ist Stanley der sogenannte Superstar-Held, der niemandem mehr etwas beweisen muss.
Hmm, ein mehr als vielsagender Start, auf den der sentimental gefärbte Song „Lift“ mit groovigem Rhythmus und knusprigem Gesang folgt. Mit anderen Worten: Hier zeigt Stanley, worin er am besten ist – Mädels verführen!
„Wake Up Screaming“ ist der nächste poetische Song mit klar funkigem Unterbau. Der Song ist ansteckend und bringt den Hörer unterbewusst dazu, die Melodie mitzusummen. Das ist einer von den Songs, die du morgens im Radio hörst und die dir dann den ganzen Vormittag im Kopf nachhallen und herumspuken.
„Every Time I See Your Around“ ist einfach die Sorte Liebessong, die nur Stanley und seinesgleichen schreiben können. Er erinnert leicht an den Kiss-Song „Fever“ und drückt wie dieser eine Reihe ungelöster Konflikte in der Liebe aus. Gleichzeitig geht es voran, und doch ist es immer noch da, und im Kern vereint der Song Schönheit und Tragödie.
„Bulletproof“ ist ein schwerer Song, hervorragend produziert, mit einem runden Gitarrensolo – ein echtes Paradebeispiel für klassischen Rock.
„All About You“ ist sexistisch heavy und kraftvoll, während „Second To None“ eine schamlos mit brüchigem Gesang eingefärbte Ballade ist.
Das zeitlose „It’s Not Me“ ist einfach ein solider Rocksong, der sich nicht um aktuelle Trends schert, während „Lovin‘ You Without You Now“ herzliche Hingabe ausdrückt.
Das Album endet mit „Where Angels Dare“, der stark an den Opener „Live To Win“ erinnert, was die erneute Verkündung von Kraft und Lebenswillen angeht. So rundet sich das Album zu einem geschlossenen Kreis und nimmt uns im besten Fall auf eine neue Reise durchs Leben mit.
Die Philosophie des Albums wird schon im Opener mit einem Gitarren-Crescendo-Riff und dem dazugehörigen Text klar abgesteckt, der etwa so lautet:
„You ask me how I made my way, You ask me every where and why,
You hang on every word I say, But the truth sounds like a lie…
Live to win, Till you die, Till the light dies in your eyes,
Live to win, Take it all, Just keep fighting till you fall“
Ein tiefes und vielseitiges Album, das ein Fenster in die Lebensphilosophie und die Mission des Autors öffnet. Es zeigt uns Leben, Herz und Seele eines Künstlers außerhalb seiner Stammband Kiss, eines Künstlers, der entschlossen ist, sich durchzusetzen, etwas zu schaffen und den Erfolg um jeden Preis zu halten. (the American way)
Wie typisch amerikanisch!
Besetzung
Paul Stanley – Gesang, Gitarre
Corky James – Gitarre
John 5 – Gitarre
Bruce Kulick (ex-Kiss) – Gitarre
Harry Sommerdahl – Keyboards
David Campbell – Bass
Victor Indrizzo – Schlagzeug
Tracklist
1.Live To Win
2.Wake Up Screaming
3.Lift
4.Every Time I See You Around
5.Bulletproof
6.All About You
7.Second To None
8.It’s Not Me
9.Loving You Without You
10.Where Angels Dare