Live in Vienna
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: King Crimson
Label: Discipline Global Mobile
Erscheinungsjahr: 2017
Laufzeit: 3:07:11
Bewertung: 5/5
Die englischen Progressive-Rock-Könige King Crimson spielten am 1. Dezember 2016 in der österreichischen Hauptstadt Wien. Das Konzert, das eine traumhafte Auswahl an Darbietungen enthielt, fand im MuseumsQuartier statt. Den Wiener Auftritt der Progrock-Pioniere nahm auch ein Viererteam der Rockline-Crew in Augenschein – dieselbe Truppe hatte die Band bereits am 15. September desselben Jahres in Prag erlebt. Beide Auftritte wurden in ausführlichen Reportagen dokumentiert, weshalb diese Rezension des neuesten, dreifachen King Crimson-Konzertalbums »Live in Vienna«, das den besagten Wiener Auftritt festhält, etwas kürzer ausfällt als sonst, wenn es um Werke dieser legendären Progressive-Rock-Gruppe geht.
Das King Crimson-Septett unter der Leitung des genial-exzentrischen Gitarristen und Anführers Robert Fripp – bestehend aus gleich drei in ihrer technischen Herangehensweise recht unterschiedlichen Schlagzeugern, wobei Jeremy Stacey auch die Keyboards abdeckt, dem famosen Gitarristen/Sänger Jakko Jakszyk, dem langjährigen Bassgitarren-Eigenbrötler Tony Levin sowie Rückkehrer Mel Collins an Saxofon und Flöte – spielte an diesem Abend eine beneidenswerte Auswahl ihrer Klassiker, in die auch einige völlig neue Stücke eingeflochten waren. Diese halten, obwohl die ‚Scharlachroten Könige‘, die in diesem Jahr ihr fünfzigstes Jubiläum feiern, schon lange kein junges Kollektiv mehr sind, das Niveau ihres beeindruckenden Vermächtnisses mühelos.
Zu den größeren Überraschungen des Abends zählten Stücke wie »Dawn Song« – einer der Teile aus der epischen »Lizard«-Suite –, das viktorianische Drama »The Letters«, »Sailor’s Song« mit Fripps irrem Solo, das ätherische »Peace« sowie eine Version von Bowies Evergreen »Heroes«, der bereits auf dem Original Fripps Gitarre enthielt und bei dieser Gelegenheit eine der seltenen schönen Gesten des exzentrischen Gitarrenmeisters darstellte. Zu den Höhepunkten zählen neben den Evergreens »The Court of the Crimson King« und »Epitaph« der Abschlussblock mit dem düsteren Requiem »Starless«, dem bereits erwähnten Hit »Heroes«, dem finsteren, superkomplexen Instrumental »Fracture« – das allerdings bei einem Auftritt in Dänemark aufgenommen wurde – sowie das triumphale Finale mit »21st Century Schizoid Man«, wohl dem repräsentativsten Stück in der Geschichte von Fripps Meistern des musikalischen Experimentalismus.
Die Setlist war hervorragend zusammengestellt und streifte nahezu alle Phasen der legendären Prog-Rock-Pioniere. Mit einem deutlich neu arrangierten und völlig anders gesungenen »Indiscipline« erinnerte man sich auch an die Achtziger, die der ehemalige Gitarrist/Sänger Adrian Belew maßgeblich geprägt hatte. Bei der Darbietung von Stücken aus der Belew-Ära – wie etwa »The ConstruKction of Light« und »Level Five« – sticht besonders die Einbindung von Collins‘ Saxofonarrangements heraus, die eine Rückkehr zu dem ermöglichten, was man den traditionellen King Crimson-Sound nennen könnte.
Am Ende der makellosen Konzertaufnahme finden sich drei neue, improvisationsorientierte Stücke, die aus verschiedenen zusammengesetzten Improvisationen bestehen. Diese wurden live während der Tournee 2016 aufgenommen und enthalten größtenteils Fripps Experimente mit seiner spezifischen Technik des Aufschichtens von wogenden Soundscapes. »Schoenberg Softened His Hat«, »Ahriman’s Ceaseless Corruptions« »Spenta’s Counter Claim« gehören nicht zu den kreativen Höhepunkten in der bisherigen King Crimson-Geschichte, sind aber dennoch typische, wiedererkennbare Beispiele für Fripps musikalische Visionen der (ungefähr) letzten drei Jahrzehnte.
Die Begeisterung all jener, die Ende 2016 beim Wiener Auftritt von King Crimson live dabei waren, war beim Erscheinen dieses Konzertdokuments natürlich riesig. Ohne Übertreibung lässt sich festhalten, dass das einer ihrer besten Konzertalben ist – und davon gibt es beileibe nicht wenige, was zweifellos keine kleine Leistung ist. Perfektionist Fripp sucht sich für die offiziellen King Crimson-Konzertalben ohnehin traditionell nur die ‚Sahne‘ aus den Tourneeaufnahmen heraus. King Crimson sind nach ihrer Wiedergeburt wieder ein äußerst aktives Konzert-Kollektiv, das nun mit Rückkehrer Bill Rieflin in seinen Reihen inzwischen nicht mehr drei Schlagzeuger hat, sondern vier (!).
Besetzung
Robert Fripp – Gitarre und Keyboards
Jakko Jakszyk – Gitarre und Gesang
Tony Levin – Bassgitarre, Stick, Hintergrundgesang
Mel Collins – Saxofon und Flöte
Pat Mastelotto – Schlagzeug
Gavin Harrison – Schlagzeug
Jeremy Stacey – Schlagzeug und Keyboards
Produktion
King Crimson