Live In Europe (2CD)
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Flying Colors
Label: Provogue Records
Erscheinung: 2013
Laufzeit: 93:10
Bewertung: 5/5
Flying Colors sind Mike Portnoy (Schlagzeug, Gesang), Dave LaRue (Bassgitarre), Neal Morse (Keyboards, Gesang), Casey McPherson (Gesang, Gitarre) und Gitarrist Steve Morse. Namen, die keiner ausführlichen Vorstellung bedürfen, und Namen, mit denen die Karriere der bekanntesten Bands dieses Planeten untrennbar verknüpft ist – jener, die auf ihre künstlerische, eigenständige Klangstärke etwas geben. Von Dixie Dregs, Kansas, Deep Purple über Dream Theater, Spock’s Beard, Transatlantic bis hin zu Endochine. Ein progressiv-rockiges „Superquintett“, das im vergangenen Jahr sein Studiodebüt „Flying Colors“ veröffentlicht hat.
Auch Flying Colors sind Vertreter der neuzeitlichen progressiven Rockströmung, die vor allem in der zweiten Hälfte der Neunziger ihren üppigen Aufschwung erlebte und zu Beginn des neuen Millenniums ihren Höhepunkt erreichte. Wir sprechen von der amerikanischen Schule des Herangehens an Progressive Rock – jener also, in der neben allerlei halsbrecherisch unterhaltsamen Eskapaden auch der Reiz von Jazz, Blues, sogar Swing, Dixieland und natürlich Funk hervorragend verpackt ist.
Flying Colors sind im musikalisch-ausdrucksstarken Sinne eine eklektisch authentische Mischung aus den reichen musikalischen Hintergründen der Bandmitglieder. Die einzelnen Bausteine des Teams sind in der Entfaltung ihrer charakteristischen musikalischen Eigenschaften perfekt aufgestellt. Sie schaffen eine erstklassige Plattform pragmatischer Kreativität im gegenseitigen Dialog, bei dem alle Bausteine gleichberechtigt zum Einsatz kommen. Niemand wird ausdrucksmäßig überdeckt oder zugunsten der stärkeren Präsenz eines anderen in den Schatten gestellt.
Die Konzertaufnahme stammt aus dem letztjährigen Auftritt der Band im niederländischen Tilburg, wo Flying Colors am 20.09.2012 auftraten! Die Tournee war kurz, aber süß. Für die Jungs lief alles bestens. Das Studiodebüt wurde gut aufgenommen, und die Unterstützung durch das Publikum auf der Tournee war hervorragend – dank des hohen Ansehens der Musiker in der Besetzung. So etwas können sich zum Beispiel auch Transatlantic leisten (bzw. haben sie es sich direkt bei der Veröffentlichung ihres Studiodebüts im Jahr 2000 geleistet).
Flying Colors sind auf der Bühne makellos. Wie könnten sie es auch nicht sein – diese Künstler mit ihrem außergewöhnlichen musikalischen Talent leben von Tag zu Tag für eine einzige Sache: die Bühne! Wenn man kurz die wesentlichen Unterschiede zu den Studioversionen überfliegt: Schon das einleitende Blue Ocean ist im Intro und Outro etwas gedehnt (verlängerter Outro-Jam), ebenso ist die Ausführung von The Storm im Mittelteil um einen längeren Improvisationseinschub ergänzt, und auch der verlängerte mittlere Instrumentalteil von Forever in A Daze ist einem Bass-Impro-Einschub untergeordnet. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Auswahl der Stücke, die den Stammgruppen der Flying-Colors-Mitglieder entstammen. Allen voran die hervorragende Adaption des Dream-Theater-Stücks Repentance (vierter Teil der berühmten Twelve-Step Suite, die wir nach Portnoys Abgang aus Dream Theater live wohl nie mehr zu hören bekommen werden). Auch die Reinterpretation von Cohens Klassiker Hallelujah – bei der alle Skeptiker einmal mehr die außergewöhnliche Ausstrahlung des stimmlichen Chamäleons Casey McPherson erleben können – ist ein besonderer Moment dieses Werks. McPherson, Neal Morse und Portnoy übernehmen die Leadgesänge. Während die ersten beiden die Dinge souverän angehen, weiß Portnoy, dass er in der Rolle des Sängers Grenzen hat. So erbittet er sich vor der Ausführung von Fool In My Heart sogar diplomatische Unterstützung vom Publikum. Ja – dieses Album ist allein schon wegen der schelmischen und frechen Ansagen ein Genuss, die die Bandmitglieder in den Pausen zwischen den Stücken austauschen und die mit der genau richtigen Dosis schwarzem Humor gewürzt sind.
Nach einer sanfteren Adaption des Spock’s Beard-Stücks June stürzen sich Flying Colors in ein echtes progressiv-metallisches Karussell (All Falls Down), das mit Versatzstücken untermauert ist, die mit Symphonic Power Metal flirten – das süßeste Bonbon jedoch sparen sich Flying Colors für den Abschluss auf, wenn sie in die fantastische progressiv-epische Suite Infinite Fire hineinstürmen, in der sie ihre große Begeisterung für die Werke und das Schaffen der Progressive-Rock-Titanen Yes kaum verbergen können. Flying Colors sind auch in der Harmonisierung von Lead- und Hintergrundgesängen außerordentlich stark. So entfalten sich vor allem die Refrainmelodien der Stücke Kayla, Love Is What I’m Looking For, Better Than Walking Away und/oder Everything Changes und nehmen deshalb ganz für sich genommen einen besonderen Platz ein, was die „Entlastung“ der komplexeren Teile der Stücke angeht.
Vor uns liegen also etwa neunzig Minuten fantastischer Darbietung des kompletten „Flying Colors“-Albums zusammen mit den Lieblingstracks, die die Bandmitglieder aus ihrer reichen Diskografie früherer Tätigkeiten in ihren Stammgruppen herausgepickt haben. Flying Colors sind eine Liveband – auch in künstlerischer Hinsicht strahlen sie erst richtig auf, wenn sie auf der Bühne stehen. Wenn du dir dieses Album zulegst, musst du nicht mal über den Kauf des Studiodebüts nachdenken. Die Kameradschaft auf der Bühne ist stahlhart, unglaublich eingespielt und funktioniert auf höchstem Niveau. Von der gegenseitigen chemischen Wahrnehmung über brillante solistische Eskapaden bis hin zur meisterhaften Balance zwischen Verspieltheit und technischer Perfektion der Einzelnen, die das Gebilde namens Flying Colors ausmachen. Es bleibt nur eines: Lass dich von dieser Magie einfangen. Vollständig. Schalte den Kopf aus und lass dich von der Musik verführen.
Neben der Doppel-CD-Ausgabe ist dieses Konzertalbum auch in digitaler Form, als dreifaches Vinyl, sogar als DVD und Blu-ray erhältlich. Der Konzertfilm für DVD und Blu-ray wurde von Bernhard Baran (Guns n‘ Roses, The Cure, Porcupine Tree) inszeniert, ausführender Produzent war Bill Evans. Auf der DVD- und Blu-ray-Ausgabe befindet sich außerdem ein 45-minütiger Dokumentarfilm namens „First Flight“. Für echte Fans von Flying Colors – aber auch darüber hinaus, für alle Liebhaber des Progressive Rock, der die musikalischen Hintergründe der Bandmitglieder umfasst – ist also in vollem Umfang gesorgt. Auch im audiovisuellen Sinne. Wer seinen Ohren nur das Beste gönnt, denkt keinen Moment lang darüber nach, ob er dieses Konzertalbum seiner Sammlung der Lieblingsalben hinzufügen soll oder nicht. Der hat es längst.
Besetzung
Casey McPherson – Gesang, Keyboards, Hintergrundgesang, Gitarre
Steve Morse – Gitarre
Neal Morse – Keyboards, Hintergrundgesang, Vokalduette, Gesang
Dave LaRue – Bassgitarre
Mike Portnoy – Schlagzeug, Perkussion, Hintergrundgesang, Gesang
Trackliste
CD1.:
1. Blue Ocean
2. Shoulda Coulda Woulda
3. Love Is What I’m Waiting For
4. Can’t Find a Way
5. The Storm
6. Odyssey
7. Forever in a Daze
8. Hallelujah
9. Better Than Walking Away
CD2.:
1. Kayla
2. Fool In My Heart
3. The Spur Of The Moment
4. Repentance
5. June
6. All Falls Down
7. Everything Changes
8. Infinite Fire